September 1918



Die Gerüchte


In Wien waren Gerüchte verbreitet, daß in ganz Österreich Gerüchte verbreitet seien, es seien in Wien Gerüchte verbreitet, mehr wurde über das Wesen der Gerüchte nicht gesagt, als daß das Wesen der Gerüchte eben darin bestehe, daß man es nicht sagen könne, man war nur auf Gerüchte angewiesen, um überhaupt herauszubekommen, was es für Gerüchte eigentlich seien, und so gingen denn in ganz Österreich Gerüchte von Mund zu Mund, die nichts geringeres besagen wollten, als daß in Wien Gerüchte verbreitet seien, es seien in ganz Österreich Gerüchte verbreitet. Dazu kam allerdings noch ein konkreter Umstand, der den Gerüchten die sonst meistens vermißte Nahrung gab, nämlich die Verlautbarung der österreichischen Regierung, welche feststellte, daß Gerüchte verbreitet seien, die ausdrückliche Warnung enthielt, sie zu glauben oder zu verbreiten und die Aufforderung, sich an deren Unterdrückung tunlichst auf das energischeste zu beteiligen. Hiezu kam noch eine ganz gleichlautende Erklärung der ungarischen Regierung, welche davon ausging, daß die Gerüchte auch in Budapest und in ganz Ungarn verbreitet seien, ohne daß man freilich auch dort mehr wußte, als daß Gerüchte verbreitet seien, was bald ein jeder Mensch in Ungarn wie in Österreich gerüchtweise erfahren hatte. Auch dort ergab sich ganz wie hier für die Bevölkerung die loyale Pflicht, den Gerüchten tunlichst auf das energischeste entgegenzutreten, was sich auch jedermann zu Herzen nahm und dergestalt ausführte, daß einer den anderen fragte, ob er schon von den Gerüchten gehört habe, und wenn dies verneint wurde, ihn bat, sie nicht zu glauben, sondern ihnen erforderlichenfalls tunlichst auf das energischeste entgegenzutreten. Diese Prozedur wurde aber namentlich in der diesseitigen Territorialhälfte der Gerüchte mit besonderer Energie durchgeführt. Zuerst erfolgte eine feierliche Eröffnung der Gerüchte, indem nämlich die Abgeordneten Teufel, Pantz und Waldner, von denen jeder einzelne nur ein Drittel ist und die deshalb nur zusammen ausgehen, beim Ministerpräsidenten Dr. von Seidler erschienen, um ihn auf die seit einigen Tagen in Umlauf befindlichen Gerüchte aufmerksam zu machen. Dr. v. Seidler gab zur Antwort, daß ihm die in Frage stehenden und im Umlauf befindlichen Gerüchte wohl bekannt seien. Bei dieser Gelegenheit erfuhr man zum erstenmal, daß die Gerüchte das angestammte Herrscherhaus betreffen und daß die Verbreiter der Gerüchte den Glauben der Bevölkerung an dasselbe vergiften wollten. Der Ministerpräsident beteuerte, daß diese Gerüchte unwahr seien, was aber die Abgeordneten Teufel, Pantz und Waldner schon wußten und was sich nach dem § 63, bezw. § 64, die ja keinen Wahrheitsbeweis zulassen, von selbst versteht, so daß eigentlich der Dr. v. Seidler, der sich für die Unwahrheit der Gerüchte »verbürgt« hat, gegen diese Paragraphen, die schon die Möglichkeit eines solchen Gedankens ahnden, verstoßen hat. Kein vernünftiger Mensch, meinte der Ministerpräsident, werde an derartigen Unsinn glauben. Trotzdem trat er ihm auf das energischeste entgegen und vergaß nur zu erwähnen, daß Unvernunft hier geradezu ein Verbrechensmerkmal ist, indem das Gesetz vom Staatsbürger nicht so sehr Vernunft als Ehrfurcht verlangt. Interessante Aufschlüsse gab er jedoch, und mit ihm der ungarische Ministerpräsident, über die Provenienz der Gerüchte. Schon in der offiziellen Verlautbarung waren die Gerüchte verzeichnet worden, daß die Gerüchte »im Frieden jeweils von einer einzigen phantasievollen Persönlichkeit ausgingen und es lange Zeit währte, bis sie breitere Massen erfaßten«; anders jetzt. Dasselbe Gerücht sei »zur Ursprungszeit jedesmal an ganz verschiedenen Stellen gleichzeitig zu vernehmen, weshalb die Annahme gerechtfertigt sei, daß man es mit einer Organisation der Gerüchte zu tun habe«. Das war ungemein spannend und es fehlte nur noch eine Andeutung darüber, ob die Gleichzeitigkeit der