Anfangs Oktober 1918



Österreichs Fürsprech bei Wilson


Damit man an einem Beispiel sehe, von welcher Individualität sich die deutsch-österreichische Bürgerschaft die Lust zu diesem Kriege und hinterdrein die Reue hat beibringen lassen, sei die folgende Konfrontierung zweier Dreckseelen, die in einer Brust wohnen, einer schlecht unterrichteten Mitwelt dargeboten und an eine besser zu unterrichtende Nachwelt weitergegeben. Das publizistische Ungeheuer, dessen Feder die Prokura des Blutschachers geführt hat und dessen Wort, wenn nicht durch seine Feilheit, so durch die abscheuliche Klangfarbe einer zwischen Frechheit und Feigheit lebenden Gesinnung in die verhärteten Ohren dieser Zeit dringen müßte, der unsittlichste Vertreter der mitteleuropäischen Öffentlichkeit hat durch Monate die hochherzige und weise Entschließung des Präsidenten Wilson als die Finte eines Pharisäers, als den moralheuchlerischen Vorwand eines Kriegsgewinners in allen Rassetönen beschrien und sein redlich Teil der Schuld an einem aussichtslosen Blutverlust übernommen. Und zwar so:

Wenn aus der Botschaft Wilsons nicht hunderttausend Leichen herausstarrten, wenn sie nicht für Millionen neues Verderben, Krankheit und Hunger bedeutete, würde es verlockend sein, die Fertigkeit zu schildern ... Er will seinen Krieg haben ... Die vierzehn Friedensbedingungen sind auch ein Plan der künftigen Landverteilung ... Die Unwahrhaftigkeit von Grundsätzen, die nicht für das eigene Land und nur für andere gelten sollen, ist vielleicht auch Hochmut, der im Deutschen und Österreicher untergeordnete Wesen sieht ... Die Botschaft hat natürlich auch den Zweck, die Verhandlungen in Brest-Litowsk zu sprengen, eine Arbeit, die Präsident Wilson übernommen hat, wie schon früher aus mancherlei Beziehungen zu Petersburg zu merken war. Präsident Wilson verdächtigt und hetzt.

Dasselbe Individuum, das jedem veränderten Kurs mit dem Bekenntnis gerecht wird, daß man sich in einen eben noch begeiferten Gegner »hineindenken« müsse, weiß nun um Wilson wie folgt Bescheid:

Er ist eine Persönlichkeit ... Er hat die Fähigkeit, die Einbildungskraft eines großen Landes zu erfüllen, und so ganz ist es seinem Willen Untertan, daß er nirgends Widerspruch zu fürchten braucht ...

Das große Land ist natürlich Amerika.

Wir müssen versuchen, in Wilson uns hineinzudenken ... Wir müssen uns vorstellen, daß Wilson aus seinem innersten Gefühle sich für berufen hält, den demokratischen Gedanken zur Regierungsform der Weltgemeinschaft zu erheben, und daß er für diese Politik, die sich bei ihm bis zum Glaubenssatze steigert, genau so einen Feldzug unternimmt, wie Gustav Adolf über die Ostsee nach Deutschland gekommen ist, um für die protestantische Religion im dreißigjährigen Kriege zu kämpfen ... Denn jeder Mensch pflegt nach dem Antriebe seiner Natur zu handeln. Präsident Wilson hat puritanische Eigenschaften. Die vierzehn Punkte und deren Ergänzungen sind für ihn die neuen Gesetzestafeln für das kommende demokratische Zeitalter, und der Hügel, auf dem das Weiße Haus steht, ist der neue Berg Sinai .... Das Hochgefühl eines Erfolges wird Präsident Wilson haben. Die Entente mag sagen, was sie will; ohne seine Truppen, seine Lieferungen, sein Geld und seine Nahrungsmittel wäre sie jetzt in starker Bedrängnis ...

Die puritanische Richtung seines innersten Wesens zeigt sich auch in dem fast biblischen Apostolat für ein mit Zwangsgewalt ausgestattetes Völkerrecht. Wenn das Recht eine Macht hätte, die größer wäre als die der Armeen, würde das Reich des beständigen Friedens anbrechen. Dann könnten die Rüstungen aufhören, die Schäden des Krieges rascher heilen, und die Summen, die für die Truppen ausgegeben worden sind, der allgemeinen Wohlfahrt dienen. Das paßt so ganz zu seiner Persönlichkeit, dieses Hineinbohren in einen Rechtsgedanken, diese Erhöhung des Rechtsbegriffes und des Rechtsschutzes ... Redlichen Friedenswillen kann er nicht verwerfen.

Helfe Gott, daß er es nicht tue. Aber wenn er es nicht tun wird — einen Fußtritt wird er doch, hoffen wir, übrig haben für solchen Fürsprech! Und für alle jene, die das Stahlbad, das sie gerühmt haben, überleben konnten und sich nun auch aus der kalten Dusche retten möchten!

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 499-500, XX. Jahr

Wien, 20. November 1918.


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