VII. Pro domo et mundo


Weh der Zeit, in welcher Kunst die Erde nicht unsicher macht und vor dem Abgrund, der den Künstler vom Menschen trennt, dem Künstler schwindlig wird und nicht dem Menschen!

 

Kunst bringt das Leben in Unordnung. Die Dichter der Menschheit stellen immer wieder das Chaos her.

 

Der Ausweg: Wenn die Menschen für die Erfindung eines Vehikels Ideale und Leben geopfert haben, nimm das Vehikel, um den Leichen zu entfliehen und den Idealen näher zu kommen!

 

Die Revolution gegen die Demokratie vollzieht sich im Selbstmord des Tyrannen.

 

Die Kultur endet, indem die Barbaren aus ihr ausbrechen.

 

Der moderne Weltuntergang wird sich so vollziehen, daß gelegentlich der Vervollkommnung der Maschinen sich die Betriebsunfähigkeit der Menschen herausstellt. Den Automobilen gelingt es nicht, die Chauffeure vorwärts zu bringen.

 

Der Fortschritt feiert Pyrrhussiege über die Natur.

 

Der Fortschritt macht Portemonnaies aus Menschenhaut.

 

Die Zeiten starben am Fett oder an der Auszehrung. Die hier will den Tod durch eine überernährte Armut foppen.

 

Immerhin haben wir siebzig freisinnige Abgeordnete. Das ist viel, wenn man bedenkt, daß es nur noch zehn Tagpfauenaugen gibt.

 

Nach der Entdeckung des Nordpols und nachdem sich wieder einmal gezeigt hat, wie leichtfertig die Menschheit wissenschaftliche Verpflichtungen eingeht, hat sie es wohl verdient, wegen weltgerichtlich erhobenen Schwachsinns unter die Kuratel der Kirche gestellt zu werden.

 

Wenn eine Kultur fühlt, daß es mit ihr zu Ende geht, läßt sie den Priester kommen.

 

Nach Goethe:

Wer Kunst und Religion besitzt, der hat auch Wissenschaft.

Wer diese beiden nicht besitzt, der habe Wissenschaft.

 

Es ist Freiheit notwendig, um zur Erkenntnis zu gelangen. Aber in dieser sind wir dann mehr eingesperrt als im Dogma.

 

Es wäre mehr Unschuld in der Welt, wenn die Menschen für all das verantwortlich wären, wofür sie nicht können.

 

Wer weiß, was bei uns zuhause vorgeht, wenn niemand im Zimmer ist? Man kann freilich nicht wissen, ob es Geister gibt. Denn sie sind eben in dem Augenblick, wo das Wissen beginnt, auch schon vertrieben.

 

Spiritismus ist der Versuch, die Fenster von der Gasse zu öffnen. Es ist umso unmöglicher, als sie ohnedies offen stehen und wir so oft vor dem Anblick erschrecken können, wie die im Hause uns anblicken. Damit hat man genug zu tun; und zerbreche sich nicht den Kopf an den Mauern. Es gibt ein Jenseits, das mit dem Tode endet.

 

Die wahre Metaphysik beruht in dem Glauben, daß einmal Ruhe wird. Der Gedanke an eine Auferstehung der Fleischer widersteht ihr.

 

Entwicklung ist Zeitvertreib für die Ewigkeit. Ernst ists ihr nicht damit.

 

Wenn schon etwas geglaubt werden soll, was man nicht sieht, so würde ich immerhin die Wunder den Bazillen vorziehen.

 

Der Weltschmerz ist die Gicht des Geistes. Aber man spürt es wenigstens, wenn das schlechte Wetter kommt.

 

Wenn die ersten Enttäuschungen kommen, genießt man den Lebensüberdruß in vollen Zügen, man ist ein Springinsfeld des Todes und leicht bereit, dem Augenblick alle Erwartung zu opfern. Später erst reift man zu einer Gourmandise des Selbstmords und erkennt, daß es immer noch besser ist, den Tod vor sich als das Leben hinter sich zu haben.

 

Die Gerechtigkeit ist immer gerecht. Sie meint, daß das Recht ohnedies Recht habe; folglich gibt sie's dem Unrecht.

 

In der Welt ist immer die Lust, ein Herz zu kränken, weil eine Tasche beleidigt war.

 

Die Gesetzlichkeit spricht sowohl die Verantwortlichen schuldig als die, die nichts dafür können.

Die Humanität spricht die Verantwortlichen schuldig und die Unverantwortlichen frei.

Die Anarchie spricht beide frei.

Die Kultur spricht die Unverantwortlichen schuldig und die frei, die etwas dafür können.

