Oktober 1913



Er ist doch e Jud


Geehrter Herr!

Daß Sie in der letzten Nummer der ›Fackel‹ die Zuschrift eines Lesers aufgenommen haben, in welcher der Ausruf: »Er ist doch e Jud« wiedergegeben wird, kann ich nicht als vollen Beweis von Mut betrachten.

Dagegen muß es Mut und Wahrhaftigkeitsgefühl bekunden, wenn Sie der Beantwortung folgender zwei Fragen, die sich ja schon alle Ihre Leser gestellt haben müssen und die für viele, darunter auch für mich ein psychologisches Rätsel bedeuten, nicht aus dem Wege gehen.

1. Glauben Sie, daß Ihnen nichts von allen den Eigenschaften der Juden anhaftet?

2. Welche Stellung nehmen Sie zu dem Satze der Rassenantisemiten, dem auch Lanz-Liebenfels beipflichtet, ein: »Aus der Rasse kann man nicht austreten«?

Ich halte in Ihrem Interesse die Auseinandersetzung mit Ihrem Leserkreis über diese Fragen für notwendig.

Hochachtend ....

Ich bin anderer Ansicht und halte die Auseinandersetzung in meinem Interesse mit meinem Leserkreis über gar keine Frage für notwendig. Ich halte in meinem Interesse auch Zuschriften, wiewohl ich sie noch immer bekomme, nicht für notwendig und halte sogar alle Sorgen, die sich die intelligenten Leute im allgemeinen und über mich im besondern machen, nicht für notwendig. Auch ist es nicht meine Sache, mir meinen Kopf von fremden Leuten zerbrechen zu lassen. Auch ist es nicht mein Geschmack, mit andern Leuten in einem gemeinsamen Problem zu wohnen oder das nächstbeste zu beziehen, das mir einer offenhält. Denn so pflegen meine Arbeiten nicht zu entstehen. Ferner muß ich es ablehnen, außer den Proben von Mut und Wahrhaftigkeitsgefühl, die ich schon von selber liefere, mir noch Fleißaufgaben stellen zu lassen. Da mein Tag ohnehin mehr Überstunden als Stunden hat und ich mit der Nacht nicht auskomme, wollen wir uns diese Zugaben gar nicht erst einführen. Dennoch muß ich bekennen, daß Dinge, die ich sagen wollte, oft auf das Stichwort eines beliebigen Lesers gewartet haben und daß ich manchmal für die Offerierung eines vorhandenen Mißverständnisses dankbar war, um die längst vorbereitete Antwort loszuwerden. Der Stein des Anstoßes, den ich wegräume, darf aber darum ja nicht glauben, daß er mir den Weg geebnet hat.

