I. Vom Weib, von der Moral


Das Weib hat einen bedeutenden Augenblick, in welchem das Schicksal, auf den unbedeutendsten Augenblick des Mannes angewiesen zu sein, einen Gesichtsausdruck gewinnen kann, der, entrückt und entsetzt, eine wahrhaft tragische Wonne spiegelt.

 

Und wie sie nun erst alle will, und er keine mehr, dehnt sich die Kluft der Geschlechter, um für so viel Qual und Moral Platz zu machen.

 

Weibeslust liegt neben der männlichen wie ein Epos neben einem Epigramm.

 

Weil beim Mann auf Genuß Verdruß folgen muß, muß folgen, daß beim Weib auf Treue Reue folgt.

 

Damit nicht häßliche Frauen verschmachten müssen, müssen immer um hundert Jahre früher die schönen befriedigt werden.

 

Er ist bescheiden aus tieferen Gründen,

das Gegenteil hat er bei ihr nicht erkannt.

Um seine Zigarre anzuzünden,

entfacht er ihren Höllenbrand.

Das weitere, denkt er, wird sich finden,

so wie es sich seit jeher fand.

 

Hysterie ist der legitime Rest, der vom Weibe bleibt, nachdem männliche Lust ihre Deckung gefunden hat.

 

Einer riet, die Männer sollten nicht, nachdem sie die Frauen genossen haben, ihnen ein verdrossenes Gesicht zeigen. Das ist leicht raten. Als ob mit einer guten Miene der Frau in dieser Lage geholfen wäre! Je besser sie gelaunt bleibt, um so trister wird der Mann, und umgekehrt. Ein Schelm, der mehr gibt als er hat. Was soll man da tun? Jedenfalls keine Taktfrage aufwerfen, sondern fünf traurige Männer hinschicken! Da wird sie schon die Unhöflichkeit nicht merken.

 

Auch die Keuschheit würde lieber zugeben, dich vor zwei Jahren erhört als vor zwanzig abgewiesen zu haben.

 

Bei manchem Frauenzimmer kommt die Entrüstung vor der Zumutung. Wie ungalant, diese nicht einmal nachzuholen!

 

Die Hysterie der Weiber gleicht dem Schimmel, der sich auf Dinge legt, die lange in feuchtem Raum eingesperrt waren: man ist leicht geneigt, ihn für Schnee zu halten.

 

Für die wahren Weiber kommt es in der Kunst wie in der Liebe auf das Stoffliche an.

 

Mit dem Teufel Bekanntschaft machen, ohne in der Hölle zu braten, das paßte so mancher.

 

Auch ein Kind und ein Weib können die Wahrheit sagen. Erst wenn ihre Aussage von andern Kindern und Weibern bestätigt wird, soll man an ihrer Glaubwürdigkeit zu zweifeln beginnen.

 

Weiber sind Grenzfälle.

 

Die Vergeßlichkeit der Frauen wird manchmal von der Diskretion der Männer erschüttert.

 

Die Weiber sind nie bei sich und wollen darum, daß auch die Männer nicht bei sich seien, sondern bei ihnen.

 

Die Frauenseele =

 

Es kommt nur darauf an, sich zu konzentrieren, dann findet man das Beste. Man kann aus dem Kaffeesatz weissagen, ja man kann sogar im Anblick einer Frau auf Gedanken kommen.

 

Interessante Frauen haben vor den Frauen voraus, daß sie denken können, was uninteressante Männer vor ihnen gedacht haben.

 

Die Intelligenz eines Weibes mobilisiert alle Laster, die zu weiblicher Anmut versammelt sind.

 

Daß Manneskraft schwindet, ist ein verdrießlicher Zustand. Wehe aber, wenn das Weib an ihm schöpferisch wird!

 

Gott nahm vom Weib die Rippe, baute aus ihr den Mann, blies ihm den lebendigen Odem aus und machte aus ihm einen Erdenkloß.

 

Die Augen der Frau sollen nicht ihre, sondern meine Gedanken spiegeln.

 

Es sollte nur Frauen geben, die den Mann nicht zum Werk lassen, oder solche, denen er das Werk verdankt. Jene, die ihn zum Werk lassen, habe ich im Verdacht, daß sie selbst an einem Werk arbeiten.

