VI. Zufälle, Einfälle


In dieser Spelunke, in der ungarische Pferdediebe ihre Chancen tauschen, in diesem Qualm von Tabak und Wucher, höre ich zwischen teschek und betschkerek plötzlich das Wort: Glaukopis. Breitmäulig gesprochen, aber mit einer Wirkung, die mich durch die Jahrtausende reißt. Schnell wieder komme ich zur Besinnung, da mir einfällt, daß die Göttin ein Rennpferd sein dürfte.

 

Der Teufel ist ein Optimist, wenn er glaubt, daß er die Menschen schlechter machen kann.

 

Die Mystiker übersehen manchmal, daß Gott Alles ist, nur kein Mystiker.

 

Ein metaphysisches Wesen sieht, wie es im Kinematographen zuckt. Die hier glauben an Entwicklung, wenn der Lebensfilm der Persönlichkeit abgewickelt wird.

 

»Zeitraum«: das ist ein Quodlibet der Ewigkeit. Man versuche einmal, sich ohne Kopfschmerzen die Raumzeit vorzustellen.

 

Der Unsterbliche erlebt die Plage aller Zeiten.

 

Karriere ist ein Pferd, das ohne Reiter vor dem Tor der Ewigkeit anlangt.

 

Schein hat mehr Buchstaben als Sein.

 

Wie ungeschickt das böse Gewissen ist! Wenn nicht mancher den Hut vor mir zöge, wüßte ich nicht, daß er Butter auf dem Kopf hat.

 

Wenn ich nicht wirklich ein so gutes Gedächtnis hätte, könnte es geschehen, daß ich mich an alle Leute erinnere, die mich erinnern.

 

Ein Gourmet sagte mir: was die Crême der Gesellschaft anlange, so sei ihm der Abschaum der Menschheit lieber.

 

Herbst in Ischl: Die Witterung hat den Unbilden des Publikums getrotzt. Ich komme immer erst hin, wenn schon die Abende lang werden. Dann ist auch der lange Tag nicht mehr fern, der die Kurgäste in der Großstadt versammelt. Der Regen hat die Promenaden gesäubert, den letzten Wucherer weggeschwemmt, und frei atmet der Wald nach dem Hingang einer Menschheit, die der Librettist nach seinem Ebenbilde, wenn auch nach einer fremden Idee erschaffen hat.

 

Ich möchte mein Dasein von ihrem Dabeisein sondern.

 

Wiewohl ich viele Leute gar nicht kenne, grüße ich sie nicht.

 

Die kleinen Stationen sind sehr stolz darauf, daß die Schnellzüge an ihnen vorbei müssen.

 

Ein Schein von Tiefe entsteht oft dadurch, daß ein Flachkopf zugleich ein Wirrkopf ist.

 

Ein Gehirn, das bloß ausspricht, was ist, aber nicht was scheint.

 

Einer zitierte gern Jean Pauls Wort, daß jeder Fachmann in seinem Fach ein Esel sei. Er war nämlich in allen Fächern zuhause.

 

Der Dilettantismus ist ebenso untüchtig wie die Kunst. Wenn er sich nicht mit der Geldgier verbündet hätte, würde das Publikum auch von ihm nichts wissen.

 

Die Nachwelt wird ihnen vorenthalten, was die Mitwelt an ihnen gut gemacht hat.

 

Auf den Pegasus machen sich jetzt viele Roßtäuscher Hoffnung.

 

Ein Original ist heute, wer zuerst gestohlen hat.

 

Ein Plagiator sollte den Autor hundertmal abschreiben müssen.

 

Die jungen Leute sprechen so viel vom Leben, weil sie es nicht kennen. Es würde ihnen die Rede verschlagen.

 

Als ich las, wie ein Nachahmer das Original pries, war es mir, als ob eine Qualle ans Land gekommen wäre, um sich über den Aufenthalt im Ozean günstig zu äußern.

 

Er hatte so eine Art sich in den Hintergrund zu drängen, daß es allgemein Ärgernis erregte.

