September 1918



Ein Mord im Weltkrieg


Wenn in einem Ringstraßenhotel ein Mord geschieht, so sind folgende Begleiterscheinungen zu beobachten. Die Straße liegt im strahlenden Sonnenlicht da, vor dem Hotel jedoch brechen sich die Wellen des Menschenstroms. Warum sie das tun, ist rätselhaft, aber es ist so. Plaudernd, lachend, flirtend drängen sich die Korsobesucher aneinander vorüber. Sie ahnen natürlich gar nichts. Denn wenn sie was ahneten, würden sie ja die Polizei verständigen, die arme Kammerfrau Earl dort oben retten und den Emo Davit entlarven. In den bequemen, eleganten Korbstühlen in der Hoteleinfahrt sitzen vornehme Fremde, aus Brünn, vielleicht gar aus Pest, denn die Bagasch aus Paris und London kann jetzt leider nicht kommen. Daß die Korbstühle bequem und elegant sind, versteht sich bei einem erstklassigen Hotel von selbst, muß aber doch in Anbetracht der Mißgunst der Entente erwähnt werden. Was tun die vornehmen Fremden? Sie betrachten selbstredend das Straßenbild. Welches Straßenbild? No, das sich ihnen darbietet, nachlaufen wem sie ihm! Wie ist das Straßenbild? Eines der schönsten, der farbenreichsten, der großstädtischesten, das (nicht: die) Wien aufzuweisen vermag. Und zur selben Stunde? Spielt sich oben im Hotel ein furchtbarer Kampf auf Leben und Tod ab, ein Kampf zwischen dem Mörder und seinem Opfer. Also ein Nahkampf, in jeglicher Hinsicht. Was sich sonst noch irgendwo in weiterer Entfernung von den plaudernden, lachenden, flirtenden Wienern und den sie betrachtenden Fremden abspielt, tut nichts zur Sache und steht im Generalstabsbericht, zusammengefaßt in den Worten: Nichts Neues. Würde aber auch, selbst wenns am Piave etwas bewegter zuginge, keine Attraktion mehr ausüben. Nicht was dort unten geschieht, sondern was dort oben geschieht, ist ein Fall, der den Korso und sein Spalier eine Woche lang in Atem halten wird. Die Kontraste sind aber auch gar zu kraß. Das Leben geht weiter (Zifferer) und oben sinkt blutüberströmt das Opfer zu Boden. Warum hat man es nicht gehört? Sehr einfach: Die schweren Portieren des mit allem Komfort und Luxus ausgestatteten Zimmers — Kleinigkeit, Bristol! — ersticken seinen Todesschrei, lassen das verzweifelte Röcheln ungehört verhallen. Die schweren Portieren sollte man abschaffen. Der Mörder hält den Atem an. Das hat man gehört. Wahrscheinlich, weil sich sofort herausstellen wird, daß das Domestikenzimmer eine einfache Einrichtung hat. Auch bezüglich des Mordinstrumentes gehen die Meinungen einer und derselben Zeitung auseinander. Es war ein Schlegel, wie ihn Böttcher, ein Klopfer, wie ihn Fleischhauer, eine Keule, wie sie Athleten, oder eine Handgranate, wie sie Kinder gebrauchen und wie sie in einem vornehmen Stadtgeschäft erstanden wird, oder werden könnte, wenn das Spielzeug nicht das letzte in seiner Art gewesen wäre, das sich auf Lager befunden hat. Der Absatz dürfte schon zu Weihnachten ein reißender gewesen sein, so daß nach Ostern das letzte Exemplar ein Raubmörder erstehen konnte. Die Sensation einer Stadt ist aber nicht dieses Faktum, sondern der Mord; nicht die Perspektive in die ungezählten Morde, die waren und sein werden, sondern der eine, denn er geschah im Hotel Bristol, das, wenn es auch den veränderten Zeitumständen entsprechend sich mit einem Rostraum statt eines Grillroom bescheiden muß, unter allen Umständen ein fashionables Etablissement bleibt. In