Januar 1913



Verbrecherische Irreführung der Neuen Freien Presse
oder
Störung ernster Männer in der Erfüllung schwerer Berufspflicht


Wie kompliziert alles wird, wenn man eine Sache richtig und ernsthaft meint, und doch, was sind solche kleine Miseren gegen eine Wiener Schweinerei.

Anselm Feuerbach an seine Mutter,

Nov. 1876.

Es gibt kaum eine absichtliche Entstellung, kaum eine Verdrehung, die in dieser Sache von der Presse nicht geübt worden wäre.

Bismarck, 1863.

Schon eine Annonce in der Presse war gemein, dann folgte ein Schmähartikel .... Dar aufsagte ich, es habe mir einmal jemand geäußert, die Wiener seien behandschuhte Schustergesellen, ich hätte es damals nicht glauben wollen, jetzt wäre ich davon überzeugt .... Die Anfeindungen liegen lediglich am gänzlichen Mangel einer feinen Seelenbildung der hiesigen Menschen.

Feuerbach, Januar 1874.

Die Presse ist hier in Wien schlimmer, als ich mir vorgestellt hatte, und in der Tat noch übler und von böserer Wirkung als die preußische.

Bismarck, 1864.

Dazu haben die Leute hier eine Art Halbbildung, die hinderlicher wirkt, als man denken sollte. Gemein in der Gesinnung, loben sie das, was ihre Gesinnung ausspricht.

Feuerbach, Februar 1874.

Wenn jemand wie ich weiß, wie die Freiheit der Presse von prinzipienlosen gebildeten Männern, die den Wert der Wahrheit kennen oder doch kennen sollten, benützt werden kann, wie unendlich gefährlicher muß es dann sein, einen solchen Spielraum einem unerzogenen und nicht unterrichteten Volke zu gewähren.

Bismarck, 1887.

Wien ist voll von dekorativen Phrasen menschen, denen man auf die Finger klopfen muß, indem man ihnen zu verstehen gibt, daß man sie nicht braucht.

Feuerbach, März 1874.

Sie (die Presse) befindet sich zum großen Teil in den Händen von Juden und unzufriedenen Leuten, die ihren Lebensberuf verfehlt haben.

Bismarck, 1862.

Noch habe ich Hoffnung auf Berlin, denn lange ertrage ich dies Leben unter Canaillen nicht.

Feuerbach, April 1874.

Was die Zeitungen über mich schreiben, das ist Staub, den ich mit der Bürste abwische Sie begreifen, daß ich jetzt von der Presse nur noch mit ironischer Geringschätzung rede.

Bismarck, 1890.

Heutige Probe aus der Freien Presse, erstes Organ einer Weltstadt, so sprechen Lausbuben.

Feuerbach, Februar 1874.



Verbrecherische Irreführung der
›Neuen Freien Presse‹.


Wien, 23. Januar

 

Heute in der Nacht gegen ein Uhr wurde einer unserer Nachtredakteure an das Telephon gerufen. Ein Mann meldete sich am Telephon und behauptete, daß er der Neffe unseres Korrespondenten in Mährisch-Ostrau sei und in dessen Auftrage uns die Nachricht über eine Explosionskatastrophe in einem Gaswerk von Schönbrunn (Schlesien) mitteile, da unser Korrespondent auf dem Schauplatze der Katastrophe sich befinde. Der Korrespondent der ›Neuen Freien Presse‹ in Mährisch-Ostrau steht seit dreißig Jahren in Verbindung mit dem Blatte und hat sich immer als verläßlich erwiesen. Die Nachtredaktion hat daher keinen Anstand genommen, diese ihr so übermittelte Meldung zu veröffentlichen. Jetzt stellt sich heraus, daß ein Betrüger in sträflicher Weise den Namen unseres Korrespondenten mißbraucht und das Blatt irregeführt hat. Nachdem in der letzten Zeit wiederholt Versuche, das Blatt irrezuführen, in der bübischesten Form unternommen wurden und hier ein Fall vorliegt, der unzweifelhaft eine Handlung gegen das Strafgesetz (§ 308, Verbreitung falscher, beunruhigender Gerüchte) begründet, haben wir sofort die Anzeige bei der Polizei gemacht, damit der Täter ermittelt und der verdienten Strafe zugeführt werde. Wir glauben, es werde der Polizei nicht besonders schwer fallen, den Schuldigen zu finden. Die Verfolgung dieser bübischen Handlung ist schon deshalb notwendig, weil sich die Konsequenzen der Irreführung gar nicht absehen lassen. Die vielleicht in Wien oder in anderen Teilen der Monarchie lebenden Angehörigen der in den Werken von Schönbrunn beschäftigten Arbeiter und Beamten werden durch diese Ausstreuungen geängstigt und könnten einen sehr ernsten Schaden an ihrer Gesundheit erleiden. Die nichtswürdigen Müßiggänger, die genau wissen, daß die Hast der Redaktionsarbeit in der Nacht am größten ist, benützen diese Gelegenheit, um ernste Männer, die ihre schwere Berufspflicht erfüllen, zu täuschen. Schon diese Kenntnis der technischen Verhältnisse gibt der Polizei den Fingerzeig, wo sie das Nest aufstöbern kann, damit die gesamte Presse der Monarchie den nötigen Schutz vor solchen verruchten Bübereien finde.

