Juli 1914



Franz Ferdinand und die Talente


Zu den Erkenntnissen, welche die Ereignisse vergebens dem Gebrauch empfehlen, gehört die vom Unwert der politischen Werte, da doch ein ungewaschener Intelligenzbub um acht Uhr früh schon wissen kann, daß er mittags einen Staat auf den Kopf stellen wird, und da es ihm mit geringeren Umständen als einem Napoleon gelingen könnte, die Landkarte Europas zu verändern. Hinter solcher Möglichkeit scheint eine tiefere Gefahr verborgen als serbischer Nationalhaß. Wie sollten Machthaber verhindern können, daß Schulknaben sie absetzen, da die Schulknaben doch zuvor die Machthaber absetzen können? Es gibt Dinge zwischen Septima und Oktava, von denen sich die Staatsweisheit nichts träumt, und solange die Kräfte und Unkräfte des Lebens mit politischen Maßen gemessen werden, so lange wird der Unbefugte den Mechanismus besser zum Stehen bringen als der Funktionär zum Gehen. Wie ahnungslos recht hat die Politik, wenn sie argwöhnt, daß »hinter diesem Drucker, der die Bombe geschleudert, und hinter diesem Mittelschüler, der den Erzherzog und seine Gemahlin erschossen hat, andere stehen, die nicht zu fassen sind und diese Werkzeuge ausgerüstet haben«. Keine kleineren Mächte als Fortschritt und Bildung stehen hinter dieser Tat, losgebunden von Gott und sprungbereit gegen die Persönlichkeit, die mit ihrer Fülle den Irrweg der Entwicklung sperren will. Der Todessturz eines Thronfolgers an der Ecke der Franzjosephs- und der Rudolfsgasse ist nur ein österreichisches Symbol. Aber sie war der Hinterhalt intellektueller Gewalten, und was Druckerschwärze und Talent gegen die Welt vermögen, erfahren die Machthaber erst mit der Schallwirkung.

Franz Ferdinand scheint in der Epoche des allgemeinen Menschenjammers, der in der österreichischen Versuchsstation des Weltuntergangs die Fratze des gemütlichen Siechtums annimmt, das Maß eines Mannes besessen zu haben. Was sein Leben verschwieg, davon spricht sein Tod und die Halbtrauer der Schwäche ruft es durch alle Gassen. Ihre Kondolenz ist die Heimkehr zu sich, zurück aus der Verzweiflung, in die er sie gejagt hatte. Wie sollte sie um einen trauern, der ihr selbst erlag — ihrer Notwehr, die auch technische Behelfe hat! Solche Affäre sieht bloß an der Oberfläche serbisch aus. In Wahrheit wird das Leben mit unzeitgemäßen Menschen fertig, und Fanatismus ist nur der Mut der Feigheit. Die wahren Mächte der heutigen Welt, in allen Staaten am Ruder, sind beiweitem nicht so rückschrittlich gesinnt, um sich des serbischen Nationalhasses als eines Motivs und nicht als eines Vorwands zu bedienen. Politik ist das, was man macht, um nicht zu zeigen, was man ist, ohne es zu wissen. Ganz im Vordergrund der Erscheinung gibt sich eine Katastrophe der Menschennatur als eine Demonstration vor einer Gesandtschaft aus. Was sagt uns die dürftige Chiffreschrift des politischen Lebens, wenn jeder, der will, sie verwirren kann? Franz Ferdinand war die Hoffnung dieses Staats für alle, die noch glaubten, daß im Vorland des großen Chaos ein geordnetes Staatsleben durchzusetzen sei. Kein Hamlet, der, wär' er hinaufgelangt, unfehlbar sich höchst königlich bewährt hätte; sondern Fortinbras selbst. Aber wenn selbst Fortinbras Fällt, muß etwas faul auch außerhalb des Staates sein.