 

Über das Ziel sind wir einig. Auch ich trage ein Paradeisgartel in meinem Herzen, das ich der Friedrichstraße entschieden vorziehe. Aber ich weiß keinen anderen Weg, um dorthin zu gelangen.

 

Ich und der Dichter des Geschlechts standen vor einer Schaubude und betrachteten den Automaten, der den Fremierschen Gorilla mit dem Weib darstellte. Der Gorilla drehte den Kopf und fletschte die Zähne. Das Weib in seinen Armen atmete schwer. Ich sah das Weib. Der Dichter drehte den Kopf und fletschte die Zähne.

 

Phantasie macht nicht Luftschlösser, sondern Luftschlösser aus Baracken.

 

Die Widersprüche im Künstler müssen sich irgendwo in einer höheren Ebene treffen, und wäre es dort, wo Gott wohnt.

 

Die Sonne hat Weltanschauung. Die Erde dreht sich. Widersprüche im Künstler sind Widersprüche im Betrachter, der nicht Tag und Nacht zugleich erlebt.

 

Den Autoren wird jetzt geraten, Erlebnisse zu haben. Es dürfte ihnen nicht helfen. Denn wenn sie erleben müssen, um schaffen zu können, so schaffen sie nicht. Und wenn sie nicht schaffen müssen, um erleben zu können, so erleben sie nicht. Die andern aber tun beides zugleich, die Künstler. Und ihnen ist nicht zu raten und nicht zu helfen.

 

Kunst ist das, was Welt wird, nicht was Welt ist.

 

Der Künstler soll mehr erleben? Er erlebt mehr!

 

Der Künstler soll dem Hörer Konzessionen machen. Darum hat Brückner eine Symphonie dem lieben Gott gewidmet.

 

Zwei Läufer laufen zeitentlang,

der eine dreist, der andre bang:

Der von Nirgendher sein Ziel erwirbt;

der vom Ursprung kommt und am Wege stirbt

Der von Nirgendher das Ziel erwarb,

macht Platz dem, der am Wege starb.

Und dieser, den es ewig bangt,

ist stets am Ursprung angelangt.

 

Wer seine Haut zu Markt getragen, hat mehr Recht auf Empfindlichkeit, als wer dort ein Kleid erhandelt hat.

 

Ich und die tagläufige Presse: wir verhalten uns wie der Regen und die Wasserspritze. Sie ist pünktlich und abwendbar.

 

»Wenn du den Angriff gegen A. nicht geschrieben hättest, so würde er deine Werke loben.« Hätte ich aber alle andern Werke schreiben können, wenn ich, um ihnen zu nützen, eines unterlassen hätte?

 

Wenn nur einer da ist, der die Presse nicht totschweigt — das weitere wird sich finden.

 

Ich glaube nicht, daß ich zu jenen Autoren zähle, für deren Verbreitung dreißig Jahre, nachdem sie außer Stand gesetzt sind, Honorar zu bekommen und Korrekturen zu lesen, der Staat gesorgt hat. Sollte es wider Wunsch und Erwarten dennoch der Fall sein, daß auch an mir diese Wohltat versucht wird, und sich also ein Verleger oder Drucker finden, der um das Honorar zu bekommen an meiner Statt die Korrekturen nicht liest, so nehme er meinen Fluch als Vorwort, schon heute, also zu einer Zeit, wo ich es noch redigieren kann. Denn mir liegt auch dreißig Jahre nach meinem Tode mehr an einem Komma, das an seinem Platz steht, als an der Verbreitung des ganzen übrigen Textes. Und gerade darum glaube ich, daß ich zu jenen Autoren zähle, die vom Ablauf der Schutzfrist, welche der Staat aus Rücksicht auf die Popularität nur mit dreißig Jahren bemessen hat, nicht das geringste für ihre Ruhe zu befürchten haben.

 

Es ist Lohn genug, unter dem eigenen Rad zu liegen.

 

Ich habe keine Mitarbeiter mehr. Ich war ihnen neidisch. Sie stoßen mir die Leser ab, die ich selbst verlieren will.

 

Ich hätte Lampenfieber, wenn ich mit jedem einzelnen von den Leuten sprechen müßte, vor denen ich spreche.

 

Wenn ich vortrage, so ist es nicht gespielte Literatur. Aber was ich schreibe, ist geschriebene Schauspielkunst.

 

Ich kann nicht mehr unter dem Publikum sitzen. Diese Gemeinschaft des Genießens und Intimität des Begreifens, dieses Erraten der Gaben und Verlangen der Zugaben, dieses Wissen um den Witz und dieses Nichtwissen, daß sie damit noch nicht den Autor haben, dieses Verständnis und Einverständnis — nein, ich könnte es bei meinen Vorlesungen nicht aushalten, wenn ich nicht oben säße.