Wenn man dem Wiener, dieser Kreuzung aus einem Wiener und einem Juden, dieser unklaren Lösung eines Rassenproblems, diesem verzeichneten Zweifarbendruck, dieser an die Luft geklebten Vordergrundsfigur, dieser schlechten Perspektive von Raum und Zeit, diesem Dreizehner am Tisch der Kultur, dieser einzig fühlenden Larve, in deren Brust zwei Seelen, die eines Friseurs und die eines Friseurkunden ein Friseurgespräch führen, diesem stets die Ehre habenden und nie zeigenden, stets die Ehre nehmenden und nie behaltenden Intimus, diesem Wahrzeichen der Lüge, diesem von den Idealen abschreckenden Beispiel, diesem Bauchjesuiten, dem die Lebensmittel den Lebenszweck heiligen, diesem Gourmand einer Henkersküche, dem noch die Schande mit Mehl eingebrannt ist, diesem Harlekin der Phrase, dieser Spießrute der Persönlichkeit, diesem Spalierbildner der Persönlichkeiten, diesem Sowiesokenner der Kunst und diesem Ehschowisser der Gottheit — wenn man dem Wiener die Uhr der Zeit ans Ohr hielte: er lobte ihren Deckel und nähme sie in den Mund. Und wenn man ihm sagte, die vom Stefansturm sei gestohlen worden, er würde nachdenklich und riefe dann: »Das hat der Fackelkraus getan!« Völkerschaften, die wieder auf dem Wege sind, zum Urschleim zurückzukehren, haben das Bedürfnis, sich einen Träger aller Verantwortung vorzustellen, dem sie mit einem zärtlichen Gemisch aus Bewunderung und »Ich möchte nicht in seiner Haut stecken« alle Schlechtigkeiten zurechnen, an die sie nicht hinanreichen. Ein Fabelwesen, das es nicht unter seiner Würde finden darf, die Gemeinheiten zu begehen, die man in Wien bestaunt. Sie spüren, daß eine dunkle Macht sie wieder dorthin reißt, wo die Schlamperei aufhört und das Chaos beginnt. Aber wenn ihnen unterwegs das Geldbörsel abhanden kommt, so sagen sie noch im Schwindel der Sinne: »Das hat der Fackelkraus getan!«

Die Fähigkeit, in der Wüste zu predigen, scheint die Kamele in Massen herbeizulocken. Und taube Ohren, denen man »Marsch!« kommandiert, hören immer — also das Gegenteil. In den letzten Tagen war mir der Weg über gewohnte Wiener Plätze, den auch sonst ein vermaledeiter Ruhm zum Spießrutenlauf macht, eine jener chinesischen Foltern, von denen man wünschte, sie wären in Europa schon obligat. Wer nur ausgeht, um den Lebensnotwendigkeiten zu genügen, weil er auf dem Schreibtisch nicht kochen kann, und wer deshalb zum Opfer der Spaziergänger wird, ist beklagenswert genug. Wer sich den Schnupfen holen muß, weil eine Karawane in der Drehtür stehen bleibt, um sich, ein Stück nach dem andern, umzudrehen und mit Fingern auf die Sehenswürdigkeit zu zeigen, der möchte mit dem leibhaftigen Kanalräumer tauschen, der einzigen Persönlichkeit, welcher es restlos gelingt, im großstädtischen Leben Wiens unterzutauchen. Wer aber dafür, daß das Leibblatt dieser Kulturschicht dem Idiotenscherz aufgesessen ist, irgendwo gebe es 40 Tote, während es in Wahrheit diese 40 Toten nicht gibt — wer dafür allerorten seinen Namen hören muß, dem wäre es lieber, daß einer statt der vierzig nicht gelogen wäre oder wenigstens zwei Millionen andere. Gesprächsstoff zu sein, und in Wien, ist eine Tortur, die sicher die letzten Reste jener »Eitelkeit« austreibt, die einem in denselben Gesprächen zum Vorwurf gemacht wird, o mehr: sie zwingt vor dem Philister auf die Knie und läßt für jeden Gedanken um Gnade bitten. Der heilige Geist selbst würde sich zur Last, wenn er sähe, wie ihn diese Bekenner verstehen. Denn die hier glauben, daß meiner Zeitfeindschaft vierzig Tote genügen, und spüren nicht, um wieviel mörderischer es ist, vierzig Lebende zu erfinden. In der Auffassung, die ich mit der Unmittelbarkeit alles Wienerischen erleide, spricht sich die Hoffnung aus, ein Alpdruck werde als Eulenspiegel mit sich reden lassen. Und das Niveau der Gefoppten mißt sich noch an dem, was sie als Eulenspiegelei belachen oder verwünschen. Und die kummervollen Gesichter betagter Abonnenten, die um den Stammtisch sitzend ihr »Weit gebracht!« murmeln, sind leichter zu ertragen als die mißverständnisinnig begeisterte Jugend. Welche Enttäuschung, wenn ich den Entrüsteten zustimmte und den Entzückten absagte! Sie hatten zuerst nichts verstanden: nun aber würden sie sich nicht auskennen. Man muß die Köpfe immer noch mehr verwirren. Man muß kreuz und quer im Weichbild dieses Gehirnlebens herumtreten, bis sie es aufgeben, einen Text durch Lektüre zu mißbrauchen. Nein, ich habe nie einer alten Tante vierzig Maikäfer ins Bett praktiziert, und gar tote. Was ich getan, gesagt und gewollt habe, war anders:

