III. Von Journalisten, Ästheten, Politikern, Psychologen, Dummköpfen und Gelehrten


Warum hat sich die Ewigkeit diese Mißgeburt von Zeit nicht abtreiben lassen! Ihr Muttermal ist ein Zeitungsstempel, ihr Kindspech Druckerschwärze und in ihren Adern fließt Tinte.

 

»Mit deinen Augen wirst du es sehen, aber du wirst nicht davon essen«. Den Ungläubigen von heute hat es sich anders erfüllt. Sie essen, was sie nicht zu sehen bekommen. Das ist ein Wunder allerwärts, wo das Leben aus zweiter Hand gelebt wird: an Pharisäern und Schriftgelehrten.

 

Das Zeitalter gebärdet sich so, als ob es von der Entwicklung zwar überzeugt, aber durch Vollkommenheit verhindert wäre, sich an ihr persönlich zu beteiligen. Seine Dauerhaftigkeit steht in einem Garantieschein, der dem Mechaniker eine schwere Verantwortung auferlegt, aber sie dauert sicher so lang, wie der Garantieschein. Immerhin ist es möglich, daß die Steinzeit und die Bronzezeit noch dauerhafter waren als die Papierzeit.

 

Wenn sich ein Schneider in den Wind begibt, muß er das Bügeleisen in die Tasche stecken. Wer nicht Persönlichkeit hat, muß Gewicht haben. Es ist aber von geringem Vorteil, daß sich der Schneider den Bauch wattiert und der Journalist sich mit fremden Ideen ausstopft. Zu jenem gehört ein Bügeleisen, und dieser muß sich des Philisteriums nicht schämen, das ihn allein noch auf zwei Beinen erhält. Sie glauben aber, dem Wind zu begegnen, indem sie Wind machen.

 

Was hat Sprung ohne Ursprung? Was ist haltloser und ungreifbarer, grundloser und unberechenbarer als das Gerücht? Die Zeitung. Sie ist der Trichter für den Schall.

 

Die Finnen sagen: Ohne uns gäb's keinen Schinken!

Die Journalisten sagen: Ohne uns gäb's keine Kultur!

Die Maden sagen: Ohne uns gäb's keinen Leichnam!

 

Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können — das macht den Journalisten.

 

Journalisten schreiben, weil sie nichts zu sagen haben, und haben etwas zu sagen, weil sie schreiben.

 

Der Maler hat es mit dem Anstreicher gemeinsam, daß er sich die Hände schmutzig macht. Eben dies unterscheidet den Schriftsteller vom Journalisten.

 

Daß sich kürzlich der Ästhet zur Politik hingezogen fühlte, kann schon darum keine tieferen Ursachen haben, weil der Ästhet so wenig tiefere Ursachen hat wie die Politik. Und darum eben finden sie sich. Das Leben der Linie beneidet das Leben der Fläche, weil es breiter ist. Auch könnte der Ästhet an der Partei die Farbe schätzen gelernt haben. Eine Trikolore gar: da schau' ich! Es ist, als ob man die Schönheit einer Jakobinermütze bisher nicht genügend gewürdigt hätte — so demokratisch gebärden sich jetzt die Allerfeinsten. Sie bekennen Farbe, weils eine Farbe ist. Sie haben auf die Welt verzichtet, weil es eine Geste war, auf die Welt zu verzichten; jetzt suchen sie zu einer Geste die Welt. Sie brennen vor Begier, sich mit einem Zeitungsartikel ans Vaterland, an den Staat, an das Volk oder an irgendetwas anzuschließen, was schlecht riecht, aber dauerhafter ist als die Schönheit, für die man sich vergebens geopfert hat. Man will nicht mehr müßig im Winkel stehen, man durstet nach den Taten der Andern. Das ist ein Zirkusschauspiel: Die Künstler treten ab. Da kommen die Diener der Politik und rollen die soziale Grundlage auf, wobei viel Staub entwickelt wird. Der dumme August aber, voller Farben, will nicht untätig sein, macht die Geste der Bereitschaft, und verwirrt das Leben, um die Pause zu verlängern.