 

Viele, die in meiner Entwicklung zurückgeblieben sind, können verständlicher aussprechen, was ich mir denke.

 

Wenn mich jetzt einer verdächtigt, schützt mich die Distanz. Jetzt schneide ich das Glas mit einem Diamanten: noch immer ist es nur Glas. Wie aber könnte Glas den Diamanten ritzen? Ein peinliches Geräusch, geistigen Dingen mit Verdächtigung der Motive beizukommen!

 

Die Schwäche, die den ohnmächtigen Drang zur Schlechtigkeit hat, traut mir diese ohne weiteres zu. Sie würde es nicht begreifen, wie man mit solchen Mitteln so wenig Ehrgeiz verbinden kann.

 

Zu den schlechten Beispielen, die gute Sitten verderben, gehören die guten Beispiele. Glaubt man, daß ein Feigling hundert Mutige verführen könnte? Aber noch ehe einer dazu kommt, seinen Mut zu beweisen, haben sich an ihm schon hundert als Feiglinge bewährt.

 

Es tut mir im Herzen weh, wenn ich sehe, daß der Nutzen des Verrats an mir geringer ist als der Schaden meiner Verbindung.

 

Von einer Fackel fällt hin und wieder etwas ab. Ein Klümpchen Pech.

 

Daß Knaben aus einer unverständigen Verehrung für meine Geste durch irgendwelchen Rückschlag zu einer unverständigen Kritik meines Inhalts gelangen, bin ich gewohnt; und ich brenne weiter, wenngleich die Motten dagegen sind. Daß die Talente ihre ersten journalistischen Gehversuche machen, indem sie mich stampfen, ist mir bekannt; und ich bleibe stehen. Sie bedenken nie, daß zum Angreifen eines Angreifers zwei gehören. Ich bin ja da, aber wo ist der andere, nachdem er mich bezwungen hat? Auch zum Sadismus gehören zwei, sonst artet er in Roheit aus, und zu dieser könnte mich selbst die Nächstenliebe nicht hinreißen. Ich warte immerzu auf den Feind, der außer dem Vergnügen, mich zu hassen, noch eine individuelle Existenzberechtigung hätte. Dann würden die Hiebe, die ich austeile, auch mir ein Vergnügen sein.

 

Ein Knirps stand dicht vor mir und erwartete eine Ohrfeige. Ich schlug aber nach hinten, traf einen wassergefüllten Koloß, und beide lagen da. Ich hatte Schlag- und Schallwirkung genau berechnet.

 

Was man mir als Einwand bringt, ist oft meine Prämisse. Zum Beispiel, daß meine Polemik an die Existenz greift.

 

Ich habe dennoch nie eine Person um ihretwillen angegriffen, selbst dann nicht, wenn sie mit Namen genannt war. Wäre ich ein Journalist, so würde ich meinen Stolz darein setzen, einen König zu tadeln. Da ich aber dem Gewimmel der Kärrner zu Leib gehe, so ist es Größenwahn, wenn sich ein Einzelner getroffen fühlt. Nenne ich einen, so geschieht es nur, weil der Name die plastische Wirkung der Satire erhöht. Meine Opfer sollten nach zehn Jahren künstlerischer Arbeit so weit geschult sein, daß sie das einsehen und das Lamentieren endlich aufgeben.

 

Der Satire Vorstellungen machen, heißt die Verdienste des Holzes gegen die Rücksichtslosigkeit des Feuers ins Treffen führen.

 

Ungerechtigkeit muß sein; sonst kommt man zu keinem Ende.

 

Zu meinen Glossen ist ein Kommentar notwendig. Sonst sind sie zu leicht verständlich.

 

Ich bin bereit, dem kleinsten Anlaß zuviel Ehre zu erweisen, sobald mir dazu etwas einfällt.

 

Ich betrachte es als mein unveräußerliches Recht, das kleinste Schmutzstäubchen, das mich berührt, in die Kunstform zu fassen, die mir beliebt. Dieses Recht ist ein dürftiges Äquivalent gegenüber dem Recht des Lesers, nicht zu lesen, was ihn nicht interessiert.

 

Die Satire wählt und kennt keine Objekte. Sie entsteht so, daß sie vor ihnen flieht und sie sich ihr aufdrängen.

 

Kann ich dafür, daß die Halluzinationen und Visionen leben und Namen haben und zuständig sind?

 

Kann ich dafür, daß es den M. wirklich gibt? Habe ich ihn nicht trotzdem erfunden? Wäre er Objekt, ich wählte besser. Erhebt er Anspruch, von der Satire beleidigt zu sein, beleidigt er die Satire.

 

Ich wähle den Stoff nicht, ich ziehe ihn vom Stoffe ab und wähle den Rest.

