August 1912



Die Kinder der Zeit


[Die Zeitung in der Schule.] Das Lesen einer Zeitung wurde in Danzig als Unterrichtsdisziplin in den Lehrplan aufgenommen. Die Erfahrungen, die mit dem Inhalt der Zeitungen gemacht wurden, wer den durchweg als ausge- zeichnet hingestellt. Es wurden die Schüler und Schülerinnen in der Geschichts- und Geographie stunde mit den Ereignissen der neuesten Zeitgeschichte bekannt gemacht, unter anderem mit dem Tode berühmter Männer und der Geschichte ihres Lebens und Wirkens, mit Erdbeben und ihren wahr scheinlichen Ursachen, mit Vulkanausbrüchen, Bergwerks- katastrophen mit ihren Ursachen usw. ... Auch der Kurszettel und die Darstellung der steigenden und fallenden Lebensmittelpreise waren geeignet, den Unterricht in der Schule dem Leben dienstbar zu machen, ohne daß dadurch doch der Lehrplan selbst in irgendeiner Weise Schaden litt. Eine Nebenwirkung der Erschließung dieser neuen und zweifellos sehr glücklichen Stoffquelle wird, so fügt das von Wilhelm Ostwald herausgegebene ›Monistische Jahrhundert‹ hinzu, auch sein, daß die Kinder schon die Technik des Zeitungslesens — die praktische und kritische Handhabung dieses wichtigsten geistigen Verkehrsmittels der Gegenwart — beizeiten erlernen.

  

[Der Tod eines Kindes.] Das Polizeikommissariat Schmelz hat die Erhebungen in der Affaire des Todes des fünfeinhalb Monate alten Straßenbahn- kondukteursohnes Josef Lunz fortgesetzt und folgendes erhoben: Das Ehepaar Josef und Johanna Lunz wohnte seit 1. Januar 1911 im Hause Linzerstraße Nr. 18. Lunz ist ein krankhaft jähzorniger Mensch, der, gereizt, Gattin und Kinder mißhandelte. Das Ehepaar hat drei Kinder, die dreijährige Johanna, die zweijährige Marie und den fünfeinhalb Monate alten Josef, der unter außergewöhnlichen Umständen den Tod gefunden hat. Wenn die drei Kinder schrien, dann geriet Lunz in einen wahnsinnigen Zorn, in dem er seiner selbst nicht mehr Herr zu sein schien .... Schon vor ungefähr drei Wochen hat Lunz den kleinen Josef, als das Kind wieder einmal schrie, in ganz sonderbarer Weise behandelt. Als das Kind nicht aufhören wollte, zu schreien, wickelte er das Gesicht des Kindes in Zeitungspapier und darüber eine Bettdecke. Durch die entstandene Hitze drückten sich die Buchstaben der Zeitung auf der Stirne des Kleinen ab .... Als am nächsten Morgen sich bei dem Kleinen Symptome einer Krankheit zeigten, holte der Vater einen Arzt, der, wie berichtet, Erscheinungen einer Quetschung des Gehirnes konstatierte.


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[Der eugenetische Kongreß.] Bekanntlich findet in London gegenwärtig der Eugenetische Kongreß statt, der sich eingehend mit der Verbesserung der Rasse und Zuchtwahl befaßt. In einer der letzten Sitzungen las der Professor der Turiner Universität Roberto Michels eine Arbeit vor, in der er den Versuch macht, zu beweisen, daß der Erfolg der Politiker und Parteiführer mit ihrer äußeren Erscheinung zusammen- hängt. »Unsere italienischen hervorragenden Führer sind alle schöne Männer,« sagt er, »und nun finde ich in England die Bestätigung meiner Theorie .... Beinahe alle Ihre Politiker sind schöne Leute ....« In einem Interview mit einem Vertreter der Zeitung ›Expreß‹ sagte Professor Michels: »Der beste Vater für einen Politiker ist der Advokat. In ihm schlummern alle Eigenschaften, mit denen der Politiker ausgerüstet sein soll. Er ist gewöhnt, in der Öffentlichkeit zu sprechen, ist schlau und hat Übung im Gebrauch von Argumenten. Nach dem Gesetz der Vererbung wird sein Sohn mit diesen Eigenschaften schon geboren.« Ein Professor der Cambridge-Universität teilte dem Interviewer mit, wie bei der Wahl der Frau vorzugehen sei. Vor allem soll man die Gattin aus dem selben Stand wählen. Ein Politiker darf keine Frau heiraten, die sich nicht schon als Mädchen für Politik interessiert; ein Literat soll in eine literarische Familie hineinheiraten .... Auf diese Art wird der ganze Stand verbessert und veredelt. Aus solchen Ehen gehen ideale Kinder hervor .... Professor S.G. Smith von der Minnesotaer Universität vertrat beim Eugenetischen Kongreß neue Ansichten, indem er seinen Vortrag mit den Worten einleitete: »Das große Problem der Welt ist nicht, wie man bessere Babies hervorbringt, sondern was man mit jenen zu tun hat, welche von selber kommen. Die Tragik der Menschheit beruht auf verdorbenem Babies.«