Nicht, daß er die Hoffnung der sogenannten Reaktion, aber daß er die Furcht des Fortschritts war, und daß sein Leben wie ein Schatten auf der abscheulichen Heiterkeit dieses Staatswesens lag, sichert seinem Andenken etwas von dem Respekt, den eine weltverbannte, jedoch gleichwohl bestehende Verpflichtung zum Geist nie an falschem Ort bekennt. Und die Furcht des Liberalismus verlor nichts von dem Wert einer schönen Vorstellung durch die Möglichkeit, daß sie sich nie erfüllt hätte. Und selbst nichts durch die Erfahrung, daß sie die schmählichsten Orgien kultureller Verluderung nur begleitet, nicht aufgehalten hat. Dennoch, die Frechheit ging so sicher mit einem Herzklopfen zu Bett, wie sie jetzt mit einem Gefühl der Erleichterung aufsteht. Zu ihm hatte sie nur den einen Weg gemütlicher Verständigung: seinen bürgerlichen Kunstverstand, der aber als radikale Vertretung der Schablone gegen eine falsche Modernität noch die Persönlichkeit bewies; einen Geschmack, der dem Volk einen Ziergarten von populärster Verständlichkeit für etliche Tage freigab — diesen Park, der sich nach einer Ansprache sehnte, Anlagen von geringem Adel, die von rechtswegen das ganze Jahr dem Schutze des Publikums hätten empfohlen sein müssen. Aber Bismarck war doch ganz in Shakespeare gehärtet und hatte eine leere Stelle, die ihn für Buchholzens Reise nach Italien empfänglich machte. Und Franz Ferdinands Wesen war, alles in allem, den Triebkräften österreichischer Verwesung, dem Gemütlichen und dem Jüdischen, unfaßbar und unbequem. Ihm wird nicht nachgerühmt, daß er fünfzigmal den »Walzertraum« gehört, für ein Papageien-Kabaret geschwärmt und sein Schlafzimmer mit Schönpflug- Bildern austapeziert habe: es würde doch im Reliefseiner Geistigkeit nur gegen Aug und Ohr beweisen, nichts gegen den Kopf, und man wüßte, daß ihm der Inhalt dieser Dinge nicht Lebensbasis war und daß seine Persönlichkeit seinem Geschmack widersprach. Der falschen Individualität eines Staatslebens, welches davon lebt, daß man's gewöhnt ist, und weil man sich das Gegenteil nicht vorstellen kann, und damit eine Ruh' ist — war er der Erzfeind, und zwischen den Zeilen einer heuchlerischen Erschütterung erfährt man erst, wie wenig er sich mit der Herablassung zu einer niedrigen Gemütsart angestrengt hat und vor allem, wie fremd ihm jener elastische Schritt einer Gesinnung war, die man Leutseligkeit nennt, und jener noch unentbehrlichere Sinn, der als die eigentliche Unsere Leut-Seligkeit den Mächtigen zur Karriere nach unten hilft. Er war kein Grüßer. Nichts hatte er von jener »gewinnenden« Art, die ein Volk von Zuschauern über die Verluste beruhigt. Auf jene unerforschte Gegend, die der Wiener sein Herz nennt, hatte er es nicht abgesehen. Ein ungestümer Bote aus Altösterreich wollte er eine kranke Zeit wecken, daß sie nicht ihren Tod verschlafe. Nun verschläft sie den seinen. In einer kläglich reduzierten Trauer, die es mit einem nassen, einem heitern Auge versteht, den Zuzug Leidtragender fernzuhalten, in einer dankbaren Pietät, die sich an der irdischen Hülle einer allzu starken Seele für die Zurücksetzung rächt, die ihr erspart geblieben ist, in einem Arrangement, an dem sich die wahre Obersthofmeisterschaft zu bewähren scheint, in einer Toleranz, die die Grenzen des spanischen Zeremoniells durch einen Jahrmarkt erweitert und den Sarg eines Thronfolgers im Kassenraum eines Bahnhofs ausstellen läßt, in einem Skandal, der mit der Hoheit des Toten die des Todes selbst verhöhnt und hundertmal mehr seinen Protest verdient hätte als das Dasein von Serben in Österreich — in dieser Operette des Grauens verrät sich mit jener Offenheit, deren nur die ehrliche Feigheit fähig ist, für wie stark sie den gehalten hat, dessen Atem eine Gefahr war für ihr Lebenslicht.

Und was uns geblieben ist, steht im Gesicht des Liberalismus geschrieben, das sich zwischen die Rücken der Höflinge drängt, deren tiefe Gebeugtheit ein Zustand ist und keine Gemütsbewegung. »Er war«, lesen wir, »unstreitig eine Persönlichkeit; gewiß keine solche, der sich das Urteil vorbehaltlos verpflichten konnte und die nicht auf Widerspruch stoßen mußte. Er hatte jedoch einen Zug von tiefem Ernst, und seine Strenge hätte, gemildert durch einige Nachsicht mit den menschlichen Irrtümern und durch den Wunsch, die Talente zu erhalten, zu einer Politik grundsätzlicher Auffassung der großen Fragen des Staates führen können.« Hier spricht am Grab der Vertreter jener dunkeln Welt der Aufklärung, aus deren Umklammerung der Tote die Welt Gottes befreien zu können wähnte. Er hätte zu diesem Zweck die Talente nicht erhalten, sondern nur mit eisernen Ruten niederhalten dürfen. Und es wäre doch nicht geglückt! Aber weil er es im Schilde führte, hat ihn eines von jenen mitten durch die Gurgel getroffen.

 

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 400–403, XVI. Jahr

Wien, 10. Juli 1914.


 © textlog.de 2004 • 22.10.2017 03:08:40 •
Seite zuletzt aktualisiert: 10.09.2007 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright Die Fackel: » Glossen » Gedichte » Aphorismen » Notizen