So, indem sie den papierdünnen Charakter


So, indem sie den papierdünnen Charakter, der so leicht wiegt, daß er nicht fallen, nur steigen kann, zum Mann ihres Vertrauens machen; indem sie den umsichtigen Lenker ihres Mißgeschicks, den Eitelkeit verhindert hat, rechtzeitig als einfacher Privatmann statt als vielfacher Staatsmann über die Unabänderlichkeit des Ausgangs nachzudenken, als Propheten des von ihm zerstörten Vaterlands anerkennen; indem sie den Schützer des deutschen Blutsbündnisses, der die deutschen Siege gefürchtet hat, den Minister, der es für seine und für unsere Pflicht hielt, bis zur deutschen Niederlage auf dem Posten auszuharren und bis unser Abfall schäbig war, den Politiker, der heute, wo die deutschen Siege nicht mehr zu fürchten sind, die Überzeugung ausbaut und vertieft, daß unser Anschluß an Deutschland vom Übel wäre — indem sie diesen Doppelgänger seiner politischen Karriere in die neue Welt geleiten: tritt am sinnfälligsten unser Verhältnis zu ihr hervor, das kein anderes ist als das der gaffenden Neugierde, welche gestern der Hoheit und heute der Freiheit das Wagentürl öffnet. Und wenn es wahr ist, daß jene dort, denen wir den Anblick verdanken, nun den Sieg des Rechts als Sieg genießen, weil — das eben ist der Fluch der deutschen Tat — die Waffe stärker ist als der Mann und als die Sache, für die er sie verwandt hat; und wenn diese hier, von der sittlichen Macht der Niederlage nicht aufzurichten, verurteilt sind, zu bleiben was sie sind: dann wäre wohl die Menschheit besiegt und der Sieg nur die Entscheidung, daß ihr nicht zu helfen ist. Jene entarten im Gewinn; unser ist der Verlust und vergeblich. Setzten die dort, wie uns, auch sich selbst das Maß, sie würden die Giftquelle erkennen, aus der unsere Welt vergast wurde, bevor wir es der Welt getan. Ihr Sieg hat uns geholfen; nun sollte er sie nicht um die Kraft bringen, nachzuhelfen. Sie haben uns von den Tyrannen befreit; sie sollten uns auch von dem Fluch befreien, Untertanen zu sein. Die Beseitigung des heimlichen Vorgesetzten, den jeder hier zwischen sich und dem Leben hat und den jeder hier jedem vorstellt, und die Erledigung der Gefahr, die solcher Botmäßigkeit von einer gebietenden Geistesfeindschaft droht — welche bessere Hilfe, welch edleren Sinn der Selbstbestimmung, könnten wir uns nach dem Ausgang eines Kriegs, in den diese Macht uns verstrickt hat, von der siegreichen Weltanschauung erhoffen?

