November 1915



Dialog der Geschlechter


Ein Quodlibet


Aus Hannover wird telegraphiert, daß die dortige Zensur die Aufführung von Strindbergs »Vater« am Residenztheater verbot. Das Stück passe aus ethischen und ästhetischen Gründen nicht in den Ernst der Zeit.


Wenn man sich die Tonnen Unflats, die, den Dimensionen der Zeit entsprechend, allabendlich von Deutschlands Bühnen herab über Deutschlands Volk entleert werden, als Schiffsladung vorstellen wollte, so dürfte der Dampfer »Vaterland« als ein Schinackel erscheinen. Aber eben darum erweist sich das Verbot des Strindbergschen Werkes als eine aus ethischen und ästhetischen Gründen erflossene Schutzmaßregel gegen den Bürger, der sich vom Ernst der Zeit bei Kraatz und Stobitzer erholen muß, indem man bekanntlich nach des Tages Müh' und Wucher »sich amüsieren will«, welches Wort längst kein Fremdwort mehr ist, sondern ein auch von der Berliner Polizeidirektion anerkanntes und von dem Eigenschaftswort »amusisch« abgeleitetes Zeitwort. Sollte aber aus dem Hannoverschen Verbot etwa zu schließen sein, daß uns wieder einmal die janze Richtung nich paßt, so würde sich das Bedürfnis nach einer endgültigen Norm für eine zulässige Behandlung des Problems der Geschlechter auf der deutschen Bühne herausstellen. Wie, in welchen Tönen, bis zu welchem Grad der Aufrichtigkeit dürfen sie zueinander sprechen? Eine Balkonszene wie die zwischen Romeo und Julia hat trotz der »Reinhardtschen Aufmachung« wenig Verlockendes und an und für sich mehr die Faßóng dessen, was der Aufgeklärte einen Klimbim nennt. Wie Strindberg die Geschlechter sieht, ist aus ethischen und ästhetischen Gründen nicht vorführbar. Aber es gibt einen goldenen Mittelweg. Es gibt einen Dialog, der alles enthält, was die neuzeitliche Seele eines Volkes zu offenbaren hat, wenn Er und Sie sich gegenüberstehen und die letzte schuldvolle Wahrheit einander vorhalten. Gewiß glaubt man jetzt, ich würde die umfassendste Liebeserklärung zitieren, die je ein Dichter geformt hat und die da lautet:

 

Ach Irma, ach Irma,

dich liebt die ganze Firma!

 

Nicht doch. Es war zwar das Hohelied der protokollierten Liebe, aber die Geliebte bleibt darin stumm, und nur die Sehnsucht des Mannes, die nach Kontorschluß plötzlich hervorbricht, hat Flügel und Worte. Haste Worte? müßte man auch sie fragen, die sich so von einer G.m.b.H. angeschwärmt fühlt, und sie dürfte antworten: »Nee, nich zu machen, schließt von selbst!« Er aber läßt sich nicht abschrecken, und die sachliche Lebensanschauung des deutschen Mannes, die auch in der Liebe ohne Ansehen der Person urteilt, spricht sich allsogleich in dem Bekenntnis eines Entschlossenen aus, der geschäftlich reüssiert hat und dem zum vollen Glück nur eines fehlt:

 

Kinder, ich brauch' ein Verhältnis,

das möglichst pompös gestellt is.

Ob sie stark oder schlank wie die Birken,

ejal — dekorativ soll se wirken!

 

Aber ein Verhältnis ist schließlich noch nichts, was uns über die Beziehung der Geschlechter orientiert. Wohl wäre er in einer schwachen Stunde fähig, sich loszureißen und ihr den starken Entschluß zu eröffnen:

 

Rosa, wir fahren nach Lodz!

 

und er wäre wohl auch der Mann, diesen Entschluß auszuführen. Es würde aber selbst diese Regung weniger die erotische Seite des Lebens betreffen als die Tüchtigkeit, die den ersten zwischen Himmel und Erde verkehrenden D-Zug benutzen wird. »Ja, die wahre Liebe, ist das nicht«, sagte man einst, sondern es ist, wie immer in dieser Kulturzone, mehr die Verbindung des Angenehmen mit dem Nützlichen, des Praktischen mit dem Dekorativen. Wo bleiben die Troubadoure? Jetzt aber wird auftreten Willy Wenzke, genannt der süße Willy, der Liebling der Damenwelt. Er fragt unvermittelt:

 

Ist denn kein Stuhl da, Stuhl da, Stuhl da

für meine Hulda, Hulda, Hulda —

 

nee, is nich. Das ist bloß Galanterieware, nicht Leidenschaft. Sofort treten vier uniformierte Chordamen in die Bresche, die mit vorgeworfenen Schenkeln und die Oberlippe streichend, behaupten:

 

Ja, wir sind eine eigene Rasse,

tralala lala lala.

