Durch die Nacht der Nächte


Durch die Nacht der Nächte, in der wir, hungernd und frierend, vom Schicksal als Deutsch-Österreicher gezeichnet, gebeugt von dem Fluch, Wiener zu sein, also nicht staub-, nur kotgeborne Wesen, uns forttappen müssen zum Frieden und an den Tag hin, wo die Notwendigkeiten des Lebens nicht mehr Denkproblem und Daseinsinhalt sein werden — leuchtet ein trost- und hoffnungspendender Stern: nicht mehr Österreicher zu sein! Die Glückesfülle dieses Bewußtseins, die den Jammer mit Freudentränen überwältigt, von gestern auf heute errafft, in der überraschenden Antwort auf ein »Wie gehts?« zwischen Bekannten, die sich neulich noch als Österreicher begegnen mußten, dies Erlebnis, seltener als eine Jahrtausendwende, kann durch nichts getrübt werden als durch den Namen des neugebornen Staates, der der Welt nach dem ganzen zentralmächtlichen Odium klingen wird, durch die mitgeschleppte Erinnerung an die Hölle der Jahrhunderte, durch solche Zeremonie pietätvoller Selbstbefleckung, womit er sich dem Verdacht preisgibt, nur eine Neubildung jenes welthistorischen Krebses zu sein, an dessen Überwindung der Erdkreis den Todeskampf dieser vier Jahre gewendet hat. Das Hochgefühl, zwar nichts auf der Welt zu sein, mit Sünden und Schulden vor ihr zu stehen, weniger als nichts, aber doch nicht mehr Österreicher zu sein, wird ferner beeinträchtigt durch die Enttäuschung aller, die dem befreiten Menschentum gern ein Fest gegönnt hätten: daß dieser aufgelöste Verein jovialer Scharfrichter, diese Gevatterschaft weltbetrügerischer Kräfte, deren Einheit in der Schändung des Heimatsgefühls sämtlicher Nationen gewährleistet war, dieser bürokratische Alpdruck landschaftlicher Schönheit, diese k.k. und zum Überdruß noch k.u.k. Verunreinigung der Anlagen, die von Gott dem Schütze des Publikums empfohlen und vom Teufel als Privatbesitz einer allerhöchst bedenklichen Familie zugeschanzt waren, daß also dieser elende Staat, den man doch am treffendsten mit dem Schimpfwort Österreich bezeichnet, seine Auflösung nicht mehr erlebt hat! Er ist, eingedenk der Lorbeerreiser, die das Heer so oft sich wand, an der Glorie gestorben, ehe er in die Lage versetzt war, seine Niederlage in vollen Zügen, in jenen, von welchen noch die heimkehrenden Soldaten fallen, zu erleben, und die Verantwortung für diese letzte, größte Schurkerei eines Zwangs zum Tod für ein Vaterland, das nicht mehr existierte, hatte er füglich nicht mehr zu tragen. Wie dieses unwahrscheinliche Vaterland, nach dem Geständnis des unwahrscheinlichen Czernin, seine Märtyrer in einen Krieg schickte, von dem es wußte, daß er verloren sei, so zwang es sie noch zu sterben, nachdem er beendet und mit ihm das Vaterland selbst verloren war. So wäre der Perversität eines Verbrechens, welches bis zum Schlußpunkt das realste Leben dem nichtigsten Schein geopfert hat, eine Sühne phantastischer Art angepaßt gewesen. Wohl läßt sich über die Selbstausrottung eines sündigen Staates und über die Auflösung in seine Lumpenmoleküle hinaus ein welthistorischer Strafprozeß nicht führen und die Erhaltung eines Reiches zwecks persönlicher Teilnahme an seiner Vernichtung nicht denken. Dennoch ist es in diesem speziellen Fall, wo es sich um ein an Ausnahmszustände gewöhntes Staatswesen handelt, dessen Kriegsjustiz so häufig unschuldigen