  

[Künstliche Erzeugung von Lebewesen.] Nachdem es bereits gelungen ist, auf künstlichem Wege weibliche Eizellen zu befruchten, einzelne vom Organismus losgetrennte Zellgewebe in einer chemischen Lösung durch längere Zeit am Leben zu erhalten, dürfte es nach dem Urteil hervorragender Biologen nicht mehr unmöglich sein, in Hinkunft auch Lebewesen auf rein künstlichem Wege zu erzeugen .... Prof. Loeb, der sich mit diesen Problemen seit mehr als fünfzehn Jahren beschäftigt, ist dem ›Matin‹ zufolge der vollen Überzeugung, daß es der Biologie in nicht allzu ferner Zeit gelingen werde, das Mysterium des Lebens völlig zu erforschen und lebende Wesen auf künstlichem Wege zu erzeugen Ebenso äußerte sich Prof. Carrel sehr optimistisch über die möglichen Erfolge der Biologie. »Ich bin fest davon überzeugt,« sagte der berühmte Chirurg, »daß man eines Tages dazu gelangen wird, künstliches Protoplasma herzustellen, kurz, die Urzeugung auf chemischem Wege hervorzurufen. Mit Hilfe der neuen biologischen Erfahrungen und der ausgezeichneten Präzisionsapparate, die stets durch neue Verbesserungen auf einen erhöhten Stand ihrer Leistungsfähigkeit gebracht werden, muß es dem Forscher schließlich gelingen, die geheimnisvolle Mechanik des Lebens, von der wir bis jetzt noch sehr wenig wissen, genau zu erkennen. Die nächste Folge wäre dann, falls es gelänge, lebende Zellen auf künstlichem Wege zu erzeugen, einen permanenten Lebenszustand zu unterhalten, da man die durch Alter oder Krankheit morbiden Zellen auf künstlichem Wege durch neue Gewebe ersetzen könnte« .... Nach den Versicherungen verschiedener anderer hervorragender französischer Gelehrter dürfte die Lösung dieses wichtigsten biologischen Problems tatsächlich nach dem jetzigen Stande der Wissenschaft keine unmögliche Aufgabe mehr darstellen.