 

Künstler schreiben jetzt gegen die Kunst und werben um Anschluß an das Leben. Goethe, ohne Menschlichkeit, »sieht aus der gespensterhaften Höhe, wo die deutschen Genien einander vielleicht verstehen, unbewegt auf sein unbewegtes Land hinab. Mit seinem Namen decken faule Vergnüglinge ihr leeres Dasein«. Es gebe aber keine Kultur ohne Menschlichkeit ... Einer, der um seiner Prosa willen geachtet wird, ist es, der so sich ereifert. Er will eine Marseillaise, damit man seine Prosa nicht mehr hört. Goethe führt dem Börne die Hand, da er sie gegen Goethe erhebt. Ich aber glaube, daß im Kunstwerk aufgespart ist, was die Unmittelbarkeit geistiger Energien vergeudet. Nicht die erste, sondern die letzte Wirkung der Kunst ist Menschlichkeit. Goethes Menschlichkeit ist eine Fernwirkung. Sterne gibt es, die nicht gesehen werden, solange sie sind. Ihr Licht hat einen weiten Weg, und längst erloschen leuchten sie der Erde. Sie sind den Nachtbummlern vertraut: was kann Goethe für die Ästheten? Es ist ihr Vorurteil, daß sie ohne sein Licht nicht nach Hause finden. Denn sie sind nirgend zu Hause und für sie ist die Kunst so wenig da, wie der Kampf für die Maulhelden. Auch der Ästhet ist zu feig zum Leben; aber der Künstler geht aus der Flucht vor dem Leben siegreich hervor. Der Ästhet ist ein Maulheld der Niederlagen; der Künstler steht ohne Anteil am Kampf. Er ist kein Mitgeher. Seine Sache ist es nicht, mit der Gegenwart zu gehen, da es doch Sache der Zukunft ist, mit ihm zu gehen.

 

Es ist aber immer noch besser, daß die Künstler für die gute Sache, als daß die Journalisten für die schöne Linie eintreten.

 

Wenn den Ästheten die Gebärde freut, mit der einer aus der Staatskasse fünf Millionen stiehlt, und er es öffentlich ausspricht, daß die Belustigung, die der Skandal den »paar Genießern« bringt, mehr wert sei als die Schadenssumme, so muß ihm gesagt werden: Wenn die Gebärde dieser Belustigung ein Kunstwerk ist, so sind wir nobel und es kommt uns auf eine Million mehr oder weniger, die der Staat verliert, nicht an. Wenn aber ein Leitartikel daraus wird, so erwacht unser soziales Gefühl und wir bewilligen nicht fünf Groschen für das Gaudium. Wird nämlich aus dem Staatsbankerott ein Kunstwerk, so macht die Welt ein Geschäft dabei. Im andern Fall spüren wirs im Haushalt und verdammen die populäre Ästhetik, welche die Diebe entschuldigt, ohne die Bestohlenen zu entschädigen.

 

Die Idee, die unmittelbar übernommen und zur populären Meinung reduziert wird, ist eine Gefahr. Erst wenn die Revolutionäre hinter Schloß und Riegel sitzen, hat die Reaktion Gelegenheit, an der Entstofflichung der Idee zu arbeiten.

 

Eine Individualität kann den Zwang leichter übertauchen, als ein Individuum die Freiheit.

 

Eine Gesellschaftsform, die durch Zwang zur Freiheit leitet, mag auf halbem Wege steckenbleiben. Die andere, die durch Freiheit zur Willkür führt, ist immer am Ziel.

 

Dem Bürger muß einmal gesagt worden sein, daß es der Staat mit der Weisung »Rechts vorfahren, links ausweichen« auf seine Freiheit abgesehen habe.

 

Demokratisch heißt jedermanns Sklave sein dürfen.

 

Vielleicht ginge es besser, wenn die Menschen Maulkörbe und die Hunde Gesetze bekämen; wenn die Menschen an der Leine und die Hunde an der Religion geführt würden. Die Hundswut könnte in gleichem Maße abnehmen wie die Politik.

 

Die lästigen Hausierer der Freiheit, die, wenn das Volk schon gar nichts kaufen will, mit dem Präservativ der Bildung herausrücken, mögen sich eine Zeitlang des Erfolges ihrer Zudringlichkeit freuen. Die Kultur hat es immer noch lieber mit den Hausknechten gehalten.

 

Der Liberale trägt kein Bedenken, gegen den Tyrannen die Argumente des Muckers anzuführen.

 

Der Nationalismus ist ein Sprudel, in dem jeder andere Gedanke versintert.