dem vornehmen Stadtgeschäft, wo man die Handgranaten für Kinder bekommt, weiß man sich genau an den Käufer zu erinnern, nur schwankt man, ob er die Handgranate für Kinder vor zwei Monaten oder gestern Nachmittag, kurz vor der Bluttat, gekauft hat. Doch hat der Leser, da die beiden Versionen Spalte an Spalte stehen, eine leichte Übersicht und kann selbst entscheiden. Jedenfalls wächst die Sensation erheblich, wenn man erfährt, daß das Instrument zu einer Bluttat, die in einem vornehmen Stadthotel passiert ist, in einem vornehmen Stadtgeschäft gekauft wurde. Was folgt aber daraus? Ein Leitartikel in einem vornehmen Weltblatt mit der Aufschrift »Der Raubmord im Hotel« und mit dem Untertitel, der die Wahrheit deutlich genug ausspricht: »Bedürfnis nach stärkerem Schutz für Sicherheit«. Wie soll diese, dieser oder dieses garantiert, durchgeführt oder erfüllt werden? Dazu gehört Psychologie, denn: »vielleicht« ist dieser Vorfall nur die Wiederholung u.s.w., Lesage hat jedoch in seinem Dienerroman recht und »wir möchten uns nicht« bei Rückblicken aufhalten, aber wir tun es doch, und zwar gelangen wir von Lesage auf dem kürzesten Weg zurück über das Hotel Bristol zum Räuberhauptmann Grasel, der »auf« dem Galgen geendet hat, nachdem er auf dem Holländerdörfl bei der Sophienalpe verhaftet worden war, von wo nur ein Katzensprung über Taine zum Grafen Stadion und zum Freiherrn v. Stein ist, von dem wir über Eipeldau wieder zum Räuberhauptmann Grasel zurückgelangen, nicht ohne die schlichte Erkenntnis: »Lange Kriege sind nicht gut für die sittliche Entwicklung. Der Abscheu vor Blutschuld stumpft sich ab.« Blättern wir jedoch um, so erfahren wir zu unserer Freude, daß der Hofrat Moriz Stukart, in dessen Ressort zwar der Mordfall nicht gehört — er ist Verwaltungsrat der Münchengrätzer Schuhfabrik —, sich gleichwohl für ihn interessiert zeigt. Er tritt eben in seine eigenen Fußstapfen und nennt sich, um darzutun, daß er seinen Anspruch auf Reklame bei einem Raubmord noch nicht verwirkt habe, einfach: »Gewesener Chef des Sicherheitsbureaus der Wiener Polizei«. Dieser Stukart, der darin ein wenig an den pensionierten Artisten aus der »Prinzessin von Trapezunt« erinnert, der noch im Wohlstand das Heben schwerer Gegenstände nicht lassen kann, oder doch an den Berthold Frischauer, der noch angesichts einer 120 Kilometer-Kanone sich als Unser Pariser Korrespondent betätigt und des zum Zeichen sogar in Paris Steuer zahlt, der Stukart also kann den Gedanken einfach nicht ertragen, daß es schöne Raubmorde geben und er nimmer leben soll. Seine Pensionierung aber verschafft ihm den unleugbaren Vorteil, daß er zur Mitteilung seiner sachverständigen Ansicht nicht mehr auf den Reporter warten muß, sondern die Artikel zum Preise seiner Findigkeit gleich selbst schreiben kann. Er erzählt, daß er bereits heute früh von einer befreundeten Familie, die in einem der vornehmsten Hotels in Wien logiert, telephonisch angerufen und angefragt worden sei, was sie, seiner Meinung nach, »in betreff der Verbesserung der Sicherheit« — das bekannte Bedürfnis nach Vermehrung der Sicherheit für Erhöhung des Schutzes — in ihrer Wohnung vorkehren »oder ob sie nicht ihre Wohnung in dem Hotel aufgeben soll«. Stukart antwortete seinen Freunden, »sie sollten nur ruhig in ihrem Hotel verbleiben«, was gewiß das richtigste ist. Sonst aber, nachdem wir bezüglich der Sicherheit einer