 

Ein Wolf im Wolfspelz. Ein Filou, unter dem Vorwand es zu sein.

 

Er hat einmal gemein gehandelt: daraus kann man noch nicht auf seinen Charakter schließen. Dann aber hat er doch wieder edel gehandelt, und jetzt vermute ich, daß er ein gemeiner Kerl ist.

 

Haß muß produktiv machen. Sonst ist es gleich gescheiter, zu lieben.

 

Es ist die äußerste Undankbarkeit, wenn die Wurst das Schwein ein Schwein nennt.

 

Manche haben den Größenwahn verrückt zu sein und sind nur untergeschnappt.

 

Medizinischer Sinnspruch: Was den Vätern alte Hosen, sind den Söhnen die Neurosen.

 

Der Skeptizismus hat sich vom »Que sais-je?« bis zum »Weiß ich?« entwickelt.

 

Der neue Vater: »Mein Sohn tut nicht gut. Er ist Mystiker«

 

Allerorten entflieht man dem Druck des Philisteriums. Ich kannte eine, die heimlich vom Theater durchgegangen ist, um nach Hause zu kommen.

 

Im Liebesleben der Menschen ist eine vollständige Verwirrung eingetreten. Man begegnet Mischformen, von deren Möglichkeit man bisher keine Ahnung hatte. Einer Berliner Sadistin soll kürzlich das Wort entfahren sein: Elender Sklave, ich befehle dir, mir sofort eine herunterzuhauen!.. Worauf der betreffende Assessor erschrocken die Flucht ergriffen habe.

 

Der Eros von Wien: Unter dem Vorwand, daß jedes Weibi ein Mandi brauche, hatte er sich ihr genähert, worauf sie nicht umhin konnte Gehns weg Sie Schlimmer! zu sagen. Nachdem er aber erklärt hatte, daß er viel lieber doder bleibe, ersuchte sie ihn, wenigstens nicht zu nahe an ihre Gspaßlaberln anzukommen, weil ein Pamperletsch die unausbleibliche Folge wäre und das zuhause einen schönen Pallawatsch gäbe. Er aber bat sie, keine Spompernadeln zu machen, denn sie sei mudelsauber und er zu a! lern eher geschaffen als zum Simandl. Deshalb ließ er siel nicht länger zurückhalten, und Pumpstinazi da wars aus un i gschehn. Er sagte ihr infolgedessen, daß sie ein Schlampen sei, und ging dorthin, wo ein Wein sein wird und mir wer'n nimmer sein. Als sie ihn noch vor Ablauf dieser Frist an seine Pflicht mahnte, dachte er: gar net ignorieren!

 

Wenn einer keine Jungfrau bekommen hat, ist er ein gefallener Mann, er ist fürs ganze Leben ruiniert und hat mindestens Anspruch auf Alimente.

 

Ich stelle mir vor, daß ein unvorsichtiger Konsistorialrat bei der Liebe Pech hat und sich die Masern zuzieht.

 

Die einzige erotische Hemmung, die nicht erotisch verwertet werden kann, ist die Vorstellung des Votanten bei der Verhandlung des Erkenntnissenats.

 

»Eine ungarische Lebedame in Paris wegen unsittlichen Lebenswandels verhaftet«: die Schlange im Paradies muß sich einmal in den Schwanz gebissen haben.

 

Die Nächstenliebe ist nicht die beste, aber immerhin die bequemste.

 

Raum ist in der kleinsten Hütte, aber nicht in derselben Stadt für ein glücklich liebend Paar.

 

Ich bin nicht für die Frauen, sondern gegen die Männer.

 

Brunes et blondes: so einfach ist die Teilung der Pariser Welt. Ein Zweifel kann nur bestehen, ob les femmes oder les bières gemeint sind.

 

Ihr Gesicht — ein mittelmäßiges Ensemble, in dem die Nase hervorragt.

 

Ich kannte einen Don Juan der Enthaltsamkeit, dessen Leporello nicht einmal imstande war, eine Liste der unnahbaren Weiber zusammenzustellen.