 

Die Juden haben geglaubt, einen starken Beweis ihrer Assimilationsfähigkeit zu liefern, indem sie in einer übertriebenen Art von den christlichen Gelegenheiten Besitz ergriffen haben. Dadurch sind die jüdischen Gelegenheiten beträchtlich vermehrt worden. Nein, sie sind nicht mehr unter sich: die andern sind es. Und es wird lange Zeit brauchen, bis die Antinomie beseitigt ist, daß Samuel nicht so deutlich klingt wie Siegfried. Denn die Welten sind noch nicht eins, wenn die eine das Kleid der andern trägt und diese es darum ablegt. Der jüdische Nationalismus aber sei wie jeder Rückschritt willkommen, der aus einer Pseudonymen Kultur dorthin zurückführt, wo ihr Inhalt wieder wert ist, ein Problem zu sein.

 

Der Historiker ist oft nur ein rückwärts gekehrter Journalist.

 

Der Journalismus hat die Welt mit Talent verpestet, der Historizismus ohne dieses.

 

Was ist ein Historiker? Einer, der zu schlecht schreibt, um an einem Tagesblatt mitarbeiten zu können.

 

Der Journalismus in Wien bringt's über den Geschichtenträger und Gebärdenspäher nicht hinaus. Er ist Amüseur oder Beobachter. In Berlin darf er's mit der Psychologie halten. Nun ist es das Verhängnis allen Geistes aus zweiter Hand, daß sein Unwert dort leichter in die Augen springt, wo er sich der schwereren Leistung vermessen möchte. Der Plauderer ist gewiß eine der schalsten Kreaturen, die in unserem geistigen Klima fortkommen. Aber er hängt immer noch eher mit dem schöpferischen Wesen zusammen als der Beobachter und vollends der Psychologe, die bloß den Hausrat der Chuzpe benützen müssen, den die technische Entwicklung des Geisteslebens ihnen in die Hand gespielt hat. Der Amüseur sticht durch eine wertlose Begabung von der Geschicklichkeit des Beobachters ab, so wie sich dieser wieder von der wertlosen Bildung des Psychologen vorteilhaft abhebt. Das sind so die Grundtypen des geistigen Elends, zwischen denen natürlich ebensoviele Varietäten Platz haben, als die organische Welt des Geistes Gelegenheiten zum Abklatsch bietet. Nah beim Beobachter steht der Ästhet, der durch Liebe zur Farbe und Sinn für die Nuance ausgezeichnet ist und an den Dingen der Erscheinungswelt so viel noch wahrnimmt, als Schwarz unter den Fingernagel geht. Er kann aber auch mit dem Psychologen zu einer besonderen Art von feierlichem Reportertum verschmelzen, zu jenem zwischen Wien und Berlin beliebten Typus, der aus Zusammenhängen und Möglichkeiten zu neuen Sehnsüchten gelangt und der in schwelgerischen Adjektiven einbringt, was ihm die Natur an Hauptworten versagt hat. Bei dem jähen Übergang, den gerade dieser Typus von der kaufmännischen Karriere in die Literatur durchmacht, wäre ein Dialog wie der folgende nicht bloß kein Zufall, sondern geradezu die Formel für die Komplikationen eines fein differenzierten Seelenlebens: »Hat Pollak aus Gaya bezahlt?« »Das nicht, aber er hat hieratische Gesten.«

 

Ein Feuilletonist — ein Sensal. Auch der Sensal muß prompt sein und die Sprache beherrschen. Warum zählt man ihn nicht zur Literatur? Das Leben hat Fächer. Jener kann sich in dieses und dieser in jenes einarbeiten, jeder in jedes. Das Glück ist blind. Schicksale bestimmen den Menschen. Wir wissen wohl, was wir sind, aber nicht, was wir werden können. Warum zählt man ausgerechnet den Feuilletonisten zur Literatur?

 

Die Echtheit in der Kunst vom Schwindel zu unterscheiden, mag schwer fallen. Den Schwindel erkennt man höchstens daran, daß er die Echtheit übertreibt. Die Echtheit höchstens daran, daß sich das Publikum von ihr nicht hineinlegen läßt.

 

Heutzutag ist der Dieb vom Bestohlenen nicht zu unterscheiden: beide haben keine Wertsachen bei sich.

 

Der beste Journalist Wiens weiß über die Karriere einer Gräfin wie über den Aufstieg eines Luftballons, über eine Parlamentssitzung wie über einen Hofball zu jeder Stunde das Wissenswerte auszusagen. In Ungarn kann man nachts Wetten abschließen, daß der Zigeunerprimas binnen einer halben Stunde mit seinem ganzen Orchester zur Stelle sein wird; man läßt ihn wecken, er tastet nach der Fiedel, weckt den Cymbalschläger, alles springt aus den Betten, in den Wagen, und in einer halben Stunde gehts hoch her, fidel, melancholisch, ausgelassen, dämonisch und was es sonst noch gibt. Das sind große praktische Vorteile, die nur der zu unterschätzen vermag, der die Bedürfnisse der Welt nicht kennt oder nicht teilt. In Bereitschaft sein ist alles. Wenn nur die Welt selbst nicht ungerecht wäre! Sie sagt, einer sei der beste Journalist am Platz, und er ist es zweifellos. Sie sagt aber nie, einer sei der bedeutendste Bankdisponent. Und doch dient er ihr so gut wie jener, und steht den Müßigkeiten der Literatur genau so fern.

