September 1917



Die einzelne Frauengestalt


In einem »Wo er recht hat hat er recht«-Feuilleton schreibt Herr Salten:

Wie abscheulich diese Geschichte eigentlich ist, war einem zuerst gar nicht recht ins Bewußtsein gelangt ... Ich wende mich nicht gegen die kämpfenden Weiber, weil sie einer feindlichen Macht dienen und weil da harte Worte etwa erlaubt sind ... Wäre dergleichen bei uns überhaupt möglich, man müßte es ebenso sagen ..., daß diese Tollheit von all den vielen Tollheiten, die der Krieg hervorgerufen hat, die schlimmste ist.

Da und dort, in ferneren wie in jüngeren Vergangenheiten, sehen wir einzelne Frauengestalten, gewaffnet und kämpfend, das Gewühl der männermordenden Schlacht durchschreiten. Wohlgemerkt, einzelne Frauengestalten. Und immer ist es, wo solcher Anblick sich bietet, eine Stunde der höchsten, der letzten Not. Immer ist da die Heimatflur vom sieghaft eindringenden Feind niedergestampft, das Vaterland unterjocht, gedemütigt, am Rand des Abgrunds. Wenn dann den Männern jegliches Hoffen entsinken wollte, stand solch ein Mädchen auf, erweckt und begeistert, von der Gewalt des allgemeinen Unglücks aus seiner eingebornen Natur gerissen, und trat hervor, um die Männer anzufeuern, zu begeistern und zu führen.

Die Jungfrau von Orleans oder — —?

An diese einzelnen Gestalten geben wir unser Bewundern gern hin; sie sind vom Strahl des Ruhmes umleuchtet, sind vom Reiz großer Tapferkeit und poetischer Abenteuer umwittert, und gerade weil sie als seltene Ausnahmen gelten dürfen, fühlen wir uns so sehr bereit, sie durchaus zu idealisieren, daß der nüchterne Verstand gar nicht dazu gelangt, sich all der vielen furchtbaren, häßlichen und rohen Dinge zu besinnen, die sie doch zweifellos entweder selbst getan oder mit angesehen haben müssen.

Einige Tage zuvor waren an derselben Stelle die folgenden Sätze zu lesen:

Aus 70 Batterien wird in vier Gruppen geschossen, eine beledert die Infanterie, die zweite die Artillerie, die dritte die Reservestellungen und die vierte sperrt die Anmarschwege.

Die Hauptfrage ist also: Wie und wo und wann kann abgeriegelt werden?

Beinahe wie ein eingelerntes Theaterstück rollt sich das ab.

Kerenski selbst ist anwesend und sieht der Wirkung der Flammenwerfer zu.

(Was ihm viel weniger zusteht, als zum Beispiel der Schalek.)

Ein ganzer Zug ist tot. Leutnant Weis liegt mit dem Gesicht nach hinten, ein Beweis, daß der Feind von der dritten Linie nach vorne kam.

Bis zum Bataillonskommandanten dringen die Russen vor. Dort rauben sie die Unterstände aus, zerschlagen die unbeweglichen Dinge und saufen den Wein aus den Fässern.

Ein toter Russe bleibt in der Tür eingeklemmt liegen, den Raub hat er noch in der Hand.

Waldkämpfe sind das Schauerlichste im Schauerlichen.

Man hält sich für umzingelt und inzwischen hat anderswo die eingetroffene Verstärkung bereits »ausgeputzt«.

Im Hochwalde der Lysonia ist der Kampf in diesem Stadium des Katz- und Mausspieles.

Der Tote ist tot. Nur der lebend Gebliebene gewinnt den Ruhm.

In einen sechsspännigen Munitionswagen geht ein Volltreffer. Viele von den Leuten fliegen in Stücken in die Wipfel hinauf.

Der Wald ist voll von Flammen, Feuer, Rauch, Splittern und Schrecken, der Boden ist überdeckt mit weißen und bläulichen Gaswolken.

Die Feinde werfen Handgranaten und es entspinnt sich ein rasendes Handgemenge; mit Dolchen, Kolben, Messern, Zähnen wird gerauft.