Verbreitung desselben Gerüchtes durch Lokalaugenschein, Gehörproben oder dergleichen erhoben wurde. Seidler sowohl wie Wekerle zogen aus den gemachten Wahrnehmungen den Schluß, daß die Verbreitung der Gerüchte »ein neues Zeichen der aus den Reihen unserer Feinde kommenden Versuche« sei, Verwirrung zu stiften; sie gehöre »in das Arsenal unserer Gegner«, die keine Mittel scheuen, um das Gefüge der Monarchie zu erschüttern sowie die Bande der Liebe und Verehrung zu lockern. Diese Vermutung beruht indes ganz bestimmt auf einem übertriebenen Gerücht, das zur Ursprungszeit gleichzeitig in Wien und in Budapest zu vernehmen war, weshalb die Annahme gerechtfertigt ist, daß man es mit einer Organisation zu tun hat. Ich speziell habe schon des öfteren der Überzeugung Ausdruck gegeben, daß die Lügen der Entente im allgemeinen lange nicht so gefährlich sind wie unsere Wahrheiten und daß sie deshalb bei weitem nicht so viel Verwirrung anrichten können. Wenn wir den vierjährigen Lügenfeldzug der Entente überblicken, so müssen wir so wahrheitsliebend sein, zuzugeben, daß die Lügen der Feindespresse über unsere Zustände dort, wo sie nicht geradezu die Übersetzung unserer Fakten waren, diesen höchstens um ein paar Tage, Wochen, sagen wir Monate vorausgeeilt sind. Kein Redakteur des »Figaro« wird für seine schadenfrohen, sich am fremden Hunger mästenden Leser Schlimmeres über unsere Ernährungsverhältnisse erfinden können, als der Bürgermeister von Wien dem Grafen Czernin nach seiner Heimkehr vom abgeschlossenen Brotfrieden gesagt hat, und wenn in der ganzen feindlichen Welt als die erste Tat der Northcliffe-Propaganda eine allerdings grauenhafte, auf den ersten Blick verleumderische Darstellung des deutschen Fliegerwesens verbreitet wurde, so darf man anderseits nicht übersehen, daß es sich um eine wörtliche Übersetzung der Schrift des Freiherrn von Richthofen gehandelt hat. Ich habe schon oft gesagt, daß sich statt eines Einfuhrverbots der feindlichen Literatur ein Ausfuhrverbot der vaterländischen sehr empfehlen würde, weil dann die Lügen der Feinde, die heute bloß wir nicht zu lesen kriegen, auch im Auslande nicht verbreitet wären. Was nun die Gerüchte betrifft, so liegt es mir mindestens so fern wie dem Dr. v. Seidler, sie in die Kategorie jener Wahrheiten zu stellen, die wir uns selbst verdient haben, und ich wäre sogar bereit, wenn ich eine Ahnung hätte, was es für Gerüchte sind, ihnen tunlichst auf das energischeste entgegenzutreten. Das einzige, was ich von ihnen weiß, ist, daß sie zwar Lügen enthalten, aber solche, die ganz wie die Wahrheiten, die uns als Lügen vorkommen, bei uns selbst gewachsen sind und nicht im Arsenal der Entente, sondern in der alldeutschen Presse hergestellt wurden. Dies ist denn auch der einzige Anhaltspunkt, den ich habe, um mir vom Wesen der Gerüchte eine Vorstellung machen zu können. Zum Wesen ihrer Erfinder gehört es sicherlich, sie vorsichtig der Entente zuzuschieben, was immerhin der bessere Teil der Tapferkeit ist, da ohne die Ablenkung durch den Ruf »Haltet den Verleumder!« möglicherweise dessen Feststellung erfolgt wäre. Gerüchte haben nun nicht nur die Eigenschaft, daß sie sich wie ein Lauffeuer verbreiten, sondern daß sogar noch die Löschaktion zur Verbreitung beiträgt, und es ist immerhin die Frage möglich, ob die Verwirrung, die die Feinde bei uns zu allem Überfluß stiften wollten, nicht eher durch geheimnisvolle Andeutungen über solche Absichten herbeigeführt wird. Denn es ist eine Erfahrung, daß in einem ohnedies schon aufgeregten Publikum durch die plötzliche Versicherung, es liege gar kein Grund zur Beunruhigung vor, diese gern entsteht und daß der Ausruf »Es brennt — nicht!