 

Mit den perfekten Feuilletonisten ließe sich leben, wenn sie es nicht auf die Unsterblichkeit abgesehen hätten. Sie wissen fremde Werte zu placieren, haben alles bei der Hand, was sie nicht im Kopf haben, und sind häufig geschmackvoll. Wenn man ein Schaufenster dekoriert haben will, ruft man nicht den Lyriker. Er könnte es vielleicht auch, aber er tut's nicht. Der Auslagenarrangeur tut's. Das schafft ihm seine soziale Position, um die ihn der Lyriker mit Recht beneidet. Auch ein Auslagenarrangeur kann auf die Nachwelt kommen. Aber nur, wenn der Lyriker ein Gedicht über ihn macht.

 

Ich stelle mir gern vor, daß über den Lieblingen des Publikums die wahre Vorsehung waltet, indem sie für ihre grausame Verkennung nach dem Tode schon bei Lebzeiten entschädigt werden. Sonst hätte ja das ganze Treiben keinen Sinn. Nachwelt und Jenseits wetteifern, sie zu verwahrlosen, die der Zeit- und Raumgenossenschaft ein Kleinod waren. Da sie aber dort und dann nicht weniger, sondern jetzt und hier mehr bekommen als sie verdienen, so kann füglich nicht von Vergeltung, sondern nur von Begünstigung gesprochen werden. Die Hölle steht ihnen nicht offen, denn man fragt zwar den Teufel nach ihnen, wenn sie tot sind, aber selbst er weiß nicht, wo sie sind. Nur die Erde stand ihnen offen und trug sie, bis sie für das Nichts reif waren. Ihre Bücher, treu ihren Leibern, zerfallen in Staub und müßten, wenn hier Pietät und Sanität etwas zu sagen hätten, mit in ihre Särge gelegt werden. Angehörig den Angehörigen — wer in der Welt nennt ihre Namen? Sie waren in aller Mund, solange sie selbst ihn offen hatten. Der Tag ist undankbar, er kennt die nicht, die ihm geopfert haben, denn er ist grausam genug, selbst den Tag zu verjagen. Es ist als ob sie sich immer strebend zur Vergessenheit durchgerungen hätten. So unbeachtet lebt kein Genie, wie ein Talent tot ist. Sein Nachlaß ist Nachlassen, intransitiv, sein Wort ein zielloses Zeitwort. Totgeschwiegen werden, weil man tot ist — es möchte kein Hund so länger tot sein!

 

Nie war der Weg von der Kunst zum Publikum so weit; aber nie auch hat es ein so künstliches Mittelding gegeben, eins, das sich von selbst schreibt und von selbst liest, so zwar, daß sie alle schreiben und alle verstehen können und bloß der soziale Zufall entscheidet, wer aus dieser gegen den Geist fortschreitenden Hunnenhorde der Bildung jeweils als Schreiber oder als Leser hervorgeht.

 

Ein Reichtum, der aus hundert Hintergründen fließt, erlaubt es der Presse, sich an hohen Feiertagen den Luxus der Literatur zu leisten. Wie fühlt sich diese, wenn sie als goldene Kette auf dem Annoncenbauch eines Protzen glänzen darf?

 