Ich will antworten, ohne den Schein einer Korrespondenz auf mich zu laden. Und ich antworte umso lieber, als mir die Gesinnung, die da fragt, des Ausrufs: »Er ist doch e Jud« hinreichend verdächtig erscheint. Ich bemerke vorerst, daß ich, sorglos, so aus dem Tag herauslebend, mir über so wichtige Probleme wie über das Rassenproblem noch gar keine Gedanken gemacht habe. Denn sich Gedanken machen heißt nicht einmal die haben, die es schon gibt, und gerade die machen sich die Leute. Meine Unbildung bringt es mit sich, daß ich über das Rassenproblem kaum so viel auszusagen wüßte, als notwendig ist, um in einem halbwegs anständigen Kegelklub, der auf sich hält, noch für einen intelligenten Menschen zu gelten. Trotzdem war es möglich, daß ein Fachmann wie der Dr. Lanz von Liebenfels, auf den sich auch mein Prüfer beruft, mich als den »Retter des Ario-Germanentums« angesprochen hat. Wie das zugeht, weiß ich nicht, da doch diese Rassenantisemiten auch den Satz aufgestellt haben: »Aus der Rasse kann man nicht austreten.« Ebensowenig wie aus der Schule, in der das Leben unerträglich ist, weil man geprüft wird. Ich habe aber das unbestimmte Gefühl, daß man auch aus dem Leben nicht austreten kann, wenn man sich auch umbringt, und daß man, ohne sich umzubringen, jenes höhere Leben des Geistes führen kann, dem man doch rettungslos verfallen wäre, wenn man sich umbrächte. So glaube ich wohl, daß man auch innerhalb der Rasse jenen höheren Zustand bewähren mag, der einmal keiner Rasse versagt war oder der, ihr einmal erreichbar, sie nie unerträglich gemacht hätte. Und so ist es mir wohl auch möglich, Eigenschaften zu hassen, die ich auf jenem Stand der Judenheit, wo sie sich noch nicht von Gott selbständig gemacht hatte, vergebens suchen würde. Dagegen zu behaupten, und damit die erste Frage zu beantworten: daß ich nicht nur glaube, sondern wie aus der Erschütterung eines Offenbarungserlebnisses spüre, daß mir nichts von allen den Eigenschaften der Juden anhaftet, die wir nach dem heutigen Stand der jüdischen Dinge einverständlich feststellen wollen. Wenn wir aber auch zugeben, daß hundert Jahrgänge sämtlicher antisemitischer Drucksorten ein elendes Stammeln sind neben der Sprache, die eine einzige Glosse der Fackel spricht, so wollen wir doch der Tendenz solchen Judenhasses die Ehre lassen, daß sie zu einem Ursprung strebt und nie zu einem Ziel. Ich glaube von mir sagen zu dürfen, daß ich mit der Entwicklung des Judentums bis zum Exodus noch mitgehe, aber den Tanz um das goldene Kalb nicht mehr mitmache und von da an nur jener Eigenschaften mich teilhaftig weiß, die auch den Verteidigern Gottes und Rächern an einem verirrten Volk angehaftet haben. Ich weiß nun doch nicht, was heute jüdische Eigenschaften sind. Wenn es nur eine gibt, die alle andern, besseren verstellt, Macht- und Habgier, so sehe ich diese auf alle Völker des Abendlandes gleichmäßig und nach dem Ratschluß teuflischer Gerechtigkeit verteilt, und wenn dann nur noch eine bleibt, der singende Tonfall, in dem sie ihre Geschäfte besorgen und besprechen, so sage ich, daß ihn die anderen auch treffen könnten, denn es ist der Tonfall, der das Rollen des Geldes wohlgefällig begleitet. Es ist die Sprache der Welt, es ist ihre Sehnsucht und wir dürfen sie, müssen sie darum als einen jüdischen Zug ansprechen, weil es die Mission der Juden war, dank ihrer Überredungsgabe, Ausdauer und größeren Übung im durch die Welt kommen, dieser eben diese Eigenschaften anzuhängen.

Nun lebt aber jener inferiore Antisemitismus, der, zu feige, um dem Ansturm des kosmopolitischen Judentums nicht zu erliegen, sich an der ehrwürdigen Beute einer vom Judentum selbst verratenen Lebensart schadlos hält. Und diesem Antisemitismus ebenbürtig lebt ein Renegatentum, dessen Beweggrund nicht jener heimliche Altruismus ist, der in die Zeiten wirkt und kommenden Geschlechtern das Leben erleichtert, sondern das um einer unmittelbaren sozialen Geltung willen sich den Feinden anbietet. Hier ist der Einwand: »Er ist doch e Jud« völlig an jenem Platze, den der Jude selbst um den Preis zu beherrschen sucht, daß er Christ wird. Jetzt frage ich aber eine der zehntausend christlichen oder jüdischen Hundeseelen — das Wort nur im Menschensinn, nicht in dem der besseren Kreatur verstanden — die mir, seitdem ich sie hasse, mein Judentum apportieren: ob sie wirklich auch nur einer Zeile, die ich je geschrieben habe, oder einer Handlung, die ich getan habe, das Streben anriechen können (wenngleich wollen), mich durch eine Aversion gegen jüdische Dinge in jenen Kreisen lieb Kind zu machen, deren Aversion gegen die jüdischen Dinge ein wohlfeiler Spott ist und ein Kinderspiel gegen die meine. Ob sie mich wirklich für einen solchen zielstrebigen Trottel oder auf den Kopf gefallenen Haderlumpen halten, daß ich Händlern und Wechslern nur nahetrete, um deren eigenes Geschäft zu machen. Ob sie wirklich glauben, daß ich darauf aus sei, das Judentum, dem ich entstamme, zu »verleugnen«, um etwa mit Grafen, Offizieren und Prälaten verkehren zu dürfen. Ich will es ja nicht in Abrede stellen, daß ich, jenseits aller politischen Anschauung, Grafen, Offiziere und Prälaten im Prinzip für bessere Verbündete der menschlichen Gesittung halte, als Spekulanten, Psychologen und Originalberichterstatter. Daß ich allen Rückschritt nur perhorresziere, weil er sich vom Fortschritt zur Umkehr verleiten läßt, und allen Zwang nur, weil er die Erpressungen der Freiheit duldet, und daß meine Auflehnung nur einem Staate gilt, der ein Schutzverband ist seinen Feinden, und mein Feuer einem Hausherrn, der seinen Einbrechern die Laterne hält — die Karyatiden vorn, die sind noch sein Besitz! Wer aber glaubt darum, daß ich um einer schäbigen Ambition, um eines Geschäftes, um einer Eitelkeit willen solch armen Besitzern zuliebe rede, kurz um aller jener Wünsche willen, die ich in den für Ambition, Geschäft und Eitelkeit sachverständigen Kreisen viel müheloser, schneller und ausgiebiger befriedigen könnte? Wer glaubt, daß ich den Vorteil, den ich nicht fände, mir von der Verachtung, die ich ernten würde, versüßen lassen wollte? Und daß nicht selbst dort mehr Ehre zu holen wäre, wo mehr Geld ist und mehr Presse? Wo die Unterdrückten die Unterdrücker unterdrücken? Jeder Schritt, den ich getan habe, war ein verzweifelter Versuch, an einer Geltung einzubüßen, die zu gewinnen die Hoffnung eben jener ist, die kalten Herzens ihren Stamm verraten würden, wenn solche Anstrengung heute noch nötig und wenn es nicht viel schöner wäre, ein Jud zu sein und dennoch Österreich zu beherrschen!