Greisen die Todesstrafe durch die Nötigung, das eigene Grab zu schaufeln, sohin durch die befohlene Zeugenschaft bei der eigenen Hinrichtung verschärft hat — es ist also ein schmerzlich empfundener Mangel des Verfahrens, daß eine Exekution nicht möglich war, der dieser greise Gewohnheitsverbrecher der Weltgeschichte zugleich mit sehenden Augen beiwohnen konnte, so daß er, wenn auch nur einen Tag lang vor dem sichern Ende, noch einmal die umfassende Schmach seiner Existenz, die volle Beschämung ihres Ausgangs, das ganze Maß seiner Züchtigung gekostet hätte. Für die Satansidee eines Staates, dessen Dasein allen Anforderungen physischer und sittlicher Reinheit widersprach, der, weit über die Zumutung europäischer Rücksicht für einen kranken Mann im Osten, das Ärgernis eines unbegrabenen Leichnams im Hause bot, nein, durch sieben Dezennien der Welt das Schauspiel eines als Thron kaschierten Leibstuhls gewährte, worauf sich die legendäre Dauerhaftigkeit eines nicht mehr Vorhandenen breitmachte; für das frevle Unterfangen einer Autorität, die in unablässigem Regierungswechsel nur die Beständigkeit der europäischen Mißachtung gesichert hat und von der einen Reisepaß zu besitzen eine durch Schamröte vor dem Ausland teuer erkaufte Wohltat war; also für diesen Schlager einer Blutoperette: daß ein solcher von der Großmut zivilisierter Anrainer geduldeter Übelstand der gesamten Umwelt Krieg angesagt hat, weil sein Prestige nicht vierundzwanzig Stunden länger den Zustand, daß sie sich die Nase zuhielt, ertragen konnte, und daß ein Dreckhaufe ein Ultimatum an den Mistbauer gestellt hat, um seiner Wegräumung um ein paar Jahre zuvorzukommen — für diesen tragikomischesten aller Präventivkriege war das Kaputwerden eine zu geringe Sühne! Man denke nur, wenn man sich in der Enttäuschung an einem Sieger nicht genugtun kann, der nach Millionen unsühnbarer Morde den vollen Ersatz für den durch einen räuberischen Mißwachs bewirkten materiellen Schaden begehrt — man denke nur einmal, was da durch die Eingebung herz- und phantasieverlassener Staatsbankrotteure über die atmende Welt verhängt worden ist. Ein Staat, der in seinen vielen Kirchen Gelegenheit hatte, jeden Tag auf den Knieen Gott zu danken, daß er noch auf der Welt sei, und ihrer Aufmerksamkeit seine innere Schande keineswegs aufdrängen durfte; ein Staat, dessen Regierungsmaxime »Mir san ja eh die reinen Lamperln« wirksam nur durch den Vorsatz »Schön stad sein!« zu stützen war; dieser Schalanter einer Völkerfamilie; dieser alte Staatsfallot, dem zwar nie etwas erspart blieb, der aber doch stets mehr Kaiserwetter als Verstand gehabt hat; ein Hundsgemeinwesen, dessen Anspruch, die Welt mit seiner nationalen Mordshetz zu belästigen, ausgerechnet in der Gottgewolltheit des Pallawatsch unter Habsburgs Szepter begründet war, unter einem Szepter, dessen Mission es schien, als Damoklesschwert über dem Weltfrieden zu hängen; ein budgetprovisorisches Gebilde, dessen ewiges Völkerproblem nur durch die innere Amtssprache des Rotwelsch tunlichst zu lösen war und dessen Verständigung durch ein Kauderwelsch versucht werden mußte, wie es die hohnlachende Epoche noch nicht gehört hatte; dessen ethnisches Kunterbunt die Einheit einer undefinierbaren Kultur ergab, die dem europäischen Geschmack als die Spezialität einer gräulichen Melange mit