Freilich würde die Machtlosigkeit derer, die uns besiegt haben, gegen jene, die uns vorher besiegt hatten, den Status quo des allgemeinen Geisteselends wiederherstellen. Denn das gehört ja zum Verbrechen dieser mitteleuropäischen Wahnmächte, die sich den äußern Feind erschufen anstatt den innern zu erkennen: daß sie den extremsten Zweifler an der weißen Kulturmenschheit — jener christlichen Couleur, die nicht weiß ist von Unschuld, sondern vor Lebensfurcht — in einen Optimisten verwandelt haben. In einen, der durch all ihre Weltvernichtung hindurch bejahen, trotz allem Verhängnis deutscher Siege an eine Entwicklung glauben und die Zurückstellung jeglicher Rassenfeindschaft, die aller diplomatischen Grundregeln spottende Einigung der Menschheit im Haß gegen das Zentrum der Hölle achten mußte als die letzte Regung eines christlichen Bewußtseins, als die letzte elementare Tatsache, deren dieses Europa fähig war, als den Verzweiflungsakt einer Zivilisation, die sich noch auf dem Abweg zeitlicher Richtung spüren konnte und in Todesangst verging, deutsch zu werden wie ein Deutschland, dessen Leben seit seiner Mißgeburt am Sedanstag eine fünfzigjährige Sünde war und das seinen guten Geistern Krieg erklärt hat mit dem Entschluß, die ungünstige geographische Lage zu einer Einkreisung der Welt durch die materialistische Ideologie zu benützen. Der einzig mögliche Optimismus dieser Trübnis würde selbst von der Verzerrung einer Rechtsidee nicht beschämt, die, nicht durch Predigt, sondern nur durch Anwendung analoger Machtmittel an ihr Ziel gebracht, nicht sofort auch der eigenen Rüstung entsagt. Wenn die abendländische Geistigkeit nach der Beseitigung eines Übels, das selbst ein technisch entehrtes Jahrhundert noch geschändet hätte, in ihre zeitgemäße Niederung hinabsinkt und diese Partie der Menschheit eben das ist, was sie ist, aber nur nicht das, was sie geworden wäre, so hat sie trotz allem genug getan, und ihr bliebe selbst in der imperialistischen Ausartung ihrer Lebensform noch eine Sicherheit, jene, die allüberall außerhalb Neudeutschlands, von den Feuerländern bis zu den Samojeden, Kultur bewirkt und die eben das Gemeinsame ist, das sie zur Abwehr geeint und befähigt hat: die Sicherheit, die die Geistesdinge und die Lebensdinge nicht zur Mixtur bringt und wie wenig auch für jene übrigbliebe, doch die Kraft des Auseinanderhaltens und schon dadurch die geistige Möglichkeit behauptet. Es war ein Sieg der einfachen Buchhaltung über die doppelte, und es war ein Sieg des Geistes: daß er sich durch die vollkommenste Investierung in das Lebensgeschäft auch des Kampfes, durch die Beschlagnahme aller Seelengüter bis zu Gott, nicht erringen ließ. Das Wunder am deutschen Sinn, ihn die Trennung der Realitäten von den Idealen erleben zu lassen, vermag nur die Niederlage. Berührt es nicht in dieser Zeit, die jedem Begebnis die Deutlichkeit eines Zeichens gibt, als ein Moment tragischer Läuterung, daß die deutsche Waffenstillstandskommission sich gezwungen sieht, das Herz des Feindes durch die Mahnung an das bevorstehende Weihnachten zu erweichen, uneingedenk einer Vergangenheit, in der ihm Bomben als »deutsche Weihnachtsgrüße« übersandt wurden! Es war das stärkste Beispiel von Verbindung seelischer und materieller Betätigung, und das stärkste Beispiel ihrer Trennung hat das Schicksal bewirkt. Man soll in Ehrerbietung vor solcher Macht nicht forschen, wie sie als Sieger gehandelt hätten, um so weniger als man ja weiß, wie sie als Sieger — nicht als Befreier ihres Landes, sondern als Eroberer — gehandelt haben und daß alle feindlichen Verfügungen nur Kopien sind, mit Ausnahme jener von höchster Würde diktierten Mahnung an die amerikanischen Besatzungstruppen, die kein Vorbild in den deutschen Tagen Belgiens hat, und die man wohl nicht, wie ehedem die Drohung einer von der höchsten Sittlichkeit mobilisierten Macht, als »Bluff« verlachen wird. Wären wir die Sieger, es würde den andern schlechter gehen als uns, die die Niederlage in einem Krieg erleiden, den wir begonnen haben. Der Menschenfreund auf besiegter Seite findet sich mit dem glimpflichen Ausgang ab und begrenzt die Nächstenliebe nicht auf ein Vaterland, das in Wahrheit nur der eigene Magen oder die eigene Börse ist. Denn der Selbsterhaltungstrieb, der sich lange genug von den Nöten des Gegners genährt hat, befähigt kaum zu einer gerechten Betrachtung der Welt. Der will nicht Buße tun in Armut; er ruft das sittliche Gewissen an, um die Selbstbestimmung des Zinsfußes zu retten. Die Entente verlangt die Unterbringung des Goldbestandes der Reichsbank außerhalb des gefährdeten Berlin; ob Vorwand oder Vorsicht: »Diese Bosheit konnte nur in der Hölle ausgesonnen werden«. Welcher Region aber mag »Gelbkreuz« entstammt sein, die deutsche »Handgasbombe B, deren Giftmasse sich verspritzt und starke eiternde Wunden erzeugt, die eine ähnliche Flüssigkeit wie bei Tripper absondern und noch innerhalb eines Tages unter qualvollen Schmerzen den Tod des Betroffenen herbeiführen«? Wie bitter der feindliche Sieg in einem Kriege, den Deutschland bis zur Niederlage nur militärisch entschieden haben wollte, auf unserm äußern Leben lasten, wie hart er jene Unschuldigen treffen wird, die doch nie so unschuldig hätten sein dürfen, die Ruchlosigkeiten der Kriegführung und jene des Friedens von Brest-Litowsk ihren Verderbern und sich selbst als Triumph anzurechnen — der Gegenfaust, und wäre ihr Druck durch keinen Handschuh gelindert, gebührt der Dank aller, die sie von den härtern Bedrückern befreit hat, und vor dem härtesten, sich selbst, befreien möge! Wenn der Sieg den Siegern Unheil bringt — den Besiegten hat er geholfen. Der besorgte Republikaner, der schon vom Konkurs eines Staates, der ihm die Lebensgüter schuldig geblieben ist, ihre Rückerstattung erwartet, ist kein anderer als der unsaubere Patriot, der noch für sein späteres Wohlergehen fremde Leiden ertragen hat. Aber es ist ein Glück, daß die Jahrtausenddinge trotz der Enttäuschung jener geschehen, die sie aus der Perspektive ihrer Kaisersemmel betrachten, aus jener Perspektive, aus der der Krieg vor seinem Beginn zu betrachten und zu vermeiden war. Notwendiger als das Notwendige ist, daß wir ein Leben zu führen lernen, in dem wir geschützt sind vor der Möglichkeit, das Notwendige dadurch zu verlieren, daß wir uns daran verlieren.

Könnten sie uns den Lebenszweck wieder ins Land bringen, um den alle Regenten unserer Armseligkeit uns betrogen haben, wir lernten an einen Gott glauben, der die Niederlagen spendet. Denn mit den Lebensmitteln, deren Knappheit zwar auch der Mißerfolg jener ist, die durch eine Fülle an Todesmitteln der Welt zu imponieren glaubten — aber leider nicht ihre, sondern ihrer Sklaven Strafe —, ist es bei weitem nicht getan. Das primum vivere deinde philosophari ist eine plane physikalische Erkenntnis. Aber wenn primum philosophari wäre, käme es nie so weit, sie beherzigen zu müssen. Jetzt ist sie der Notausgang eines falschen Lebens, das gerade anstatt alles Leben auf das Denken, alles Denken auf das Leben eingestellt hatte und darum an diesem und