Zivil ist ganz 'ne faule Klasse,

tralala lala lala.

 

Nachdem sich dies unter lebhafter Zustimmung des Zivils begeben hat, tritt eine Dame in Zivil auf, die, die Hände abwechselnd vom Busen in die Richtung zum Publikum führend und zwischendurch gleichfalls die Oberlippe streichend, die Versicherung abgibt:

 

Ja, so ein Leudenant

so schick und sauber

wirkt auf ein Mädchenherz

als wie ein Zauber.

Zum Beispiel ein Husar, ein Kavallrist —

besonders, wenn er schick und sauber ist!

 

Das ist sicherlich schneidig, hat aber heute doch wegen der stofflichen Verallgemeinerung eher an Verständnis verloren als gewonnen und bringt wieder nur die Ekstase des Weibes zum Ausdruck, ohne daß das andere Geschlecht einen Ton dazu sagt. Dieses, einer ganzen Welt die Stirn bietend und nur noch im Joch der Prügelmasseusen schmachtend — es wird weiter gedroschen —, erlebt eine starke Genugtuung, da endlich das Lied wie Donnerhall erklingt:

 

Pauline, au au au, au au, au au,

wie haben sie dir vahaun!

 

Der gebildete Sally Katzenelbogen, Export, Frankfurt a./O., tippt hiebei seinem Nachbarn, dem Rechtsanwalt Krotoschiner II an die Schulter: »Wie sagt doch Nietzsche? Jehst du zum Weibe, verjiß de Peitsche nich!« Worauf Krotoschiner II versetzt: »Na hörn Se mal, lassen Se mich man bloß mit dem Mann zufrieden, der Mann is mir nich kompetent, der hat doch bekanntlich ′n böses Ende jenommen. Oberfauler Kunde, sag ich Ihnen. Kenn' Se Dolorosa?« »Nee, sitzt dort nich Hertha Lücke vom Palais de danx, Kantstraße funfzehn, Belletahsche, Rufnummer Kurfürst achthundertvierundfunfzigtausendsiebenhundertsiebenundfunfzig?« »Ach Unsinn, Gegenteil, das ist Gerda Mücke vom Lindenkasino, Leibnizstraße neunundfunfzig, zwei Treppen, Lützow neunhundertsiebenundfunfzigtausendachthundertdreiundfunfzig, Teelefonn mit Warmwasser, Luftschiff im Hause, zu jedem Appertemang ′n Kulturbatt, pickfein! mit die schickste Person die wir im Reich haben.« »Jewiß doch — un wissen Se, wer neben sitzt? Motte Mannheimer, Kunststück, der wickelt se alle in blaue Lappen!« Die Musik ist inzwischen von sadistischen Motiven zum Ausdruck reinster Adoration übergegangen.

 

Puppchen, du mein Augenstern —

 

Das ist innig, auch, wie wir erfahren haben, als Marschlied und bei Stürmen geeignet, aber über die Beziehung der Geschlechter gibt es keinen Aufschluß. Und ist wieder ein Monolog. Aus den Neunzigerjahren kommt eine Dame auf die Szene, Fräulein Frieda Fleuron, vulgo Käsebier, genannt die totschicke Nachtigall, gefolgt von drei andern Damen, und stellt sich vor:

 

Fesch, schick, wirklich indresant —

stell'n wir uns jetzt vor Sie hin.

Wir sind, das weiß ein jeder, anerkannt

als Nachtigall'n von Berlin.

 

Für Wien wird die letzte Zeile geändert, für Dresden ist das Lied verloren. Dagegen gibt es eines, das zeitgemäß ist, weil es den Genien beider Hauptstädte mit einem Schlag huldigt. Ich habe einmal die zwei ersten Zeilen gehört, bin aber imstande es fortzusetzen:

 

Ja, mein Herz gehört nur Wien.

Doch sehr schön ist auch Berlin.

Denn sehn Sie, so ein Leudenant,

so indresant und auch scharmant,

ich geb' ihm gern ein Rangdewu —

doch noch lieber hab' ich Ruh.

Denn ach, denn ach, denn ach,

man wird ja so leicht schwach.

Darum sag' ich, mein Herz gehört Wien.

Doch sehr schön ist auch Berlin.