Doppelschlag aufgenötigt und im Abort der Welt zur Anlockung der Fremden ausgelegt war; dieser Wiener Gemeindeschlauchtrommelwagenspritzenbegleiter, wenn's eh geregnet hat, und Staubaufwirbler, wenn's trocken ist; dieses hochlöbliche Chaos und wienerische Telephongespräch zwischen den Nationen; dieser gestutzte Doppeladler als Wahrzeichen von einer Mode, wenn halt die Völker Sekzession machen, weil man halt sonst nix machen kann; ein Unwesen, in allem Geistigen und Körperlichen windschief und deformiert, auf den Glanz hergerichtet und rettungslos verhatscht, dessen rebellische Lebensform, aus Manieren, Plakaten und Walzern brüllend, wie der Protest gefangener Rassen war, die so ihre Werte reklamierten, ihre Unwerte zu einem Monstrum aller Dialekte veruneinigt fühlten; dieses Unikum von viribus unitis aus siebzig Jahren, da ein Dämon der Mittelmäßigkeit wie eine Trud auf den Herzen der Völker lag, ihnen allen dafür das goldene Wienerherz einschupfend, da der in der Geschichte der Schöpfung beispiellose Fall sich begab, daß eine Nichtpersönlichkeit ihren Stempel allen Dingen und Formen lieh, so daß wir in allem was uns den Weg verstellte, in allen Miseren, Verkehrshindernissen, im Querschnitt jedes Pechs diesen Kaiserbart agnoszierten; diese angestammte Schlamperei, die das Justament zum fundamentum regnorum erkoren hatte; dieses graue Verhängnis, das sich durch die Zeiten frettet wie ein chronischer Katarrh und unsere Entwicklung glücklich von Schwind bis Schönpflug, von Lanner bis Lehar geleitet: dieses ganze blutgemütliche Etwas, dem nichts erspart blieb und das eben darum der Welt nichts ersparen wollte, justament, sollen s' sich giften — beschließt eines Tages den Tod der Welt. Mit einem Satz, der wahrhaftig die volle Bürde der Altersweisheit trägt und die ganze Würde des Schwergeprüften — kürzer als jeder Satz, der zur Brandmarkung des Ungeheuers dient —, mit einem Satz, dessen angemaßte Tiefe nur darum echt war, weil der Verfasser ein anderer war, ein Stilkünstler aus dem Ministerium, der glaubte und darum erlebte (der an die Fackel und dennoch an Österreich glaubte), mit einem Satz, dessen ausgesparte Fülle den Schwall aller Kriegslyrik aufwog: mit einem »Ich habe alles reiflich erwogen«, springt die Vergangenheit, die sich nicht zu helfen weiß, der Welt an die Gurgel. Und doch war nie etwas weniger reiflich erwogen, und Shakespeares altersberatener Monarch, der aus Hitze und nicht aus Kälte ins Verderben raste, ist daneben ein Gipfel staatsmännischer Erkenntnis. Ein Serbien, das keineswegs schuldig einer Tat war, auf der sich eben dieses greise Österreich bei kaum gehemmten Jubelgefühlen frisch ertappen ließ — eine ganze Welt, deren Kondolenz von einem Jahrmarktsfest, welches »Begräbnis dritter Klasse« hieß, ausgesperrt wurde: sie fanden sich plötzlich im Besitz eines Ultimatums, mit dem ein passionierter Selbstmörder seine Vernichtung angedroht hat, wenn ein anderer nicht binnen vierundzwanzig Stunden in die seinige zu willigen bereit war. Wohl, dieses Ultimatum Österreichs an sich selbst, binnen fünf Jahren vom Erdboden zu verschwinden, wenn Serbien nicht sofort bereit sei, seine Staatlichkeit auslöschen zu lassen, diese hirnverbrannte Zumutung, den Mangel an österreichischen Gendarmen in Sarajevo durch einen Überfluß an österreichischen Gendarmen in