jenem verarmen mußte. Wenn philosophari primum ist, ergibt sich alles vivere »deinde« und viel reicher, es wird wieder zur selbstverständlichen Voraussetzung alles Denkens, so daß dann der Satz als die Anleitung zu einem geordneten Lebenshaushalt erst zu Ehren kommt. Wir brauchen das Leben als Zweck, damit uns künftig das Leben als Mittel nicht fehle. Die Zubuße ist Wohltat für Bettler, aber solange nicht jene zu büßen haben, deren Wille es war, daß wir zu Bettlern wurden, ist uns schon gar nicht geholfen. Eben an dem Schauspiel, wie eine am Krieg unbeteiligte, nur ihn führende Gesellschaft noch immer die Waggons zählt, die ihren Schleichhandel besorgen, und schon die Waggons, die sie von feindlicher Großmut und neutraler Barmherzigkeit erwartet, sollten Engländer und Franzosen, aber nicht die, die sie als »weiße« von den »farbigen« unterschied, sondern eben diese erkennen, welche Menschenart, keiner Farbe der Scham und der Beschämung fähig, am Fuße des Kahlenbergs haust. Die Schweizer, verkünden sie, sparen sich's vom Mund ab; jede Stadt dort will die erste sein, Hilfe zu bringen; die Leute in Zürich sagen, daß sie »unter den Hiobsnachrichten aus Wien seelisch leiden, als ginge das Gespenst des Hungers durch ihre eigene Stadt«. Und nun stelle man, wenn man genug Phantasie hat, Tatsachen zu bemerken, dem mitleidenden Ausland jene Wiener Wirklichkeit gegenüber, die nicht hungert und friert, nicht um ein Deka Fleisch die Nächte im Dreck steht, nicht barfüßig durch finstere Tage schleicht und nicht, eh' der Friede kommt, von der Tuberkulose erwürgt wird. Ja, gibts denn solche Ausnahme? Geschiehts denn nicht allen? Wenn Krieg ist, also wenn der Feind oder die Behörde für Hunger und Kohlenmangel gesorgt haben, so müssen doch alle frieren und hungern? Reich oder Arm kann doch nur in der Unbill des Friedens, wenn just keine Hungersnot herrscht, aber doch die einen es gut und die andern es schlecht haben, ein Unterschied sein; dann hungern, wie sich's gehört, die Armen. Aber wenn Krieg ist und Krieg Krieg ist, wenn also Hungersnot herrscht, so herrscht sie doch über alle? Nein, da wird der veränderten Sachlage höchstens die Konzession gemacht, daß auch der »Mittelstand« arm wird und deshalb hungert. Aber die Reichen hungern noch immer nicht. In keinem Notstandsausweis wird es behauptet. Und wenn sie nicht hungern, so wäre wohl der Beweis erbracht, daß Speise vorhanden ist, woraus sich mit zwingender, nur nicht die Reichen zwingender Notwendigkeit der Schluß ergäbe, daß keine Hungersnot herrscht. Die Erkenntnisse, die sich hier aus Problem und Quantität schöpfen lassen, sind so primitiv, daß man sich ihrer fast so schämt wie des Sachverhalts, und das Staunen des Tolstoischen Bauern über die Sünde des Zinsennehmens wird daneben zur nationalökonomischen Finte. Die zum Himmel eines Christenlands stinkende Infamie, daß die von Gott ganz gleichartig erschaffenen Magen nicht einmal nach dem Existenzwert der ganzen Leiber, sondern nach dem Inhalt ihrer Taschen unterschieden werden, so daß nicht nur jene, die sie schon vor dem Krieg gefüllt hatten, sondern auch solche, und zumeist solche, die sie erst durch den Krieg gefüllt haben, auch den Magen gefüllt kriegen, die andern aber auch damit leer ausgehen — raubt den Räubern nicht nur nicht den Schlaf, sondern wird von ihnen selbst, den aus irgendeinem geheimnisvollen kataphysischen Grund Bevorzugten, als der natürlichste Zustand von der Welt vom Morgen bis zum Abend dargeboten, zugegeben und erörtert. Es ist hier möglich, daß in Eßwarenhandlungen, die