Juli 1908



Der eiserne Besen

Mythe


O du Ausgeburt der Hölle!

Soll das ganze Haus ersaufen?


Wo sind die schönen Zeiten — so seufzte alt und jung —, da es noch in den Zeitungen hieß: Eine beispiellose Skandalaffäre beschäftigt ganz Bettenhausen. Ein Assessor hatte seine Geliebte, ein Mädchen der besten Bettenhausener Gesellschaft, einer berüchtigten Hebamme zugeführt, damit diese eine verbrecherische Handlung an ihr vornehme; da aber die Geliebte eines Fähnrichs gleichfalls auf Zureden ihres Liebhabers jene Hebamme aufgesucht hatte, während der Fähnrich sich ins Ausland begab und ein Schutzmann aus Verzweiflung darüber, daß er ihn nicht mehr verhaften konnte und weil auch seine Geliebte die Hebamme gekannt hatte, sich erschoß, da ferner noch zwei Lehrerinnen in die Affäre verwickelt erscheinen — — Wo sind die schönen Zeiten! Man hatte die sichere Gewähr, daß die Familie sich fortpflanze. Sie wollte es nicht immer, aber sie konnte es. Unter dem Titel: »Eine Skandalaffäre in Bettenhausen« erfuhr man, daß es noch so etwas wie ein gesundes Liebesleben gab. Der Unterschied zwischen einst und jetzt prägt sich vor allem darin aus, daß man einst den Nachwuchs beseitigte, während man sich jetzt nicht einmal mehr die Mühe nimmt, ihn herbeizuführen. Waren ehedem bloß die Folgen unerwünscht, so wehrt man sich nun auch gegen die Ursachen. Eine beispiellose Skandalaffäre beschäftigt wieder ganz Bettenhausen: Der Assessor lebt mit dem Fähnrich in gemeinsamem Haushalt, dieser betrügt ihn mit dem Schutzmann, die beiden Lehrerinnen suchen ihr Glück auf ihre Art, und die Hebammen seufzen über die schlechten Zeiten ... Wenn ein Erwerbszweig durch den Umschwung der Verhältnisse lahmgelegt war, so war es dieser, und angesichts des Treibens der Erwachsenen wurde der Ausruf berechtigt: Es gibt keine Kinder mehr! Aber die Hebammen waren daran unschuldig.

Es hieße Eulen nach Bettenhausen tragen, wollte man noch ausführlich darlegen, daß diese Stadt Athenische Sitten angenommen hatte. Das Fremdwort, in dessen Zauberbann bald die ganze Bevölkerung stand, war die »Homosexualität«. Hätte der Sprachreiniger, der aus einem Chambre separée eine Sonderkammer gemacht hat, den Bettenhausnern von allem Anfang an die Homosexualität in eine Gleichgeschlechtlichkeit verwandelt, sie hätten sich vielleicht nicht darauf eingelassen. Aber nun wars zu spät, das Wort war einmal in die Debatte geworfen, und darum griff die Sache um sich, die man je nach dem Grade der sittlichen Entrüstung eine Sünde oder eine Seuche nannte. Die maßgebendsten Männer von Bettenhausen waren nicht mehr einwandfrei, und bald traute man keinem Fürsten mehr über die Gasse. Hatte der Bürger einst, wenn er bei einem Hochgestellten Audienz nahm, aus Respekt es nicht gewagt, ihm beim Verlassen des Saales den Rücken zu kehren, so unterließ er es nun aus Vorsicht. Der Verkehr zwischen den offiziellen Persönlichkeiten war früher so geregelt, daß man die heimlichen Bestrebungen hinter dem Rücken des Vorgesetzten für Beweise des Ehrgeizes halten konnte, während jetzt vielfach der Subalterne, kaum daß er sich nur umdrehte, von einer Gunst überrascht wurde, die nicht ohne sinnlichen Beigeschmack war. Wurde in einer Gerichtsverhandlung ein Polizeidirektor über den Stand der Unsittlichkeit befragt, so benützte er die Verhandlungspause, um sich zu erschießen; denn es hatte sich sofort herausgestellt, daß auch seine Empfindungen wesentlich von jener Norm abwichen, die der Angeklagte verlassen hatte. Die ärztlichen Sachverständigen mußten wegen Befangenheit abgelehnt werden, weil selbst sie in dem dringenden Verdacht standen, sich in ihrem dunkeln Drang des rechten Weges nicht immer bewußt gewesen zu sein. Die Geschlechtsbestimmung, der die Gerichte von Bettenhausen oblagen, konnte infolgedessen nie vollständig gelingen, und wenn sich die Richter zur Urteilsberatung zurückzogen, so schlich ein verständnisinniges Lächeln über die Gesichter der Leute, die im Auditorium saßen; denn da sich unter den Richtern keine Frau befand, konnte man nie wissen, was im Beratungszimmer getrieben werde. Es war keine Lust, zu leben. Man teilte die Menschen bereits in solche ein, die homosexuell waren, und solche, die dafür galten. Vergebens bemühten sich die maßgebenden Faktoren, dem Rätsel der Verkehrung des Liebeslebens von Bettenhausen auf den Grund zu kommen. Eine Version, die immerhin eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich hat, sei hier mit allem Vorbehalt mitgeteilt. Die Männer von Bettenhausen hatten gehört, daß die Frauen auf der Hochzeitsreise beim Anblick des Colleone, im Palazzo Pitti oder beim Sonnenuntergang in der Campagna die Frage zu stellen pflegen: Nu, Manne, biste glicklich? Um dieser Möglichkeit auszuweichen, und weil auch die körperlichen Vorzüge der Frauen von Bettenhausen den berechtigten Anforderungen nicht entsprachen, retteten sich die Männer in eine Liebespraxis, die mit der Absicht des Gesetzgebers nicht völlig in Einklang zu bringen war. Anderseits ist aber auch nicht zu leugnen, daß sie selbst auf der Hochzeitsreise in Italien mehr schwitzten als unbedingt notwendig war, so daß wieder die Frauen die Nachteile des ehelichen Zusammenlebens zu verspüren anfingen und sich gleichfalls mehr zu ihresgleichen hingezogen fühlten. Man sagt, daß infolge der beiderseitigen Unsauberkeit der Geschlechter von Bettenhausen nach und nach eine reinliche Scheidung herbeigeführt wurde.

