So sage ich denn


So sage ich denn: Daß ich dem toten Russen zwischen den Flügelmännern des Hungers mehr nachtrauere als diesem Österreich, dessen Verwesung noch die neue Zeitluft bedrängen möchte. Und daß ich nichts so sehr gehaßt habe als mein Vaterland, dessen Lebzeiten mir keinen Augenblick das Gefühl, in der freien Luft der Gotteswelt zu atmen, gegönnt, die Sorge um sterbende Werte genommen haben. Wiewohl sein Ruf in meine glorienreine Abgeschiedenheit kaum je anders als durch die phantastischen Zumutungen des vaterländischen Telephons gedrungen ist, in denen mir das ganze Wirrsal dieses kreuz und queren Staatswesens halluziniert war, mit seiner vielstimmigen Konferenz aller Kobolde und Genien des Lokus, mit seinem ganzen Inbegriff aller Störungsbüros; wiewohl ich mithin nur bestimmt war, diesem irreparablen Altar des Vaterlands mein Nervenleben zu weihen, so kann ich doch den beispiellosen Gewinn ermessen, den sein Verlust bedeutet, nebst der Frivolität jener, die ihn betrauern. Denn wenn zum endlichen Beweise der Menschheit allüberall die Stunde anbricht, wo Vaterland als Zeitverlust und als eine Einbuße an Lebensgütern empfunden wird, so grenzt es an Affenschande, den abgelebten Fabel- und Fibelwert einem Verein reservieren zu wollen, dessen Statuten geradezu darauf abgezielt waren, ihn zum Schaden seiner Mitglieder auszuwirken. Es kann angesichts des Hingangs dieses Toten, der es lange genug war und uns von der Pietät zu leben zwang, keine würdigere Empfindung geben als die der Freude, gemindert durch das schmerzliche Bedauern, daß kein Teilchen von ihm übriggeblieben ist, um sie zur Schadenfreude zu veredeln. Wenn Deutsch-Österreich sich vom Gemüt seiner Inwohner verführen lassen wollte, sich als ein Stück von ihm zu bekennen, so gäb's eine Mordshetz! Es sollte aber nicht. Nur den einen Zusammenhang darf es geben: die dumpfe Erinnerung an einen überstandenen Angsttraum. Wir hatten einmal eine Sage gehört von einem bösen Mißstaat, den ein Dämon träumte, nun schliefen wir ein und träumten's auch. Erwachend aber greift Zettel der Weber, der nicht in die Arme einer Feenkönigin, sondern einer Hexe eingerückt war, die ihn immer zu salutieren zwang, sich noch einmal an die Stirn und spricht: »Ich habe ein äußerst rares Gesicht gehabt.« Er hat das österreichische Antlitz gesehn. »Ich hatte ′nen Traum — ′s geht über Menschenwitz, zu sagen, was es für ein Traum war. Der Mensch ist nur ein Esel, wenn er sich einfallen läßt, diesen Traum auszulegen. Mir war, als wär' ich — kein Menschenkind kann sagen, was. Mir war, als wär' ich, und mir war, als hätt' ich — aber der Mensch ist nur ein lumpiger Hanswurst, wenn er sich unterfangt, zu sagen, was mir war, als hätt' ich's; des Menschen Auge hat's nicht gehört, des Menschen Ohr hat's nicht gesehen, des Menschen Hand kann's nicht schmecken, seine Zunge kann's nicht begreifen, und sein Herz nicht wieder sagen, was mein Traum war. Ich will den Peter Squenz dazu kriegen, mir von diesem Traum eine Ballade zu schreiben; sie soll Zettels Traum heißen, weil sie so seltsam angezettelt ist, und ich will sie gegen das Ende des Stücks vor dem Herzoge singen.« Es geht über Menschenwitz, zu sagen, was es für ein Traum war. Er hatte geträumt, daß er die Montur eines Esels trug! Was für ein Esel war er, diese Montur zu tragen! Und wie er sich schämt! Er war einrückend gemacht; nun rückt er von sich ab. Und die hier? Die bekennen sich zum Alpdruck dieser feldgrauen Nacht und träumen von ihrem Traum. Zeit- und Landsgenossen dieser Unsäglichkeiten gewesen zu sein, es erniedrigt sie nicht. Sie fühlen keinen Schauder vor dem guten Gewissen, das ihnen ferneren Schlaf, Verdauung und Begattung erlaubt; nein, sie fühlen einen Zuwachs an Ehre: den Anstiftern, Organisatoren und Helfern einer Tat, die eine Zukunftsbibel als das größte Erbrechen der Sünde in das Antlitz der Schöpfung zeichnen wird, auf der Straße zu begegnen und die blutige Hand zu drücken, den Charlatanen am Weltgericht, Diurnistenseelen, die den jüngsten Tag dazunahmen, und die, wenn sie sonst nichts über uns verhängt hätten als die Posaunen ihrer blechernen Phraseologie, und wenn wir ihres Waltens keinen Hauch verspürt hätten als die Verwandlung eines österreichischen Eisenbahnklosetts, des Inferno