unser Idealismus zu Delikatessenhandlungen verklärt hat, wo also eo ipso Zartgefühl vorrätig sein müßte, Menschen ihre Einkäufe besorgen und während sie bedient werden, zuschauen, wie die von draußen hereinschauen und wie, die Nase an das Auslagefenster gedrückt, Hungergesichter die aufgeschichteten Würste als Schauspiel genießen; und in den Zeitungen, die der Verpackung der Ware dienen, werden die täglichen Chancen der Zufuhr aus dem Ausland erörtert für jene, die draußen stehn. Ich lasse mich zu einem Gelübde hinreißen: jedem dieser Wiener, die sich an der Kriegswohltätigkeit zu schaffen gemacht haben und den Weckrufen einer großen Zeit gehorsam selbst Gold für Eisen gaben, wenn's ihnen auf dem Wurstpapier bestätigt ward, jedem der einmal dabei betreten wurde, wie er eines der Kinder, deren hungerstarres Auge seinen Einkauf begleitet hat, in den Laden rief und ihm zu essen gab — will ich das eiserne Wiener Herz zurückverwandeln; doch furcht' ich, daß das Scherflein, das mir da zu Lasten fällt, kaum ein Schwarzgelbes Kreuz wert sein wird. Denn diese Menschen regen sich selbst dann nicht, wenn vor dem Schaufenster der Delikatessen sich schon das Ausland ansammelt und an die Parias die Gabe wendet, welche man besitzt, indem man sie gibt. Unaufmerksam bleiben die drin nicht; mit der dem Schurkengewissen eigentümlichen Großmut wird der Verteilungsmodus erörtert und eingeräumt, daß nicht in erster Linie sie selbst — wie selbstlos —, sondern »zunächst die Ärmsten der Armen« beschenkt werden sollen. Würden sie nicht drinnen schon bedient, so müßte man fragen: Ja warum denn? Schafft Armut denn ein Vorrecht auf Sättigung? Alle Magen sind gleichartig erschaffen und wenn Hungersnot im Land ist, so haben doch die Reichsten der Reichen die Speise ebenso nötig wie alle andern? Aber sie geben ja zu, auch wenn wir's nicht im Vorbeigehn feststellen könnten, daß sie versorgt sind, und darum überlassen sie den Einlauf der Schweizer Wohltätigkeit zunächst den andern. Und sind sie denn nicht auch an ihr aktiv beteiligt, wie nur an den Gelegenheiten, die die Charitas während des Kriegs gemacht hat? Ihre »Aufmerksamkeit« gilt der Ankunft des Schweizer Hilfszugs, der seinerseits dem genius loci das Zugeständnis macht, daß er an diesem mit Verspätung ankommt und nicht ohne eine Entgleisung in St. Polten erlitten zu haben. Ist er aber einmal zur Stelle, so sind sie es auch, und ganz wie im Frieden, ganz wie im Krieg, ganz wie beim Debüt des Grafen Czernin sind sie unter jenen Anwesenden, unter welchen man bemerkte, sie und immer sie, die Spitzen und die Stützen, die Vertreter, die wenigen die auserwählt sind, die Frühaufsteher, die ersten, die die letzten sein werden, die last not least, die Lückenbüßer, die Augendiener und die falschen Brüder, die mit unserem Pfunde wuchern, mit fremdem Kalbe pflügen, die da ernten wo sie nicht gesäet haben, Steine statt Brot geben, zahlreiche Offiziere und viele Damen. Ein Rudel von Immerdenselben, stets unter sich und dennoch, wie einsam in ihrer Schamverlassenheit! Keiner errötet bei der Vorstellung, daß der Schweizer Delegierte ihn fragen könnte, wieso er so gut aussehe. Und sie können von Glück sagen, daß die Frage, ob nicht die Ringstraße, das Rathausviertel, das Cottage und Hietzing annähernd so viel abgeben könnten wie ganz Zürich, auch von Zürich unterdrückt wird, nicht weil sie dann verlegen würden, sondern weil dann Favoriten, Fünfhaus, Brigittenau und Ottakring überhaupt nichts kriegten. Am wünschenswertesten freilich wäre jener moralische