 

Wäre der Inhalt meiner Glossen Polemik, so müßte mich der Glaube, die Menge der Kleinen dezimieren zu können, ins Irrenhaus bringen.

 

Der Tropf, der nicht nur kein Weltbild hat, sondern es auch nicht sieht, wenn es ihm die Kunst entgegenbringt, muß von einer satirischen Synthese so viel zu seinem Verständnis abziehen, daß ein nichts übrig bleibt, denn dieses versteht er, und er gelangt auf dem ihm gangbaren Wege der Vereinzelung bis zu den Anlässen, die der Satiriker hinter sich gelassen hat, er identifiziert sich liebevoll mit dem Detail, gegen das sich nach seiner Meinung der Satiriker gewendet hat. Der Tropf muß sich auch durch eine Satire getroffen fühlen, die ihm nicht gilt oder weitab von seiner Interessensphäre niedergeht.

 

Ich weiß nicht, ob der Philister ein Vakuum im Weltenraume vorstellt oder ob er nur die Wand ist, die von dem Geist durch eine Toricellische Leere getrennt bleibt. Aber ob Minus oder Schranke, er muß gegen die Kunst prinzipiell feindselig reagieren. Denn sie gibt ihm ein Bewußtsein, ohne ihm ein Sein zu geben, und sie treibt ihn in die Verzweiflung eines cogito ergo non sum. Sie würde ihn zum Selbstmord treiben, wenn sie nicht die Grausamkeit hätte, ihn bei lebendigem Leibe zum Beweise seiner Nichtexistenz zu zwingen. Ob ein Bild gemalt oder ein Witz gemacht wird, der Philister führt einen Kampf ums Dasein, indem er die Augen schließt oder sich die Ohren zuhält.

 

Ein Witz kann noch durch die stoffliche Erheiterung für die tiefere Bedeutung entschädigen. Ist der Philister aber von der Partei derer, denen auch die stoffliche Beleidigung gilt, so wird er rabiat.

 

Das Verhältnis der Satire zur Gerechtigkeit ist so: Von wem man sagen kann, daß er einem Einfall eine Einsicht geopfert habe, dessen Gesinnung war so schlecht wie der Witz. Der Publizist ist ein Lump, wenn er über den Sachverhalt hinaus witzig ist. Er steht einem Objekt gegenüber, und wenn dieses der polemischen Behandlung noch so unwürdig war, er ist des Objektes unwürdiger.

 

Der Satiriker kann nie etwas Höheres einem Witz opfern; denn sein Witz ist immer höher als das was er opfert. Auf die Meinung reduziert, kann sein Witz Unrecht tun; der Gedanke hat immer Recht. Er stellt schon die Dinge und Menschen so ein, daß keinem ein Unrecht geschieht.

 

Der Gedanke richtet die Welt ein, wie der Bittere den verdorbenen Magen: er hat nichts gegen das Organ.

 

Die Satire ist fern aller Feindseligkeit und bedeutet ein Wohlwollen für eine ideale Gesamtheit, zu der sie nicht gegen, aber durch die realen Einzelnen durchdringt.

 

Es gibt keinen so Positiven wie den Künstler, dessen Stoff das Übel ist. Er erlöst von dem Übel. Jeder andere lenkt davon nur ab und läßt es in der Welt, welche dann das schutzlose Gefühl umso härter angreift.

 

Es ist halt ein Unglück, daß mir zu jedem Lumpen etwas einfällt. Aber ich glaube, daß es sich immer auf einen abwesenden König bezieht.

 

Ein Zündhölzchen, das ich angezündet hatte, gab einen Schein. Und aus wars, als ich blies.

 

Viele, mit denen ich in einem vielfachen Leben verkehrt habe, haben etwas gegen mich, wissen etwas gegen mich. Und sie werden auch etwas gegen mich beweisen können: daß ich mit ihnen verkehrt habe.

 

Die Sintflut kommt, ich lebe in der Arche Noahs. Man kann es mir also nicht verübeln, daß ich auch von dem Vieh nach seiner Art und von allerlei Gewürme auf Erden nach seiner Art in den Kasten aufgenommen habe.

 

Meine Mängel gehören mir. Das macht mir Mut, auch meine Vorzüge anzusprechen.

 

Wer wird denn einen Irrtum verstoßen, den man zur Welt gebracht hat, und ihn durch eine adoptierte Wahrheit ersetzen?

 

Um einen Irrtum gutzumachen, genügt es nicht, ihn mit einer Wahrheit zu vertauschen. Sonst lügt man.

 

Die Welt will, daß man ihr verantwortlich sei, nicht sich.

 

Bei einem Ohr herein, beim andern hinaus: da wäre der Kopf noch immer eine Durchgangsstation. Was ich höre, hat bei demselben Ohr hinauszugehen.