Eine Zeitlang waren sie's zufrieden; als sich aber später herausstellte, daß das Familienleben darunter leide, beschloß man, die Unordnung nicht länger zu dulden. Handelte es sich doch um nichts Geringeres als um jene Zukunft der Nation, die gewiß zu deren berechtigten Interessen gehört. Darum war es die höchste Zeit, die Allerhöchste Zeit, daß ein Ende gemacht wurde. Einem schlichten Schriftsteller gebührt das Verdienst, als erster auf die Übelstände hingewiesen zu haben. Man holte den eisernen Besen hervor, um die Geschlechter zu Paaren zu treiben und Ehen zustandezubringen, die infolge gegenseitiger unwiderstehlicher Abneigung bis dahin nicht geschlossen werden konnten. Man kommandierte »Herstellt!« und »Vorwärts!« Der eiserne Besen funktionierte zur allgemeinen Zufriedenheit. Seine Borsten sträubten sich zuerst und standen in die Höhe; aber später paßten sie sich einer neuen Bartfasson an ... Wie man sieht, gab es in ganz Bettenhausen nur zwei Gerechte. Einen, der die Wahrheit suchte, wo immer er sie fand, und einen, der von Natur empört war.

Der eiserne Besen konnte sich gar nicht genug tun. Bald hatte er seine Schuldigkeit getan. Aber wie ein richtiger Zauberbesen hatte er nicht nur die hinweggefegt, gegen die er angewandt wurde, sondern auch viele von denen, die seiner Anwendung zustimmten. Kaum hatte ihn einer berührt, so hieß es auch schon, er selbst sei bekanntlich auch so einer. Seit dem Hingang des eisernen Meisters, der ihn allein hätte »zum Zwecke« handhaben können, wuchs er jedem, ders versuchen wollte, über den Kopf. »Seine Wort' und Werke merkt' ich, und den Brauch, und mit Geistesstärke tu' ich Wunder auch«: das glaubte so mancher; aber er konnte es nicht, und der Pein des Zauberlehrlings machte kein wiederkehrender Meister ein Ende. Der verruchte Besen wollte nicht hören, Stock, der er gewesen, blieb er verstockt. Er wird gespalten. Aber wehe, beide Teile stehn in Eile schon als Knechte völlig fertig in die Höhe! Und zwar als zwei Fischerknechte. Welch entsetzliches Gewässer! Es war, als ob der Starnberger See austräte und sich als Sintflut über das Land ergösse. Man stand einer noch nicht beobachteten Erscheinung gegenüber. Ja, sagte man sich, die Zustände waren doch früher da als ihre Enthüllung — also kann die Enthüllung nicht an den Zuständen schuld sein! Aber sie war es trotzdem. Denn wenn es auch erweislich wahr ist, daß schon längst, sozusagen unbewußt, jeder Einwohner von Bettenhausen homosexuell war, so war es doch früher immerhin noch möglich, daß sich einer heimlich zu einem Mädchen schlich und hierauf fortpflanzte. Jetzt war die Erfüllung solcher Staatsbürgerpflicht unmöglich gemacht, denn jetzt hielt man sie bloß für ein Alibi, und jeder schämte sich, normal zu sein, weil er fürchtete, durch eine normale Handlung den Verdacht auf eine homosexuelle Anlage zu lenken. Das Leben, dem die natürlichen Erleichterungen nie in besonderem Maße zuteil geworden, schien nun wesentlich erschwert; denn die verschlungenen Pfade seiner Freuden wurden markiert und erlaubten keine Verirrung, das Betreten normwidriger Gebiete war bei Strafe verboten, aber das Schlimmste war, daß