Belgrad wettmachen zu lassen, der tragische Scherz, der in jenem Blutrotbuch von der Unschuld, die die Forderung gestellt hat, zur jüdischen Anekdote gewendet wird: »Und wegen so einer Lappalie haben sie sich hergestellt und da ist der Weltkrieg ausgebrochen« — wohl, dieser gröbste Unfug der Geschichte wäre nicht möglich gewesen, wenn die Weltanschauung des »Wer' mr scho machen« nicht auf die Nibelungentreue des »Machen wir« hätte pochen dürfen. Es versteht sich von selbst, daß die Kapuzinergruft bei aller Begehrlichkeit allein nicht zu dem Gelüste fähig gewesen wäre, die ganze lebendige Welt zu verschlucken, wenn sie nicht ihren Rückhalt in der einzigartigen Verbindung mit jenem Warenhaus gehabt hätte, das die Zeit gekommen sah, der schon auf die rascheste Verbindung Berlin — Bagdad wartenden Kundschaft seine Pofelware anzuhängen. Die Ursache des Weltkriegs hat so viel Flächen wie er Fronten hatte: ob man aber von der österreichischen Hausmacht oder vom made in Germany her, von dieser oder jener Mache ausgeht, von Prestige oder Export, serbischen Schweinen oder Hohenzollern, hohen Zöllen oder gezogenen Schwertern, Habsburg oder Fertigware, Scheißgasse oder Platz an der Sonne — man wird unfehlbar zu dem Punkte gelangen, wo in Wahrheit die Kräfte aufgespeichert waren, welche die Explosion bewirken mußten, und eben das, was uns durch vier Lügenjahre zum Treffpunkt von russischer Eroberungsgier, französischer Revanchelust und britischem Neid gedreht wurde, offenbart sich als ein viel tieferer Mischmasch, als jene Furcht und Mitleid erweckende Tragödie, in der sich ein Geist, der nach dem Mittelalter, und ein Gefühl, das nach den Lebensmitteln orientiert ist, zu dem Gesamtkunstwerk einer mitteleuropäischen Lebensform manifestiert haben: ebenso anziehend in den Gestalten dieser kriegsgewinnerischen Erzherzoge wie in der Vision jenes schwertzückenden und seine Porzellanmanufaktur rekommandierenden Kaisers, der im Königlichen Schauspielhaus lernt, wie man in den Krieg zieht, bei Kempinsky auftritt, um einen Kachelraum zu eröffnen, Bierhäuser im Geschmack der Walhalla träumt, Odin und Siegfried sich bei »Rheingold« soupierend vorstellt und eines Tags auf die Idee verfällt, seine Mannen auszusenden, um seinen Commis voyageurs den Weg in die Welt zu bahnen. Aus dem Chaos der Gleichzeitigkeit, aus dem Anachronismus eines Schiebertums in schimmernder Wehr, das dann wieder zur Bereinigung solchen Wirrsals giftige Gase ausströmt, ist der Weltkrieg entstanden, dessen Beginn nichts war als der letzte verzweifelte Ausbruch von Todeskandidaten und dessen Verlauf nichts anderes als die Exekutive des unumgänglichen Endes. Mochten wir, pochend auf jene »Organisation«, die als die feinste Blüte einer auf Krieg eingerichteten Geistesverfassung die völlig entleerte Seele Deutschlands seit Sedan vor der Welt beglaubigt hat, mochte, so angefeuert, unsere Käserinde von einem Staat ihr Milbenmaterial mobilisieren; mochten wir in einer der hiesigen Gemütslage ungemäßen, in ähnlicher Ekelhaftigkeit vom Ohr der Neuzeit noch nicht gehörten Tonart zwischen Berserkerwut und Börseanerlust von Sieg zu Sieg taumeln — das Ende, bis zu dem wir durchhielten, war unentrinnbar, und statt des Mutes, es durch Niederlagen zu beschleunigen, hatten wir die Dummheit, es durch Siege aufzuhalten. Das Ende davon