einzelnen in den Brennpunkt unseres Interesses gerückten Mischpoche beruhigt sind, begnügt sich der Fachmann damit, Mißtrauen gegen die Tätigkeit seines Nachfolgers zu erregen, und verlangt nichts weniger, als daß der Kriminalpolizist »sich frei wie der Vogel in der Luft bewegen soll«. Durch die »Unzahl von Beamten«, die heute am Tatort erscheinen, und unter denen der Name Stukart fehlt, würden nur die Spuren verwischt. Der Wunsch, daß dies im vorliegenden Falle bereits geschehen sei, hat gewiß weder im Herzen eines pensionierten Kriminalpolizisten, das ja keine Mördergrube ist, noch zwischen den Zeilen Raum, wohl aber die Hoffnung, daß »die Zahl der Verbrechen geringer werden« möge, auf daß es dem Nachfolger nicht mehr gelänge, sie zu entdecken. Die Entschädigung, die Herrn Stukart dafür zuteil wird, daß er nicht mehr in der Lage ist, es nicht zu können, ist reichlich. Es gelingt dem gewesenen Chef des Sicherheitsbureaus der Wiener Polizei, die Presse an der Verwischung der Spuren des vorliegenden Mordfalls tätig zu sehen, und er kann es erleben, wie dem heutigen Chef des Sicherheitsbureaus der Wiener Polizei durch Indiskretion, Geschrei und vorzeitigen Tadel die Arbeit erschwert wird. Als es dann trotzdem dem heutigen Chef des Sicherheitsbureaus gelang, hatte dieselbe Presse allerdings die Stirn, die »zielbewußte, energische und unermüdliche Arbeit der Polizei«, der sie eben noch Planlosigkeit, Untüchtigkeit und Langsamkeit zum Vorwurf gemacht hatte, herauszustreichen und zu schreiben: »Wer der emsigen, klug kombinierenden Tätigkeit der Beamten in diesen Tagen zusah, mußte sie bewundern«. »Eine objektive Berichterstattung muß konstatieren«, daß der Chef des Sicherheitsbureaus »trotz verwirrender Widersprüche«, die die Berichterstattung eingeworfen hatte, und »trotz scheinbarer Aufklärung belastender Momente«, die sie wie eine fieberhaft tätige Gegenpolizei zugunsten des Herrn Emo David — ehe dessen originalitalienische Herkunft feststand — betrieben hatte, »keinen Augenblick irre wurde«. Mit welcher Dreistigkeit der Versuch des Irremachens unternommen und wie durch die berüchtigte Methode der »Laienfragen« die Absicht betätigt wurde, die Polizei ins Verhör zu nehmen, zeigt die folgende Jargonprobe:

Die Polizeibehörde scheint eher dem Glauben zuzuneigen, daß Emo D. der Mordtat tatsächlich nicht fern steht. Um so merkwürdiger berührt es, daß die große Öffentlichkeit über eine Reihe von Fragen zur Stunde noch nicht aufgeklärt ist, die sich auch dem Laien in Untersuchungsfragen aufdrängen. Wie steht es zunächst mit den Fingerabdrücken? Heute wird freilich offiziös versichert, daß der Mörder nicht unbedingt sich über und über mit Blut besudelt haben müsse, daß er auch nicht unter allen Umständen in das Blut seines Opfers hineingetreten sein dürfte. Vor Tische las man anders! ... Sind dem in Verwahrungshaft Befindlichen die Fingerabdrücke bereits abgenommen worden? Sind diese Abnahmen mit den zahlreichen Abdrücken, die sich am Tatort vorgefunden haben müssen, verglichen worden, und welche Resultate hat diese Vergleichung gezeitigt? ... Ist diese Untersuchung vorgenommen worden, und welches Resultat hat sie gezeitigt? ... Die Polizeibehörde muß also die Frage beantworten, ob und wo es ihm in der Zwischenzeit möglich gewesen ist, seine Schuhe derart gründlich zu reinigen, daß sie auch nicht die geringsten Blutflecken aufwiesen.