 

Um schreiben zu können, muß ich mich den äußeren Erlebnissen entziehen. Der Souffleur ist laut genug in meinem Zimmer.

 

Wer Erlebnisse großen Formats braucht, wird von ihnen sicher zugedeckt. Ich führe Titanenkämpfe mit Beistrichen.

 

Ein Satz kann nie zur Ruhe kommen. Nun sitzt dies Wort, denke ich, und wird sich nicht mehr rühren. Da hebt das nächste seinen Kopf und lacht mich an. Ein drittes stößt ein viertes. Die ganze Bank schabt mir Rübchen. Ich laufe hinaus; wenn ich wiederkomme, ist alles wieder ruhig; und wenn ich unter sie trete, geht der Lärm los.

 

Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück.

 

Ich nähre mich von Skrupeln, die ich mir selbst zubereite.

 

Bin ich vor der Vollendung imstande einen Stümper um Rat zu fragen, so würde ich nachher keinen Meister um ein Urteil bitten.

 

Ich glaube nicht, daß ich mir vor der Arbeit den Rat des Weisen und nach dem Druck die Meinung des Lesers gefallen ließe. Aber zwischen Arbeit und Druck kann ich in einen Zustand geraten, in dem mir die Hilfe des Druckereidieners eine Erlösung bedeutet.

 

Frage deinen Nächsten nur über Dinge, die du selbst besser weißt. Dann könnte sein Rat wertvoll sein.

 

Was ein anderer nicht weiß, entscheide ich diktatorisch. Aber ich frage ihn gern über das, was ich weiß.

 

Der Schwache zweifelt vor der Entscheidung. Der Starke hernach.

 

Es ist gut, vieles für unbedeutend und alles für bedeutend zu halten.

 

Ich habe schon manches Stilproblem zuerst durch den Kopf, und dann durch Kopf und Adler entschieden.

 

Der Gedanke forderte die Sprache heraus. Ein Wort gab das andere.

 

Nur in der Wonne sprachlicher Zeugung wird aus dem Chaos eine Welt.

 

Kunst ist das Geheimnis der Geburt des alten Wortes. Der Nachahmer ist informiert und weiß darum nicht, daß es ein Geheimnis gibt.

 

Soll einer hergehn und soll einmal das Schlußwort aus der Iphigenie stehlen: »Lebt wohl!«

 

Der Gedanke ist das, was einer Banalität zum Gedanken fehlt.

 

Meine Sprache ist die Allerweltshure, die ich zur Jungfrau mache.

 

Nachts am Schreibtisch, in einem vorgerückten Stadium geistigen Genusses, würde ich die Anwesenheit einer Frau störender empfinden als die Intervention eines Germanisten im Schlafzimmer.

 

Ich mische mich nicht gern in meine Privatangelegenheiten.

 

Als mir der Drucker die Korrektur dieses Buches sandte, sah ich im Satzbild mein Leben eingeteilt. Ich nahm wahr, daß die Frau bloß zehn Seiten umfaßte, aber der Künstler dreißig. Er dankt es ihr.

 

Als man dieser schnarchenden Gegenwart zurief, daß einer zehn Jahre nicht geschlafen habe, legte sie sich aufs andere Ohr.

 

Ich habe gute Hoffnung, daß der Nährstoff der Verzweiflung noch für ein elftes Jahr reicht.

 

Mein Respekt vor den Unbeträchtlichkeiten wächst ins Gigantische.

 

Wenn ich doch einmal nur einem bescheidenen Dummkopf begegnete, der meine Sprache nicht versteht und darum an seinem Gehör zweifelt!

 

Die Blinden wollen nicht zugeben, daß ich Augen im Kopfe habe, und die Tauben sagen, ich sei stumm.

 

Ich spreche von mir und meine die Sache. Sie sprechen von der Sache und meinen sich.

 

Wenn ich die Feder in die Hand nehme, kann mir nichts geschehen. Das sollte sich das Schicksal merken.

 

Ich bitte niemand um Feuer. Ich will es keinem verdanken. In Leben, Liebe und Literatur nicht. Und rauche doch.

 

Ich lasse mich nicht hindern zu gestalten, was mich hindert zu gestalten.

 

In mir empört sich die Sprache selbst, Trägerin des empörendsten Lebensinhalts, wider diesen selbst. Sie höhnt von selbst, kreischt und schüttelt sich vor Ekel. Leben und Sprache liegen einander in den Haaren, bis sie in Fransen gehen, und das Ende ist ein unartikuliertes Ineinander, der wahre Stil dieser Zeit.

 

Die Qual läßt mich nicht zur Wahl? Doch, ich wähle die Qual.