Hier im Hause lebt etwas, was anderwelts nur ein Dienstbote des Lebens ist, als Herrschaft. Hier im Haus ist die Presse das Leben selbst und in dieser Verdoppelung der Selbstmord des Lebens. Hier im Haus ist der Abort des Lebens zugleich das Speisezimmer. Das ist bequem, aber nicht gesund. Das vollkommenste Beispiel dieser furchtbaren Kongruenz heißt Neue Freie Presse. So etwas gibt es auf der ganzen Welt nicht wieder. Anderwärts rufen sie den Dienstboten, wenn sie ihn brauchen, und er ist zuweilen frech. Nie wächst er der Herrschaft über den Kopf. Sie entläßt ihn und sie hat viele Diener, die gut und schlecht parieren. Dort zeigt die schlechte Presse, wie schlecht das Leben ist, aber sie hat nicht Macht, es zu verschlechtern. Hier im Haus begann der Dienstbote mit der Herrschaft zu plauschen und sie lauschte ihm, während im Haus der Staub fingerdick lag, und er plauschte sie schließlich zum Haus hinaus. Das vollendetste Beispiel dieser Usurpation, dieser Besitzergreifung der Werte durch Worte heißt Neue Freie Presse. So etwas gibt es auf der ganzen Welt nicht wieder. Denn so etwas enthält die ganze Welt. Umfängt sie und plaudert ihr aus der Tasche das Geld, und den Geist aus dem Kopf und aus den Knochen das Mark. Solche Macht mag kleiner sein als die des Staates: sie ist doch größer als die der Welt. Sozialkritisch überschätzt mein Blick diese Verhältnisse; kultursatirisch kann er sie nicht hoch genug überschätzen. Ich sehe einen apokalyptischen Galopin die Vorbereitungen zur Weltbaisse treffen, den Sendboten des Verderbens, der die Vorhölle der Zeitlichkeit überheizt. Ich sehe den Träger des vollkommensten Hethiterprofils die aufgewärmte Rache seines Gottes zubereiten. Und da ich es so sehe, so alles Grauen der Gottlosigkeit durch höchstes Gebot im unreinsten Gefäß gemischt sehe, kann mir der Einwand, daß ich »die Druckfehler der Neuen Freien Presse korrigiere«, nicht viel anhaben. Ich weiß, was der Tag wert ist und in welchem Glas seine Strahlung am grellsten. Ich weiß, wo der Geist krepiert und wo sein Aas, die Phrase, den Hyänen am besten mundet.