Sie hat die Laienfragen bekanntlich damit beantwortet, daß der Emo D. nicht selbst Hand angelegt und nicht persönlich in das Blut seines Opfers getreten ist. Aber sie hat es versäumt, von einem Meinungshändler, der kein Problem unberührt lassen kann und auf jedem Tatort die Spuren seiner Zudringlichkeit zurückläßt, Fingerabdrücke zu machen. Nach Tische las mans anders und der Laie mußte sich entschließen, den Fachmann zu bewundern, was freilich einer nicht minder unappetitlichen Regung entsprang, da ja Kriminalpolizisten zwar Tadel verdienen, wenn sie einen Raubmörder entwischen lassen, aber beileibe keine Reklame, wenn sie ihn fangen, indem sie dadurch erst ihre Daseinsberechtigung erweisen und hinter ihrer eigentlichen Verpflichtung, Raubmorde zu verhindern, immer noch zurückbleiben. Aber die Wiener Tradition, vom Schauplatz einer Schandtat journalistische Ehren aufzuheben, muß in dem enthaltsamen Nachfolger fortleben. Stukart, der vergebens gehofft hat, daß sie mit seiner Karriere abgeschlossen und in den Schuhen eines Raubmörders stecken geblieben sei, wird immerhin noch die Entschädigung zuteil, daß ihm eine so objektive Berichterstattung geschwind mit einer Erinnerung an den Fall Hugo Schenk zu Hilfe kommt, wo sich »der junge Stukart« auch nicht irremachen ließ und sich bekanntlich die Sporen verdient hat, also an eine Zeit, wo noch keine Aussicht war, daß er dereinst sogar an Stiefeln verdienen werde. Aber der Glücksfall, daß der entlarvte Davit — »wir werden darauf aufmerksam gemacht, daß dies die richtige Schreibweise des aus alter, rein italienischer Familie stammenden Mannes ist« — in Riedls Café de l'Europe verkehrt hat, gibt Gelegenheit, noch andere Wiener Renommeen an dem ausgiebigen Ertrag der Affäre zu beteiligen. »Im Café de l'Europe erzählt man, daß Davit wohl nicht als Stammgast bezeichnet werden könne.« Das denn doch nicht. Und es ist »selbstverständlich, daß man in diesem Kaffeehausbetrieb, der doch so viele laufende Kundschaft besitzt, sich an einzelne Personen, die keine besonderen Wünsche äußern, nicht genauer erinnert.« Bedürfte es noch eines Beweises für die Größe dieses Betriebs, so wäre er hier gegeben. Was aber die bekannte Aufmerksamkeit des Personals betrifft, so kann versichert werden: »Vom letzten Tage selbstverständlich ist bekannt, daß er ruhig und heiter mit seiner Kollegin die illustrierten Blätter durchblätterte. Auch als er das Kaffeehaus verließ, zeigte er keine besondere Erregung.« Da geht er hin, dachten die Marqueure, gleich wird er den Raubmord im Hotel Bristol arranschirn und nix laßt er sich anmerken ... Eine analoge Wahrnehmung gibt auch die Gesangslehrerin des Mörders zu, nachdem sie der Präsident gefragt hat: »Konnte man ihm damals in der letzten Stunde, die er am Tage des Mordes genommen, ansehen, daß er sich zur Assistenz an einer blutigen Mordtat begibt?« Durchaus nicht, er hat sich verstellt; sie hätte ihn durchschaut, wenn er selbst der Täter gewesen wäre. Ganz ahnungslos dagegen war die Versicherungsgesellschaft, bei der der Täter, der damals noch David hieß und eine Seele von einem Menschen war, angestellt gewesen ist. Sein Vorgesetzter sagte einem unserer Mitarbeiter: »Ich bin starr! Ich verliere den Glauben an die Menschheit, wenn so etwas möglich ist! Ich und die Bürokollegen Davids hätten für seine Unschuld die Hände ins Feuer gelegt.