ist ein solches Ende, daß wir nicht nur bis zum Ende, sondern noch darüber hinaus durchhalten müssen. Die Schieber hatten es uns so lange als möglich hinausgeschoben, und die Führer hatten den Kopf, den man ohnedies nicht bemerkt hätte, in den Sand gesteckt, in der Hoffnung, ihn so eher behalten zu dürfen. Aber deren Herz für die gefolterte Menschheit schlug und deren Patriotismus nicht die Hyänenhoffnung war, daß durch den Martertod von noch hunderttausend Mitbürgern sich vielleicht doch einmal die Kriegsanleihe rentieren werde — die bangten vor jedem Sieg der Zentralmächte; erbebten und erbleichten, wenn jene verhungerte Proletenstimme die trostlosen Triumphe »beida Berichtee« ausrief; grämten sich durch vier Kriegsjahre, daß Österreich nicht im Herbst 1914 die Konsequenz seiner natürlichen Untreue gezogen hatte, wenn es schon nicht der eben unzulänglich mobilisierten russischen Armee damals gelungen war, uns weiter entgegenzukommen, um uns und der Menschheit unendliches Weh zu ersparen; erschraken bei dem umgekehrten, dem verkehrten Gelingen von Gorlice und bei all dem kriegsverlängernden Zeitvertreib einer zum Niederbruch verurteilten und dennoch die Welt fortschröpfenden Glorie; frohlockten über das erste Heil an der Marne, das, was immer folgen mochte, die Entscheidung zugunsten einer schnöde überfallenen Zivilisation gesetzt hatte, eine Entscheidung, deren Gültigkeit durch diese fluchwürdigen Scheinsiege mit ihrer blutigen Realität und ihrer historischen Nichtigkeit aufgehalten, aber nicht aufgehoben werden konnte. Ich weiß nicht, ob es viele in Österreich und Deutschland gegeben hat, die so empfunden haben. Ich habe so empfunden, nie solche Empfindung verhehlt und soweit es ging, ihr öffentlich, schriftlich und mündlich, Ausdruck gegeben. Daß ich am Leben bin, ist nicht der Ruhm protegierender Henker, sondern das Verdienst des Schicksals, das jene entfesselte Mechanik des Zufalls, die uns vier Jahre durch diesen Höllenspuk gejagt hat, einmal gewendet haben muß. Ich habe so empfunden, und weit entfernt, die Vaterlandsliebe als eine pathetische Gewinstchance aufzufassen, weit entfernt von dem schuftigen Drang, den Kronenkurs, diesen und jenen, durch Heldentode befestigt zu wissen, mein Gut durch das Blut der andern, durch das weitere Leiden auch nur eines einzigen Soldaten, durch die Beschmutzung auch nur eines einzigen Landsmanns, durch die Vergeudung von Glück und Zeit des Nebenmenschen vermehrt oder vor Entwertung bewahrt zu sehen, hätte ich im Gegenteil alles geopfert, Gold für Eisen gegeben, durchgehalten, Wehrmänner benagelt, schwarzgelbe Kreuzeln gekauft, Kriegsanleihe gezeichnet und jedes nur denkbare Scherflein zur Endniederlage beigetragen, wenn ich auf diese Art auch nur einer einzigen Mutter ihren Sohn hätte erhalten können, einem einzigen Mädchen ihren Geliebten, einem einzigen Freund den Freund, und doch war alles, was ich dafür tun konnte, daß ich inbrünstige Gebete während der Schlacht für die schleunige Waffenstreckung dieses absurden Vaterlands verrichtet habe, damit das sichere, durch keinen Sieg abzuwendende Ende nicht durch den Blutverlust jeder fernem, schrecklich vorgestellten Stunde aufgehalten, erschwert, verschärft werde, damit unser Grab nicht durch weitere Luftbomben und, wenn's denn ein Geschäft sein soll, durch