Mai 1918



Der darbende Bürger


Vor acht Jahren, in einem nicht mehr erhältlichen Hefte der Fackel, ist ein Aufsatz über den »Prozeß Friedjung« erschienen, in welchem ich lediglich aus Hören und Sehen der einander gegenüberstehenden Parteien, also aus einer Abschätzung von Persönlichkeitswerten zu politischen Folgerungen gelangte, die sich heute wie ein Motivenbericht zum Weltkrieg lesen. Es wird sich empfehlen, die erste Raumgelegenheit zum Wiederabdruck dieses (wie ich jetzt erst erfahre, in dem Werke des Scotus viator über die südslawische Frage zitierten) Aufsatzes zu benützen. Der Grundgedanke, daß Österreich das Land ist, in dem keine Konsequenzen gezogen werden, ist unangetastet geblieben: sonst hätte man nicht die des Weltkriegs gezogen. Die unsägliche deutschösterreichische Banalität, die ich damals in der Stimme des Historikers Friedjung ihren Biedermannstonfall gegen Recht und Kultur mobil machen hörte, ist seither mit den Mitteln einer entwickelteren Mechanik über das Leben hinweggeschritten und die Ansicht, daß ein Volk, dessen Lieder Goethe, Wilhelm Humboldt und Jakob Grimm, Puschkin, Scott und Mérimée begeistert haben, eine »Murdsbande« sei, hat triumphiert. Herr Friedjung aber, der Historiker der mit falschen Dokumenten gefüllten Belgrader Bomben, wirkt in unverminderter geistiger Frische fort und hat sich, wie ich aus einem Zitat der »Arbeiter-Zeitung« ersehe, von seiner serbischen Vergangenheit nicht abschrecken lassen, sich für die »Vossische Zeitung« Gedanken über Serbiens Zukunft zu machen. Nur völlige Humorlosigkeit vermag ihn davor zu bewahren, vor dem Einfall, daß das serbische Volk »zu den Kriegsgewinnern gehört«, nicht zu erbleichen; sein Kriegsgewinn bestehe darin, daß es »in Zukunft durch mehr politische und wirtschaftliche Bande mit dem Reich der Habsburger verknüpft sein wird«. Ist nach meiner Definition der Historiker nur ein rückwärts gekehrter Schmock, so ist der Prophet nur ein vorwärts schauender Historiker. Bekäme Herr Friedjung, dem es nur deshalb nicht gelingen wird, das Öl seiner Beredsamkeit in den Weltbrand zu gießen, weil die Flammen an tödlicher Langeweile ersticken könnten, nur ein Quentchen Vorstellungskraft geschenkt, könnte er nur ein Millionstel der tragischen Gegenwart des serbischen Volkes mit seinem Gefühl erfassen — der Witz, dieses den Kriegsgewinnern zuzuzählen, weil ihm das Los, dem zu entgehen es leidet, als Erlösung winke, dieser Witz würde ihn so kalt anstarren wie das Grab, das eine arme Seele sich selbst schaufeln muß. Herr Friedjung stellt »ein Minimum« von Forderungen auf Auslöschung des serbischen Staates, an deren tollhäuslerischem Plan, wie er behauptet, »sich nichts mehr ändern läßt«, ein Entwurf, den durch Druck weiterzuverbreiten man sich versagen darf, weil seine Authentizität nicht einmal so feststeht wie die serbischen Dokumente von anno dazumal und weil die Regierung vermutlich doch die Konsequenz gezogen hat, in diesem Fach auf die Mitwirkung des Herrn Friedjung zu verzichten und ihn seinen eigenen Forschungen zu überlassen. Nur so viel muß erwähnt werden, daß Herr Friedjung von den serbischen Bauern und deren Söhnen spricht, als ob viele von der Gattung noch vorhanden wären, und ferner, daß er es als »eine Sünde gegen den heiligen Geist einer gesunden Politik« bezeichnet, eine Vereinigung von Serbien und Montenegro zu dulden. Es ist zwar eine größere Sünde gegen den heiligen Geist, diesen für eine Berufsangelegenheit des Herrn Friedjung zu halten, aber man kann ja von solchen Leuten nicht verlangen, daß sie sich von dem Inhalt dessen, was ihnen von der Zunge geht, erdrücken lassen. Wären sie sich der Tragweite ihrer Phrasen so sehr bewußt wie der Tragweite ihrer Kanonen, so wären ja diese nicht losgegangen. Daß das neue Österreich wirklich Lust haben sollte, mit den Geistern dieses Kalibers fortzuwursteln, muß nicht unbedingt daraus geschlossen werden, daß Herr Friedjung auch jetzt noch bei wichtigen Gelegenheiten als patriotischer Sachverständiger zugezogen wird. Zum Abschluß von »Kaiser Karls erstem Regierungsjahr« hat er sich mit einem Feuilleton im Fremdenblatt eingestellt, von dem einige Sätze genügen dürften, um ihm bei den Volksschülern, die da kommen werden, zu schaden oder mindestens ein heiteres Andenken zu sichern:

... Es läßt sich aber nicht sondern, wieviel zu diesem größten Erfolg des Weltkriegs das Pflichtgefühl und die Vaterlandsliebe der Kämpfer beitrug, wieviel die Begeisterung für den unermüdlich tätigen jungen Herrscher, der die Herzen seiner Soldaten im Sturme zu erobern verstand und dessen Bild sie bis nahe den Toren des einst meerbeherrschenden und noch immer gleich märchenhaft schönen Venedig geführt hat.