Allenthalben waltet jetzt in der Bürgerschaft das Streben vor, der Polizei den geistigen Teil ihrer Arbeit abzunehmen. Wurde einst irgendwo in Deutschland ein Redakteur in Ketten über die Straße geführt, so läßt man jetzt keinen Künstler ohne bürgerliche Kontrolle ausgehen. Da und dort erklären sich jetzt in Deutschland die Vertreter der intelligenten Berufe bereit, die Überwachung der unbotmäßigen Schriftsteller zu übernehmen. Es gibt — bei dem gleichzeitigen Anwachsen der Zeitschriftenindustrie — kaum einen Zigarrenhändler mehr, der nicht daheim seinen Redakteur im Kotter hätte, und namentlich haben sie es auf die Lyrik abgesehen, soweit sie nicht sachlichen Beweggründen entspringt, nicht den Zwecken der Gemeinverständlichkeit zustrebt und überhaupt über das erweislich Wahre hinausgeht. Mit einem Wort, ihr Verständnis für Kunst reicht so weit, daß ihnen das »ich weiß nicht, was soll es bedeuten« eben noch als lyrischer Gedanke einleuchtet, aber sonst nur die Lage bezeichnet, in der sie sich gegenüber der Lyrik befinden. Nun habe ich nie ein Hehl daraus gemacht, daß ich die Weltanschauung des Kofmich, wenn sie uns Automobile baut, für akzeptabel halte, weil wir ihr dann um so prompter entfliehen können. Aber wenn es ihren Einbruch in das Geistesleben, wie er sich im neuen Deutschland donnerwettertadellos vollzieht, abzuwehren gilt, so tue ich mit!

 

Eine Organisation der Schauspielerinnen gibts auch schon. Was noch fehlt, ist eine Organisation der Ligusterschwärmer.

 

Die Theatersozialität ist der schäbige Rest eines krepierten Zeitalters. Das Leben, vom Leben gefangen, wurde ehedem auf der Bühne frei. Dort konnte es der Teufel holen. Jetzt wird es auch dort der Schinder holen.

 

Ein frecher Kulturwitz hat die »journalistische Hochschule« ausgeheckt. Sozialer Ernst müßte eine journalistische Gewerbeschule verlangen.

 

Jede Art von Erziehung hat es darauf abgesehen, das Leben reizlos zu machen, indem sie entweder sagt, wie es ist, oder daß es nichts ist. Man verwirrt uns in einem fortwährenden Wechsel, man klärt uns auf und ab.

 

Über Zeit und Raum wird so geschrieben, als ob es Dinge wären, die im praktischen Leben noch keine Anwendung gefunden haben.

 

Philosophie ist oft nicht mehr als der Mut, in einen Irrgarten einzutreten. Wer aber dann auch die Eingangspforte vergißt, kann leicht in den Ruf eines selbständigen Denkers kommen.

 

Fürs Kind. Man spielt auch Mann und Weib fürs Kind. Das ist noch immer der wohltätige Zweck, zu dessen Gunsten die Unterhaltung stattfindet und vor dem selbst die Zensur ein Auge zudrückt.

 

Wenn Lieben nur zum Zeugen dient, dient Lernen nur zum Lehren. Das ist die zweifache teleologische Rechtfertigung für das Dasein der Professoren.

 

Der Monist müßte sich für seine Wahrheit opfern. Dann erst würde man sehen, daß die Realität nichts verliert und die Unsterblichkeit nichts gewinnt, und die Identität wäre vollkommen bewiesen.

 

Fürs Leben gern wüßt' ich: was fangen die vielen Leute nur mit dem erweiterten Horizont an?

 

Ein heutiges Kind lacht den Vater aus, der ihm von Drachen erzählt. Es ist notwendig, daß das Gruseln ein obligater Gegenstand wird; sonst lernen sie es nie.

 

Es gibt mehr Dinge zwischen Quinta und Sexta, als eure Schulweisheit sich träumen läßt.

 

Aufgeweckte Jungen — unausgeschlafene Männer.

 

Die neue Seelenkunde hat es gewagt, in das Mysterium des Genies zu spucken. Wenn es bei Kleist und Lenau nicht sein Bewenden haben sollte, so werde ich Torwache halten und die medizinischen Hausierer, die neuestens überall ihr »Nichts zu behandeln?« vernehmen lassen, in die Niederungen weisen. Ihre Lehre möchte die Persönlichkeit verengen, nachdem sie die Unverantwortlichkeit erweitert hat. Solange das Geschäft private Praxis bleibt, mögen sich die Betroffenen wehren. Aber Kleist und Lenau werden wir aus der Ordination zurückziehen!

 

Die modernen Psychologen, die die Grenzen der Unverantwortlichkeit hinausschieben, haben reichlich darin Platz.

 

Eine gewisse Psychoanalyse ist die Beschäftigung geiler Rationalisten, die alles in der Welt auf sexuelle Ursachen zurückführen mit Ausnahme ihrer Beschäftigung.