täglich, endlos, versenkte Bruttoregistertonnen belastet sei. Und damit der Tag näherkomme, wo diesen nichtswürdigen Generalen, Monturdepoträubern, uniformierten Schleichhändlern und befehlenden Hurentreibern endlich die Rechnung präsentiert und der vaterländische Vorwand in seiner wahren Beschaffenheit gezeigt wird, unter dem sie die besseren Menschen zum Sterben und gar zum Töten zwangen. Aber ganz abgesehen davon, daß sich mein werktätiger Patriotismus in der Sorge um die wehrlosen Soldaten betätigt hat, die für Gott-erhalte zugrunde gehen mußten, für das Lebensgeschäft von Blutspekulanten in Tod und Jammer gepeitscht wurden, für die Champagnergelage in Hauptquartieren verhungert, für die Hochzeitsausstattung von Generalstöchtern erfroren sind; ganz abgesehen von meinem durchhaltenden Staunen über die menschenmögliche Erniedrigung durch die schäbige Regiegewalt eines Kommandos und über die Tragfähigkeit einer Komparserie des Todes, die nicht schon am ersten Tag dieses ganze Schinderensemble von Stabskretins, Auditoren, Handeljuden, Regimentsärzten und allerlei Hoflieferanten von Menschenfleisch auseinandergejagt hat; ganz abgesehen davon, daß die Menschlichkeit mit dem Gedenken aller befaßt sein mußte, die an allen Fronten Europas und Asiens im Joch der Schande oder im Joch der Pflicht, sie zu bekämpfen, so Unsägliches erleiden mußten — war es mein nie verhehlter Herzenswunsch, den Krieg bald zugunsten der Feinde beendet zu sehen. Denn nicht allein die Abneigung vor der Möglichkeit, daß die ungerechte Sache über die gerechte triumphiere, daß die Verbrecher an Serbien, die Einbrecher in Belgien am Ende statt der Strafe jene Palme davontragen, die ein delirantes Herrenhausmitglied schon in der Luft baumeln gesehn hat — nein, ein tiefes Grauen vor den kulturellen Möglichkeiten, die ein Sieg der Zentralmächte, die Erhaltung der Zentralmächte eröffnen mußte: das war der Gemütszustand, in dem ich diese besoffenen Offensivzeiten, vor körperlicher Gefahr bewahrt, der geistigen preisgegeben, durchgehalten habe, ohnmächtig verzweifelnd an einer Staatlichkeit, die anstatt feierlich und rechtzeitig Selbstmord zu begehen, Glorie nimmt von der Tat eines Chemikers, durch die drei italienische Brigaden lautlos hinsinken, worauf die Durchbrecher in geraubten Weinfässern ertrinken, während Seidenwarenhändler im Nachtrab erscheinen und Filmtrupps die Schande für die nachrückenden Generationen aufheben, wonach ein christkatholischer Kaiser mit einem Erzherzog, dem man vergeben muß, weil er nicht weiß, was er nicht tut, Marschallsstäbe wechselt! Ein Entsetzen davor, daß ein Sieg solcher Geistesart zur Unterlage des Fühlens einer kommenden Welt werden könnte, der man mit »Saschafilms«, auf Schandblättern und mit jenen Dokumenten eines schmählichen Ruhmes aufwarten wollte, die in eigenen Anstalten von den vor dem Verrecken bewahrten Uniformträgern präpariert wurden; eine Furcht davor, daß die Erkenntnisse des Kriegsarchivs und die Wahrheiten des Kriegspressequartiers zur Quelle einstigen Bildungsdurstes werden könnten, daß ein eiserner Hindenburg noch nach fünfzig gemästeten Friedensjahren von solchen benagelt werde, die unter Umständen auch wieder mit Flammenwerfern zu hantieren verstehn, daß Conrad v. Hötzendorf ein Fibelheiliger, Manfred Weiß ein dramatisches Vorbild sei, auf der