Fliegen die Granaten zu weit, so werden die Kappen geschwenkt und den Geschossen Verbeugungen gemacht. »Habe die Ehre«, rufen sie ihnen nach. Und zwischendurch wird darüber geschimpft, daß die Russen ausgerechnet am Gagetag losgegangen sind. »Wollen die unserem Ärar die Löhnungen ersparen? Gerade hätte die Auszahlung beginnen sollen

Der Oberleutnant Radoschewitz ist jetzt ganz ruhig. Seine innere Krisis ist vorbei.

Welche Freude! Eine Kiste deutscher Eiergranaten ist dort, das sind kleine Wurfgeschosse, die man wie Steine schleudern kann.

Einer hat einen Armschuß bekommen, einem ist das Trommelfell geplatzt. Der Oberleutnant ist wie taub. Er taumelt. Einer neben ihm hat einen Nervenchok.

Feldwebel Janoszi brüllt eine Rede.

Singend gehen sie los. »Stochere ihn aus dem Graben —« so beginnt das muntere Lied, das so wehmütig endet.

Seine Leute stürzen sich nun über die dritte Linie her und jetzt gehen die Sturmtruppen nach beiden Seiten vor und sie wird »ausgeputzt«.

Die Methoden wechseln beständig, und die neueste unter den neuen ist die der »Sturmtruppen« und der »Grabenputzerei«.

Wer je eine Sturmtruppe nachts beim Ausmarsch gesehen hat, wird nie wieder ein Erlebnis romantisch, abenteuerlich, verwegen finden. Und wer je zu ihnen gehört hat, möchte um keinen Preis der Welt wieder fort. Lauter ganz junge, unverheiratete Leute unter Vierundzwanzig müssen sie sein. Schlank, beweglich, kühn und zu tollen Streichen geneigt.

(Noch schwerer soll, wer je zum Kriegspressequartier gehört hat, sich von diesem trennen können. Aber wahrhaftig, jener Satz war gedruckt. Wie andere Begriffe vom Vaterland hat doch dieses Mädchen als das lettische Mädchen Kürnbergers!)

Genau nach dem Muster der wirklichen Front wird hinten ein Übungsplatz angelegt und das »Ausputzen« im wirklichen Feuer gelernt.

Ist eine besondere Aufgabe im Feindesgebiet zu leisten, so wird sie mit allen Einzelheiten wie ein Theaterstück geprobt. Das Leichteste ist natürlich das gewöhnliche »Putzen«. Zwei Handgranatenwerfer gehen voran.

Ist die Handgranate geworfen, so rennt die Gruppe um die Traverse herum ... Die Infanterie, die folgt, besetzt dann die »geputzten«, das heißt die eroberten Gräben.

Die Sturmtruppen auf der Lysonia unter Führung des Oberleutnants Tanka, des Leutnants Kovacs und des Fähnrichs Sipos arbeiten wie in der Schule. Sie führen ihre Lektion zum erstenmal einem wirklichen Feinde vor, aber das tritt für sie kaum in die Erscheinung. Sie glühen vor Eifer und Wichtigkeitsgefühl.

Die Exaktheit ihrer Bewegungen, das Ineinandergreifen ihrer Wirkungen ist erstaunlich, erschütternd, gewaltig.

Bis zehn Uhr abends wird »geputzt«.

Da sind es insbesondere der Leutnant Pintér und die Gefreiten Juhasz und Baranyi, die ihre Sache so ganz besonders bedächtig und vorschriftsmäßig durchführen.

Die erste Linie aber wird noch drei Tage lang »geputzt«. Dort findet man am dritten Tage einen Verwundeten, dessen Heil es bedeutet, daß die »Putzerei« so lange gedauert hat. Er bekam einen Bauchschuß und ist nur durch das fürchterliche dreitägige Liegen und Fasten gerettet.

Nun da die Sturmtruppen mit Handgranaten ihre Fuchslöcher ausräuchern, schreien sie um Gnade.

Während der drei Tage, in denen vorne geputzt wird, säubert der Kommandant Oberst Söld von Dreihundertundacht mit seinen übriggebliebenen Truppen den Wald. So viel Leichen hat er noch nie gesehen. Tag und Nacht arbeitet man, alle zu verscharren.

— — ein paar Gänse retten sich aus dem zertrümmerten Käfig und spazieren nun wohlgemut im Trommelfeuer umher.

