November 1908



Über die Jungfrauschaft


Von dem Shakespeare, der nicht zitiert wird

 

»Denkt Ihr über das Wesen der Jungfrauschaft nach?«

»Ja, eben. Ihr seid so ein Stück von Soldaten; laßt mich Euch eine Frage tun. Die Männer sind der Jungfrauschaft feind: wie können wir sie vor ihnen verrammeln?«

»Haltet sie draußen!«

»Aber sie stürmen; und unsere Jungfrauschaft, wenn auch in der Verteidigung tapfer, ist dennoch schwach. Lehrt uns einen kunstgerechten Widerstand!«

»Es gibt keinen. Die Männer, sich vor euch lagernd, unterminieren euch und sprengen euch auf.«

»Der Himmel bewahre unsere arme Jungfrauschaft vor Minierern und Aufsprengern! Gibts keine Kriegskunst, wie Jungfrauen Männer aufsprengen könnten?«

»Ist die Jungfrauschaft aufgesprengt, so springt der Mann um so hurtiger auf; meiner Seel', sprengt ihr ihn wieder herunter, so verliert ihr durch die Bresche, die ihr selber gemacht habt, eure Burg. — Läßt sich denn ein vernünftiger Grund im Naturrecht nachweisen, die Jungfrauschaft zu bewahren? Verlust der Jungfrauschaft ist vielmehr verständiger Zuwachs; und noch nie ward eine Jungfrau geboren, daß nicht vorher eine Jungfrauschaft verloren ward. Das, woraus ihr gemacht seid, ist Stoff, um Jungfrauen draus zu machen. Eure Jungfrauschaft, einmal verloren, kann zehnmal wieder ersetzt werden; immer erhalten, ist sie immer verloren; sie ist eine zu frostige Gefährtin; fort damit!«

»Ich will sie doch noch ein wenig festhalten, sollt' ich auch darüber als Jungfrau sterben.«

»Dafür läßt sich wenig sagen; es ist gegen die Ordnung der Natur. Die Partei der Jungfrauschaft nehmen, heißt, seine Mutter anklagen, und das ist ein handgreiflicher Ungehorsam. Wie eine, die sich aufhängt, ist solch eine Jungfrauschaft; sie gleicht einem Selbstmörder und sollte an der Heerstraße begraben werden, fern von aller geweihten Erde, als eine tollkühne Frevlerin gegen die Natur. Die Jungfrauschaft brütet Grillen, wie Käse Maden, verzehrt sich selbst bis auf die Kruste, nährt sich vom Eingeweide und stirbt an der Stillung des eigenen Hungers. Überdies ist die Jungfrauschaft wunderlich, stolz, müßig, aus Selbstliebe zusammengesetzt, welches die verpönteste Sünde in den zehn Geboten ist. Behaltet sie nicht; Ihr könnt gar nicht anders, als dabei verlieren; fort damit! Leiht sie aus, im Laufe eines Jahres habt Ihr zwei für eins; das ist ein hübscher Zins, und das Grundstück hat nicht viel gelitten. Fort damit!«

»Was aber tun, um sie zu verlieren nach eigenem Gefallen?«

»Laßt sehen! ei nun, leiden vielmehr, um dem zu gefallen, dem sie nicht gefällt. Es ist eine Ware, die durchs Liegen allen Glanz verliert; je länger aufbewahrt, je weniger wert: fort damit, solange sie noch verkäuflich ist. Nützt die Zeit der Nachfrage! Die Jungfrauschaft, wie eine welke Hofdame, trägt eine altmodische Haube, ein Hofkleid, dem keiner mehr den Hof macht; recht wie Hutschleife und Zahnstocher, die man nicht mehr trägt. Die Zeit taugt Eurem Wein besser, als Eurer Wange; und Eure Jungfrauschaft, Eure alternde Jungfrauschaft, ist wie eine welke Dattel. Sie sieht ledern aus und schmeckt noch lederner, wenn man sich überwindet, sie zu kosten. Meiner Seel', sie gleicht einer alten Dattel; sie war vormals besser; sie ist eben bloß noch eine alte runzelige Dattel. Wollt Ihr was damit?«


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