Juni 1908



Von den Gesichtern


Was mich immer tief alteriert hat, das ist die Selbstverständlichkeit, mit der die meisten Menschen ihr Gesicht tragen. Gefiel mir eines oder das andere nicht, so kam, wie um das Maß voll zu machen, die Beschönigung eines unbeteiligten Dritten dazu: der Mann könne doch für sein Gesicht nicht. Kein Standpunkt ist haltloser. Denn die Verantwortung, die einer für seine Nase übernimmt, ist mindestens so begründet wie die, die er für seine politische Überzeugung trägt. Für die politische Überzeugung kann der Mensch in den meisten Fällen überhaupt nicht verantwortlich gemacht werden, da sie ihm von Geburt oder durch fehlerhafte Erziehung, durch mitgebrachte Schwäche der geistigen Veranlagung oder durch das verderbliche Beispiel der Umgebung anhaftet. Dagegen entspringt eine krumme Nase einem Mangel an Rücksicht, der bei der reichen Auswahl von Sekretionsgelegenheiten mehr als peinlich berührt. Doch man macht die Beobachtung, daß die Träger eines Gesichts, dem die Schöpfung den Stempel der Ausschußware deutlich aufgeprägt hat, nicht nur nicht aus Bescheidenheit vor der Verschandelung des Weltbildes zurückschrecken, sondern alles dazu tun, sich als das Merkziel der Betrachtung ihren Nebenmenschen zu empfehlen. Man kann sicher sein, daß einer, der Henkelohren hat, nie auf den Vorhalt hören würde, sein Gesicht gleiche dem Nachttopf des Königs Attila, sondern in dem Glauben leben wird, es gleiche dem Bildnis des Dorian Gray. Keine Spur von reuiger Ergebung in die Einsicht, verpfuscht zu sein. Vielmehr läßt die Zuversicht, die aus solchen Zügen spricht, darauf schließen, der glückliche Besitzer halte sein Gesicht für die endgültige unter den zahllosen möglichen Formen, ja für eine solche, die bei künftigen Schöpfungsakten als die allein maßgebende und modemachende in Betracht kommen wird. Die angeborne Schönheit ist viel zu ehrgeizig, um sich für vollkommen zu halten; aber nichts geht über den Stolz der angebornen Häßlichkeit. Wer sie von der Verantwortung freispricht, beleidigt ihr Selbstbewußtsein. Das »Hier stehe ich, ich kann nicht anders« ist eine Entschuldigung, die sogar eine krumme Nase aufrecht hält.

Unbedingt verwerflich aber ist die Eigenschaft, einem andern ähnlich zu sehen. Die Gesichtszüge sind noch das einzige Merkmal, durch das sich die Trivialität von der Alltäglichkeit unterscheidet. Fehlt es, so entsteht eine heillose Verwirrung, aus der man in Deutschland allerhöchstens in der Richtung der Schnurrbartspitzen hinausfindet. Es kann aber gerade in diesem Punkt wieder die Eitelkeit eine fatale Rolle spielen und Ähnlichkeiten schaffen, die den Betrachter in die peinlichste Verlegenheit bringen. Geradezu verhängnisvoll wäre es, wenn er Hurra riefe und es stellte sich heraus, daß diese Kundgebung einen Wachtmeister erfreut hat, der den Schnurrbart nach dem alten Kurs trägt, inzwischen aber führe unerkannt ein Hochgestellter vorüber, dessen milder Gesichtsausdruck sich noch nicht eingelebt hat ... In jedem Fall gehören die Ähnlichkeiten zu den mißlichsten Komplikationen des Lebens. Man könnte sich damit begnügen, der Schöpfung Fahrlässigkeit zum Vorwurf zu machen, wenn sie nicht durch die Institution der Zwillinge eine Planmäßigkeit des Vorgehens bewiesen hätte, die sich von selbst richtet. Unübersehbar sind die Schwierigkeiten, denen man sich ausgesetzt fühlt, wenn man einen Esel meint und dessen Bruder schlägt, und der einzige Trost in solcher Lage ist die Hoffnung, daß auch dieser Schlag einen Esel getroffen hat. Zwillinge haben sichs in allen Fällen selbst zuzuschreiben. Ein unerquicklicher Anblick ist es, wie da immer der eine Teil den andern mitreißt. Kürzlich erst konnte man lesen, wie einer dieses Zustandes überdrüssig wurde und sich infolgedessen beide erschossen haben. Sie waren Offiziere und hatten es gemeinsam bis zum Major gebracht. Seit einigen Jahren, hieß es, hatten sie mit Schulden zu kämpfen. Im Kartenspiel und am Turf sollen sie viel Geld verloren haben. Es bestand die Gefahr, daß sie die Offizierscharge verlieren würden. Es war ihnen nicht möglich, ein Akzept einzulösen, sie gingen auf das Platzkommando, kamen um viertel eins nachhause, schrieben mehrere Briefe, sandten ihre Offiziersdiener damit fort, und erschössen sich. Der eine im rechtsseitigen Zimmer in die linke Schläfe, der andere im linksseitigen Zimmer in die rechte Schläfe. Nur so waren sie schließlich zu unterscheiden. Hätten sie in günstigeren Verhältnissen ihr Leben fortgesetzt, der unausbleibliche Wirrwarr hätte sie am Ende doch zur Verzweiflung getrieben. Denn der Bericht schließt mit der Erklärung, es sei »bemerkenswert, daß sich die beiden Brüder durch ein Heiratsprojekt rangieren wollten, welches zunichte wurde«. Aber auch sonst hätte der eine halten müssen, was der andere versprach, wenn nicht dieser vergessen hätte, woran sich jener nicht erinnern konnte. Die untereinander eingegangenen Verbindlichkeiten haben das Ende der Zwillinge herbeigeführt. Zu Zwillingen entschließt sich die Natur nur im äußersten Falle. Sie liefert bloß dann Duplikate, wenn für den verfügbaren Mangel an Persönlichkeit, der zur Erschaffung des Dutzendmenschen dient, einer allein nicht ausgereicht hat. Daß einer seufzen muß, wenn der andere verliebt ist, ist ein Zustand, dessen Lächerlichkeit auch ohne den Verlust der gemeinsamen Offizierscharge tötet.