Vor der Sehnsucht alles Geistes, daß dieser Planet abdanke, und selbst vor der Hoffnung, daß dem weißen Leichnam, der auf die Erde drückt, Ratten und Neger das letzte Geleite geben mögen und dem Sinn der Kultur, die es schwarz auf weiß haben wollte, noch im furchtbaren Abschied willfahrt sei — steht eine Sorge. Wir Toten haben hienieden noch manches vorzukehren. Da kann denn kein Zweifel obwalten, daß ich vom Standpunkt des Staates, der die Pflicht hat, sich gegen das Unaufhaltsame zu rüsten, manches befürworte, was einer höheren Ordnung so mißfällig ist wie das Gegenteil. Dem Staat, der zum Optimismus verpflichtet ist, bleibt nichts übrig, als eine Galgenfrist zu erlangen, und das vermöchte er nur gegen den Fortschritt, dessen Unaufhaltsamkeit mit dem Tode gleichen Schritt hält. Viel ist nicht zu retten, aber eine Befestigung des konservativen Willens könnte noch dieser und der folgenden Generation Luft schaffen, und würdelos wie sie gelebt hat, stirbt die Kultur nicht, wenn sie den Priester kommen läßt. Die durch Verbreitung des Wissens bewirkte Geistesschwäche verlangt die Vormundschaft, auch wenn ihre politischen Mißbraucher ihr Selbständigkeit und Haß gegen jede Führung einimpfen. Wenn der Kordon selbst die Pest bekommt, ist die Stadt verloren. Nichts ist innerhalb der Gesellschaft, die sich selbst nicht aufgibt, dringender zu besorgen als die blinde Erfüllung jener traditionellen Ansprüche, denen das Odium anhaftet, nicht zeitgemäß zu sein, und ihre trotzige Vertretung gegen die Zudringlichkeit der Freigelassenen. Nur darauf kommt es an, die Ungehemmten zu hemmen; daß sie Ehrfurcht, nicht wovor sie Ehrfurcht haben. Nichts von all dem, was eine Intelligenz, die erhobenen Hauptes die Krätze trägt, verpönt, dürfen wir verpönen. Gesucht sei, was dem mechanistischen Verstand verhaßt ist, der Phantasie durch Pferdekräfte ersetzt hat. Die Aufklärung, die alles aufklärt, was ihr verschlossen bleibt, lehre uns den Inhalt der Finsternis lieben. Seid Christen aus Notwehr! Glaubet an Kraft, wo sich die Schwäche analytisch rächt, an Seele, wo nicht Raum ist für Psychologie! Salbt euch mit den Vorurteilen, deren Wunderkraft die Urteilsfähigkeit bezweifelt. Geweiht sei jedes Wasser, von dem die Wissenschaft sagt, es sei H2O mit Bazillen. Der leere Schein jener Mächte, die so stark waren, gegen die Zeit zu erliegen, sei uns Wesen, Hilfe bringend gegen die Zeit. Rückschritt ist Stillstand. Um die Zeit werde uns nicht bange, sie beantwortet sich ihre Fragen, und wie sie mit dem Mysterium des Lebens fertig wird, ist nur eine Frage der Zeit. Aus dem sterilen Schoß der Entwicklung wachsen die Kinder, spielen mit Problemen, lernen Zeitunglesen und werden Biologen. Zwei, die noch nicht mutiert hatten, gingen an mir vorüber und sagten: »Im Wesen des Monismus ist es begründet, daß ...« Andere antworteten mit der Frage: »Stehen wir Deutschen vor einem Kulturkampf?« Andere prahlten, wer einen schöneren Komplex hätte, und spielten Träume-Erraten. Es waren chemische Produkte von Loeb. Sie wußten, wie sie zur Welt kommen, und spotteten jener, die da noch glaubten, daß der Döderlein die Kinder bringt. Die Mütter hatten sie, ach, unter Scherzen geboren. Die Väter bekommen täglich neue Ersatzgewebe und spielen noch auf der Börse. Ein älteres, die Frucht einer echten Eizelle, war bis zur Lektüre Ostwalds gediehen und dann abgestorben. Der Onkel war Soziologe. Wenn er durch den Garten ging, welkten die Glockenblumen. Wo er hintrat, wuchs kein Gras. Keine Landschaft gab es mehr; keine wie die, in welcher Jean Paul die Worte schrieb: »Ich kann dir nicht sagen, wie der vom wilden Ganzen auf einen niedlichen Teil gesenkte Blick unsern Herzen und der weiten Natur ein wärmeres Leben gab. Wir fasseten von der großen Mutter des Lebens, wie Kinder vermögen, nichts an als die Finger statt der Hand und küßten sie.« Und was soll eine Erde, wo die Mutter vergebens Finger und Hände nach dankbaren Kindern ausstreckt und wo nie wieder ein solches Wort gesagt sein wird? Man überlasse sie den Optimisten! ... Aber es war die Zeit zwischen dem Eugenetischen und dem Eucharistischen Kongresse, zwischen Taufe und Abendmahl. Wie denn? Und keine Scheiterhaufen brannten, sondern Biologen freuten sich des Lebens? Nicht Gott schuf Wunder, sondern Reinhardt gab ein Mirakel? Alles Regie? Verfluchte Mimikry! Und aus den Häusern der Börsenräte, wo sie gespeist wurden, kamen die Prälaten und zeigten sich nicht undankbar? Ach, keinem Gebildeten wurde ein Haar gekrümmt! Der Kelch ging an allen vorüber, deren Sorge es ist, chemisch geboren und erst nach dem Tode verbrannt zu werden. Pilger zogen ihres Wegs, aber die Seßhaften tanzten um das Mysterium ihres Lebens nach dem Choral »Nimm d'r was, so hast du was«, und fleischgewordene Kleider-Annoncen unterhielten einen permanenten Lebenszustand. Die dort trugen die Monstranz, die hier den Präzisionsapparat. Kein Stoß von Holzpapier entzündete sich, keine Frauenrechtlerin mußte dran glauben. Fortschrittsfreunde protestierten vergebens — ach, es geschah ihnen nichts! Und nicht einmal die Vertreter der Presse waren an der Beschreibung des Schauspiels verhindert? Intelligenz, sagte beruhigend einem von ihnen, der Gelegenheit hatte, der Kardinal, Intelligenz verbrennt nicht; sie stinkt nur zum Himmel!