die normalen Anlagen dem Schütze des Publikums empfohlen wurden. Einer rief: »Ich habs gewagt«, aber es war keine Lust zu leben. Wer da lebte, galt für homosexuell; erschoß er sich, so war der Beweis gelungen. Und da in die gleiche Zeit die Entdeckung des Unterbewußtseins durch die psychiatrische Wissenschaft fiel, so wußte überhaupt niemand mehr, woran er sei. Nur die unteren Schichten der Bevölkerung hatten noch ein Bewußtsein, und dieses entwickelte sich bis zum Größenwahn. Denn wenn ehedem ein Lakai die Leutseligkeit einer Gräfin genossen hatte, so schloß ihm die Erinnerung an einen Lohn, der reichlich lohnet, den Mund. Im Verkehr mit den Grafen aber machte das Glück dem demokratischen Gefühl Platz, an einer strafgesetzwidrigen Handlung in gleicher Weise teil zu haben, was allmählich einen wirtschaftlichen Aufschwung der unteren Schichten herbeiführen half. Auch machte diese schon das Gefühl, mit der hohen Politik verbunden zu sein, redselig, sie begannen sich an der publizistischen Tätigkeit zu beteiligen, und mancher, der zum Schweigen verurteilt war, brach wenigstens auf dem Sterbelager in den Ruf aus: »I waß was, i waß was, aber i derfs net derzähln!« Zwei, die noch bei Lebzeiten ihr Herz gegen eine Zeugengebühr erleichtert hatten, wurden von Impresarios eingeladen, in einem Varieté aufzutreten. Nach und nach verlor freilich auch diese Pikanterie ihren Reiz, und infolge der Popularisierung, die der Idee widerfuhr, sahen sich die Impresarios gezwungen, ihr Augenmerk auf die zwei Bewohner der Stadt zu richten, die noch normalen Neigungen huldigten. Sogar die sogenannten Bohemiengs hatten schon ihre ganze Originalität eingebüßt. Denn während sie sich früher aus purer Unparteilichkeit beiden Geschlechtern zugewandt hielten, wußten sie jetzt nicht, was sie machen sollten, in einer Zeit, in der sich bereits jeder Familienvater mit der Bisexualität brüsten konnte. Die Panik wuchs, weil man alle Tore des Sinnenlebens versperrt fand und den Notausgang nicht benützen durfte. Der eiserne Besen raste, und da die meisten Menschen lieber durch Selbstmord endeten, ehe sie sich nachsagen ließen, daß sie nichts zur Entstehung eines neuen Lebens beigetragen hatten, so starb Bettenhausen aus, bevor es durch die natürliche Entwicklung der Dinge so weit gelangt wäre ...

Nur zwei hatten sich allen Anfechtungen zum Trotz als normal erwiesen; einer, der enthüllte, und einer, der empört war. Sie retteten sich vor der Sintflut und sannen darüber nach, wie sie endlich die Zukunft der eingehenden Nation und die Nation der eingehenden »Zukunft« sichern könnten. Ringsumher lagen die Steine, mit denen man nach den normwidrigen Einwohnern von Bettenhausen geworfen hatte. Und noch einmal warfen sie die Steine hinterwärts, und siehe, ganz wie in der alten Sage, gaben sie dadurch einem neuen Geschlecht das Leben. Nur daß sie eben, der neuen Zeit gemäß, zwei Männer waren, und nicht Mann und Weib. Der eine hieß Deukalion der Zweite. Der andere hieß nicht Pyrrha, denn er hatte außer Mieder und Schminke nichts Weibliches an sich, sondern war ein Sieger und hieß Pyrrhus.


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