Oktober 1916



Klärungen


An der neudeutschen Verbindung von Hochschulprofessur und Unterseeboot sind die ›Süddeutschen Monatshefte‹ hervorragend tätig und ihr Herausgeber, der Herr Professor Cossmann, benützt seine freie Zeit zur Abfassung von Protokollen mit anders gesinnten Kollegen. Sie bilden den Inhalt eines Briefwechsels zwischen dem Reichskanzler und dem Großadmiral, welchen Herr Cossmann zum Schütze eben jener »persönlichen Ehre« veröffentlicht, die sowohl durch das Protokoll wie durch die Publikation in Mitleidenschaft gezogen wird. Die ziemlich düstere Angelegenheit, die durch keinen Heiligenschein zu erhellen ist und doch den Typus des Nationalliberalprofessoralradikalen deutlich hervortreten läßt, wird noch durch die Anwandlungen einer kulturellen Reue, zu denen sich die ›Süddeutschen Monatshefte‹ zuweilen hinreißen lassen, ein wenig verwirrt. Daß diese Zeitschrift seit Kriegsausbruch nichts ist als eine Monatsausgabe des groben Unfugs, der sich an Zerrbildern von sämtlichen außergermanischen Kulturen berauscht, und daß sie es für die »Neuorientierung« des deutschen Lebens in der Regel mit jenen hält, die von »Kismet- Knöppen« sprechen, wenn sie sich statt in einem Warenhaus ausnahmsweise in einer Moschee befinden, ist hier gelegentlich einer wohltuenden Ausnahme besprochen worden. Die Unterseeprofessoren haben aber doch auch einen gewissen Ehrgeiz, vor der Kulturkritik bestehen zu können, und daraus mag sich die folgende Zuschrift der ›Süddeutschen Monatshefte‹ erklären lassen:

Verehrter Herr Kraus!

Aus Ihrer Bemerkung auf Seite 79 der neuen Fackel hatte ich den Eindruck, daß Sie einen Beitrag unserer Kriegshefte übersehen haben, nämlich die stenographischen Aufzeichnungen aus dem Münchner Schlachthaus im Aprilheft 1916; ich schicke Ihnen daher gleichzeitig dieses Heft.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Cossmann.

München, 11. August 1916.

Meine Verpflichtung, einen Beitrag der ›Süddeutschen Monatshefte‹ nicht zu übersehen, schien mir nicht einleuchtend. Immerhin war mir so viel klar, daß Herr Cossmann, dem ich nachrühmte, daß er einmal einen Beitrag gebracht habe, der »Mut zum Schamgefühl vor Gott und der bewohnten Erde« hat, dessen Inhalt »wert- und gewichtvoll« sei und für den ich den ›Süddeutschen Monatsheften‹ »ihre sonstige Existenz im Kriege vergeben wolle«, bei seinem Ehrgeiz gepackt war. Er legt — so viel entnahm ich aus seinem Schreiben, ehe ich das eingesandte Heft noch angesehen hatte — einigen Wert auf die Feststellung, daß er noch ein zweitesmal einen anständigen Beitrag gebracht habe. Ein nicht so deutsch gesinnter Mann würde vielleicht, wenn er sich mit dem Tadler überhaupt in eine Diskussion einläßt, sein ganzes übriges Inventar verteidigt und geantwortet haben: Oho, alle meine Kriegshefte enthalten nur anständige Beiträge! Herr Cossmann aber fühlt entweder, daß ich recht habe, oder er legt Wert darauf, von einem anerkannt zu werden, der sein Wesentliches verwirft. Er gibt seine Richtung preis, um das Lob seiner Fehltritte zu ernten. Der Artikel, den er meiner Beachtung empfiehlt, hätte keineswegs diesen Erfolg; er ist Material, aus dessen Drucklegung kaum mehr als die Tendenz ersichtlich ist, Roheiten, die im Münchner Schlachthaus geschehen, zu mißbilligen. Wie solches den ›Süddeutschen Monatsheften‹ Verzeihung für ihre Tendenz erwirken sollte, die Welt in ein Münchner Schlachthaus zu verwandeln, ist unerfindlich. Das Vorzeigen dieser Leistung kann den günstigen Eindruck, den die Kontrastierung deutscher und türkischer Sitten erweckt hat, nur abschwächen, und der Herausgeber der ›Süddeutschen Monatshefte‹ sollte nicht so freigebig in der Darbietung von Gegenbeweisen gegen sich selbst sein. Nicht der Artikel, den er so brav war aufzunehmen, höchstens die Bravheit, ihn vorzuzeigen, könnte ihm bei mir nützen. Dagegen bin ich gern bereit, ihm beizustehen und aus dem September-Heft der ›Süddeutschen Monatshefte‹ eine höchst anständige, gegen die ›Süddeutschen Monatshefte‹ geradezu aggressive Notiz, auf die er mich bisher nicht aufmerksam gemacht hat, zu zitieren:

Wir möchten jedem Deutschen die Gabe wünschen, daß er seine Zeitungen einmal eine halbe Stunde lang mit den Augen eines Ausländers lesen könnte. Er würde erröten, wie jämmerlich und albern die moralischen Klage- und Anklagefluten aussehen, die sich alltäglich über die Schurkerei und die Treulosigkeit unserer einst verbündeten Feinde und ihrer Staatsmänner ergießen. Wir wollen uns einmal ganz ruhig die Frage vorlegen, welcher Staatsmann seinen Zweck besser erfüllt: ein sogenannter schuftiger, der die Ziele erreicht, die er für seinen Staat erstrebt, oder ein sogenannter ehrlicher, der sich und seinen Staat jedesmal daneben setzt.

Die oberste Pflicht jedes Staates, er sei groß oder klein, ist die Selbsterhaltung: das ist bei jedem Bündnisvertrag stillschweigend miteinverstanden, und hierin hat alle Treue im bürgerlichen Sinne ihre Grenze. Die Aufgabe der Staatsmänner ist es, die eigenen Bündnisse so zu wählen und zu erhalten, daß sie sich im Gebrauchsfall wirklich mit dem Vorteil aller Beteiligten decken und daß die Beteiligten hievon auch immer überzeugt bleiben. Wer sich aber seiner selbst nicht sicher zeigt, der beleidigt lediglich die anderen, wenn er von ihnen erwartet, daß sie so töricht sind, auf seine Karte zu setzen. Da bleibt dann nur mehr übrig, daß die Waffen noch einmal alle Rechnungen von Grund aus überprüfen. Und dabei kommt gottlob oft wieder etwas ganz anderes heraus, als die listigsten Rechenkünstler sich ausgetüftelt haben.

Wenngleich hierin wohl ein Unterseeboot verborgen ist und ein realpolitischer Vorbehalt für jenes professorale Expansionsbedürfnis steckt, das keine Grenzen kennt und anerkennt, so muß doch die Ablehnung des idiotischen Treubruch-Motivs und die Abweichung von der Melodie der ›Süddeutschen Monatshefte‹ anerkannt werden.