Ich bin nicht da, um von solchen Szenen durch Scherze abzulenken. Sondern ich muß Scherze machen, um kurzsichtigen Zeugen diesen Anblick zu erleichtern. Anders glauben sie's nicht. Darum sage ich: So wahr eine falsche Nachricht über vierzig Tote kein Ulk ist, so wahr ist ein Ulk, der einen Mord an der Kultur entdecken hilft, ein Ulk gegen »ernste Männer, die eine schwere Berufspflicht erfüllen« eine Tat, würdig des ernsten Mannes, der eine schwere Berufspflicht erfüllt. Der Zivilingenieur Berdach, den ich aus der Glockengasse geholt habe, und der Dr. Ing. Erich R. v. Winkler, der seinem Beispiel gefolgt ist, aber ihn an verruchtem Fachwissen übertraf*), die politischen Jüdinnen, die ich aus voller Brust den Wahlsieg bejubeln ließ: sie sind lachende Märtyrer einer banalen Meinung, die ärgerlich oder vergnügt die Möglichkeit zugibt, einen großen Meinungsbetrieb zu düpieren. Sie feiern nicht den billigen Triumph über den einzelnen Redakteur, dessen Unwissenheit oder Leichtgläubigkeit wohl der unerheblichste Gegenstand einer kulturkritischen Beweisführung wäre, aber sie opfern mit bewußter Unerbittlichkeit das Einzelschicksal des unvorsichtigen Schmocks dem höheren Zweck: zwischen dem Anspruch einer gehirnerpresserischen Macht und der Leistung der Unverantwortlichen, von der er bezogen wird, den sichtbaren Abgrund zu öffnen und eine Offenbarung auf das Gewimmel der Nebbichs zu reduzieren, auf die sie sich selbst beruft, wenn sie eine Entschuldigung nötig hat. Die Kluft zu zeigen zwischen einem frechen Plural der Majestät, der sinnbetäubend im heutigen Staat Gott und dem Kaiser den Kredit abgeluchst hat, und einem Dutzend zerknetschter Singulare, die, anstatt ihre Suggestion für Hosenträger und Zahnbürsten einzusetzen, sich auf den anonymen Hausierhandel mit Kulturgütern geworfen haben. Die Entschuldigung der gehetzten »Nachtredaktion« wird eine höhere Gerechtigkeit, als die des eigenen Forums, der blamierten Zunft nicht hingehen lassen. Wer zwingt denn diese Leute, eine Nachtredaktion zu halten? Ernste Männer, die nachts eine schwere Berufspflicht erfüllen, sind die Gewölbwächter, aber nicht die Nachtredakteure. Die Gewölbwächter haben aufzupassen, daß nicht eingebrochen wird. Sie würden in der Erfüllung ihrer schweren Berufspflicht gestört, wenn man ihnen eine authentische Zeitungsnachricht mitteilte. Nachtredakteuren zu erzählen, daß eingebrochen wurde, wenn es doch nicht geschah, ist eine Büberei und eine Dummheit. Nachtredakteuren zu erzählen, daß um diese Zeit auch Grubenhunde zu schlafen pflegen, mag eine Herzlosigkeit sein, aber sie kann so gut der Befreiung des Volkes dienen wie ein politischer Mord, dessen Verüber es am wenigsten darum zu tun war, einen Regenten um die Gage zu bringen. Doch wer wäre denn lieber als ich geneigt, selbst die Journalisten unter die ernsten Männer zu zählen, die eine schwere Berufspflicht erfüllen, und sie gegen eine Störung in Schutz zu nehmen? Der es nicht glaubt, hat nie gewußt, daß alle Verachtung, zu der ich je gegen den schmarotzerischen Mißbrauch des Geisteslebens aufgereizt habe, einzig dem Zwecke gelten sollte, das journalistische Gewerbe im Rahmen seiner Pflicht als einen sozialen Beruf zur Anerkennung zu bringen. Was will ich denn anderes, als daß sich die Leute, die diesem Beruf angehören, so nützlich machen wie die Abortfrauen? Die Trennung des Prinzips der Bedürfnisanstalt von den Goldfischen, die dort gehalten werden — was will ich denn anderes? Was will ich denn anderes, als die Reinigung des Nachrichtendienstes vom Geist? Als daß ein meldender Bote uns nichts vorschmusen soll? Uns nicht mit Stimmungen behellige und nicht der Literatur unendlichen Schaden zufüge, die wir mit einem Bericht verwechseln, seit der Bericht Literatur wurde? Worin denn sehe ich den Ruin der geistigen und den Ruin einer sozialen Notwendigkeit als in dieser ruchlosen Vermischung? Um diese vor Blinden ad absurdum zu führen, habe ich in dringenden Fällen zu dem Mittel gegriffen, den Vertretern solch furchtbarer Unsauberkeit zu zeigen, wie man das konsequent betätigt und was da füglich herauskommt. Um ihnen den schamlosen Wahn abzugewöhnen, daß sie dem Volk außer der Mitteilung, wo's gebrannt hat, auch zu schildern haben, wie's gebrannt hat, und wer dabei war, daß sie außer Tachles auch Schmonzes zu bringen haben, außer dem Ding das Ornament, außer der Tatsache die Phantasie; und um zu zeigen, wohin eine Hybris führt, die dem Lokalreporter noch extra die Wissenschaft zur Verfügung gestellt hat — habe ich die Anziehungskraft von Fremdwörtern wie »Bussole« erprobt und ward Grubenhunden aus dunklem Schacht ans Licht verholfen. Und um zu zeigen, was die Fortschrittsbesessenheit jenes Größenwahns imstande ist, der nur eine Verfettung des Familiensinnes bedeutet und Erdbeben und Wahlsiege vom Standpunkt der Mischpoche betrachtet, habe ich aus Berdachs Gattin jene Megäre gemacht, die auf politische wie seismische Erschütterungen mit dem gleichen Aufschrei reagiert und die restlose Umsetzung der Presse in ein jüdisches Hausweib darstellt. Bei Gott! ich hab's wahrlich getan, und es ist beim Teufel nicht das Schlechtste, was ich in meinem Leben getan habe. Mag Mitteleuropa mit allen Erdbebenwarten, die jenes Heft ihrer Bibliothek einverleibt haben, sich nur der Spaßhaftigkeit solcher Dinge bewußt werden; mag ein dumpfer Ruf, der wie »Grubenhund!« klingt, mich nach allen Vorlesungen in Österreich wie in Deutschland zu einer »Zugabe« ermuntern wollen; mag mir selber die Popularität solch leicht erfaßter Stofflichkeit zuwider sein — ich muß in diesem Echo doch den Hilferuf eines verschütteten Kulturgefühls erkennen, der noch dem kommenden Geologen dieser Papierperiode hörbar sein wird.