Aber auch die Ähnlichkeit zwischen Vätern und Söhnen ist oft von den übelsten Folgen begleitet. Sie wäre eine Familienangelegenheit, wenn nicht in den Fällen, die die Söhne berühmter Männer betreffen, andauernd öffentliches Ärgernis geboten würde. Nie erbt doch so ein Kerl das Talent, und immer die Nase! Ist es nun schon an und für sich traurig, daß Männer, die auf irgendeinem Gebiete schöpferisch tätig sind, den Ehrgeiz haben, es auch in geschlechtlicher Beziehung zu sein, so müßte doch wenigstens darauf geachtet werden, daß jede Spur von Ähnlichkeit beim Nachwuchs im Keime erstickt wird. Was soll um Gotteswillen aus einem jungen Menschen werden, der ganz so aussieht, wie sein Vater, der berühmte Komponist, und absolut nicht komponieren kann? Um nicht komponieren zu können, dazu braucht man doch nicht der Sohn eines berühmten Komponisten zu sein? Das Aufreizende hiebei ist aber nicht die Unfähigkeit, sondern die Ähnlichkeit. Da ist der Vater in einem Palazzo von Venedig gestorben, die Fremden pilgern zu der geweihten Stätte — am Lido aber badet die irdische Hülle des teuren Verblichenen, und den unersättlichen Fremden bleibt auch dies unvergeßlich. Man bewundert ein Naturspiel, aber man sollte es verurteilen. Wozu dienen solche Attrappen der Natur? Um mit Ähnlichkeiten zu verblüffen, genügt das ausgeschnittene Profil einer Leinwand — in das Loch steckt ein altes Weib sein Gesicht, stellt sich auf den Sessel eines Wirtshausgartens und sagt: Jetzt werden die Herrschaften den Richard Wagner sehn, zuerst aber bitte ich um ein kleines Trinkgeld oder Douceur ... Es laufen heute in Europa ein paar höchst unverdiente Träger berühmter Namen herum. Man hat es aus falscher Humanität unterlassen, sie rechtzeitig im Kaukasus, im Dovregebirge oder in der sächsischen Schweiz auszusetzen, und nun müssen wir sehen, wie die Folgen eines Geschlechtsakts sich vor die besseren Schöpfungen der berühmten Männer stellen. Man zwinge jene von Gesetzes wegen zur Annahme eines Pseudonyms und einer veränderten Barttracht, und warte ab, ob sie dann noch lebensfähig sind. Der Sohn Goethes hat sich von keinem literarhistorischen Standpunkt aus zur Aufnahme in die Gesamtausgabe von Goethes Werken empfohlen. Aber wenn gar einer so aussieht, daß er erst das »Sternengebot« schreiben muß, damit einem der Ruf »Der ganze Papa!« in der Kehle stecken bleibe, so verwünscht man diese ewigen Foppereien der Natur. Nein, es ist nichts mit den Ähnlichkeiten. Sie dienen nicht einmal dem Größenwahn, der den Sohn auszeichnet. Denn der wird immer behaupten, daß er darin selbständig ist.


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