 

Mein Ausdruck ist ganz und gar die Laune der Umwelt, in deren Schwall und Gedränge mir von Namen und Arten, Stimmen und Mienen, Erscheinungen und Erinnerungen, Zitaten und Plakaten, Zeitungen und Gerüchten, Abfall und Zufall das Stichwort zufällt und jeder Buchstabe zum Verhängnis werden kann. Darum ist mein Werk nie fertig und macht mir, wenn es fertig ist, Verdruß. Bis es unabänderlich wurde, hielt es seine Mängel verborgen, und weil es unabänderlich ist, entblößt es sie. Seine Fehler und was ihm fehlt. Die Wunden brechen auf, wenn der Täter herantritt. Auf die Tage der Lust waren die Tage der Angst gefolgt, denn was leicht geschrieben ist, muß schwer korrigiert sein; so schwer, daß die Hinausgabe zum unsäglichen Opfer wurde. Nun, da es geschehen, folgen die Tage der Reue. Eine Maschine ist mir über den Kopf gegangen; ich hätte ihr entfliehen können. Wer vom Buchstaben lebt, kann vom Buchstaben sterben, ein Versehen oder der Intellekt des Setzers rafft ihn hin. Was ist aber dieser Tod, über den man sich mit der Unvollkommenheit menschlicher Einrichtungen tröstet, was ist ein Betriebsunfall gegen den Schmerz der nachgeborenen Gedanken? Dort nahm der Zufall, was der Zufall gegeben hat; hier wagte er mir etwas vorzuenthalten. Hier rennt jeder Augenblick mit Hiobsposten aus aller Wortwelt an das Unabänderliche. Es sind Binnenkorrekturen, deren Leid sich erst wieder in Lust am nächsten Werk verwandelt, oder sich im Tröste beruhigt, daß die menschliche Natur fast so unvollkommen sei wie eine menschliche Einrichtung. Denn es galt ja das Chaos abzubinden und den bewegten Inhalt so zu umfassen, daß er sich bewegend stehe. Wo aber auf dem Weg zur Endgiltigkeit wäre ein Ende? Hat sich das Wort mit der Welt eingelassen, so ist sie unendlich. Zur Welt gekommen, schafft es neue Welten, und das Anbot der Materie, ihr Werben um Erhörung, hört nimmer auf. Es heißt einen Strom auf zwei Armen in sein Haus tragen, und der Künstler ist der Zauberlehrling, nach dessen Willen die Schöpfung leben soll, seit Gott aus ihr sich doch einmal wegbegeben hat. Ach! und hundert Flüsse stürzen auf mich ein — Ach! Nun wird mir immer bänger! Welche Miene! welche Blicke! — Ach, ich merk' es! Wehe! Wehe! Hab' ich doch das Wort vergessen! ... Vielleicht ist die Kunst, die mit Geistesstärke Wunder tun will, wie sie nur, zu seinem Zwecke, der alte Meister vermag, am Ende die beschämteste unter allen menschlichen Künsten. Vielleicht war solche Überhebung gar nicht Kunst. Aber ob Kunst so hoch sei wie ihr Wahn oder so klein wie ihr Anlaß: sie soll erkannt sein, damit man sie nicht für Zeitvertreib halte. Wie die unausgesetzte Lust des Weibes, an der gemeinsten Reibfläche sich entflammend, zwischen Ehrfurcht und Abscheu lebe, aber nicht zum Vergnügen. Was wissen Lebemänner und Journalisten davon! Ich aber weiß, daß die Kraft zu fühlen oder die Kunst zu sagen erst dort beginnt, wo die Gesellschaftsordnung verzichtet. Und ich weiß, was meine Abhängigkeit vom Staube wert ist. Irgendwie deutet hier etwas auf ein Urbild, das Menschenantlitz trug und später entstellt ward. Dieses Verwerten eines minderwertigen Materials, dieses Zuhilfekommen der Inspiration muß eine Beziehung haben. Diese konstante Anläßlichkeit, die aus der Mücke keinen Elefanten macht, aber ihr ihn assoziiert, wirkt den satirischen Überbau der vorhandenen Welt, die nur noch geschaffen scheint, ihn zu stützen, und mit all ihrer ruchlosen Vorhandenheit ihre Berechtigung tatsächlich erweist. Was aber der soziale Sinn an ihr auszusetzen findet, ist meinem Angriff entrückt, weil der Angreifer den Übeln entrückt ist, die der soziale Sinn für die wichtigeren hält. Denn was sich im Geist begibt, ist unbeträchtlich im Staat, dessen Dimensionen für die Probleme der Nahrung und Bildung geschaffen sind. Was die Gesellschaft nicht sieht, ist klein. Was sie nicht sehen könnte, besteht nicht. Wie klein ist ein Stern im Vergleich mit einem Orden; und was sich sonst im Kosmischen begibt, ist eine Ausflucht, wenn es sich um Politik handelt. Mir blutet das Weltbild von einem Kriegsbericht; und es ist gar nicht notwendig, daß die Humanität den Notschrei erhöre, den sie nicht hört und nicht verstünde, wenn sie ihn hörte.