 

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 354/355/356, XIV. Jahr

Wien, 29. August 1912.


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April 1922



Nachwort


Die grauenhafte Selbstentehrung, die der »konservative Wille« — nie von mir als Wille zur Macht, immer als Wille zum Wesen bejaht — seither vollzogen hat, straft nicht den Angstschrei der Zeit, sondern wieder nur sie selbst Lügen. Weil aber der »leere Schein jener Mächte« so feig war, sich mit allen Giften der Zeit aufhelfen und im Bunde mit den realen Übeln siegen zu wollen, so mußte hier aus einem Zusammenhang, dessen Gedanke unberührt und von keiner Tendenzsucht erreichbar bleiben sollte, der Satz entfernt werden: »Der Säbel, der ins Leben schneidet, habe recht vor der Feder, die sich sträubt«. Die intelligente Dummheit, dressiert auf den »Widerspruch«, den sie nicht in der Zeit — mit der freilich sie stets in Einklang bleibt —, sondern in dem Ankläger der Zeit vermutet, ohne ihm den Nutzen des Meinungswechsels nachweisen zu können, hätte es allzu leicht, hier ein Bekenntnis zum Reglement zu entdecken, wie sie vielleicht an anderen Stellen eines zum Katechismus feststellen wird. In Wahrheit war es nichts als das eine und unveränderliche Bekenntnis gegen das Journal. Aber mit freier Stirn mag dazu die Reue bekannt sein, dem Säbel jemals auch nur die bedingteste Geltung und die letzte, die neben der Feder, zugewiesen zu haben, da doch die ruchlose und zeitnotwendig beschlossene Verbindung beider Todesmittel tiefer in das Leben geschnitten hat als jener je in den Zeiten vermocht hätte, wo er noch vom Begriff der Tapferkeit und nicht vom Begriff der Feigheit befehligt war. Denn die Feder hat ihn nun mächtiger geführt, als er sie je hemmen konnte, und die Ehre der Menschheit hat sich gegen die Blutschande dieses Einverständnisses nicht gesträubt. Da aber ferner die Kirche das Wunder dieser Verwandlung von Tinte in Blut gesegnet hat, so sei auch feierlich bekannt, daß die relative Geltung, die ihr für eine gottverräterische Zeit zugestanden war, ausgetilgt ist durch den Höchstverrat, mit dem sie selbst dem Verbrechen Vorschub geleistet hat, und daß in den voll erhaltenen Abscheu, der hier zum Ausdruck kommt, jene Scheinmächte, die vor dem Weltkrach auszuspielen waren gegen die wirkenden Gewalten, die ihn bereitet haben, nun einzubeziehen sind — und mit aller lebendigen Macht, die einem wahrhaften und wehrhaften Haß selbst die Bewältigung dieser Zeit noch ermöglicht! »Den unbewußt erliegenden Scheinmächten Staat und Kirche«, sagte ich 1913, »geschieht kein Unrecht«. Den Konsorten der Weltvernichtung ist Recht geschehen.


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