der Friedenszeiten, in einen Protektionsplatz — ihr ganzes emeritiertes Leben dortselbst zu verbringen Anspruch hätten! Diese Eisenfresser, die nicht einmal ahnten, daß sie vom Wucher geschoben wurden wie ein Waggon Speck, wenn sie nicht zufällig das Unternehmen in eigener Regie führten, sind wie Pfauen und Paradiesvögel durch unsere Hölle stolziert — und dieser Stolz war der unsere und diese Dummheit war die unsere. ′s geht über Menschenwitz, zu sagen, wie dumm wir waren! Und wie erbärmlich wir sind, wenn wir noch auf das Naturrecht der Dummheit, sich vor ihren Betrügern zu schämen, verzichten wollen, wenn wir diese nicht verleugnen, sondern der schamlosen Dummheit fähig sind, jene zu verleugnen, die uns gerettet haben! Wollen wir aber das Beispiel Zettels des Webers nicht, so sollten wir doch den Schuster Voigt als Lehrmeister anerkennen. Und war's kein Traum, so war's eine gigantische Köpenickiade. Und wenn wir nicht die Uniform trugen, so sind wir ihr aufgesessen. Und sind einfach aus dem Grund, weil eine Horde von Plünderern — man liest dergleichen — in militärischer Verkleidung gegen uns angerückt kam, bereit gewesen, alles was wir am Leib und an der Seele hatten und das Leben selbst auszuliefern, denn wir waren im Glauben, es sei für's Vaterland. Aber wahrlich, die falschen Patrouillen, die so oft in die Wohnungen drangen und die Hausbewohner aufs Knie zwangen, waren um kein Jota weniger legitimiert als die echten, und der Menschheitsbetrug, zu dessen Opfern wir seit Generationen erzogen waren, bestand in der frechen Irreführung, daß die echten die echten seien. Die vaterländische Idee war nichts anderes als der Ruhmfusel zur Animierung für ein bei klarem Verstand zweifelhaftes Geschäft und unzweifelhaftes Verbrechen, als die verklärende Ausrede für einen Diebsplan, und darum ein Betrug am Beutel und am Ideal zugleich; ihre Exekutoren nichts als mehr oder minder bewußte Einbrecher, deren Komplizen Seelsorger, Jugendbildner, Ärzte und sonstige Konsorten der Humanität, ihre Opfer beklagenswert, tadelnswert und nur entschuldigt durch eine angeborne, von der vaterländischen Erziehung bestärkte Geistesschwäche. Einen größeren Schaden, um klug zu werden, hat es nie zuvor gegeben, seit dem Tag, da die bewohnte Erde die satanische Lust bekam, sich mutwillig der Vorteile einer Gottesschöpfung zu begeben. Nie ist mehr Licht in der Finsternis aufgegangen, nie war der Zusammenhang zwischen dem Geistproblem und der Wirtschaftsfrage so schonungslos klar bis zu der Erkenntnis, daß gedrosseltes Gas vom gedrosselten Atem kommt. Jener Welt, die es besser hat, Amerika, haben wir mehr zu verdanken, als wir durch den grausamsten Ausgang verlieren könnten, und auch durch alle Verluste, die alle blutberauschte Menschheit sich selbst noch vorbehält. Denn nicht von Feind zu Feind, zwischen Front und Stadt auch müssen diese Unstimmigkeiten beglichen werden; es gibt noch Panzerautomobile, einem Korso zu begegnen, und, zum Ungeheuren gewöhnt, warten wir, bis das Leben der Quantität im Tod ersattet ist. Nur dem Phantasiebankrott, der ihn ermöglicht hat, gedeiht die Vorstellung, daß dieser Krieg mit einem Frieden endet. So sachlich befriedigt sich eine durch Mechanik aufgerissene Natur nicht; und das Wunder der Idee wirkt nicht nach der Uhr. Wilsons unsterbliche Tat — von dem unsterblichen Gedanken jenes Kant bezogen, dessen kategorischen Imperativ die Deutschen als Reglementsvorschrift erfaßten, damit sie Nietzsches Willen zur Macht desto besser verstehen konnten — ist die Befreiung unseres geistigen Schatzes von dem bösen Königsdrachen, der ihn verarmt und verschmutzt hatte, von jenem Basilisken, der in unserer Mythologie durch seinen Blick getötet hat, aber in der Naturgeschichte Amerikas als eine unschädliche Eidechse geführt wird. Nie mehr wird aus den glücklich verhängten Schaufenstern, die noch keine neuen Mißgeburten bieten können, uns dieses Gesicht, vor dem sich der eigene Bart sträubte, bedrohen; nie mehr daneben das österreichische Antlitz zu unsern Herzen sprechen, als Edelgreis oder Edelknabe, im Gebet versunken oder vom Arbeitstisch des Hofsalonwagens ins blutige Leere schauend, beiderseits ohne es gewollt zu haben. Nie mehr sehen wir jenen Königsdrachen, den Leibesklumpen emporgereckt zu der