Ist nun das Begriffsvermögen durch die Geistigkeit der Zeitung bereits dermaßen gelähmt, daß man wirklich glaubt, meine Tendenz sei es nicht ausschließlich, die Geistigkeit der Zeitung ad absurdum zu fuhren? Meine Tendenz sei, ihr auf dem rechtmäßigen untersten Gebiet, auf das ich sie selbst hinunterstoßen möchte, Fallen zu stellen und einen pflichtbewußten Boten mit falschen Nachrichten zu hänseln? Glaubt man wirklich, zwischen dem Einfall, der die vorhandene Frechheit des journalistischen Treibens durch eine übertreibende Fiktion straft, und der Erfindung einer Nachricht, die wahr sein könnte, aber deren Unwahrheit Verlegenheit schafft, sei nur ein gradueller Unterschied? Und wenn der Spaßvogel, der sich ans Telephon stellte, um dem ernsten Mann in der Nachtredaktion eine ernste, aber falsche Nachricht einzuflüstern, aus einem Antrieb gehandelt hätte, der nicht zu weit von der kultursatirischen Tendenz der Berdach und Winkler entsprang, und wenn er, um eine Anstalt für »Methanerzeugung« etablieren zu können, vierzig Tote dazu erfinden, also sich des gemeinen Mittels der journalistischen Sensation bedienen mußte: führt diese Tat nicht noch immer eher den Journalismus ad absurdum als meinen Gedanken? Zeigt sie nicht die entwertende Tendenz einer Zeit, die noch die zeitfeindliche Satire zum Kitsch degradiert? Und zu der üblen Idee verunstaltet, sich unter Erschleichung einer Autoriät, nämlich der des Mährisch-Ostrauer Korrespondenten der Neuen Freien Presse, an die auf Alarm lauernde Nachtredaktion zu wenden, anstatt bei vollem Tageslicht durch den Brief eines unbekannten Privatmannes die Unwissenheit des gesamten Personals in die Schranken zu fordern! Wenn ich mich ans Telephon stelle und nach Erledigung der Formalität »Semmering ruft« die Stimme des Herrn kopiere, so kann ich durchsetzen, daß morgen über mich ein Leitartikel erscheint, der mit den Worten beginnt: »Der Blitz hat ihn getroffen.« Wenn ich als Chefredakteur von Köpenick gar ein Maskenspiel treibe, kann ich von der Länderbank die Pauschalien für 1913 einkassieren. Aber ein treuer Grubenhund würde bei solchem Wandel der Zeiten und wenn sein Herr so tief herabkäme, den Schweif hängen lassen, und in der Glockengasse wüßte man, wie viel's geschlagen hat. Was haben ingeniöse Köpfe wie Winkler und Berdach vollends mit Nachrichten zu schaffen, die auch wahr sein können? Sie erfinden; sie lügen nicht. Eine Tatsache ist zunächst wertlos und muß mindestens wahr sein, um einen nicht lebensüberdrüssig zu machen. Kann man sich wirklich eine Hohnfalte vorstellen, in der der Triumph Platz hat: »Ihr habts gebracht, daß vierzig tot sind, und es ist gar nicht wahr, etsch!« Sind Unvorsichtigkeit und Leichtgläubigkeit jene Übel, welche man an der Publizistik einem Publikum zu zeigen hat, das durch ihre Vorsicht und ihre Gewitztheit weit ärger betrogen wird? Ist selbst die Tendenz, die Nachrichtengier einer Redaktion bloßzustellen (die, um den Hereinfall nur ja sicher und allein zu haben, lange vor meiner Zeit, den falschen Matrosen der untergegangenen »Bourgogne« bewachte und in »Venedig in Wien« spazieren führte), eine des ernsthaften Spaßvogels würdige Absicht? Spaßvögel mit seriösen Absichten dürfen viel eher hinter dem Rücken der Redaktion, am Annoncenteil sie züchtigen als ihr Lügengesicht mit einer Sensation schminken, die der Zeitung nur hilft, die Fülle toter Wahrheiten durch eine Unwahrheit zu beleben. Nicht das Moment des letalen Ausgangs macht die Angelegenheit peinlich. Vierzig Geburten einzuschmuggeln, wäre ebensowenig ein Gedanke, und schon jene eine, die sich jüngst als »Eisenbahnbeschwerde« zutrug, war auch dem Humor nach eine Fehlgeburt und wurde für meinen Zweck erst durch die Nachwehen der amtlichen Untersuchung gerettet. Solche Einfälle in Feindesland schmecken weniger nach Dynamit als nach Konkurrenz und sind nur auf dem gleichen Niveau verständlich, nur auf dem der Berufsgenossenschaft möglich. Denn wenn auch die Entrüstung jetzt eine scheinbare Gemeinsamkeit herstellt, weil der Scharfsinn hinter dem falschen Ostrauer mich zu erkennen glaubt, so schafft doch der Ehrgeiz der Nachrichtenfänger Sonderinteressen, die sich ganz gewiß auch bis zu dem Herzenswunsch versteigen, den unersättlichen Konkurrenten nach einer falschen Sensation schnappen zu lassen oder doch an ihr hängen zu sehen, ja sogar bis zu der Initiative, dazu beizutragen. Der Journalismus älterer Tage brachte noch den Einfall auf, das Fremdenblatt