 

Die Psychoanalyse entlarvt den Dichter auf den ersten Blick, ihr macht man nichts vor und sie weiß ganz genau, was des Knaben Wunderhorn eigentlich bedeutet. Es sei. Jetzt ist es aber die höchste Zeit, daß eine Seelenforschung ersteht, die, wenn einer vom Geschlecht spricht, ihm dahinter kommt, daß es eigentlich Kunst bedeutet. Für diese Retourkutsche der Symbolik biete ich mich als Lenker an! Ich wäre aber auch schon zufrieden, wenn man einem, der von Psychologie spricht, nachweisen könnte, daß sein Unterbewußtsein eigentlich etwas anderes gemeint habe.

 

Kinder psychoanalytischer Eltern welken früh. Als Säugling muß es zugeben, daß es beim Stuhlgang Wollustempfindungen habe. Später wird es gefragt, was ihm dazu einfällt, wenn es auf dem Weg zur Schule der Defäkation eines Pferdes beigewohnt hat. Man kann von Glück sagen, wenn so eins noch das Alter erreicht, wo der Jüngling einen Traum beichten kann, in dem er seine Mutter geschändet hat.

 

Der Unterschied zwischen der alten und der neuen Seelenkunde ist der, daß die alte über jede Abweichung von der Norm sittlich entrüstet war und die neue der Minderwertigkeit zu einem Standesbewußtsein verholfen hat.

 

Das wissen weder Mediziner noch Juristen: daß es in der Erotik weder ein erweislich Wahres gibt, noch einen objektiven Befund; daß uns kein Gutachten von dem Wert des Gegenstands überzeugen und keine Diagnose uns enttäuschen kann; daß man gegen alle tatsächlichen Voraussetzungen liebt und gegen den wahren Sachverhalt sich selbstbefriedigt. Kurzum, daß es die höchste Zeit ist, aus einer Welt, die den Denkern und den Dichtern gehört, die Juristen und Mediziner hinauszujagen.

 

Sie haben die Presse, sie haben die Börse, jetzt haben sie auch das Unterbewußtsein!

 

»Sich taufen lassen«: das klingt wie Ergebung. Aber sie wollen nie lassen, sondern immer tun; darum glauben sie's selbst dem nicht, der ließ, und glauben, daß er getan hat, und sagen: »Er hat sich getauft!«

 

Wenn dir etwas gestohlen wurde, geh nicht zur Polizei, die das nicht interessiert, und nicht zum Psychologen, den daran nur das eine interessiert, daß eigentlich du etwas gestohlen hast.

 

Psychologie ist so müßig wie eine Gebrauchsanweisung für Gift.

 

Psychologen sind Durchschauer der Leere und Schwindler der Tiefe.

 

Gute Ansichten sind wertlos. Es kommt darauf an, wer sie hat.

 

Satiren, die der Zensor versteht, werden mit Recht verboten.

 

Die Phrase ist das gestärkte Vorhemd vor einer Normalgesinnung, die nie gewechselt wird.

 

Die Dorfbarbiere haben einen Apfel, den stecken sie allen Bauern ins Maul, wenn's ans Balbieren geht. Die Zeitungen haben das Feuilleton.

 

Auch hängt noch über mancher Bauerntafel ein Klumpen Zucker, an dem sie gemeinsam lecken. Ich möchte lieber dort eingeladen sein, als ein Konzert besuchen.

 

Die Zwischenaktsmusik ist das Beste vom Abend. Sie verlangt nicht, daß man schweige, sie verlangt nicht, daß man höre, aber sie erlaubt, nicht zu hören, was gesprochen wird. Dummköpfe wollen sie abschaffen. Und sie ahnen nicht, wie sehr gerade sie ihrer bedürfen. Denn die einzige Kunst, Vor der die Masse ein Urteil hat, ist die Kunst des Theaters. Aber eben nur die Masse. Wehe, wenn die Urteilssplitter im Zwischenakt gesammelt würden: sie ergäben kein Ganzes. Ohne die Zwischenaktsmusik könnten sich die einzelnen Dummköpfe vernehmlich machen, deren Meinung sich während des Spiels zum maßgebenden Eindruck und nach dem Spiel zum Applaus zusammenschließt. Die Zersplitterung zu verhindern, ist die Zwischenaktsmusik da, die im rechten Moment mit Tusch in die Dummheit einfällt. Auf die Qualität dieser Musik kommt es nicht an, nur auf das Geräusch. Die Zwischenaktsmusik dient dazu, das Lampenfieber des Publikums zu vertreiben. Ihre Gegner wollen sich selbst preisgeben.

