März 1918



Für Lammasch *)


Die politisch-geistige Gaswelle, der wir uns überlassen haben und die uns heillos in die verkehrte Richtung treibt, kann nicht verhindern, daß reinere und im tieferen Sinn patriotische Herzen unverändert und mit jeder Stunde nur noch inbrünstiger das fühlen, was zu sagen manchmal verpönt ist. Allzu viele in diesem Lande, das so gern sein Wesen zum Opfer bringt, sind es nicht. Wenige sind es, die den Inbegriff eines gutgearteten Österreichertums bilden und den einzigen Schatz, der uns der Welt als dem Absatzmarkt innerer Werte — die Pofelware scheint auf ihn definitiv verzichten zu wollen — fürder empfehlen könnte. Aber zu diesen, deren Bild im Gasdunst so getrübt wird, daß Verdienst als Schuld und Treue als Verrat erscheint, gehört der Hofrat Heinrich Lammasch, den Weisheit und Leidenschaft mehr als die Pairswürde zieren, dessen Vorzug es ist, sich im Verkehr mit Historikern, Zeitungsreportern, Berufspolitikern und ähnlichen Parasiten am Geiste und am Blute jene Blöße zu geben, die seine Menschlichkeit ist, und der, wie die Neue Freie Presse meint, das Unglück gehabt hat, »in Widerspruch zu den Ansichten des Blattes gekommen zu sein«. Man wird mich, der in den unvergessenen Tagen, da die echten Belgrader Bomben noch mit falschen Wiener Dokumenten gefüllt waren, ohne politischen Befähigungsnachweis, bloß aus dem Anschauen und Anhören der einander gegenüberstehenden Parteien, die kommenden Dinge so klar vorausgewußt hat, daß sich heute mein damaliger Aufsatz als das Ultimatum der Menschenwürde an eine kriegstolle Politik liest — man wird mich der Pein überheben, die vorbildliche geistige Bescheidenheit dieses Herrn Friedjung auch noch für die neueste Rettung des Kapitols darzutun. Dieser wandelnde Tonfall der Plattheit, dieses als Rest der Bundestreue noch vorrätige Öl der Beredsamkeit — nein, nur die äußerste Kriegsnot des Geistes hat es möglich gemacht, daß so etwas wieder in unsere Hörweite zu treten wagte. Und dennoch — wie kann dieses Land selbst in der trübsten Stunde seiner Selbstvergessenheit es dulden, es ertragen, daß solch ein etwas mit einem lebendigen Menschen wie Lammasch konfrontiert wird? Daß ein rückwärts gekehrter Reporter, der sich deshalb Historiker nennt und dessen Brauchbarkeit es überschätzen hieße, wenn man ihn in allen Sätteln ungerecht nennte, da sein Offizium immer nur der Kampf um die Vorherrschaft der Langeweile gewesen ist — daß ein schlechter Offiziosus ernsthaft als sittlicher Widerpart eines Mannes in Betracht kommt, dessen Herz und Kopf in diesem Krieg nicht umgesattelt haben und in dem die Welt einst den einzigen Völkerrechtslehrer erkennen wird, dem Wissenschaft und Gewissen vom Einmarsch in Belgien nicht überrannt worden sind! Und dieser sollte jetzt die Beute der Aushorcher und inspirierten Nachrichter, der Gebärdenspäher und Geschichtenträger sein? Mit den jungen Temperamenten, die im Herrenhaus sitzen, möchte ich nicht zu streng ins Gericht gehen: sie hätten vermutlich auch den Kant niedergebrüllt, wenn er ihnen was aus seiner Schrift »Zum ewigen Frieden« zitiert hätte, den Bismarck, weil er sich mit Elsaß begnügen wollte, und der Herr Pattai hätte diesem zugerufen: »Wir sind die Sieger und wir verlangen auch die Palme!«, ohne zu wissen, wie sie aussieht und daß man schließlich doch nicht ungestraft unter ihr wandelt. Jenem aber, Immanuel Kant, hätte der Herr v. Plener vorgehalten, daß seine »Mentalität« »eigentlich mehr Verwandtschaft mit der Denkweise des Auslandes als mit der österreichischen habe«, ohne zu ahnen, daß das gar kein so übles Kompliment sei, und daß es eine Zeit gegeben hat, in der die österreichische Denkweise noch eine Verwandtschaft mit der der Welt gehabt hat, und daß wir nichts flehentlicher vom deutschen Gott zu erbitten haben als: daß diese Tage noch einmal für uns anbrechen mögen! Aber wie ist doch diese Denkweise herabgekommen, daß sie in die Lage kam, zwischen Lammasch und Friedjung zu wählen und sich in Diskussionen über dieses Thema überhaupt einlassen zu können! Gegen einen Mutigen, der seine Vaterlandsliebe mit seiner Popularität bezahlt, und für einen Gefälligen, der nach Berlin geht, ihn dafür zu denunzieren. Welche Kriegsnot des Herzens, hier die Entscheidung zu verfehlen! Ich bin vielleicht nicht der schlechteste, nicht der unwürdigste Österreicher, — aber das muß ich sagen: daß ich bei der Wahl zwischen der Nibelungentreue des Herrn Friedjung und einem »Anschlag« des Professors Lammasch im Schlaf das Vaterland ins Verderben zu treiben bereit bin! Und wie kann dieses Vaterland sich Witzblätter halten, die einen Mann bespeien, der nicht nur in Ehren grau geworden ist, was man bekanntlich nicht von jedem Herrenhausmitglied behaupten kann, sondern dessen Altersweisheit zum Ehrenbesitz eben dieses Vaterlandes gehört? Dessen Konservatismus Leben genug hat, um gegen die Verödung der alten Güter im Dienste des Antichrist Opposition zu machen? Und wie kann dieses Vaterland, das diesen Weltuntergang nicht in seinen alten Knochen spürt, sondern im Gegenteil die Welt frisch »aufgemacht« sieht, so vom Wege irren, daß es seine journalistischen Söldner den Mann als einen Ideologen geringfügig machen läßt, der doch das rechte Gegenteil davon ist, nämlich jener Realpolitiker der idealen Forderung, der heute durch Auflösung des alten politischen Inventars die Welt rettet! Denn während deutsche Ideologie die Menschheit aus der Politik erbaut, bezweckt dieser Idealismus nichts anderes, als endlich einmal die Politik auf der Idee der Menschheit einzurichten. Wahrlich, daß es noch Menschen gibt, denen das Bewußtsein, in dieser Zeit zu leben, Schamgefühl verursacht, ist nicht hoch genug anzuschlagen! Begeistert trete ich an ihre Seite und bin entschlossen, sie im Angesicht jeder Macht des Übelwollens und der Verblendung zu schützen gegen die völlige Schamlosigkeit, die solchen Wert dem Zeitgeist preisgab. Der Hofrat Lammasch bleibe der Menschheit und dem Vaterland erhalten, damit sie wieder zueinander kommen! So niedrig die Zeit ist, in der er lebt — er lebe hoch!

 

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*) Gesprochen am 27. März 1918.

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 474-483, XX. Jahr

Wien, 23. Mai 1918.


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