 

Das ist der ehrliche Erfolg der Frauenemanzipation, daß man dem Weib, welches sich dem Handwerk eines Journalisten gewachsen zeigt, heutzutag nicht mehr die verdiente Geringschätzung vorenthalten darf.

 

Was tun sie, die weiblichen Mitglieder der Sittlichkeitsvereine? Sie geben sich der Abschaffung der Prostitution hin. Es geht doch um den Brand, auch wenn die Weiber nicht mehr brennen, sondern löschen wollen. Es geht um den Brand!

 

Oft enttäuscht eine in der Nähe. Man fühlt sich hingezogen, weil sie so aussieht, als ob sie Geist hätte, und sie hat ihn.

 

Auch die Wissenschaft befriedigt die Neugierde der Frau. Von Mitwissensdurst getrieben, duldet sie nicht, daß der Mann außer Hauses ein Geheimnis habe. Sie kann es in der Mitwissenschaft gar zum Doktor bringen.

 

Die Sprache entscheidet alles, sogar die Frauenfrage. Daß der Name eines Weibes nicht ohne den Artikel bestehen kann, ist ein Argument, das der Gleichberechtigung widerstreitet. Wenn es in einem Bericht heißt, »Müller« sei für das Wahlrecht der Frauen eingetreten, so kann es sich höchstens um einen Feministen handeln, nicht um eine Frau. Denn selbst die emanzipierteste braucht das Geschlechtswort.

 

Seit einiger Zeit stehen die jungen Weiber und die jungen Schreiber auf hohem Niveau. Das ist das Geheimnis der Pariser Schneider. Aber die Weiber vermögen gerade dadurch, daß nichts dahinter ist, die Phantasie zu beschäftigen. Dagegen kann mir eine Literatur ohne Busen kaum imponieren.

 

Vom Reformkleid ist nur ein Schritt zu der Neuerung, daß die Frauen durch Kiemen atmen.

 

Mädchen — das bedeutet auch eine Insektenlarve.

 

Von einem, der auf die Jungfräulichkeit seiner Angebeteten schwor, fand ich es nicht merkwürdig, daß er sich das einreden ließ, sondern daß er sich das einreden ließ.

 

Es heißt eine Frau prostituieren, wenn man sie dafür bezahlt, daß sie einem das Geld abnimmt.

 

Es gibt Männer, die man mit jeder Frau betrügen könnte.

 

Eifersucht ist ein Hundegebell, das die Diebe anlockt.

 

Wenn Prostitution des Weibes ein Makel ist, so wird er durch das Zuhältertum getilgt. Man sollte bedenken, daß sich manch eine für die Gewinste, die sie erleidet, durch reichlichen Verlust entschädigen kann.

 

Lieben, betrogen werden, eifersüchtig sein — das trifft bald einer. Unbequemer ist der andere Weg: Eifersüchtig sein, betrogen werden und lieben!

 

Solange das Geschlecht des Mannes der Minuend ist und das Geschlecht des Weibes der Subtrahent, geht die Rechnung übel aus: die Welt ist minus unendlich.

 

Der Mann, begrenzt und bedingt, will als erster die unendliche Reihe enden, die dem Weib gewährt ist. Er will öffnen, aber er will auch schließen. Darum jauchzt sie immer dem nächsten als dem Beginn der Unendlichkeit zu. Denn ihr Geschlecht hat mehr Phantasie als sein Geist.

 

Daß sie gesündigt hat, war christlich gehandelt. Aber daß sie mich um die Beichte gebracht hat —!

 

In der erotischen Sprache gibts auch Metaphern Der Analphabet nennt sie Perversitäten. Er verabscheut den Dichter.

 

Dem Gesunden genügt das Weib. Dem Erotiker genügt der Strumpf, um zum Weib zu kommen. Dem Kranken genügt der Strumpf.

 

Das Geschlecht kann sich mit allem verbinden, was es im Himmel gibt und auch auf Erden. So mit Weihrauch und Achselschweiß, mit der Musik der Sphären und der Werkel, mit einem Verbot und einer Warze, mit der Seele und mit einem Korsett. Diese Verbindungen nennt man Perversitäten. Sie bieten den Vorteil, daß man nur des Teils bedarf, um zum Ganzen zu gelangen.