Es konnte also nur die maßlose geistige Unterernährung, die das Leben der Phrase herbeigeführt hat, solche Verkennung meiner Absichten ermöglichen. Aber sie ist so toll, daß ich vielmehr glaube, das Entsetzen einer auf den Vorteil eingerichteten Gesellschaft vor einem, der gegen den Vorteil lebt, habe sich hier in die Notwehr der Verleumdung gerettet. Das Um und Auf meiner politischen Gesinnung besteht darin, daß ich diesem aller Männlichkeit abtrünnigen und allen Glauben zu sich herabzweifelnden Wesen den Ruin der Welt und des Staates im besondern zuschreibe, dieses Staates, der in Wahrheit der Exponent aller Unruhe ist und allen femininen Verfalls. Ich kann daraus keinen Leitartikel, aber tausend Gedichte machen. Und weiß dabei nicht, ob es eine jüdische Eigenschaft ist, an jeden Atemzug, den ein Gedanke braucht, um Wort zu werden, so viel Leidenschaft und Weltentbehrung zu wenden, daß man es einem Werk von fünfzehn Jahren nicht ansieht, und so die Zeit zu vergeuden, die sich die Händler und Genießer der Literatur nur vertreiben wollen. Ich weiß nicht, ob es eine jüdische Eigenschaft ist, das Buch Hiob lesenswert zu finden, oder ob es Antisemitismus ist, ein Buch Schnitzlers in die Ecke des Zimmers zu werfen. Ob es jüdisch gefühlt ist oder deutsch, zu sagen, daß die Schriften der Juden Else Lasker-Schüler und Peter Altenberg Gott und der Sprache näher stehen, als alles was das deutsche Schrifttum in den letzten fünfzig Jahren, die Herr Bahr lebt, hervorgebracht hat. Mit der Rasse kenne ich mich nicht aus. Wie sich die Dummheit deutschvölkischer Schriftleiter und Politiker das denkt, wenn sie mich als einen von ihren Leuten anspricht, und wie sich der koschere Intellekt das zurechtlegt, wenn er mich als einen von unseren Leuten reklamiert, und umgekehrt — das weiß ich nicht, das geniert mich nicht, das geht mir bei einem Ohr hinein und zum Hals heraus. Ich weiß nicht, ob es antisemitische Streberei ist, den Ringstraßenjuden, der nie in den Tempel geht, aber am 18. August in die Pfarrkirche von Ischl, für beiweitem keine so erfreuliche Erscheinung zu halten wie Herrn Bielohlawek, und ich weiß nicht, ob es eine jüdische Eigenschaft ist, einen alten Schnapsschänker im Kaftan kulturvoller zu finden als ein Mitglied der deutsch-österreichischen Schriftstellergenossenschaft im Smoking. Ich weiß das alles nicht. Wie es mit mir beschaffen ist, kann ich nicht sagen, wenn es nicht aus meinem Lebenswandel ersichtlich ist, und ist es das, so muß ichs nicht sagen. Ich glaube, daß hier, wie überhaupt bei der Erschaffung des Menschen und bei der Erschaffung der Werke durch den Menschen, höhere Einflüsse im Spiele sind, als sich bei gebildeter Betrachtung des Rassenproblems zeigen mag. Denn wer beim Wissen stehen geblieben ist, wo man geradezu ahnen kann, wird mit diesen Dingen ja doch nicht fertig. Immerhin ist es gut, daß ein Prüfer, der mehr fragt als hundert Weise beantworten können, mich auf Lanz von Liebenfels verweist, der dem Problem allerdings als Forscher, nicht als Versammlungsredner gegenübersteht. Dieser hat mich für den Retter des Ario-Germanentums erklärt, da er aber inzwischen durch Information erfahren haben dürfte, daß ich jüdischer Abkunft sei, sich offenbar eines Mißgriffs schuldig gemacht. Oder er wußte es, weiß es, und hält seine Meinung trotzdem aufrecht: dann ist er eines Widerspruchs verdächtig. In jedem Fall hätte nicht ich, sondern er die Sache aufzuklären. Er hat es aber schon getan und der Prüfer wird nichts dagegen haben, daß ich ihn zur Lösung des psychologischen Rätsels an den Sachverständigen zurückverweise, von dem er gerade kommt. Der sagt, man könne nicht aus der Rasse austreten, und ich solle nun zusehen, wo ich bleibe. Aber im Jahr 1910, im 40. Heft der Monatsschrift ›Ostara‹, hat jener ein Gutachten erstattet, das zu zitieren nicht die jüdische Eigenschaft der Eitelkeit, sondern die christliche der Nächstenliebe gegen einen Fragenden gebietet:

Im Grunde sind sie eine mediterran-mongoloide Mischrasse; bei den höherstehenden und edler veranlagten Typen ist stets heroischer Rasseneinschlag .... Diesem blonden Judentypus entstammen sehr viele Genies, die sich teils durch hervorragenden Intellekt, teils durch ehrenwerten Charakter auszeichnen, letzteres insbesonders dann, wenn der mongolische Einschlag nicht gar groß ist. Dem intellektuellen Typus gehörte z.B. Heinrich Heine an, während z.B. Spinoza und Karl Kraus, der Herausgeber der Wiener ›Fackel‹ (entschieden der größte jetzt lebende deutsche Prosaist), jenem Typus angehören, der hervorragenden Intellekt mit einer vornehmen Gesinnung verbindet.

Man sieht, der Sachverständige hilft sich mit blond und schwarz. Die Eitelkeit gebietet nur festzustellen, daß ich den Fall Heinrich Heine vielmehr jenen Fällen angliedern möchte, die schwarz sind und deren intellektuelle Hochzüchtung sie weitab vom Genius führt. Dagegen glaube ich nicht, daß diesem der mongolische Einschlag unbequem und die Weltordnung ausschließlich auf die Erhaltung des germanischen Typus abgezielt ist. Doch darüber weiß ich nichts und ich wurde ja zum Glück nur aufgefordert, Farbe über meine Rasse zu bekennen, nicht die Farbe meiner Rasse. Auch ob meine Antwort hinreichend Mut und Wahrhaftigkeitsgefühl bekundet hat, kann ich nicht wissen. Wenn es der Fall ist, möchte ich mir die Gegenfrage erlauben, ob es jüdische Eigenschaften sind, oder vielmehr solche, die für jüdische Eigenschaften keinen Spielraum mehr lassen. Eine meiner schlechtesten Eigenschaften ist gewiß, daß ich im Gegensatz zu meinen Lesern mir nur ungern Meinungen bilde und daß ich meine, es sei viel besser, Eigenschaften als Meinungen zu haben. Ich meine aber, wenn sich ein Schwergeprüfter doch eine Meinung erlauben darf, daß es Eigenschaften gibt, die andere Eigenschaften ausschließen. Bin ich zum Beispiel mutig und wahrheitsliebend, so kann ich nicht auch praktisch und gewinnliebend sein. Meint eben jener Ariogermane von eben diesem gebornen Juden: »Sein Wesen aber ist sein großes tief menschlich fühlendes, jedes fremde Unrecht als einen persönlichen, körperlichen Schmerz empfindendes Herz und seine unbestechliche Rechtlichkeit«, so kann er nicht auch der Meinung sein, daß ich jeden fremden Schmerz als Wohltat empfinde und jede Sensation als Gelegenheit. Bin ich ein Vielschreiber, dem jeder Buchstabe zum Wundmal wird — wer wird behaupten können, daß ich ein Journalist bin? Es müßte denn eine jüdische Eigenschaft sein, keine zu haben. Das kann vorkommen, so sind schon Religionen entstanden, aber unsere Zeit ist vor solchen Weiterungen bewahrt. Bleibt nur, daß es eine jüdische Eigenschaft sein könnte, eine »Doppelnummer«, der die armen Schacher des Humors genau das doppelte Geschäft von einer einfachen Nummer nachweisen können, vernichten zu lassen, weil ich entdecke, daß ein Fragezeichen der Welt nur eine Grimasse schneidet, anstatt daß ein Rufzeichen ihr eine Zuchtrute stellt!

 

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 386, XV. Jahr

Wien, 29. Oktober 1913.


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