Kein Volksschüler wird sich hier durch das Ineinandergreifen zweier Offensiven in dem Genuß der Beschreibung Venedigs irremachen lassen. Alles andere läßt sich schon durch bloße Andeutung genießen:

Im Sonnenglanz des Sieges — — das treulose Rumänien — — durch die Klammer des Herrscherhauses zusammengehalten — — treue Hingabe an die schweren Pflichten seines Amtes — — die Liebe seiner Völker erwarb — — ein Füllhorn von Gaben über das Reich der Habsburger ausgeschüttet — — das innige Verhältnis des Herrschers zur Gattin und den Kindern — — Wohlfahrt des Reiches — — zu verwalten und zu mehren — — allgemeine Bestürzung über die Lebensgefahr, in der der Kaiser in den Sturzwellen schwebte — — durch eigene Kaltblütigkeit wie durch den Opfermut seiner Umgebung — — in die Bresche zu treten — — tapferen Bundesgenossen — — Proben seiner unerschütterlichen Bundestreue ablegte — — ehrenvollen, das Reich gegen künftige Angriffe sichernden Frieden — —

Soweit das Schöngeistige. Die Gesinnung des Herrn Friedjung dokumentiert sich in Sätzen wie diesen:

Metall im Blute ist für die Paladine des Herrschers ebenso notwendig wie das Eisen in der Faust.

(Paladin bedeutet ursprünglich nicht nur »Hofritter«, sondern auch »irrender Ritter, Abenteurer«.)

... seine (Deutschlands) ans Wunderbare grenzende militärische Tüchtigkeit.

Unerschütterlich mußte darauf beharrt werden, daß nur von Siegen auf den Schlachtfeldern die Entscheidung kommen könne.

Nie riß der Gedankenaustausch zwischen Wien und Berlin ab ... Gerade in den gefährlichen Sommertagen dieses Jahres —

(Herr Friedjung meint die Zeit, da man auf die Welterlösung hoffen durfte)

formte sich der herrliche Plan zur Niederwerfung Italiens im Geiste der verbündeten Herrscher, bei den Beratungen der Generalstäbe.

Nun aber wieder zum Schöngeistigen, weil es doch echter ist als die Gesinnung eines Menschen, der den Krieg nur aus dem eigenen Geschichtswerk kennt, serbische Bomben nur aus seinen Dokumenten und der seine Begeisterung für Ekrasit und Zyankali gewiß nicht teilt. Der ganze Schönbart, der sich sträuben würde, wenn er die Wirkungen eines Bauchschusses auch nur zu Gesicht bekäme, steckt doch ehrlich in dem folgenden Satz:

Mit heller Freude nahmen die Völker Österreichs und Ungarns die Berichte auf über die Fürsorge des Kaisers für den Soldaten und den darbenden Bürger, über seinen gewinnenden Umgang mit den Kriegern an der Front, mit den Verwundeten und Leidenden in den Spitälern.

Ei siehe da, fürwahr, ich höre den Friedjung von 1909: »Als unser erhabener Monarch Tausende und Abertausende unserer Brüder und Söhne zu den Waffen rief ...« Spürt man, was in jenem Satz geleistet ist? Wie hier die durch alle Fibel- und Zeitungsbravheit durchgebrachte Einteilung der Staatsbürgerpflichten in einem Punkte renoviert wurde? »Der Soldat« hat zu kämpfen, die Verwundeten — sie lassen sich schon eher als Plural gebrauchen — haben zu leiden, — und der Bürger? Der hat — ei, siehe da — durchzuhalten, also müßte wohl von dem ausdauernden Bürger oder von dem hoffenden Bürger die Rede sein? Aber da wäre doch wieder die Fürsorge nicht am Platze. Also wird der darbende Bürger wie ein längst vorrätiger Typus, als eine Selbstverständlichkeit, eingeführt und er wirkt auch im Munde des Friedjung sofort als abgetackelte Phrase. Denn wie der Dichter die Kraft hat, ein altes Wort zum erstenmal zu sagen, so hat der Schönredner, ei, siehe da, die Kraft, einen neuen Begriff — da ja das Darben des Bürgers doch nur eine vorübergehende Erscheinung sein kann — wie eine abgegriffene Floskel hinauszustellen. Ich glaube, wenn der Friedjung am ersten Schöpfungstag dazugetreten wäre, so wäre die Welt als Phrase zur Welt gekommen und Gott hätte gesagt: Ei siehe da, es ist gut. Der darbende Bürger erweist sich als eine außerordentlich wichtige Bereicherung unseres heimischen Vorstellungsschatzes, er hat eine Lebenskraft, als ob er schon immer gedarbt hätte, als ob er weiter darben müßte und auch dazu entschlossen wäre, weil sich das so gehört. »Es ist doch merkwürdig« — klingt es vom sonoren Friedjungschen Organ —, wie sich der darbende Bürger in dem Moment seiner Erschaffung bereits eingebürgert hat. Ich höre Herrn Friedjung sprechen und ich sehe den Bürger darben. Der darbende Bürger sieht so aus:

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 474-483, XX. Jahr

Wien, 23. Mai 1918.


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