Ringstraße eine Viktoria erstehe, gegen deren Halbkugeln einer schlechtem Welt die Brüste unsrer Pallas Athene Gspaßlaberln sind; die Todesangst vor einer Elephantiasis jener hypertrophischen Mißkultur, die uns schon vor 1914 durch ihren Drang nach Quantität, durch ihren grundlosen Lärm, durch die bunte Qual ihrer Operetten und Plakate das Leben zum Krieg gemacht hatte; ein Schüttelfrost vor der Verdickung jener Couleur, die zuerst Berlin, dann Deutschland durch Berlin, dann Wien und schließlich Österreich durch Wien geschändet hat, vor der Ausgestaltung des Typus: Koofmich mit Hellebarde; der Abscheu vor den Explosionen von Siegern, die die denkbar schlechteste kulturelle Verdauung haben und nichts geistig schwerer vertragen als den Gewinn materieller Güter — ließ mich das Undenkbare befürchten. Aber auch das Mögliche hoffen: daß die durch Zucht wie Unzucht des Großstadtwahns verdorbene Menschenwürdigkeit von Menschen, die in Thüringen oder in den Alpen wohnen, daß ein an der Welt erkranktes deutsches Wesen, welches im Fortschritt sich selbst verlor, durch Abtreibung der Exportideale, durch politische Demütigung, durch Verarmung zu jener Tiefe zurückfinden werde, von welcher zur »Es ist erreicht«-Höhe des neudeutschen Typus etwa der Weg von Claudius zu jenen lyrischen Gestaltungen des Wolffbüros war, in denen ein selbstgenügsames Gemüt sich nach getaner Versenkung oder ausgiebiger Belegung seiner Bravheit versichert. Welcher wahrhaft Gerechte empfände nach solch täglicher Scheinheiligsprechung, die Paris und London in Festungen verwandeln mußte, um die dortigen Säuglinge bei Nacht zu ermorden, nicht das innerste Bedürfnis, den Frevel der Lüge und der Tat in Armut zu büßen? Welcher wahrhaft deutsche Mann — und stünde er, wenn's ihn nicht mehr gibt, aus der Weimarer Fürstengruft auf — müßte nicht, und litte er darob Hunger und Kälte, vom Sieg der andern befriedigt sein? Und wer, der die Erde des Wienerwalds liebt, würde nicht, und sehnte er sich durch den finstersten Winter nach einem Frühlingstag in Hainbach, alle Lerchen beim Untergang Österreichs jubeln hören? Wäre all der Jammer, den wir nun durchhalten müssen, weil wir so verblendet waren, schon vier Jahre vorher durchzuhalten, nicht so winzig im Vergleich zu den unvorstellbaren Leiden der Millionen Märtyrer in den Schützengräben, der Zehntausende, die kein Licht haben, weil sie erblinden mußten, und die kein Feuer mehr haben, weil sie erfroren sind, so geringfügig auch im Vergleich zu den nie vorgestellten Leiden der Bevölkerung des von uns gemarterten Serbien und des von unseren Bundesbrüdern gefolterten Belgien; wäre das Los, ein paar Wochen in einer kalten und finstern Wohnung zu sitzen, nicht so gleichgültig im Vergleich zu den sibirischen Wintern unserer Verwandten und Freunde, zu der jahrelangen Haushaltung in Kellern, die unsere Feinde dem Besuch deutscher Bomben vorzogen; wäre es selbst keine Phrase, den Siegern den Plan der »Brandschatzung« durch einen Gewaltfrieden vorzuwerfen, da sie ja doch nur die zivilrechtliche Sühne für eine reale Brandstiftung bedeutet; wäre es selbst nicht Christenpflicht, getrost allen Mangel an Feuer, Licht und Gas hinzunehmen für die Wirtschaft von vier Jahren, wo wir wahrlich zu viel hatten an Gas, Feuer und Flammen — selbst wenn das Nachspiel unverdient hart jene