Wie verlautet, hat sich das Kriegspressequartier entschlossen, acht Kriegsberichterstatterinnen, vier österreichische und vier ungarische, zuzulassen. Vermutlich, weil sich die Einrichtung bewährt hat. Jene einzelne Frauengestalt jedoch, die für den Durchbruch der Geschlechtsschranken ein Beispiel gegeben und als erste das Gewühl der männermordenden Schlacht durchschritten hat, vom Reiz großer Tapferkeit und poetischer Abenteuer umwittert, sie ist verstimmt; sie geht und niemals kehrt sie wieder. So bleibt nichts übrig als ein wehemütiger Rückblick, der diesen Unterschied umfaßt:

In Rußland bilden die Putzerinnen ein Bataillon. Wir aber haben das hier zu uns genommen, und die offizielle Welt, die es zugelassen, genehmigt und begünstigt, gelesen und im Konzertsaal gehört, in Wort und Bild schön gefunden hat, ist nicht erstarrt im Schrecken der Verantwortung, den Herold unserer Handgemenge in solcher Gestalt, in solcher einzelnen Gestalt der Nachwelt vorzustellen und uns selbst in der Verfassung, es ertragen und als pikantes Dessert beim Hyänenmahl goutiert zu haben! Sollte es aber den Teufel, der vielleicht noch Scham und ein menschliches Rühren fühlt, sollte es ihn, wenn er das Todesbataillon der Russinnen vorbeidefilieren läßt und dann zur Abwechslung die Feuilletons unserer Kriegskorrespondentin über die Schlacht von Brzezany liest, vor dieser weiblichen Handarbeit nicht dennoch grauser schütteln?

 