mit der Nachricht hineinzulegen, daß die Gemeinde von Reichenau die Abtragung der Rax beschlossen habe, um dem Erzherzog Karl Ludwig die Aussicht von seiner Villa auf das flache Land zu ermöglichen. Die neuen Reporter bringen es kaum über eine glaubhafte Lüge, um einander das Geschäft zu verderben. Es ist so toll, zwischen solchem Professionshumor und meiner Perspektive einen Zusammenhang herzustellen, mich solchen Eingriffs für fähig zu halten oder mindestens zu sagen, der Täter sei das Opfer meiner Verführung und die Tat die Schuld meines Beispiels — daß man mit ebensovielem Recht mich des Mordes anklagen könnte, den einer unter dem Eindruck eines lebensfeindlichen Aphorismus von mir beginge, oder gar der Kastration eines Literarhistorikers, weil einer die metaphysische Gutheißung dieser Prozedur als Auftrag verstanden hat. In Wahrheit steht die Angelegenheit so, daß in einer schlechten Zeit ein guter Verführer das Opfer eines bösen Verführten ist und daß ich dem Mann, der durch die Erfindung einer Nachricht ein freiwilliges Lügenblatt ins Recht setzt und dem Pathos, das auf die Büberei zeigt und die Kultursatire meint, die Teilnahme von Mißverstehern und Übelwollern sichert, am liebsten Schweiggeld gegeben hätte — wie ich denn überhaupt, wenn ich über Reichtümer verfügte, sie ausschließlich dazu verwenden wollte, die Blätter vor der Publizierung von Dingen zu bewahren, die mich zur Vergeudung meiner satirischen Mittel zwingen. Ich würde den Zeitungen viel Unsinn ersparen, ihn nur nach Maßgabe meines Raumes und meiner Zeit zulassen, und ich wäre viel mehr für den Schutz des Nachrichtendienstes besorgt, als sie selbst in ihren wachsamsten Nächten und in ihren heuchlerischesten Tagen. Denn es ist doch wohl die schofelste Komödie von der Welt, wenn Institute, die von der Fälschung aller erreichbaren Tatbestände und von der Fabrikation aller erdenkbaren Erfindungen leben, von denen jedes eine fette Lüge einer magern Wahrheit vorzieht und eins dem andern nur die Enten gönnt, die es selbst verschmäht hat, mir ein Interesse an der Trübung ihres Schlammes zuschreiben. Und diese solidarische Frechheit wagt sich vier Wochen nach der Affäre Prochaska auf die Gasse. Ein kurzer Mond; bevor die Schuh verbraucht, womit sie zum Auswärtigen Amt liefen, um nichts zu erfahren und dann zu melden, der Konsul Prochaska sei ermordet. Ein Diebsblatt, das noch nie mit einer Originalnachricht aufgesessen ist und die notwendigsten Lügen sich erst durch Nachdruck ohne Quellenangabe verschaffen muß, dasselbe Neue Wiener Journal, das sich jetzt über die »böswilligen Irreführungen der Journalistik« mitbeklagt, hat damals als erstes in Plakatlettern einer in Kriegsfurcht bebenden Öffentlichkeit die Sensation von der Ermordung des Konsuls Prochaska verkündet und die Angst in eine Panik verwandelt. Der Vogel, den es endlich einmal abschoß, war eine Wildente, deren Genuß uns wohl etliche der ungezählten Millionen kostet, die das Fest jener Tage auf der Rechnung hat. Wie aber war diese Ente in die Nähe des wilden Diebes getrieben worden? Welche nichtswürdigen Müßiggänger haben die Gelegenheit benützt, um ernste Männer, die ihre schwere Berufspflicht erfüllen, zu täuschen? Gab damals einer der Polizei den Fingerzeig, wo sie das Nest aufstöbern könnte, um die gesamte Presse der Monarchie und vor allem die gesamte Bevölkerung vor solchen verruchten Bübereien zu schützen, durch die zwar nicht die Angehörigen der Arbeiter in den Schönbrunner Gaswerken, die es nicht gibt, wohl aber die Angehörigen der österreichischen Monarchie, die es noch immer gibt, geängstigt wurden und in ihrer Gesundheit geschädigt werden konnten: also vor einer Verbreitung falscher, beunruhigender Gerüchte, auf die der § 308 einmal wirklich zutrifft und die dem Staate einen Millionenschaden zugefügt hat? Hat damals ein flinker Strafrechtsprofessor sein Gutachten abgeliefert und mit kerkermeisterlicher Miene Tatbestände berochen? Hat man Protokolle aufgenommen und auf die Täter hingewiesen, damals, als »die Kenntnis technischer Verhältnisse« recht wohl eine Fährte für die gerichtliche Untersuchung geben konnte? Denn es war ein interner Ulk der journalistischen Kollegenschaft. Eine Katastrophe Österreichs war ein Aufsitzer von Blatt zu Blatt. Die Kriegskorrespondenten spielten Sechsundsechzig und die politischen Redakteure, die daheim saßen, arrangierten eine Niederlage des Lippowitz. Und zwar so: Der offiziöse Szeps sprach telephonisch mit