 

Ich verpflichte mich, einen Mann an den Galgen zu bringen, wenn ich auf der Straße mit ganz bestimmtem Tonfall ausrufe: »Aha, und ein farbiges Hemd hat er auch noch!« Es würde ein Schrei der Entrüstung durch die Menge gehen. Durch dieselbe Menge, auf die man jetzt mit Symphonien zu wirken sucht.

 

Der Tropf, der von Kunst spricht, hält den Künstler, der von ihr spricht, für unbescheiden.

 

Der Dummkopf, der an keinem Welträtsel vorübergehen kann, ohne entschuldigend zu bemerken, daß es seine unmaßgebliche Meinung sei, heimst das Lob der Bescheidenheit ein. Der Künstler, der seine Gedanken an einem Kanalgitter weidet, überhebt sich.

 

Eine der verblüffendsten Entdeckungen, die uns das neue Jahrhundert gebracht hat, ist zweifellos die, daß ich in der Fackel' öfter von mir selbst spreche, und sie wird mir mit einer der tiefsten Erkenntnisse unter die Nase gehalten, die die Weisheit kontemplativer Seelen je geschöpft hat, daß nämlich der Mensch bescheiden sein müsse. Manche wollen sogar herausgefunden haben, daß ich den Essay von Sch. über zehn Jahre Fackel' »in meinem eigenen Blatte« veröffentlicht habe. Aufmerksam gemacht, muß ich zugeben, daß es wahr ist. Die Entdeckung der Eitelkeit hat zwar noch nie ein Schriftsteller seinem Leser leichter gemacht. Denn wenn dieser es selbst nicht merkte, daß ich eitel bin, so erfuhr er es doch aus meinen wiederholten Geständnissen der Eitelkeit und aus der Glorifizierung, die ich diesem Laster zuteil werden ließ. Die lächelnde Informiertheit, die eine Achillesferse entdeckt, wird also an einer Bewußtheit zuschanden, die sie schon vorher freiwillig entblößt hat. Aber ich kapituliere. Wenn der sterilste Einwand gegen mich auch zum zehnten Jahr meiner Unbelehrbarkeit erhoben wird, dann hilft keine Replik. Ich kann pergamentenen Herzen nicht das Gefühl für die Notwehr, in der ich lebe, einflößen, für das Sonderrecht einer neuen publizistischen Form und für die Übereinstimmung dieses scheinbaren Eigeninteresses mit den allgemeinen Zielen meines Wirkens. Sie können es nicht verstehen, daß, wer mit einer Sache verschmolzen ist, immer zur Sache spricht, und am meisten, wenn er von sich spricht. Sie können es nicht verstehen, daß, was sie Eitelkeit nennen, jene nie beruhigte Bescheidenheit ist, die sich am eigenen Maße mißt und das Maß an sich, jener demütige Wille zur Steigerung, der sich dem unerbittlichsten Urteil unterwirft, das stets sein eigenes ist. Eitel ist die Zufriedenheit, die nie zum Werk zurückkehrt. Eitel ist die Frau, die nie in den Spiegel schaut. Bespiegelung ist der Schönheit unerläßlich und dem Geist. Die Welt aber hat nur eine psychologische Norm für zwei Geschlechter und verwechselt die Eitelkeit eines Kopfes, die sich im künstlerischen Schaffen erregt und befriedigt, mit der geckischen Sorgfalt, die an einer Frisur arbeitet. Aber ist jene im gesellschaftlichen Verkehr nicht stumm? Sie kann dem Nebenmenschen unmöglich so auf die Nerven fallen wie die Bescheidenheit der reproduzierenden Geister.

 

Die Impotenz möchte durch ihre Bitte um Bescheidenheit die Leistung verhindern.

 

Den Kleinen ist es wichtiger, daß Einer sein Werk nicht für groß halte, als daß es groß sei.

 

Der Philister hält es mit Recht für einen Mangel, wenn man »von sich eingenommen« ist.

 

Größenwahn ist nicht, daß man sich für mehr hält als man ist, sondern für das, was man ist.

 

Bildung ist das, was die meisten empfangen, viele weitergeben und wenige haben.

 

Wäre Wissen eine Angelegenheit des Geistes, wie wär's möglich, daß es durch so viele Hohlräume geht, um, ohne eine Spur seines Aufenthaltes zurückzulassen, in so viele andere Hohlräume überzugehen?

 

Nahrung ist eindrucksfähiger als Bildung, ein Magen bildsamer als ein Kopf.

 

Was die Lehrer verdauen, das essen die Schüler.