 

Erotik verhält sich zur Sexualität wie Gewinn zu Verlust.

 

Männliche Phantasie übertrifft alle Wirklichkeit des Weibes, hinter der alle Wirklichkeit des Mannes zurückbleibt. Oder zeitverständlicher gesagt: Der Spekulant überbietet eine Realität, die größer ist als das Kapital.

 

Der Voyeur besteht die Kraftprobe des natürlichen Empfindens; er setzt die Lust, das Weib mit dem Mann zu sehen, gegen den Ekel durch, den Mann mit dem Weib zu sehen.

 

Das Sexuelle ist bloß die Subtraktion zweier Kräfte. Der Voyeur addiert drei.

 

Haut im Kaffee schmeckt nicht gut, wenn sie nicht bestellt ist. Wer das nur einsieht, wird etwa auch über die Perversität nachzudenken beginnen. Er wird zwischen dem Mangel und der Fähigkeit, ihn zu verantworten, unterscheiden und vor dem Wunder staunen, wie ein Strich des Bewußtseins aus jedem Minus ein Plus macht.

 

Es ist notwendig, weibliche Anmut außerhalb der Verwandtschaft zu genießen, weil man nicht dafür gutstehen kann, daß sich nicht plötzlich die Unzulänglichkeit der Züge herausstelle. Ich plage mich und mache die Synthese — da kommt der Vater als Analytiker hinterher!

 

Jeder Erotiker schafft das Weib immer wieder aus der Rippe des Menschen.

 

Nur auf die mittelbare Geistigkeit der Frau kommt es an. Die unmittelbare führt zurück in die Wollust.

 

Das Weib habe so viel Geist, als ein Spiegel Körper hat.

 

Mann und Weib können nicht über dasselbe lachen. Denn sie haben eine Verschiedenheit; und davor können sie nur ernst werden. Wenn zwischen den Geschlechtern Humor frei werden soll, so gehören zwei Weiber und ein Mann dazu. Er möchte sich mit ihnen ergötzen, aber sie ergötzen sich über ihn. Sie verständigen sich gegen ihn, und er versteht die Diebssprache dieses Lachens nicht. Er beginnt sich seiner Nacktheit zu schämen.

 

Der geistige Mann muß einmal zu dem Punkt kommen, wo er es als den Eingriff einer fremden Person in sein Privatleben empfindet und den Wunsch hat, daß sie ihre Neugierde wo anders befriedigen möge.

 

Distichon der Geschlechter

Klein ist der Mann, den ein Weib ausfüllt, doch er kann dadurch wachsen.

Größer geworden, hat er keinen Raum mehr für sie.

 

Der Kopf des Weibes ist bloß der Polster, auf dem ein Kopf ausruht.

 

Entwicklung der Menschheit: Was wirst du durch mich denken? — Was werden Sie von mir denken? (Noch gibt es Hetären und Philosophen.)

 

Die Moral im Geschlechtsleben ist das Auskunftsmittel eines Perserkönigs, der das aufgeregte Meer in Ketten legte.

 

Eine Moral, welche aus der Gelegenheit ein Geheimnis gemacht hat, hat auch aus dem Geheimnis eine Gelegenheit gemacht.

 

Die Moral sagte: Nicht herschauen! Damit war beiden Teilen geholfen.

 

Der christlichen Ethik ist es gelungen, Hetären in Nonnen zu verwandeln. Leider ist es ihr aber auch gelungen, Philosophen in Wüstlinge zu verwandeln. Und gottseidank ist die erste Metamorphose nicht ganz so verläßlich.

 

Die schlecht verdrängte Sexualität hat manchen Haushalt verwirrt; die gut verdrängte aber die Weltordnung.

 

Man muß über die zweitausendjährige Arbeit der Kultur am Weibe nicht traurig werden. Ein bißchen Neugierde macht alles wieder gut.

 

Die Zerstörung Sodoms war ein Exempel. Man wird durch alle Zeiten vor einem Erdbeben Sünden begehen.

 

Daß Hunger und Liebe die Wirtschaft der Welt besorgen, will sie noch immer nicht rückhaltlos zugeben. Denn sie läßt wohl die Köchin das große Wort führen, aber das Freudenmädchen nimmt sie bloß als Aushilfsperson ins Haus.