Unschuldigen träfe, die doch schuldig sind der Duldung der härtern Ungebühr, der größeren Schmach durch die vaterländischen Gewalten: selbst dann, und wenn die tyrannischen Allüren des Siegers nicht offensichtlich nur das deutsche Vorbild treffen, uns wie der Alpenkönig dem Rappelkopf die Fratze des Menschheitshasses im Spiegel zeigen wollten, selbst dann müßte der Sucher ursprünglicher Werte, der Freund der deutschen Sprache, der den verlorenen Menschenlaut in diesem Gebrause von Donnerhall und Betrieb bejaht, bekennen: So soll es sein, damit zwar die Welt nicht am deutschen Wesen, aber dieses endlich selbst genese! Und damit sein Genius der Welt wieder mehr zu bieten habe als ein Gift, das ihre Gasmasken illusorisch macht! Die Kunst sich zu freuen, die ein Schmock der Nibelungentreue zum Durchhalten in großer Zeit empfohlen hatte, jetzt ist sie brauchbar, wo die große Zeit beginnen könnte, jetzt, wo Not auch den Wucherer beten lehrt, und den Pfaffen dazu, der keinen Anlaß mehr hat, für das Walten von Minen und Mörsern den Segen des Himmels herabzuflehen. So elend können wir durch die Niederlage gar nicht werden, daß wir nicht reich entschädigt würden durch die Niederlage! Der Gewinn dieses Umschwungs ist so über alle Vorstellung ungeheuer, daß er mit den kleinen Maßen des Bewußtseins gar nicht zu bestätigen ist und eben darum vor dem Gefühl der unmittelbaren Verluste verschwindet. Welches äußern und innern Zuwachses sind wir nicht versichert durch den Zusammenbruch jener Vampirgewalt, die das Denken und Handeln der Generationen von Kindheit an besessen und den Müttern bei der Geburt des Sohns zum Schmerz die Furcht gefugt hatte! Die Todesangst durch ein Leben im Staatsgehorsam, die Bedingtheit in allem und jedem durch eine Macht, die uns eher als Gott über die Schwelle des Unerforschlichen weisen konnte, sichtbar und riechbar in den Spukgestalten eines Musterungslokals, in diesem Fiebertraum von Brutalität, Schmutz und Zufall, die viehische Möglichkeit einer Fleischbeschau an Menschen, die Musik im Sinn haben, für einen ihnen fremden und verhaßten Zweck — ein Menschheitsfaktum, das allein schon hinreichte, die Geschöpfe aller andern Sterne zur kosmischen Ächtung dieser Sklavenerde zu bestimmen —, die Infamie an Gott und Menschheit, die so ein Fahneneid bedeutet, die Pflicht: Ehre, Ansehen und Alter von einem Feldwebel besudeln zu lassen, und die noch grausigere Schmach, daß solche Exekutive des vaterländischen Willens durch die Darbietung eines Guldens paralysiert werden kann, die Bestimmung des Menschen, »abgerichtet« zu werden für irgendeinen dunkeln, seinem Einfluß völlig entrückten Plan, wenn nämlich Staatskretins, die er doch bezahlt, Krieg beschließen sollten, und nicht nur sterben zu müssen für solchen Unfug, nein mehr, habt acht stehn, rechts schaun zu müssen, so und so schreiten zu müssen, salutieren zu müssen, wenn ein durch und durch grußunwürdiger Bube vorbeigeht — nein, wer nicht plötzlich wie ich gewahr wird, daß diese ganze irrsinnsgejagte Gesellschaft die Hand an die Stirn führt, um einander auf den Zustand aufmerksam zu machen, der hat nie wie ich gespürt, was für eine Zeit das war, und der spürt nicht, was ihr Ende bedeutet!



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 16.09.2007 
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