 

Die Städtenamen werden umgestellt, je nachdem ob Frieda Käsebier, ehedem unter dem Namen Fleuron bekannt, in einer Reichshalle oder bei der Waldschnepfe ihre Künste spielen läßt. Wir sind während dieser Vorgänge sichtlich um zehn Jahre älter geworden, und in einem »Bierkabarett«, wo es nicht ausgeschlossen ist, auch Sekt zu erhalten, treten abwechselnd Herren und Damen vor die Rampe, die, sei es mit der trotzigen Herausforderung: »Ich bin ein Prolet, was kann ich dafür!«, sei es mit der zynischen Anklage: »Ich bin eine Dirne, was liegt daran!« in brüsker Weise zur Hebung des Konsums beitragen, und man hat dennoch wieder nur den Eindruck, daß die beiden Typen aneinander vorbeileben. Um das verwirrte Publikum, das plötzlich nach »Schneider-Duncker« verlangt und aus dem gellende Hilferufe: »Schneider-Duncker soll komm'n!« hörbar werden, zu beruhigen, tritt Schneider-Duncker auf und muß sich zu Zugaben entschließen. Nachdem hierauf eine Dame ein Lied über eine Hinrichtung gesungen hat, fordert unvermittelt ein Konferenzier oder sonst ein vifer Bursche das Publikum auf, ihm Zitate aus Klassikern zuzuschmeißen, aus denen er sofort bereit ist ein Gedicht zu machen; er übernimmt jede Garantie. Einer ruft infolgedessen immer wieder: »Durch diese hohle Gasse muß er kommen!« Er besteht darauf. Eine innige Mädchenstimme wünscht: »O schmölze doch dies allzu feste Fleisch!« Der Dichter ist ratlos, der Fall ist ihm noch nicht vorgekommen. Er scheint aber immerhin, wenn alle Stricke reißen, entschlossen, sich so aus der Affäre zu ziehen:

 

Durch diese hohle Gasse muß er kommen —

der Kellner nämlich, schon hört man das Geräusch —

aber das Essen ist nicht zu genießen —

o schmölze doch dies allzu feste Fleisch —

 

da bringt ihn ein besoffener Budiker in Verwirrung, indem er spontan hinaufbrüllt: »Popologie!« Mit diesem klassischen Zitat weiß jener vollends nichts anzufangen. Als aktuelle Anspielung ist es verständlich. Man lebt in der Zeit der Prozesse gegen die bekannte »Normwidrigkeit«, die so lange grassierte, bis Harden sich das Verdienst erwarb. Auch aus diesem Milieu ist also wieder nichts für die Erkenntnis zu profitieren, wie die Geschlechter Zwiesprache halten. Wir treten deshalb in die Friedrichstraße hinaus und hören zwischen Aschinger, Autos, Schutzmännern, Kaffffes, Kintopps und Koofmichs, zwischen Fußwohl und Salamander, zwischen Feentempeln aus Zigarren und Walhallen für Bier, zwischen Brillanten, die Glas, und Kometen, die Lichtreklamen sind, zwischen Rowdies, Maklern, Gesundbetern, Wiener Operettensängern und Bohemiengs, zwischen »Luden«, »Pupen«, »Nutten«, »Neppern«, »Schleppern«, »Schiebern« und »Schneppen«, die aber alle ein und dasselbe Gesicht haben, zwischen Benzin und Moschus, zwischen Tuten und Rufen wie: »B.Z. am Mittag!« »Neieste Nummer des Semplecissimus!« »Der Heiratsonkel!« »Maxemilian Harden gegen Willem den Zweiten!« »B.Z. am Mittag!« »Die jroße Glocke! Sensationelle Enthüllungen, Schweinerei bei Wertheim!« »Pikantes aus Moabit!« »Wachsstreichhölzer, Wachsstreichhölzer!« — die furchtbare Proklamation: »Die Welt am Montag! Der Männervenustempel in der Kochstraße polezeilich jesperrt!« Wir besinnen uns vor dieser Wortbildung, die einen Wirbel im Betriebsstrom zu bewirken scheint, wir erkennen, was es alles gibt und nicht mehr gibt je nachdem, wir haben die Empfindung, daß man sich hier sehr ins Unrecht setzen würde, ließe man sich plötzlich das Wort »Asphodeloswiese« einfallen, daß es öffentliches Ärjernis erregen könnte und daß, wenn hier Aphrodite aus dem Asphalt emporstiege, sie aufgefordert würde, »dem Schönheitssinne Rechnung zu tragen«, und wenn sie sich weigerte, unter dem Beifall der Passanten, wenn auch unter Sträuben, wegen Unjebühr nach der »Sitte« gebracht würde. Dann, wenn alles vorbei ist, ziehen die Geschlechter weiter ihres Wegs. Wir folgen einer Empfehlung in das Lokal »Rosenkavalier, lauschigstes Eckchen der Welt«, also in eine Kaschemme, wo die Volksseele mehr angtrnu ist, um sie zu belauschen, wie sie singt und sagt:

 

Emil du bist eene Pflanze,

ja so jefällst du mir!