« Die Versicherungsgesellschaft, deren Prokurist verhältnismäßig spät den Glauben an die Menschheit verloren hat, erst im vierten Kriegsjahr nach der Überführung des Emo David, ist zum Glück keine Feuerversicherungsgesellschaft. Die Presse aber schwankte keinen Augenblick, Davit preiszugeben, und ging so weit, ihn mit einer Rücksichtslosigkeit nach allen Seiten den »Strategen des Mordes« zu nennen, der »mit der Vorsicht der Feigheit es vermied, mit dem Blut seines Opfers in Berührung zu kommen«. Dieser mutige Griff, durch den zwei Vergleichswelten überraschend zur Deckung gelangten, glückte ihr auch mit dem geheimnisvollen Schlüssel, der in der Mordaffäre eine Rolle spielt. Nachdem der Schlüssel gefehlt hatte, der Schlüssel verleugnet worden war, der Schlüssel verschwunden, der Schlüssel gefunden, der Schlüssel im Überzieher vergessen und schon von einem Geheimnis des Schlüssels die Rede gewesen war, hieß es, daß der Schlüssel des Geheimnisses nunmehr vorhanden sei, denn dieser Schlüssel war das Fehlen des Überziehers, in welchem der Schlüssel war, dessen Geheimnis nunmehr tatsächlich aufgeklärt schien. Trotzdem behält die Affäre ihr Rätsel, wie überhaupt jeder Wiener Mordfall einen gewissen Schleier, sein gwisses Quisiquasi auch nach der Entdeckung nicht abzulegen pflegt. Die zahlreichen Nichtbeteiligten, die bei solchen Gelegenheiten in die Aktion verwickelt sind, handeln wie unter dem Banne einer Mitwisserschaft und unter der Verpflichtung, sie erst nach Preisgabe des Opfers zu verraten. Sie benehmen sich wie der Chor, der eine Operettenhandlung mit jener verständnisinnigen Teilnahmslosigkeit begleitet, zu der ihn fünfhundert en suite-Vorstellungen berechtigen, und was da auftritt, Gäste, Kellner, Hotelbedienstete, Passanten, Gefolge, um ein paar Schwimmtempi des Entsetzens zur Handlung beizusteuern, bewegt sich nicht anders, als ob es an der Todesstarre des Opfers beteiligt wäre. Kein Zweifel, daß die klischierte Art, in der diese Erzählungen und Mitteilungen von Augen- und Ohrenzeugen mit Glasaugen und Wachsohren gehalten sind, den lebendigen Inhalt einer Wiener Begebenheit ebenso zuverlässig wiedergibt, wie die hinreißend starren Formen unseres Meisters Schönpflug die Fülle einer Welt, die eines Tages von selbst in Einrückendgemachte und Tachinierer zerfiel. Auch die Episodisten, der brave Vater des entarteten Kurt Franke, dessen Verbrechen von der Presse als eine Frucht der von ihr geförderten Kinoerziehung durchschaut wird und der zu ihm die Worte spricht: »Aber Vater, wofür halten Sie mich denn? I' werd' doch nit a so was tun«, das freiherrliche Ehepaar Vivante, das pantomimisch im Hintergrund die aufbewahrten Goldstücke zu zählen hat, sie alle spielen nur die Rolle von Geschöpfen, denen der Odem von einem Polizeioffizial eingehaucht ward. Bei allem berechtigten Stolz auf die Mondänität eines Falles, der einmal nicht auf dem Elterleinplatz, sondern auf der Ringstraße spielt, darf man nie vergessen, daß wir doch im Bereich einer Schöpfung leben, in der das Weib eine »Prifate« ist, zumeist eine Hilfsarbeiterin, während der Mann sich schon bei der Verabreichung des Schandlohns der späteren Einwendung des groben Undanks bewußt zeigt, wobei ihm ein »Vertrauter« hilft, welcher den Weg zum Baum des Lebens behütet. Liebes-Leid und Lust, Tod und Leben, alles entspringt und mündet hier in einem Amtszimmer der ungelüfteten Geheimnisse, und man kann von Glück sagen, daß der Mörder oder sein Opfer oder der Unterstandgeber oder Aftermieter, der Vorschubleister, der Kronzeuge in diesem Falle nicht Sikora heißt. Auf welchen Rostraum das Leben im Hotel Bristol heute angewiesen ist, zeigt das Protokoll mit der Emma Freifrau von Vivante:

Ich bin mit der Familie Emo Davits entfernt verwandt ... Dieser verkehrte naturgemäß in unserem Hause in Wien, besonders seit Mitte 1917 kam er fast täglich zu uns ins Hotel, war etwa viermal wöchentlich bei uns zum Abendbrot. Er holte sich auch täglich zwischen 4 und 5 Uhr das Schwarzbrot und hatte, wenigstens äußerlich, das Benehmen eines Gentlemans. Die Earl kannte er schon seit sechzehn Jahren. Diese war unsere Vertraute, der Verkehr zwischen Emo und ihr naturgemäß ein herzlicher und vertraulicher.