dem Auswärtigen Amt und hörte und wiederholte, was er nicht schreiben durfte. Die Toilette-Berichterstatterin, die daneben saß, hörte und trug es ihrem Gatten zu, der in jenem Blatte wirkt, wo der Nachdruck keine Quelle kennt und die Sensation keine Rücksicht. Als aber der offiziöse Szeps merkte, daß seine Telephongespräche sich pünktlich in die Belgrader Originaldepeschen des Neuen Wienerjournals verwandelt hatten, stellte er den Unfug nicht ab, sondern führte von jetzt an tote Telephongespräche. Eine falsche, jedoch beruhigende Nachricht, die so zustandekam, soll der Neuen Freien Presse überlassen worden sein, die gern »entspannt« und die schwierige russische Sprache à la hausse übersetzt, aber nicht Phantasie genug hat, eine Entente mit Petersburg selbst zu erfinden. Die Verschärfung und Zuspitzung der Lage jedoch fiel dem Lippowitz zu. Und nachdem jener offiziöse Spaßvogel eines Tages vor der Telephonmuschel den entsetzten Ausruf getan hatte: »Was Sie nicht sagen, Herr Hofrat! Prochaska ermordet?«, las er es am andern Morgen im Neuen Wiener Journal. Eine Mordshetz! Noch weit amüsanter als die wirkliche Benützung des Telephons für eine falsche Nachricht über vierzig Tote. Beunruhigender, aber lustiger. Druckerschwärze schafft eine Atmosphäre der Unverantwortlichkeit, die harmlose Leute zu Schurkentaten treibt. Druckerschwärze in der Hand einer weibischen Zeit ist Vitriol gegen Alles. Den größern Schaden am Geist sieht der Staat nicht und den großen Schaden am Staat wagt er nicht zu vermeiden. »Was das Schwert uns gewonnen hat, wird durch die Presse wieder verdorben«: hat Bismarck erkannt. Und die Presse habe »die drei letzten Kriege veranlaßt«. Und »jedes Land sei auf die Dauer doch für die Fenster, die seine Presse einschlägt, irgend einmal verantwortlich«. Und »manches, das in den Zeitungen steht, ist denn doch wahr, wenn auch nicht alles«: hat Bismarck erkannt. Er hat den Fall Prochaska nicht einmal geahnt. Er war ja auch schon tot, als sie in sein Sterbezimmer eindrangen, um die Nachricht zu kriegen. Er hat die Entwicklung nicht erlebt, die die entwickelte Technik und die entwickelte Schamlosigkeit dem Journalismus gegönnt hat. Und die entwickelte Standesehre, die Ehre dieses Standes, erbricht sich in Entrüstung, und diese Standesgenossenschaft erdreistet sich, die Polizei zur Sicherung ihres Nachrichtendienstes, ihres Gottesdienstes, herbeizuwinken. Und das ›Extrablatt‹, das Interviews mit sterbenden Kindern bringt, aber in Bezug auf die biographischen Daten der goldenen Hochzeiter düpiert zu werden fürchtet, tut auch mit. Und eine Industrie beklagt sich, von der man annehmen müßte, daß sie zunächst durch ihre komplizierte Technik der Erpressung die Strafrechtslehrer interessiert und dann erst wegen der Mystifikationen, nämlich wegen jenes notorischen Nachrichtenbetrugs, den sie selbst begeht. Denn gibt es — Herr Professor Löffler denke nach — im weiten Bereich, den die Phantasie der Habgier durchmessen kann, eine Fälschung, die »ein sehr großes Unternehmen wie die Neue Freie Presse« nicht schon versucht hätte oder doch zu versuchen imstande wäre? Müßte nicht ein Strafrechtslehrer, der früher Richter war — Herr Löffler besinne sich — mit Ekel die Aufforderung abschütteln, ein Gutachten jenem Interessenten zu liefern, mit dem er doch nur als dem Objekt kriminalistischer Untersuchung sich einlassen könnte? Denn es ist wohl nicht denkbar, daß die Karriere eines Juristen erst gemacht, nicht abgeschnitten würde, der jenem sehr großen Unternehmen seine Gutachterdienste leiht, das in der Zeit der Wagner- Hetze in Bayreuth die Blattern ausbrechen ließ, dem also eine Verbreitung beunruhigender Nachrichten nachgewiesen werden könnte, wie sie exemplarischer nicht gedacht werden kann — und Ärgeres als das: die Verbreitung beruhigender Nachrichten, als die Hoteliers an der Riviera und am Lido Blattern und Cholera für störende Begleiterscheinungen der Saison hielten. Presse gegen Unrecht schützen, heißt einen Blatternkranken von Hühneraugen befreien, nein, einen, der Cholerabazillen entwendet hat, gegen die Einschränkung der persönlichen Freiheit schützen, nein, einen Falschmünzer gegen Diebstahl, nein, einen Raubmörder gegen Ehrenbeleidigung. Wahrlich, man sollte nicht ohne Ansehn der Person Recht sprechen. Die Neue Freie Presse gegen irgend etwas zu schützen, ist eine Aufgabe, um die sich jeder bessere Staat reißen kann, wenn er sowieso die Absicht hat, Selbstmord zu begehen.