 

Die Erlebnisse, die ich brauche, habe ich vor der Feuermauer, die ich von meinem Schreibtisch sehe. Da ist viel Platz für das Leben, und ich kann Gott oder den Teufel an die Wand malen.

 

Mache ich die Reporter verantwortlich? Das konnte man nie glauben. Die Institution? Das tat ich vor Jahren. Das Bedürfnis des Publikums? Auch nicht mehr. Wen oder was mache ich verantwortlich? Immer den, der fragt.

 

Der Tropf ist unfähig, das Weltbild, das der Satiriker gerade in den Belanglosigkeiten überrascht, zu erkennen, und reduziert es auf den unverantwortlichen Redakteur.

 

Wenn ich die Verlorenheit der Welt an ihren Symptomen beweise, so kommt immer ein Verlorener, der mir sagt: Ja, aber was können die Symptome dafür? Die müssen doch und tun's selbst nicht gern! — Ach, ich tu's auch nicht gern und muß doch.

 

Und aus dem letzten Eckchen eines Zeitungsblattes, das noch unter meiner Lektüre liegt, lugt mir, da ich sie durchfliege, schon die Judasfratze des Jahrhunderts hervor, immer dieselbe, ob es sich um den Journalisten oder den Mediziner, den Hausierer oder den Sozialpolitiker, den Spezereikommis oder den Ästheten handelt. Immer derselbe Stupor, vom Geschmack gekräuselt und mit Bildung gefettet. Im Frisiermantel der Zeit sind alle Dummköpfe gleich, aber wenn sie sich dann erheben und von ihrem Fach zu reden beginnen, ist der eine ein Philosoph und der andere ein Börsenagent. Ich habe diese unselige Fähigkeit, sie nicht unterscheiden zu können, und ich agnosziere das Urgesicht, ohne daß ich mich um die Entlarvung bemühe.

 

Je weniger ich weiß, desto besser errate ich. Ich habe nicht Soziologie studiert und weiß nicht, daß der Kapitalismus an allem schuld ist. Ich habe die christliche Entwicklung der jüdischen Dinge nicht studiert und weiß nicht, was gewesen ist. Aber ich lese in der Kleinen Chronik und weiß, was sein wird. Ich ergänze mir ein Zähnefletschen, eine Geste, einen Gesprächsfetzen, eine Notiz zu dem unvermeidlichen Pogrom der Juden auf die Ideale.

 

Es ist ein Jammer, daß nur die Intelligenz kapiert, was ich gegen sie auf dem Herzen habe. Das Herz versteht es nicht.

 

Die wahren Wahrheiten sind die, welche man erfinden kann.

 

Wer jetzt übertreibt, kann leicht in den Verdacht kommen, die Wahrheit zu sagen. Wer erfindet, informiert zu sein.

 

Aussprechen, was ist — ein niedriger Heroismus. Nicht daß es ist, sondern daß es möglich ist: darauf kommt es an. Aussprechen, was möglich ist!

 

Ich strebe inbrünstig nach jener seelischen Kondition, in der ich, frei von aller Verantwortung, die Dummheit der Welt als Schicksal empfinden werde.

 

Wer die Gesichte und Geräusche des Tages sich nicht nahe kommen läßt, dem lauern sie auf, wenn er zu Bette geht. Es ist die Rache der Banalität, die sich in meinen Halbschlaf drängt und weil ich mich mit ihr nicht einlassen wollte, mir die Rechnung zur Unzeit präsentiert. Schon hockt sie auf den Stufen des Traumes, dreht mir eine Shylocknase und raunt mir eine Redensart, von so irdischer Leere, daß in ihr der Schall einer ganzen Stadt enthalten scheint. Wer mischt sich da in mein Innerstes? Wen traf ich mit diesem Gesicht, wen, der solche Stimme hatte? Sie sägt den Himmel entzwei, ich falle durch die Ritze und wie ich so unten daliege, finde ich das Wort: »Jetzt bin ich aus dem Himmel gefallen«, ganz so als ob es keine der Redensarten wäre, die längst zum irdischen Schall verloren sind.

 

Viele werden einst Recht haben. Es wird aber Recht von dem Unrecht sein, das ich heute habe.