ersehnten Höhe, zu der erträumten Geste des Schwertstreichs, die wahrhaftig den Krieg erklärt, unter Volksvertretern, die nicht mehr als Parteien, nur noch als Idioten gekannt sein wollen. Nie mehr die widerliche Szene, wie dem Basiliskenblick, gesenkten Hauptes, Tränen enttropfen; nie mehr die peinigende Berufung des Freiheitskriegers, dem es, noch im vierten Jahr, kein Kampf um die Güter der Erde ist; nie mehr das Schmählichste von allem, wie ein Haufe dieses ärmsten Menschenviehs, ganz mit den verzerrten Mäulern und irren Augen, ganz wie's zwischen Gitterstäben eines Transports zur Schlachtbank sichtbar ist, vor dem Sturmangriff »Wir treten zu beten vor Gott den Gerechten« anstimmt. Nie mehr werden wir's schauen, nie mehr wird es sein. Von der Glorie entlaust, mit dem Menschenrecht, daß wieder Geist wachse, wo Zierat und Untat war, gehn wir in die Welt ein, und das verdanken wir dem nüchternen Prinzip jener Anstalt, die unsere Romantik nicht gescheut hat, um uns den Kopf zurechtzusetzen. Denn es geschah das Wunder, daß der barste Lebenssinn an uns zur Ekstase entbrannte, um uns vom Mischmasch zu erlösen, und daß er sich freiwillig unter den letzten Fluch eines falschen Lebens begab, unter den Heldenzwang, fanatisch entschlossen, uns von ihm zu befreien. Wilson hat den Völkern Europas geholfen, ihre heiligsten Güter zu wahren! Der Gedanke des Völkerbunds ist so stark, daß es seiner Durchführung nicht braucht, um die Welt mores zu lehren, sondern nur der Bereitschaft eines Staates, lieber erobert als gerüstet zu sein. Die schlechte Einteilung, daß Menschen, die mit Lunge, Leber, Milz und andern Organen ausgestattet sind wie wir, nur deshalb weil sie kein Gehirn haben, dafür durch Ansehen von uns entschädigt sein sollen, ist beseitigt. Daß solchen Individuen gar die Entscheidung über unser Leben anzuvertrauen wäre und daß es gut so sei, wird kein Fibelstück künftig mehr den Kleinen erzählen, die schon dadurch, daß sie nicht mehr gelehrt werden sollen, Speere zu werfen, wieder anfangen werden die Götter zu ehren. Eine Untersuchung darüber, ob irgendje an einer Feldherrntat der Genius beteiligt war, wird für eine künftige Geistesbildung unerheblich sein, da die Schändung des Handwerks durch die Inspirationen jener, die eine Metzgerarbeit um ihrer eigenen Existenz willen befehligt haben, die angeekelte Menschheit zu anderen Interessen bekehren, und an der Erfindung des Schießpulvers für alle Zukunft nichts weiter bemerkenswert sein wird als ihre Gleichzeitigkeit mit der Erfindung der Druckerschwärze. Überhaupt wird der geschichtlichen Wissenschaft das Opfer nicht erspart bleiben, auf einen guten Teil ihrer positiven Ergebnisse für den verneinenden Gebrauch der Kulturgeschichte zu verzichten. Nicht jene, diese wird die Jahreszahlen der Offensiven verzeichnen; diese wird, nebst Konterfei, den Lebenslauf der Generale aufbewahren, die, von der technischen Durchbildung ihres Berufes abgesehen, auch alle Disziplinen des Geistes dem Zwecke der Menschenschlachtung unterzuordnen vermocht haben: die Theologie zur »Aufpulverung« einer Mannschaft, die durch Schlamm und Schnee stürmen und nicht vor dem Heldentod Hungers sterben soll, die Medizin zur Zusammenflickung ihrer Leiber, die Juristerei zu ihrer Hinrichtung, und die Philosophie zur Verleihung des Ehrendoktorats auf Grund dieser Verdienste an die Generalität. Die Kulturgeschichte wird, wenn sie allen strategischen Sinn als die Aufgabe erfaßt, den Völkern unter dem Vorwand der Kriegführung das Vaterland zum Feind zu machen, den eigentlichen Kriegsplan nicht übersehen dürfen: eine gerechte Einteilung der Welt in Front und Hinterland, die eben der Gelegenheit zum Mord auch eine Entschädigung durch Raub anschließt. Dabei wird die Kulturgeschichte des Anschauungsunterrichts in den wenigsten Fällen entbehren können, da die meisten des Versuchs, sie durch schriftliche Mitteilung glaubhaft zu machen, schon heute spotten. Wenn sie nicht versäumen wird, aus Weltspiegeln und Interessanten Blättern die Photographien zu übernehmen, welche die Feldkuraten beim letzten Liebesdienst an sterbenden Helden zeigen und die Scharfrichter post festum beim Fest; wenn sie die Altare aus Schrapnells, die Kruzifixe aus Granaten, die Kronprinzeninitialen aus Flammen, die