Ausgleich, durch den die Schweizer den einen ihr Mitleid bewahrten und für die andern ihre Verachtung übrig hätten, und beide Gefühle für eine Autorität, die jegliche Macht gehabt hat, nur die eine nicht, mit den Privilegien der Verdauung aufzuräumen und eine Ordnung der Not herzustellen, bei der die bekannte Rolle des Geldes, »keine Rolle zu spielen«, einmal im redlichen Sinne zur Geltung kommt. Weil dann erst das Recht einer Hungergemeinde feststünde, an die Mildtätigkeit des Auslands zu appellieren, die weiß Gott nicht zugänglicher sein sollte als das Gewissen des Inlands. Wer unterzöge sich der Mühe, in den gutsituierten Herzen Nachschau nach dem Vorrat an Erbarmen zu halten, an einer Nächstenliebe, die doch schon ein Raumbegriff wäre? Doch nicht einmal die Offiziere der englischen Mission, die jetzt von den Reichsten der Reichen, den Schamlosesten der Schamlosen an ihre Tafeln geladen werden und deren Reservestellung von den Besiegten im Sturm genommen wird. Wer untersuchte denn, ob die Wiener gleich den Zürchern unter den Hiobsnachrichten aus Wien seelisch leiden, als ginge das Gespenst des Hungers durch ihre eigene Stadt? Sie haben's ja nicht nötig, weil sie das Gespenst doch eh bei der Hand haben, also auf Erzählungen und Berichte nicht angewiesen sind; weil, wenn sie aus dem »Rostraum«, nicht etwa einer vom irdischen Jammer entlegenen Hölle, sondern des Hotel Bristol heraustreten, sie der Spazierweg durch eine Allee von Menschenstummeln aller Arten führt, von Fragmenten und Freaks, die einen Barnum faszinieren könnten und wie erst mit diesem ganzen Kontrast lustwandelnder Beleibtheit! Dies alles haben sie doch alle Tage, vor und nach Tisch, und wenn's ihnen aufstößt, so steht es, liegt es, kriecht es vor ihren Füßen. Ein müder Sperling sitzt auf einem Schutthaufen, vor dem Gebäude des Kriegspressequartiers; nein, ein Umhängtuch ist es; nein, ein zaundürres, winziges Stückchen Greisenalter; sie ist vor Erschöpfung gerade dort eingesunken. Vor dem Kriegsministerium sitzt der Radetzky; sie sitzt vor dem Kriegspressequartier. Nie sah ich Ärmeres. Es ist die Glorie. So habe ich ihr Ende immer geschaut. Vom Mord zum Raub, vom Raub zum Fraß eilen die dort vorbei; das Kriegsglück hat sie über den Mittelstand emporgehoben. Für das Gespenst des Hungers, das da sitzt, wird schon die Schweiz sorgen. Sie machen sogar Propaganda. Wie einst, als es uns schlecht ging, für unsern Wohlstand, so jetzt, da sich nichts verändert hat, für unsere Not. Nichts ist ihnen erwünschter, als daß das neutrale Ausland und hoffentlich der Feind erfährt, daß es uns schlecht geht. Daß die Ärmsten der Armen verhungern und die andern — zur Not — versorgt sind. Sie genieren sich nicht, für die Bettler betteln zu gehen, auch wenn's keine Medaille mehr trägt und selbst wenn's keine Reklame mehr trüge, nur die Wohltat, nichts geben zu müssen; so selbstlos sind sie. Ihnen die Erbärmlichkeit, den andern das Erbarmen. In ihren Zeitungen wird der Hungertod von Studenten — die Fälle sind gesucht — zu Stimmungsbildern verarbeitet: »Wochenlang dauerte dieses stumme Ringen, wochenlang saß der Arme kraftlos zu Hause, sah er unzählige Male auf die Tür ... Niemand kam, niemand half, nur der Tod schlich herein und schlich langsam, langsam aufsein Opfer los«, und so starb jener, der durch das Feuilletonhonorar, das dieser an seinem Hungertod verdient, zu retten gewesen wäre.


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Seite zuletzt aktualisiert: 17.09.2007 
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