 

Ein Knockabout warf einen Zahnstocher hinter die Kulisse. Da gab es einen Krach. Dann warf er eine Stecknadel hinter die Kulisse. Da gab es einen Krach. Dann warf er ein Stückchen Papier hinter die Kulisse. Da gab es wieder einen Krach. Da nahm er eine Flaumfeder, hob die Hand auf und — da gab es abermals einen Krach. Aber er hatte noch gar nicht geworfen. Da machte er Etsch! und freute sich, wie er die Kausalität gefoppt hatte. Das Wesen dieses Humors ist, daß das Echo menschlicher Dinge stärker ist als ihr Ruf, und daß man dem Echo seine Vorlautheit am besten beweist, wenn man ihm mit keinem Ruf antwortet.

 

Der Fortschritt läßt sich durch Verbote nicht aufhalten. Im Engadin dürfen keine Automobile verkehren. Was ist die Folge? Daß die Droschkenkutscher Huppensignale geben.

 

Der Fortschritt muß ein Zimmerputzer sein: er bewegt sich und kommt nicht vom Fleck und macht dennoch ein Parkett blank. Was ihn aufrecht hält, das ist der äußere Glanz und ein Schein von Freiheit.

 

Das Wesen des Diplomaten setzt sich aus zwei Vorstellungen zusammen: Dejeuner und Courtoisie. Was drüber ist, das ist vom Übel.

 

Der österreichische Liberalismus umfaßt mit gleicher Liebe die alten Achtundvierziger und die alten Dreiundsiebziger. Das ergab dann so ziemlich im Durchschnitt die alten Sechsundsechziger.

 

Den Polen wurde die Weltgeschichte zum Exekutionsgericht. Aber sicher nur, weil sie einen Termin versäumt, einen Gang unterlassen, eine Formalität nicht erfüllt haben. Die Pfändungskosten waren größer als die Schuld.

 

Es gibt Persönlichkeiten im Staat, von denen man nichts anderes weiß, als daß sie nicht beleidigt werden dürfen.

 

Auch der Wurm krümmt sich, wenn er getreten wird. Wenn er aber von einem Wachmann getreten wird, begeht er öffentliche Gewalttätigkeit.

 

Die Furcht vor der Presse ist bei Schauspielern kein Laster, sondern eine Eigenschaft.

 

Die Sozialpolitik muß ein Ritus sein. Ich kenne welche, die ganz so aussehen, als ob sie die Schächter des goldenen Kalbes wären.

 

Eine der verbreitetsten Krankheiten ist die Diagnose.

 

Der Druckfehler ist nicht von guten Eltern: der Zufall hat ihn mit der Intelligenz gezeugt. Aber manchmal kann er sich sehen lassen. Zum Beispiel bestritt er die Behauptung eines Professors, ein großer Teil der Frauen habe keine sinnlichen Triebe und gebe sich dem ehelichen Leben nur dem Mann zuliebe hin — indem er sagte: dem ehelichen Leben und dem Mann zuliebe. Von der Wiener Kunstkritik meinte jemand, sie sei die Werbetrommel zum Künstlerhasse. Der Druckfehler bestätigte es und sagte: zum Künstlerhause. Den geschwollenen Satz eines pathetischen Leitartiklers von dem innern Hader, der sich an die Stelle des Festens dränge, parierte er mit der Behauptung, es sei immer der Harden, der sich an die Stelle des Fechters dränge. In solchen Fällen kann man sich eben auf die Druckerei verlassen.

 

Im weiten Reich der Melodienlosigkeit ist es schwer, als Plagiator erkannt zu werden.

 

Kultur kommt von kolo, aber nicht auch von Moser.

 

Es war eine Zeit des Liberalismus, der Makart das äußere Gepräge gab. Damals hatten auch die Wucherer ein malerisches Aussehen und glichen somit aufs Haar den Künstlern von heute.

