Juli 1916



Feiertage


»... Bereits am Himmelfahrtstage seien in Bar-le- Duc Bomben mitten in die Volksmenge gefallen, die sich mittags bei der Ankunft des Pariser Zuges immer zu versammeln pflegt. 50 Personen seien getötet und 80 verwundet worden ... Die Aufregung über den Angriff auf die unbefestigte Stadt sei furchtbar und habe mehrere Tage gedauert.«

»... Am 22. d. war Fronleichnamstag ... Das schwerste Unheil richteten die Bomben am Festplatz von Karlsruhe an, wo die Menagerie Hagenbeck einen Anziehungspunkt bildete ... Getötet wurden 110 Personen; verletzt wurden 147 Personen ... Die Erbitterung über den zwecklosen Angriff auf die offene Stadt ist allgemein und tief.«

*

»... Aber die nutzlose Bosheit, die an Frauen und Kindern von französischen Fliegern verübt wurde, das Morden als Selbstzweck, die Roheit im Gewände einer Kriegshandlung ist ein besonderes Ereignis, gegen das niemand abgestumpft sein kann ... Wir möchten die nicht Offiziere nennen, welche die Bomben in Karlsruhe auf harmlose Frauen und Kinder, auf die Zuschauer vor einer Menagerie geworfen haben ... Wenn die Zeppeline über Paris schweben und Bomben herunterschleudern, so ist das Ziel eine militärische Anlage, so ist der Wille darauf gerichtet, den Feind in seinen Vorkehrungen zum Kriege zu treffen, Bahnhöfe, Geleise und militärische Gebäude zu zerstören ... Die Zeppeline haben wiederholt Fahrten nach London unternommen. Niemals hat jedoch einer ihrer Befehlshaber auch nur daran gedacht, Bomben auf Schauspielhäuser oder ähnliche Erholungsstätten, wo friedliche Menschen sich zu harmlosen Vergnügungen zusammenfinden, zu schleudern ... Schon die Erziehung schließt bei ihm jede Versuchung aus, Wehrlose durch eine Waffe zu treffen. Es macht gar keinen Unterschied, ob ein Soldat ruhige Spaziergänger in der Straße mit der Pistole in der Hand niederstreckt oder aus dem Lufträume durch Bomben absichtlich schwer verwundet, daß sie qualvoll zugrunde gehen oder in Stücke gerissen werden und das Pflaster mit ihrem Blute röten. Für das Außerordentliche des Krieges braucht jeder Offizier, den die Pflicht anweist, Leben nicht zu schonen, die innere sittliche Überzeugung, daß er militärischen Notwendigkeiten gehorcht und nicht etwa die ihm anvertraute Macht dazu gebraucht, den Hang zur Grausamkeit zu befriedigen oder unter dem Vorwande des Krieges seinen nationalen Haß auszutoben ... Ein österreichisch-ungarischer oder ein deutscher Flieger schleudert keine Bomben gegen Frauen, mögen sie Fürstinnen sein oder nicht. Es ist gar nicht auszudenken, wie ein Mensch beschaffen sein und bis zu welchem Grade er den Rechtssinn verloren haben muß, bis er sich entschließt, auf eine Festversammlung zu lauern und die dichten Reihen durch seine Bomben auseinanderzusprengen ...«

 

Die Predigt

»... Es ist deshalb auch nicht nur das Recht«, sagte Pastor Philipps, »sondern unter Umständen sogar die Pflicht gegen die Nation, mit Kriegsbeginn Verträge und was es sonst auch sein mag, als ›Fetzen Papier‹ zu betrachten, die man zerreißt und ins Feuer wirft, wenn man die Nation dadurch retten kann ... Krieg ist eben die ›Ultima ratio‹ das letzte Mittel Gottes, die Völker durch Gewalt zur Raison zu bringen, wenn sie sich anders nicht mehr leiten und auf den gottgewollten Weg führen lassen wollen. Kriege sind Gottesgerichte und Gottesurteile in der Weltgeschichte ... Darum ist es aber auch der Wille Gottes, daß die Völker im Kriege alle ihre Kräfte und Waffen, die er ihnen in die Hand gegeben hat, Gericht zu halten unter den Völkern, zur vollen Anwendung bringen sollen ... Darum mehr Stahl ins Blut! Auch deutsche Frauen und Mütter gefallener Helden können eine sentimentale Betrachtungsweise des Krieges nicht mehr ertragen. Wo ihre Liebsten im Felde stehen oder gefallen sind, wollen auch sie keine jammerseligen Klagen hören. Gott will uns jetzt erziehen zu eiserner Willensenergie und äußerster Kraftentfaltung. Darum noch einmal: Mehr Stahl ins Blut

Welche ultima ratio! Der Mensch am Feiertag, der Erbauung durch das höhere Wesen gewärtig, blickt hinauf: Zerstörung kommt! Was zur Entscheidung reift, ist die Frage, ob Jaguare und Leoparden, wenn sie aus irgendeinem Grund einander zerfleischen wollten, auf die Idee verfielen, auch die Mütter und Jungen mitzunehmen, und ob ihre Triebe durch die Erwägung entfesselt würden, daß die Gegend befestigt sei. Feiertage haben sie nicht. Welch eine Stunde der Menschheit!

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 431–436, XVIII. Jahr

Wien, 2. August 1916.


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