« eine panikartige Wirkung hat, in deren Rauch die Negation erstickt. Ferner ist zu bemerken, daß Gerüchte noch mehr als die Katastrophen, auf die sie hinzielen, dem Gesetz der Serie unterworfen sind. Denn kaum hatte der Dr. v. Seidler sich gegen sie gewendet, so wurde alles was er tat zum Gerücht. Er hatte das Malheur, eine nächtliche Konferenz der Parteiführer einzuberufen, die gar keinen und darum auch keinen geheimnisvollen Zweck hatte, wohl aber die Folge, daß sofort »die verschiedenartigsten, ganz abenteuerlichen Gerüchte verbreitet« waren, denen er neuerdings auf das energischeste entgegentreten mußte. Man wird dereinst von ihm sagen können, daß er, ohne die Kolportage in Österreich freigegeben zu haben, doch viel zur Förderung jener Literatur beigetragen hat, der sie hauptsächlich zugute gekommen wäre. Kein Tag ohne Gerüchte. Da geschah es zum Beispiel, daß »in Paris und Rom Gerüchte über einen Wechsel in höheren Kommandostellen der österreichisch-ungarischen Armee verbreitet« wurden, gegen die aber, damit sie nicht auch bei uns eindringen, rechtzeitig in einer amtlichen Erklärung auf das energischeste eingeschritten wurde, in welcher dargelegt war, es handle sich um eine Stimmungsmache der Entente, um ein Manöver unserer Gegner, die, wie schon der Ministerpräsident jüngst betont habe, »kein Mittel scheuen, um das Gefüge der Monarchie zu erschüttern«. In diesem Fall gelang es tatsächlich, das Gerücht zum Schweigen zu bringen, ehe es zur Wahrheit wurde, denn schon ein paar Tage später war die feindliche Lüge mit einer vaterländischen Tatsache identisch, das Manöver beruhte auf einem strategischen Rückzug, und die Enthebung des Conrad von Hötzendorf, die Ernennung eines neuen Heeresgruppenkommandanten und eines neuen Armeekommandanten wurde amtlich gemeldet. In diesem Falle also durfte das Publikum erfahren, was der Inhalt der Gerüchte sei, war aber leider nicht mehr in der Lage, ihnen entgegenzutreten. Was die anderen Gerüchte betrifft, so wäre es immerhin trostvoll, wenn das Arsenal unserer Gegner nichts anderes enthielte als sie. Aber vielleicht besteht doch die Hoffnung, daß es seinen Betrieb nicht später als die alldeutsche Presse den ihren einstellt. Geschähe wenigstens das letztere, so wäre der Fall gewiß seltener zu verzeichnen, daß Gerüchte nicht nur als Kriegsmittel, sondern sogar als Kriegsgrund Verwendung finden. Es besteht kein Zweifel, daß die Bomben, die auf Nürnberg geworfen wurden, ehe Deutschland Frankreich den Krieg erklärte, dem Arsenal der Entente entstammt wären, wenn nicht die Gerüchte, daß sie auf Nürnberg geworfen wurden, dem Arsenal der alldeutschen Kriegspropaganda entstammt wären. Seit dem Tage, an dem diese Gerüchte verbreitet, und noch lange, nachdem sie vom Oberbürgermeisteramt von Nürnberg dementiert waren, sind den Gerüchten Türen und Tore, offene Städte und andere Festungen geöffnet, und gewiß ist, daß durch Gerüchte, die ja imstande sind, einen Krieg zu stiften, wenn's diesen einmal gibt, auch noch Verwirrung gestiftet werden kann. Das ist vornehmlich in Staaten möglich, deren Lebensinhalt die Organisation ist und deren Bürger Maschinen sind, jeder einzelne zum Bollwerk gegen den feindlichen Siegeswillen wie geschaffen. Daß gegen solche Anlagen Versuche, sie zu unterminieren und Verwirrung zu stiften, unternommen werden mögen, ist begreiflich und eine Berufung auf die feindliche Absicht, es durch Gerüchte zu bewerkstelligen, durchaus sinnvoll. Auf Staaten jedoch, deren Lebensinhalt schon in Friedenszeiten der Pallawatsch war und deren Angehörige selbst als Gerüchte umgehen, wären solche Machinationen schwerlich von Einfluß. Der einzige Zustand, der hier, wo sich keine Talente in der Stille und im Strom der Welt keine Charaktere, sondern Gruppen bilden, noch gestiftet werden könnte, wäre nicht der der Verwirrung, sondern der Ordnung. Aber daß der Wunsch, hier Ordnung zu machen, gerade bei den Feinden bestehe, hat noch kein Gerücht und nicht einmal die Beilage der »Leipziger Neuesten Nachrichten« behauptet.

 

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 484-498, XX. Jahr

Wien, 15. Oktober 1918.


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