 

Je größer das Assoziationsmaterial, desto geringer die Assoziationsfähigkeit. Mehr als das Gymnasium von jenem zuführt, braucht man nicht. Wer etwa das Wort »Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen« im »Nathan« sucht, hats weiter gebracht, als der es in den »Wahlverwandtschaften« richtig findet.

 

Das Konversationslexikon hat vor dem Vielwisser eines voraus: den Stolz. Es verhält sich reserviert, es wartet ab und es gibt nie mehr als man will. Es begnügt sich mit der Antwort auf die Frage, wann Amenhotep geboren wurde. Der Vielwisser blättert sich selbst um und gibt sofort auch über die Amöben Auskunft, über den Ampèremesser, die Amphyktionen, die Amphoterodiplopie, über die Amrita, den Göttertrank der indischen Lehre, die Amschaspands, als welche die sieben höchsten Lichtgeister der persischen Religion sind, den Amschir, bekanntlich der sechste Monat des türkischen Kalenders, über das Amulett (vom arabischen hamala), über das Amygdalin, den eigentümlichen Stoff der bittern Mandeln, welcher, mit Emulsin (s.d.) in wässeriger Lösung zusammengebracht, Blausäure, Bittermandelöl und Zucker liefert, und über die bekannte Amylacetatlampe, und ist imstande, bei Anaxagoras, gerade wo es am interessantesten wird, abzubrechen. Man ist dann doch unbefriedigt.

 

Vielwisser dürften in dem Glauben leben, daß es bei der Tischlerarbeit auf die Gewinnung von Hobelspänen ankommt.

 

Die geistige Anregung des Kindes besorgt die Amme mit ihrem »guck guck — da da«. Erwachsenen zeigt man etwas aus Kunst und Wissenschaft, damit sie nicht schreien. Kinder singt man mit »Weißt du, wieviel Sterne stehen« in den Schlaf. Erwachsene beruhigen sich erst, wenn sie auch die Namen wissen und die Entfernung der Kassiopeia von der Erde, sowie daß diese nach der Gemahlin des äthiopischen Königs Kepheus und Mutter der Andromeda benannt ist.

 

Leute, die über den Wissensdurst getrunken haben, sind eine gesellschaftliche Plage.

 

Man soll nicht mehr lernen, als man unbedingt gegen das Leben braucht.

 

Wann kommt die Zeit, wo man bei der Volkszählung die Zahl der Fruchtabtreibungen in jedem Hause wird angeben müssen?

 

Den Fortschritt vom Taygetos zum Brutapparat sieht jedes Kind.

 

Humanität ist das Waschweib der Gesellschaft, das ihre schmutzige Wäsche in Tränen auswindet.

 

Wie kommt es denn, daß der liberale Inhalt keine andere Sprache findet als dieses entsetzliche seit Banalitätsäonen millionenmal ausgespuckte Idiom? Daß man sich den Phönix nur noch als Versicherungsagenten vorstellen kann und den Genius der Freiheit nur noch als schäumenden Börseaner?

 

Die Phrase und die Sache sind eins.

 

Die Verzerrung der Realität im Bericht ist der wahrheitsgetreue Bericht über die Realität.

 

Die Welt ist taub vom Tonfall. Ich habe die Überzeugung, daß die Ereignisse sich gar nicht mehr ereignen, sondern daß die Klischees selbsttätig fortarbeiten. Oder wenn die Ereignisse, ohne durch die Klischees abgeschreckt zu sein, sich doch ereignen sollten, so werden die Ereignisse aufhören, wenn die Klischees zertrümmert sein werden. Die Sache ist von der Sprache angefault. Die Zeit stinkt schon von der Phrase.

 

Der Hereinfall des Schwindels ist der letzte Witz, der einer verstimmten Kultur einfällt.

 

Oh, das Altertum ist der Neuzeit schon lange verdächtig. Wollen mal sehen, was herauskommt, wenn man das Land der Griechen mit der Dreckseele sucht. Das geht nicht mehr so weiter mit den Griechen. Zuerst haben wir sie hysterisch gemacht, da waren sie noch immer schöner als wir. Jetzt wollen wir Christen und Juden aus ihnen machen.

 

Die Häßlichkeit der Jetztzeit hat rückwirkende Kraft.

 

Daß sich die Rache der Parias an den Träumen der Menschheit vergreifen darf, daß Gedicht und Sage dem elenden Bedürfnis der Historik und Psychologie verfallen, Religion und alle heilige Gewesenheit der Spucknapf sind für den intellektuellen Auswurf — das ist es, was dieses Leben erst unerträglich macht, wenn es über alle Hindernisse der Zeit gesiegt hat!


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