Dieses Wort »naturgemäß« ist eine österreichische Zwangsform des amtlichen und volkstümlichen Denkens und bezeichnet das, was nicht auf den ersten Augenschein naturgemäß ist. Der scharfe Blick des Vertrauten dringt durch alle Falten. Eine Bedienstete des Hotels erzählt, die Earl habe ihr am Vormittag ihres letzten Lebenstages mitgeteilt, sie sei vom Mörder eingeladen worden, mit ihm den Abend im Kaisergarten zu verbringen. »Sie freue sich, und wolle ihre besten Kleider anlegen, um möglichst schön auszusehen.« Ob es das ausgesprochene Motiv oder nur Interpretation ist, man spürt, wie hier das Protokollarische ein Leben bekommt. Das wahre Leben aber kommt erst in einen Mordfall, wenn die Betrachtung von einer höheren Warte einsetzt und die Untersuchung auf die Konfession des Mörders überzugreifen beginnt. Während die liberale Presse sich vor den Möglichkeiten, die der Name David ihr an die Hand gab, gegründeter Zweifel an seiner Schuld nicht erwehren konnte und bereit schien, sich der Zeugenaussage zu entschlagen, war für die antisemitische Presse der entgegengesetzte Weg der einzig gangbare und mit jedem Tage, der die Indizien häufte, wurde es ihr offenbarer, daß der Mörder ein Jud sei. Als dann die Neue Freie Presse mit der Überführung Davids auch die Enthüllung seiner rein italienischen Abstammung melden konnte und der Mörder somit überführt war, eigentlich Davit zu heißen, da legte die Reichspost das umfassende Geständnis ab, daß ihr die Religion und der Stammbaum des Mörders gleichgültig seien. Um aber die letzten Zweifel in dieser Richtung auszumerzen, war die Sonn- und Montagszeitung in der Lage, bekanntzugeben, daß Davit ein frommer Katholik sei, der es nicht unterlassen habe, die jährliche Beichte und sogar noch einen Buchstaben abzulegen: »Er heißt, wie uns mitgeteilt wird, tatsächlich Davi (ohne t)«, was immerhin viel ist, da er bekanntlich zuerst, als er noch David hieß, nur kurzweg D. genannt ward. Mit einem Wort, von welcher Seite immer dieses Wien einen Mordfall antritt, immer bleibt es Wien und immer hat es der Welt etwas Besonderes zu sagen. Das Besonderste aber an ihm ist die völlige Schamlosigkeit, mit der es seine Interessen aus dem Weltgeschehen heraushebt und im Angesicht des Weltmordes seinen Lokalfall auszuleben begehrt. Die Menschheit, die auf dieser Insel der Unseligen wohnt, glaubt wirklich, mit der zudringlichen Armut, die sie wochenlang von einem Raubmord leben läßt, weil er in der »City« passiert ist, die Aufmerksamkeit der Welt zu erregen. Diese unbeirrbare Großstadtsucht, die noch aus einem Hotelmord Hoffnungen auf Hebung des Fremdenverkehrs schöpft, da sie selbst aus der Asche des Weltbrands einen verjüngten Suckfüll aufsteigen sieht, ahnt nicht, wie verächtlich sie einem Ausland erscheinen muß, dessen Städte unter Bomben und vor Kanonen ihren Geschmack an andern Lokalreizen längst geopfert haben und im Erleben und Gedenken des Ereignisses so vieler Saisons mortes Trauerwürde tragen. Die plaudernden, lachenden, flirtenden Korsobesucher und die vornehmen Fremden in den bequemen Korbstühlen, diese Untermenschheit, deren Blut- und Wissensdurst das Rinnsal der Lokalberichte ausschlürft, kommt nicht auf die Idee, daß sie, da nur die Begebenheiten des Hinterlands ihr vorstellbar sind, noch eine Spur von Anstand beweisen könnte, wenn sie statt den Zufallsfakten einer zeitlosen Kriminalität lieber den täglichen Hungermorden hingegeben wäre. Des Todeszwangs wie jeder menschlichen Regung enthoben, wird ihr frontentfernter Schlaf von keinem letzten Schrei der Märtyrer, von keinem Gedanken an die schuldlosen Opfer der Maschinenwillkür wie der Militärjudikatur gestört; aber ihr furchtbares Überleben bleibt auch unerschüttert von den Kontrasten, die ihnen die Not vor das freche Gesicht stellt. Wo ist, da die ihnen nicht an den Leib kann, der Zuchtmeister, der dieses Gesindel zu Paaren triebe? Der kleine Junge mit dem Rucksack, den ungarische Grenzpolizisten über Waggondächer zu Tode jagen, ist keine Ringstraßensensation, aber wert, daß eine ganze Stadt Trauerfahnen aussteckt! Er hatte keine Zeit mehr zu spielen und seine Eltern hatten ihn um Kartoffeln geschickt, anstatt ihm in einem vornehmen Stadtgeschäft eine Handgranate zu kaufen. Mit solchem Spielzeug hätte er selber töten gelernt. Aber es müßte schon eine echte Handgranate sein, mit der man einen Korso aufscheuchen könnte, der im Krieg noch einen Mord und vor dem Weltuntergang noch eine Sensation braucht!

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 484-498, XX. Jahr

Wien, 15. Oktober 1918.


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