 

Die Kinder würden es nicht verstehen, warum die Erwachsenen sich gegen die Lust wehren; und die Greise verstehen es wieder nicht.

 

Wenn das Geschlecht nur an der Fortpflanzung beteiligt wäre, so wäre die sexuelle Aufklärung vernünftig. Aber das Geschlecht ist auch an andern Funktionen beteiligt, zum Beispiel an der sexuellen Aufklärung.

 

Der Geschlechtsverkehr kann sich in dieser Gesellschaftsordnung nicht ohne Totschlag abwickeln, genau so wie in diesem Lande der Bahnbetrieb nicht ohne Amtsehrenbeleidigung verläuft. Die Norm dieser verkehrten Welt wäre, daß der Geschlechtsverkehr die Ehre und der Bahnverkehr das Leben bedroht.

 

Die Erotik ist von der Soziologie nicht mehr zu trennen, und also auch nicht von der Ökonomie. In irgendeinem Verhältnis steht die Liebe immer zum Geld. Es muß da sein, gleich-giltig ob man es gibt oder nimmt.

 

Die Moralisten sträuben sich noch immer dagegen, daß der Wert der Frau ihren Preis bestimme. Inzwischen bestimmt längst schon der Preis ihren Wert, und damit wird keine Moral fertig.

 

Wenn man die Sprache eines Landes nicht versteht, so kann es leicht geschehen, daß man einen Strizzi mit einem Othello verwechselt.

 

Neapel ist eine hochmoralische Stadt, in der man tausend Kuppler suchen kann, ehe man eine Hure findet.

 

Als die Wohnungsmieter erfahren hatten, daß die Hausbesitzerin eine Kupplerin sei, wollten sie alle kündigen. Sie blieben aber im Hause, als jene ihnen versicherte, daß sie ihr Geschäft verändert habe und nur mehr Wucher treibe.

 

Wenn sich die Sünde vorwagt, wird sie von der Polizei verboten. Wenn sie sich verkriecht, wird ihr ein Erlaubnisschein erteilt.

 

Der Zuhälter ist das Vollzugsorgan der Unsittlichkeit. Das Vollzugsorgan der Sittlichkeit ist der Erpresser.

 

Moral ist die Tendenz, das Bad mit dem Kinde auszuschütten.

 

Die Liebe der Geschlechter ist in der Theologie eine Sünde, in der Jurisprudenz ein unerlaubtes Verständnis, in der Medizin ein mechanischer Insult, und die Philosophie gibt sich mit so etwas überhaupt nicht ab.

 

Wenn die Moral nicht anstieße, würde sie nicht verletzt werden.

 

Wie zuckt und zögert, wie dreht sich die Moral in der Wendung: »Ein Verhältnis, das nicht ohne Folgen blieb«.

 

Auch ohne Warnung fühlt sich der Knabe, der die Wollust schmeckt, ertappt. Da sollte die Moral erschrecken!

 

Der erotische Humor ist nicht Freiheit, sondern Ausgelassenheit, der Beweis der Unfreiheit. Sein Lachen ist nur die Freiheit vom Pathos. Dieser Humor ist der vergebliche Versuch des Mannes, sich über seine berechtigte Traurigkeit hinwegzutäuschen. Ein Humor mit umgedrehtem Spieß. In ihm triumphiert der Mann, der es nicht mehr ist: so weit ist es ein männlicher Humor. Gelegenheit macht Verlegenheit, und der Mann besteht vor dem Weib vermöge seiner Indiskretion. Eros hat vor der Tür des christlichen Geheimnisses geweint und geschwiegen; die drin aber haben gelacht und es weiter erzählt.

 

Wo wir starren, zwinkert die Moral.

 

Eine schöne Welt, in der die Männer die Erfüllung ihres Lieblingswunsches den Frauen zum Vorwurf machen!

 

Die christliche Moral hat es am liebsten, daß die Trauer der Wollust vorangeht und diese ihr dann nicht folgt.

 

Vor Erschaffung der Welt wird das letzte Menschenpaar aus dem Spitalsgarten vertrieben werden.

 

Es muß einmal in der Welt eine unbefleckte Empfängnis der Wollust gegeben haben!


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