Kinder mit Gasmasken verewigen soll, so wird sie auch bestrebt sein, Genreszenen, die am Tatort nicht photographiert worden sind, nachzubilden, wie etwa die Frauen, die vor deutschen Offizieren einen Knix machen müssen; die deutschen Verwundeten, die vor dem Oberstabsarzt habtachtliegen; die Austauschinvaliden, die am Ziel unter den Klängen des Radetzkymarsches zusammenbrechen; und den Kaiser, der dem Kriegsschmock die Taschen mit Zwieback vollstopft; und den Blutsverbündeten, der in den Gassen des Hauptquartiers mit dem Marschallstab spaziert; den Strategen, der während der Bluthochzeit auf Freiersfüßen geht, und wie er vom Photographen abwechselnd beim Kartenstudium sämtlicher Kriegsschauplätze betreten wird; und alle Großen, wie sie entweder vor der Offensive Skizzen für illustrierte Blätter entwerfen oder durch Bildhauerinnen vom Gang der Schlacht abgelenkt werden; und wie das übervolle Haus den Helden begeistert zujubelte, die stramm salutierend dankten; und überhaupt alles, was an Selbstenthüllung von Monumenten der Nichtigkeit, an stolzer Unwürde, frecher Entwürdigung des andern, spaßhaftem Grauen, Regimentsmusik zu Todeszuckungen, und allem Diskant von Phrase und Qual in dieser Dreck- und Feuertaufe einer wehrlosen Waffenwelt zustandegekommen ist, in der Ordnung dieser Jahre, die die Menschheit in Gruppen teilte, um die einen mit Ehrenzeichen, die andern mit Narben, die einen mit Prozenten, die andern mit Läusen zu versehn. Die Kulturgeschichte versäume mir nichts. Die Völker sollen untereinander vergessen: die Menschheit vergesse und verzeihe nichts, was sie sich angetan hat! Sie erkenne ihr Heldentum in den Exzessen der gepanzerten Ohnmacht, in den Räuschen der Feigheit, der Tücke und der Hysterie. Sie schaue das österreichische Antlitz in allen Formen. Sie fasse die Unermeßlichkeit der Tatsache, daß ein Renngigerl die Welt von anno dazumal in den Tod geführt hat, und agnosziere sie in den Zügen dieser feschen Harmlosigkeit, die sich im Leitartikel bestätigen ließ, daß sie in voller Verantwortung der diplomatischen Urheberschaft entschlossen war, persönlich in eine Stabsmenage der italienischen Front abzugehen, um dem Erbfeind Aug in Aug gegenüberzutreten. Die Kulturgeschichte unterlasse nicht, dieses »Schau mir ins Auge« des nun gesicherten Endsiegs in der schamlosen Darbietung für die »Woche«, diese beherzte Zugsführerattitüde, der nur statt der Virginier ein goldenes Vließ von einem reinen Lamperl eignet, diese Umgruppierung des Plateaus von Doberdo zur Freudenau, diese Umwertung des Weltgerichts in einen Praterscherz bis zum jüngsten Tag festzuhalten. Und könnte sie doch Bilder hinzunehmen von der Geselligkeit dieser blutigen Orgie, in der zum entehrten Mannestum die erniedrigte Lust in allen Varianten trat, in den Entartungen der Gewalt, in den Verwandlungen der Nächstenliebe, in der venerischen Vergiftung der Menschheit, die wie kein Kriegsplan ihren Befehlshabern gelingen sollte, in allen Totentänzen, durch die eine unerbittliche Natur ihr Menschenmaterial entschädigt und die dank Schwesterschaft und Heranziehung weiblicher Hilfskräfte zu jeglicher Dienstleistung noch ausschlagen wird zur Freude des kommenden Jahrtausends, durch welches ein Landsturm ohne Waffe, aber mit Hysterie und Lues dahinrast. Und wenn es dann ein Menschheitshirn gibt, noch zu fassen fähig, was ihm die Vorzeit angetan hat, so lasse es das österreichische Antlitz in dieser Vision erstehen: Es war einmal ein Oberstleutnant des Generalstabs, der bekam für jeden Waggon mit Schieberware fünftausend Kronen Provision, denn er ließ ihn als Militärfrachtgut laufen. Er trieb auch selbst Kettenhandel, welchen seine Geliebten für ihn besorgten. »Umarme dich im Geiste, mein einziges Lumpchen«, schrieb er, »ich kündige dir die Absendung von 600 Kilogramm Dörrgemüse an.« »Du, mein Liebchen«, schmeichelte er, »bist von uns zweien doch der größere Gauner, denn 100.000 Kronen per Waggon habe ich noch nicht verdient. Auch ich war nicht untätig, habe ein schönes Geschäft mit Speck gemacht.« »Ich bin riesig stolz«, rief er, »denn ich habe mir ein Sparkassabuch angelegt. Ich kann nur sagen: Ich bin sehr zufrieden mit dem Krieg.