 

Ich arbeite Tage und Nächte. So bleibt mir viel freie Zeit. Um ein Bild im Zimmer zu fragen, wie ihm die Arbeit gefällt, um die Uhr zu fragen, ob sie müde ist, und die Nacht, wie sie geschlafen hat.

 

Das Leben ist eine Anstrengung, die einer besseren Sache würdig wäre.

 

Mir träumte, sie glaubten mir nicht, daß ich Recht habe. Ich behauptete, es wären ihrer zehn. Nein, zwölf, sagten sie. So viel Finger an beiden Händen sind, sagte ich. Da hob einer die Hand und siehe, sie hatte sechs Finger. Also elf, sagte ich und appellierte an die andere Hand. Und siehe, sie hatte sechs Finger. Schluchzend lief ich in den Wald.

 

Die Außenwelt ist eine lästige Begleiterscheinung eines unbehaglichen Zustands.

 

Ich und das Leben: Die Affäre wurde ritterlich ausgetragen. Die Gegner schieden unversöhnt.

 

Menschsein ist irrig.

 

Wo sollte der nahe Tod sein Signal geben, wenn nicht dort, wo das Leben sitzt, im Geschlecht? Man hat bei Hingerichteten den letzten Vollzug der Wollust festgestellt. Aber neige dich über ein Treppengeländer, und du wirst die Stelle spüren, wo du sterblich bist. Nicht immer muß ein Weib der Abgrund sein, damit sich Gefahrlust melde, wie sie in fremdem Bett genossen wird. Wenn man dazu bedenkt, daß dort, wo der Tod steht, immer auch der Geist steht und daß es eine Spannung gibt vor dem Schlußpunkt, sei es des Lebens oder des Werkes, das Herzklopfen vor aller Vollendung, sei es in der Arbeit am Wort, an der Schwelle der Unabänderlichkeit, und sei es auch nur im Wettlauf von Schularbeit und Schulstunde oder im Streben an einer Kletterstange empor, wo Lust die Mühe lohnt, die ihr entgleitet — bedenkt man dies, so denke man, wie wenig es mit dem Weib zu schaffen hat, und lerne die Lust, die vom Weib nicht abhängt, nicht geringer achten. Das Weib ist unbequem, Vorstellung des Weibes ist nur bequeme Vorstellung des Unbequemen. Darf man so wenig Phantasie haben, um der Vorstellung des Weibes zu seinem Glück zu bedürfen? Der Geist hat tiefere Wollust, als der Körper beziehen könnte. Irgendwie lebt er davon, daß Wollust die Mitgift des Weibes ist. Er muß es erlebt haben. Und empfängt etwas von jener durchwaltenden Seligkeit weiblichen Empfindens, welche die arme Pointe männlicher Lust beschämt. Der Zerknirschung am Ziel entweicht er zu den Wonnen des Weges. Jede Hemmung erhitzt ihn, und keinen Anteil an diesen Gluten hat selbst das Weib, das sie kühlen wird. Eine macht sich unerreichbar, um einen zu erreichen. Aber sie weiß nicht, daß sie es nicht heute ihrer Anwesenheit, sondern gestern ihrer Abwesenheit zu danken hat. Schließlich steigt Phantasie vier Treppen hoch, um das Weib nicht zu finden, und bis zum Himmel, ohne es zu suchen. Sie hat sich des Stoffs begeben. Aber sie hat die Form, in der der Gedanke wird und mit ihm die Lust. Sie ahnt, was keiner zu wissen vermag. Sie bat sich an der Wollust gebildet und konnte von da an, durch immer neue Erlebniskreise zu immer neuen Potenzen dringend, nie versagen, wenn ungeistige Begierde längst versagt hätte. Nun bedarf sie des Anlasses nicht mehr und läßt sich an sich selbst, und genießt sich im Taumel der Assoziationen, hier einer Metapher nachjagend, die eben um die Ecke bog, dort Worte kuppelnd, Phrasen pervertierend, in Ähnlichkeiten vergafft, im seligen Mißbrauch chiastischer Verschlingung, immer auf Abenteuer aus, in Lust und Qual, zu vollenden, ungeduldig und zaudernd, immer auf zwei Wegen zum Glück, bis sie vor dem Abgrund, wo die Maschine lauert und das Unabänderliche beschlossen liegt, in Angst vergeht und an einem Hingerichteten die letzte Wollust vollzogen ist.

 

Widmung des Werkes

In tiefster Schuld vor einem Augenpaar,

worin ich schuf, was darin immer war,

geschaffen, kund zu tun, was es nicht weiß,

dem Himmel hilft es, macht der Hölle heiß.

 

In tiefster Ehrerbietung dem Gesicht,

das, Besseres verschweigend als es spricht,

ein Licht zurückstrahlt, das es nie erhellt,

der Welt geopfert, zaubert eine Welt.


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