Solcher Vorurteilslosigkeit sollte aber noch eine andere Aufklärung gelingen. Noch ein zweites Motiv aus der Ideologie des politischen Gemütslebens, also einer nicht durch den Krieg und nicht durch ihr eigenes Dasein alterierten Sittlichkeit, also der Dummheit, belebt andauernd die polemische Debatte jener, die dem Blutbad einen heilsamen Zusatz von Tinte vergönnen: die Aushungerung. In Kürze gesagt: hier klagt die Dummheit die einzige Raison an, die in diesem Chaos von Gefühlsverrottung bisher merkbar wurde. Raison im Umkreis der Handlungen, die das sichtbare Leben bestimmen, kann nie anderes bedeuten als die Übereinstimmung von Mittel und Zweck. Zweck des kriegführenden Menschentums ist essen, mehr essen, handeln, mehr handeln, um mehr zu essen, um mehr zu handeln. Der Kriegszweck ist, was der Lebenszweck ist: das Lebensmittel. Was sollte das Kriegsmittel sein? Ist es sittlicher, für das Lebensmittel zu sterben als dafür zu hungern? Die Parteien sind geschieden nach der größeren Begehrlichkeit und dem größeren Widerstreben, ihr nachzugeben. Hier könnte der »Neid« einen Rest von Menschenwürde decken. So oder so, und wenn der Zweck auch hier nichts anderes wäre als mehr essen und mehr handeln, so entscheidet doch nur die Macht auf dem Lebensmittelmarkt. Nun gibt es zweierlei Mittel, sich hierselbst zur Geltung zu bringen: die Hacke oder den Hunger. Organischer ist dieser, von der Materie des Streits bezogen, die im wahren Sinne des Wortes Materie ist. Aushungern war ein Kriegsmittel in Religionskriegen und selbst da sittlich, weil der Zweck das Mittel, mit dem er sich nicht deckte, doch geheiligt hat, weil der Kampf um eine Idee ging, in deren Idee es ist, über den Körper zu siegen. Um die Kirche zu schützen, war der Hunger ein probateres Mittel, als es die Hacke ist, um die Küche zu schützen. Wie könnte ein Zweifel bestehen, daß der Esser, der die Küche absperrt, geistiger handelt als der, der Blausäure und Flammenwerfer zu Hilfe ruft? Es kann der Moment eintreten, wo er gegen solche Mittel, die einer anwendet, um in die Küche zu gelangen, sie selbst anwenden muß. Wenn sie mit den Küchenmörsern beide aufeinander losgehen, scheidet die Frage nach Mittel und Zweck aus der Debatte. Solange es aber genügt, den Schlüssel umzudrehen, versündigt nicht der, der's tut, sich an der dürftigen Idee des Kampfes, sondern der andere, der in Ritterrüstung und mit Theodor Körner'schem Augenaufschlag eine höhere Idee vorgibt und die Welt vergessen machen möchte, daß nicht die ewige Seligkeit erhungert werden soll, sondern das Essen, und daß er nicht am Leibe gestraft wird für den Geist, sondern für den Leib. Auch er versucht es, dem andern die Küche zu sperren, verleugnet aber diese moralische Handlung, um sie dem andern vorzuwerfen. Denn Moral ist ihm immer das, wogegen der andere verstößt, wenn er's selber tut. Darum liegt ihm die blutige Vergeltung, die allen Widerspruch ausgleicht. Er vermißt diese Methode, wenn dort, wo einzig der Proviant den Erfolg und der Mangel den Mißerfolg bedeutet, seine Ideologie ihm die Genugtuung bietet, er sei »nicht durch Gewalt, sondern durch Hunger« unterlegen. Er wird immer dort ein Turnier aufführen, wo eigentlich ein Vergleich der Hauptbücher den Streit beenden oder überflüssig machen könnte. Er nur schiebt die Ideale vor, um irdische Dinge zu erreichen, und verficht Vorwand und Zweck mit dem Blut, das weder dem Zweck angemessen ist noch dem Vorwand. Die Reduzierung des Vorwands auf den Zweck nun besorgt das Mittel, das diesem angemessen ist. Die Aushungerung ist hier nicht bloß ein Kriegsmittel wie ein anderes, sondern eine Bereinigung der Sachlage und eine Aufklärung der Lebensdinge gegen eine Moral, die nicht Aug um Auge, sondern die Faust aufs Auge haben möchte. Der Buchhalter als solcher, der gegen den gepanzerten Buchhalter mit der seiner Sphäre erreichbaren Macht aufkommen will, solange es geht, handelt nicht unnatürlich, da er dort handelt, wo eine unselige Verirrung des Menschengeistes das Schießen zugelassen hat. Es ist eine völlig völkerrechtsverdrehte Ansicht, grausam wie nur eine Grausamkeit, die von populären Gefühlen bedient wird: Flammenwerfer gegen »Kombattanten« bei der Austragung von Exportangelegenheiten für sittlicher zu halten als Einfuhrsperre gegen »Nichtkombattanten«, die in der Epoche der allgemeinen Wehrpflicht von jenen kaum durch das Alter, vorläufig noch durch das Geschlecht unterscheidbar sind. Als ob die Kombattanten nicht ebenso unschuldig oder schuldig wären wie die Nichtkombattanten, nicht ebenso wehrhaft oder wehrlos gegen den trostlosen Hunger wie jene gegen die trostlose Maschine; als ob das allgemeine Grauen, das in der Einstellung des demokratischen Prinzips unter den Machtbegriff beschlossen ist, Abstufungen zuließe. Die Mobilisierung der Moral in einem Krieg, dessen Möglichkeit die Moral negiert, ist das Kriterium eines Geisteszustandes, der die Welt durch sein heilloses Talent, die neuen Ideale mit den alten Emblemen zu garnieren, vor den Kopf gestoßen hat, ihr nun noch diesen zerschlagen möchte, und der es ja möglich gemacht hat, daß sich jetzt jeder Warenknecht nicht nur Gott und die Kunst, sondern auch die Glorie aufsein Schild schmiert. Wie die Entrüstung über Treubruch in einem Lebensgebiet, dessen Wesen nicht die Treue, sondern der Export ist, so ist die Sentimentalität der Magenfrage ein Symptom jener furchtbaren Gefühlsverschlingung, die die heutige Situation besser erklärt als jeder politische und strategische Aufschluß. Wenn die ›Süddeutschen Monatshefte‹, die bei einwandfreier nationaler Gesinnung den Ethikern der Presse den Treubruch ausgeredet haben, sie nun noch über die Aushungerung beruhigen wollten, würden sie sich dauernd mein Wohlgefallen erwerben.

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 437-442, XVIII. Jahr

Wien, 31. Oktober 1916.


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