« Um ein Rendezvous einzuhalten, zu dem er 120 Pfund Schweinernes bringen sollte, gab er telephonisch Befehl, den Schnellzug warten zu lassen; und es geschah. Er hat den Sinn der großen Pflicht erfaßt. Er hat, für uns alle, die Konsequenz aus der Erkenntnis gezogen, daß eh alles wurscht ist. Er hat Selbstmord verübt. Es war ein Einzelfall. Die Nachwelt generalisiere ihn! Denn ganz Österreich war darin, wie es leibte, lebte, tötete, starb. Es ist möglich, daß es auch der Oberstleutnant war, der die vierundvierzig Gräber aufwerfen ließ. Kann es nicht auch jener sein, der die Gendarmen anwies, Verdächtige niederzuknallen, und der die Anwendung des Standrechts auf das Leben eine verbohrte juristische Klügelei genannt hat? Und der dort ist es, welcher russische Kriegsgefangene am Ostersonntag nach einstündigem Gebet hat töten lassen, weil sie einen Fluchtversuch unternahmen (den das Völkerrecht erlaubt), und andere, weil sie sich weigerten, sich zu Rettungsarbeiten im feindlichen Feuer verwenden zu lassen (die das Völkerrecht verbietet). Und sie alle sind es, die Grund haben, den Schimpf einer unmenschlichen Haltung während des Krieges mit Verachtung zurückzuweisen. Und auch jener, der sein Regiment durchs Sperrfeuer ins Verderben jagte und die Reste zu wohltätigem Zweck zwischen Operettenlieblingen das überstandene Todesgrauen darstellen ließ. Der spielt, der schießt, der schiebt — der Standort wechselt, nicht das Gesicht. Nur ehrlicher ist es im Raub als im Mord; appetitlicher im Fraß als in der Glorie. Ist es nicht der allem Fleische zugetane Humor, der uns animiert, das Geschlecht als Tauschwert für Viktualien zu begrinsen? Ist es nicht eine der strammen Masken an der Ringstraßenfront jener Sündenburg, nach deren Betreten man gefragt ward: »Von welcher Firma?« Ist es nicht das Antlitz, nicht Österreich, nicht der Krieg? Ist es nicht jenes in Not und Tod und Tanz und Pflanz und Haß und Gspaß anspruchsvolle, gut- und blutgierige Gespenst, das uns in der Nacht der Jahrhunderte aus seinem Grabe besucht hat? Ja, er ist es! Für ihn haben wir Schmach und Entbehrung erduldet, an seiner Kette und an seinem Strang durchgehalten, für ihn sind wir verarmt, erkrankt, verlaust, verludert, verhungert, verendet, gefallen zur Hebung des Fremdenverkehrs! Er war Schinder, Schieber, Drahrer, Henker des Battisti, Hurentreiber, Erzherzog, Jud und Christ in einer Figur, wir haben ihm alles geopfert, und das letzte, was uns geblieben ist, ist seine Ehre. Denn dieser, jener, einer, viele, alle, sie waren nur Mörder aus Mangel an Phantasie, nicht weil's die Sache wollte. Und Herzen mußten zu schlagen aufhören, weil's ihnen bei der Sorte an Protektion gefehlt hat. Nicht zum Zweck, nicht als Opfer der Natur, nicht in despotischer Verantwortung, die vor der Sünde seelisch sich behauptet, nein, durch vergnügte Spießbürger, die nicht wußten, ob's die Schweinsjagd war oder nur die Menschenjagd, ist alles das vollbracht worden. Durch den grauenhaften Schlag, der von der »Deckung« sein Dasein fristet, um es dem andern zu zerstören: der Deckung durch den Akt, durch die Phrase, durch die Anonymität, durch den Mangel an Beweisen, durch alle Behelfe der Technik und der Lüge, die einer niedrigen Natur Vorstellung und Hemmung ersparen und den Mut zum Verbrechen ersetzen. Harmlose Mordskerle waren es, gemütliche Kanaillen, Folterknechte aus Hetz. Losgelassene Simandln, der Hausfraunzucht entsprungene Sumper, bleiche Kujone, die in Reglement und Fibel Ersatz für die Potenz suchen, haben im Pallawatsch der Quantitäten sich einen Weltmullatschak verstattet und die ungeheure Gelegenheit des Kanonenrausches zur Rache an einer höher gearteten Mannheit benützt. Man reiße ihnen die Orden von der Brust und weihe sie, indem man sie den Kriegshunden verleiht, den in Armut und Würde beispielgebenden Antipoden des Generalstabs! Von feigen Philistern, die kein Blut sehen können, ist es in Strömen vergossen worden. Es stehe auf gegen sie, es erstarre zum Riesenfanal dieser Nacht und es erschlage sie im Schlaf, so sie wieder an der Speckseite ihrer Hausehre liegen! Wenn Menschen vergessen können, nie vergißt die Natur, was ihr in diesem Sklavenaufstand angetan ward, und bis zum jüngsten Tag töne, dem Gebot des faustischen Generalissimus zur Antwort, der Racheschrei der Kraniche des Ibykus für Reiher und Menschheit über Pygmäen:

 

Mordgeschrei und Sterbeklagen!

Ängstlich Flügelflatterschlagen!

Welch ein Ächzen, welch Gestöhn

Dringt herauf zu unsern Höhn!

Alle sind sie schon ertötet,

See von ihrem Blut gerötet!

Mißgestaltete Begierde

Raubt des Reihers edle Zierde.

Weht sie doch schon auf dem Helme

Dieser Fettbauch-Krummbein-Schelme.

Ihr Genossen unsres Heeres,

Reihenwanderer des Meeres,

Euch berufen wir zur Rache

In so nahverwandter Sache.

Keiner spare Kraft und Blut,

Ewige Feindschaft dieser Brut!

 

Es war ein Traum. Wir waren auf Walpurgis zwischen Sautanz und Totentanz. Kinodramatisch mit viel Blut und Walzer ging es zu. Wir saßen in einem ungeheizten Saal. Wir wurden durch das Ende entschädigt. Und wie da, nachdem schon alles verpulvert war, ein gewaltiger Fall geschah, hörte man in atemloser Stille eine Stimme aus der vordersten Reihe nur ein Wort rufen, aber mit einem Ton, in dem alle Quantität der Leere dumpf zu Boden schlug, das große Wort des Nachrufs aller Nachrufe: Bumsti! ... Phorkyas aber richtet sich riesenhaft auf, tritt von den Kothurnen herunter, lehnt Maske und Marschallsstab zurück und zeigt sich als Mephistopheles, um, insofern es nötig wäre, im Epilog das Stück zu kommentieren.

 

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 501-507, XX. Jahr

Wien, 25. Januar 1918.


 © textlog.de 2004 • 16.12.2017 00:38:01 •
Seite zuletzt aktualisiert: 17.09.2007 
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