 

Die Ästheten hatten es sich eingeteilt. Dem Doktor Arthur gehörte das Sterben, dem Richard das Leben, dem Hugo die Votivkirche mit dem Abendhimmel, dem Poldi die Ambrasersammlung und dem Felix alles das zusammen und noch viel mehr und auch die Renaissance.

 

Der Romane ist auf dem halben Weg zum Künstler und darum dem ganzen Künstler im Weg.

 

Wenn die Italiensehnsucht befriedigt ist, kann es leicht geschehen, daß man noch nicht genug hat und einen preußischen Schutzmann umarmt.

 

Wenn man die künstlerische Empfänglichkeit des Pariser Publikums bedenkt und staunend die geschwungene Linie dieses romanischen Lebensgefühls verfolgt, so gelangt man bis zu einem Punkt, wo der Absturz eines Omnibus von einer Seinebrücke nur mehr eine Frage der Zeit ist.

 

Österreichische Grenze: es wird gemütlich, man muß sich die Tasche zuhalten.

Italienische Grenze: es wird romantisch, man muß sich auch die Nase zuhalten.

Deutsche Grenze: es wird sicher, man kann sich auf Abenteuer einlassen.

 

Wenn ihn der Kutscher nur ansieht, springt der Taxameter.

 

Er hatte eine Art »Zahlen!« zu rufen, daß es der Kellner für eine Forderung hielt und erst recht nicht kam.

 

Ich kenne einen Humorlosen, der immer aufgeregt ist. Er kocht ohne Wasser; das Email stinkt schon.

 

Es gibt Menschen, die ganz genau so aussehen, wie unser aller Gymnasialkollege aus der letzten Bank.

 

Ich esse gierig aus Gier nach dem Nichtessen.

 

Einer, der mir Erinnerungen zu erzählen anfing, hatte dabei eine Stimme, die knarrte wie das Tor der Vergangenheit.

 

Ich lasse den Wachmann nach der Musik, die er verbietet, tanzen.

 

Sein Lachen ist ein Regulativ des Irrsinns der Welt.

 

In einem Zimmer mit Aussicht auf das Meer hat mich am ersten Morgen ein Choral geweckt. Ein Geräusch von Brandung und Predigt, und ich weiß nicht mehr, wie es kam. daß ich wieder einschlief und von den Kreuzzügen träumte. Unten riß Bernhard von Clairvaux das Volk hin. Immer wieder klang es wie »Spondeo« und wie »Benedicamus domino«. Dann unverständlich und dumpf wie zum Tag des Gerichts der Ruf »Porelebá! Porelebá!«, der mich aus dem Schlaf riß. Es war wie die gereckte Faust einer fanatisierten Menge, Weh und Wut war darin. Und dennoch drang eine sanfte Stimme durch, die unaufhörlich »Delimel! Delimel!« klagte, wie Philomelens oder eines Kindes, das im heiligen Gedränge die Mutter verloren hatte. Es war, als ob die Menschheit auf der Wanderung wäre. Ich horchte angestrengt hin und glaubte nun etwas zu unterscheiden wie »Lömatän! Löschurnal!«. Da riß sich einer los, ekstatisch, und rief mit unerhörter, zur Tat aufreißender Entschlossenheit: »Sésonostánd!« Aber das Brausen verschlang auch ihn, und die Antwort war wieder nur »Porelebá! Porelebá!« und immer wieder mit der seltsamen Kraft der Seele und schon verzagend: »Delimel! Delimel!« Nun aber schien sich alles zu sammeln, es stieg wie Dank zum Himmel hinauf und eine Stimme sang »Exzelsior!« Da — ich weiß nicht, wie mir wird — löst sich etwas wie »Kölnische, Frankfurter!«, und wie wenn das finstere Mittelalter von meiner Stirn wiche, ruft es: »Neue Freie Presse, Neues Wiener Tagblatt, Neues Wiener Journal!« Ich öffne das Fenster und lasse Gottes Wunder einströmen.

 

Und wenn die Erde erst ahnte, wie sich der Komet vor der Berührung mit ihr fürchtet!


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