Nachschrift

Den Teufel wohl. Doch nicht den Sozialdemokraten, wie ich mit Staunen und Kümmernis bemerke. Die Arbeiter-Zeitung nämlich ist nicht der Ansicht, daß solche Betrachtung und Beschreibung des Unmenschlichsten eine Frau als ein »emanzipiertes Unweib« oder als ein »an seinen primitivsten Instinkten irregewordenes Weib« qualifiziere. Denn sie findet, daß der Gebrauch dieser Bezeichnungen, der christlichsozialen Bauernabgeordneten in einer Interpellation an den Landesverteidigungsminister beliebt hat, »eine Roheit« sei, und da sie eine solche der Initiative von Bauernabgeordneten offenbar nicht zutraut, wohl aber »andere Sorgen als die seelische Verfassung« einer Kriegskorrespondentin, so nimmt sie als »selbstverständlich« an, daß »die Anfrage nicht von ihnen herstammt«. Sie sagt zwar nicht, wen sie eines solchen Mangels an Galanterie für einen weiblichen Kriegsberichterstatter für fähig hält, und begnügt sich damit, aus der »Immunität« der Interpellanten, »durchaus bewährter Hinterländler«, auf die Gesinnung jener Persönlichkeit schließen zu lassen, von der die Anfrage herstammt, nicht ohne zuzugeben, daß auch sie die Figur des weiblichen Kriegsberichterstatters für einen »Unfug« halte, wenngleich nicht für einen so groben, daß er Grobheit herausfordert und gar den »Ruf nach der Polizei«, als den sie die Interpellation bezeichnet. Es ist dabei ganz nebensächlich, daß die Arbeiter-Zeitung diesen Ruf nach der Polizei, der eigentlich nur ein Ruf gegen die Patronanz eines Unfugs durch eine Behörde ist, verkürzt wiedergibt und nicht weiß, daß er vielmehr sogar ein Ruf gegen die Polizei ist, indem nämlich die Abgeordneten an einen konfiszierten Artikel des »Allgemeinen Tiroler Anzeigers« angeknüpft haben, der den Glanzpunkt dieses tragischen Karnevals in meinem Sinne und fast mit meinen Worten gewürdigt hatte. Es ist auch nebensächlich, daß die Arbeiter-Zeitung die Antwort des Landesverteidigungsministers, der die Kompetenz, dem Unfug zu steuern, vom Kriegspressequartier auf die Presse abwälzt, als eine Abschüttlung der Interpellanten und nicht des weiblichen Kriegsberichterstatters darstellen möchte, was ihr einigermaßen dadurch erleichtert wird, daß sie das Alibi für das Kriegspressequartier — das schwer genug zu erbringen war — und nicht die Beschuldigung der Presse in Sperrdruck setzt. Es ist weiters nebensächlich, daß der Verfasser der Notiz in Ausübung der Advokatur für den weiblichen Kriegsberichterstatter die Ausübung einer Immunität beklagt, die bekanntlich noch nie von sozialdemokratischen Abgeordneten unter Beseitigung übler Privatrücksichten für eine gute öffentliche Sache in Anspruch genommen wurde, wenn ihnen etwa eine Soldatenmißhandlung berücksichtigenswerter erschienen wäre als eine Offiziersehre. Selbst die Frage, ob die Vertretung eines sozialen oder kulturellen Anspruchs im Parlament anders als durch »Hinterländler« bewerkstelligt werden könnte und ob etwa auch nur die Notiz der Arbeiter-Zeitung im Schützengraben entstanden ist, bleibe von mir unbeantwortet, der doch selbst zugeben muß, daß sämtliche Kriegshefte der Fackel im Hinterland geschrieben worden sind und in all der Zeit, in der zu seiner Beschämung ein Weib vor Drahtverhauen Feuilletons über Leichen geschrieben und sie sogar photographiert hat. Da es aber der Arbeiter-Zeitung mit dem Gebot, solchen Frauen zart entgegenzukommen, so ernst zu sein scheint, wie mir mit dem Aufschrei über die Schändung der weiblichen Natur und über den monströsesten Anblick, den diese Zeit bewußtloser Entartung uns gegönnt hat; da weiters ein gedanklicher Zusammenhang jener Interpellation mit meiner Anschauung dieses Phänomens, der sich schon aus der Übereinstimmung des konfiszierten Innsbrucker Aufsatzes mit meiner Anschauung ergibt, nicht geleugnet werden kann — so will ich der Arbeiter-Zeitung, selbst auf die Gefahr hin, daß sie mich gar nicht »gemeint« hätte, ein paar Worte sagen, so viele, als der vorgeschrittene Druck dieses Heftes, die Fessel nur dieser Zeit- und Raumverhältnisse, noch zuläßt, und nicht ohne das Versprechen, ihr erforderlichenfalls mehr zu sagen, in einer Sache, in der ich, zum Beweise der Kongruenz einer kleinen Wiener Erscheinung und eines großen Nachtbildes der Kultur, wahrlich keine Grenzen kenne, nicht vor den Instanzen der irdischen Gerechtigkeit, der staatlichen Gewalt oder der publizistischen Mißgunst. Um es dieser leichter zu machen, gestehe ich ihr, daß ich mich zu der Interpellation, deren Textierung ihr weniger »auffallend« erschienen wäre, wenn sie den konfiszierten Artikel beachtet hätte, zwar nicht als Verfasser — sie wäre roher geraten —, aber als herzhaft zustimmender Leser bekenne und sogar als einer, der um die Möglichkeit ihres Zustandekommens gewußt hat. Nicht mehr und nicht weniger. Wieso, warum und woher, ist ein uninteressantes Geheimnis, das ich jedem Interessenten einzelweis zu verraten bereit bin. Die