Du jehst immer uff's Janze,

ik bin varrückt nach dir!

 

Unter solchen Umständen geschieht selbst in dieser Atmosphäre ein Wunder. Nämlich, daß ein Lied, welches in ihr lag, seit zwanzig Jahren nicht erfunden wurde, so daß Text und Musik von mir sind. Das Publikum singt mit.

 

Komm mal ran da,

Süße Wanda,

Komm mit mir auf die Veranda!

 

Ihre Antwort aber könnte mir nicht einfallen. Vielleicht ist sie das bekannte Bekenntnis:

 

Ach Ernst, ach Ernst, ach Ernst!

Was du mir alles lernst!

 

Na wenn schon. Daß man sich in der Liebe auskennen muß, ist ja Grundbedingung. Wie sagt doch der Dichter?

 

Ja ja die Liebe, ach die Liebe ist so schön —

Nur muß man den Zauber auch verstehn!

Wer die Liebe zu genießen nicht versteht,

der lass' es lieber gehn, der ist ganz einfach blöd!

 

Daß man den Zauber verstehen muß, vaschtehste, ehe man sich darauf einläßt, ihn zu erleben, ist klar und für jeden, der helle ist und sich von Mysterien nicht an die Wimpern klimpern läßt, mehr minder selbstverständlich, zumal in einer Epoche, wo in sämtlichen Lokalen ein kolossaler Betrieb ist. Aber wenn man einmal so weit ist — was dann? Und wenn der Mann gewitzigt ist, wie schützt sich die Frau? Ein Malheur ist bald geschehn. Denn:

 

Mutter — der Mann, der Mann, der Mann

rückt immer näher an mir heran.

Mutter paß auf, Mutter komm her,

sonst passiert noch een Malheur!

 

Jeder Teil wäre nun mal gründlich vorbereitet und könnte sich das Leben danach einrichten. Aber beide zusammen? Nein, keines dieser Dokumente einer Ursprünglichkeit, die hinter der Ordnung lebt, gibt über die Beziehung der Geschlechter Aufschluß. Wo erfahrt man etwas? Vielleicht vom Leben selbst, also von den Schaufenstern. Da die Menschen hauptsächlich Träger und Vermittler von Gebrauchsartikeln sind, so dürfte die Beziehung am lebendigsten aus der Begegnung jener beiden Wachspuppen hervorgehen, auf deren Postament etwas geschrieben steht:

 

Erst spritzt er sie — dann spritzt sie ihn

Mit dem Wundermittel »Perolin«.

 

Aber ist es eigentlich ein Dialog? Es ist eine Erkenntnis, wie die des Fejetongredakteurs vom »Tageblatt«, der zu Weihnachten das Problem der Geschlechter mit der beherzten Rundfrage anging:

 

»Muß er hübsch sein? Muß sie klug sein?«

 

Ejal — hübsch verdienen muß er und dekorativ soll se wirken. Wann aber sprechen sie sich endlich aus? Immer schmachtet entweder sie nach Geld und Liebe oder er nach Liebe und Geld — aber das entscheidende Wort, das sie einander zuführt, fällt nicht. Halt, einmal fiel es doch! Und wirklich, was sie einander zu sagen haben, heute wie in der Zeit, die alles, was jetzt geschieht, vorbereitet hat, ist in diesem einen schlichten Dialog enthalten:

 

»Liebes Fräulein, ach, ich wet-te —

Sie sind eine Erzkoket-te!«

 

»Sie sind doch bekannt, mein Lieber —

als Schieber, als Schieber!«

 

Was zu großen Beifallskundgebungen der Koketten und der Schieber Anlaß gibt. Beide Gruppen drohen einander scherzhaft mit dem rechten Zeigefinger. Es dürfte vorläufig die letzte zulässige Wahrheit über das Strindberg-Problem sein. Es ist tipptopp, paßt aus ästhetischen und ethischen Gründen in den Ernst der Zeit und hat für die Geschlechter, die zur Gründung der nächsten Generation in Kompagnie treten, nichts Verletzendes. Das »Metropol« ist allabendlich ausverkauft, Bender und die Gutzke muß man gesehn haben, die Orchestrions spielen es, und die Luft der »Passage«, wo die Koketten wandeln, die Schieber schieben und im Ernst der Zeit gereifte Strichjungen streichen, enthält statt Ozon nur diesen einen Klang. Automaten singen ihn und er summt in den traumlosen Schlaf der Automaten.

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 413-417, XVII. Jahr

Wien, 10. Dezember 1915.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 15.09.2007 
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