Tatsache der von den christlichsozialen Bauernabgeordneten überreichten Interpellation war mir eine ebenso erfreuliche Überraschung wie es mir eine angenehme Gewißheit war, daß sozialdemokratische Abgeordnete über konfiszierte Aufsätze der Fackel interpellieren würden. Es besteht kein Zweifel, daß diese wie jene in bewußter Erfüllung ihrer parlamentarischen Pflicht gehandelt haben, und ein Unterschied nur darin, daß ich die die Fackel betreffende Tatsache im Protokoll gefunden habe und nicht in der Zeitung. Wäre ich aber auch selbst der Urheber der andern Interpellation, so könnte ich mich gegen den Verdacht eines anonymen Angriffs mit der Beteuerung wehren, daß ich von ganzem Herzen bedaure, einen solchen nicht unterzeichnen zu können, weil ich nämlich nicht Abgeordneter bin. Da nun jener Verdacht eben durch die Übereinstimmung mit einer Ansicht, die ich öffentlich geäußert habe, entstehen konnte, so bin ich wieder gegen den Vorwurf gefeit, für mich eine Immunität in Anspruch zu nehmen. Was ich an der Interpellation, zu der ich mich über alle polemische Nötigung hinaus bekenne, einzig mißbillige, ist, daß sie nicht von sozialdemokratischen Abgeordneten eingebracht wurde, was sich aber vielleicht daraus erklärt, daß bisher kein Protest der Arbeiter-Zeitung gegen die Vorführung von Leichenphotographien durch eine Frau und im Konzertsaal ein hinreichendes Substrat für eine Interpellation geliefert hat. Das werfe ich ihr vor, bei aller Achtung, die ich sonst für ihr Bemühen habe, die Ehrenrettung der Menschheit durch diesen Krieg hindurch zu betätigen, eine Achtung, die keineswegs von jener abhängig ist, die sie mir zu zollen glaubt, wenn sie mich den »berühmtesten Schriftsteller Wiens« nennt, anstatt mich dafür zu achten, daß ich auf die Zuweisung eines so bedenklichen Ruhms nicht erpicht bin. Wenn aber der Eindruck, den ihre in meine Vorlesungen verirrten Kritiker hin und wieder empfangen haben, sie noch befähigt, mir eine gewisse Zuständigkeit in sittlichen Dingen einzuräumen und nebenbei ein Gefühl für Ritterlichkeit, wo es um die Wahrung der an oder von der Frau verletzten Rechte der Natur geht — dann gebe ich ihr den Rat, ihre polemischen Mitarbeiter zu überwachen, damit nicht zwischen die Beweise einer lauteren Gesinnung, die sie gegen die Schande der Zeit durchsetzt, sich Äußerungen mischen, die diese bestärken könnten, und damit nicht unter die Typen verfolgten, gequälten, ausgebeuteten Weibtums jene Individualität gerate, die der blutigen Erniedrigung des Mannes zugeschaut hat. Diese Zeitung, die in Gefahr ist, außer einer moralischen Kraft auch eine Zeitung zu sein, lasse es sich sagen, daß sie das Problem bei weitem nicht überblickt, wenn sie die Sorge um die seelische Verfassung einer Kriegsberichterstatterin als eine geringe Sache belächelt, und daß sie, die über die Verrohung des Kindes im Krieg mit Recht Rubrik führt, eine arge Unterlassung begeht, wenn sie die ihr nahestehenden Abgeordneten nicht zu einer Interpellation über die Schaustellung von »ausgeputzten Gräben« vor den Schülern Wiens und über die Einreihung der darauf bezüglichen Feuilletons in Schülerbibliotheken veranlaßt. Sie bewahre sich vor Anwandlungen einer Galanterie, deren Verletzung mir ebensosehr am Herzen liegt wie ihr das Bestreben, mit den Idolen dieser Lügenzeit tabula rasa zu machen. Ich, der ich es mehr mit der Kultur als mit den Frauenrechten halte und weder die Zulassung von Frauen zum noch vor das Geschwornenamt herbeiwünsche, werde erst wieder zum Ritter, wenn ich eine in ihre Schranken zurücktreten sehe, und verbeuge mich tief vor der Ehre der Natur, die eine Feder aus dem Blut zieht und eine Persönlichkeit aus der Schaustellung eines Hochgerichts, vor dem ich, selbst gestützt auf alle Zustimmung einer sich besinnenden Gesellschaft, doch der erschüttertste Zeuge solcher Möglichkeit wäre. Wenn die gepanzerte Bresthaftigkeit, an deren Zukunft wir mit Begeisterung glauben mußten, dereinst entblößt, durch mein und vielfach auch der Arbeiter-Zeitung Wirken entblößt, vor der Nachwelt steht, dann werde ich auch für das Gelächter gesorgt haben über die Dupierung dieses armseligen Männerernstes durch die Verwirrung weiblicher Triebe. Daß mir ferner als irgendeinem eine Kränkung dieser, ernster als irgendeinem die Verhöhnung jenes war, wird man wissen! Und wenn ich als Abgeordneter der Menschheit bereit bin, jede auf so unseliges Wirrsal weisende Interpellation zu unterschreiben, so überhebt mich eine bessere Immunität zwar nicht der Pflicht, es vor einem gegenwärtigen Forum zu verantworten, gewährt mir aber die höhere, nie ein Wort zu bereuen und jedes, verstärkt, bis zum letzten Atemzug und darüber hinaus aufrecht zu erhalten.

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 462-471, XIX. Jahr

Wien, 9. Oktober 1917.


 © textlog.de 2004 • 18.12.2017 08:13:50 •
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