Aber weil ihr ein wirkliches, ein faßbares Unrecht geschehen ist, erscheint alles Recht, das ihr und ihresgleichen je widerfuhr, vor der Gerechtigkeit des Pöbels annulliert. Sie selbst war so geschickt, die Gelegenheit beim Kaftanzipfel zu fassen, in einem Herzensschrei allen Gram über das verdiente und das unverdiente Mißgeschick abzutun und die bisher »unternommenen«, nicht etwa gelungenen, »Versuche, sie irrezuführen« in denselben Gerichtsakt oder mindestens in denselben sittlichen Mißbilligungsausschuß zu werfen wie das frisch erlebte Attentat. Sie begeht noch hier diese unzüchtige Vermischung von Geist und Nachricht. Wenn dem rabbinischen Wehschrei nach dem § 308 nicht der Gott hilft, vor dem der Tanz um das goldene Kalb verpönt ist, der Staat wird ihn nicht erhören. Polizeihunde auf Grubenhunde zu hetzen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, und dem willfährigsten Beamten wird der Zusammenhang meines Erdbebens mit einer Explosion in Schönbrunn nicht einleuchten. Der Ausbruch, zu dem sich ein gemartertes Seelenleben hinreißen ließ und der eher auf die Wutkrankheit, die von Grubenhunden übertragen wird, schließen läßt, als auf den Verdruß über eine falsche Nachricht, bietet nicht die Garantien für die künftige Vermeidung derartiger Vorkommnisse, denen nur ein harmonisches Gemüt, ruhige Übersicht und Beherrschtheit wirksam begegnen könnten. Paroxysmus ist der Nährboden des Unkrauts, das er ausjäten will, und tatsächlich soll jetzt eine Armee von Müßiggängern durch das Geschrei angelockt worden sein, »Tausend und Abertausend« sind, heißt es, mobilisiert, und nur noch im letzten Augenblick sei es gelungen, die mit schwerem Geld bezahlte Personalnachricht auszumerzen, daß sich in Christiania der Baumeister Solneß mit Fräulein Hilde Wangel vermählt und die Trauung der Pastor Rosmer vollzogen habe. Eine Nachricht, die kaum dementiert werden könnte. Und wurde denn damals berichtigt, als ein tieferer Witz seine Wissenschaft springen ließ? Unrichtig war alles, ein »technisches Versehen« viel eher als das Interview mit einem toten russischen Botschafter, und dennoch konnte die Neue Freie Presse nicht sagen, ein Betrüger habe sie durch eine falsche Nachricht getäuscht und es gebe keinen lebendigen Grubenhund. Noch heute müssen viele ihrer Leser glauben, daß es die Art gibt, denn es ist nie widerrufen worden. »Das Blatt« hat die wiederholt unternommenen bübischen Versuche, es irrezuführen, schweigend ertragen. Man unternehme nur solche, die ihm keine Berichtigung ermöglichen. Man sei mit dem Blatt vorsichtiger als das Blatt. Wer es irreführen will, vermeide Tatsachen. Denn es wird sie zwar nicht vermeiden, aber berichtigen. Im Tatsächlichen irren, macht den Offenbarungsglauben, den die Presse anstrebt, nicht zu schänden. Hier dürfen sie fehlbar sein; nur im Meinen, Fühlen und Wissen sind sie hors concours. Wenn als protokollarische Feststellung die Aussage des Nachtredakteurs vorliegt: »Wie jedem Mitarbeiter der Neuen Freien Presse, war auch mir selbstverständlich der Name des langjährigen Korrespondenten in Mährisch- Ostrau, des Professors Josef Schwarz, wohlbekannt und vertraut«, und es stellt sich heraus, daß der Herr Schwarz, wie die echten Ostrauer jetzt versichern, Alois heißt, dann sind auch künftig Explosionen möglich, denen er nicht beigewohnt hat. Und wenn sie nicht weiß, wie ihr Korrespondent heißt, muß sie auch nicht den Namen eines Erzherzogs kontrollieren können. Alois oder Josef: das ist so belanglos wie die Wahrheit oder Unwahrheit einer Meldung, und es ist ja der Gipfel des Kretinismus, mir die Lust an der Veränderung solcher Tatsachenwelt imputieren zu wollen. Wiewohl das Recht auf Ereignisse ein Problem für sich ist und in einem tieferen Sinne die Wahrheit so gefährlich wie die Lüge, jede Nachricht gleich beunruhigend und die schnellere Expedition wahrer Fakten kein Fortschritt der Menschheit, so sei der Zeitung — um durch ein kleines Zugeständnis größere Güter freizumachen — eine Existenz als Depeschensammlung von Herzen gesichert. Was mir obliegt, ist die Sorge, daß nicht Blumen in die Aborte geworfen werden. Erstens wegen der Blumen, zweitens wegen der Aborte. Was nicht hineingehört, gehört nicht hinein, und man zahlt doch sechs Kreuzer. Wiewohl es von rechtswegen noch immer fünf sein sollten und die reelleren Bedürfnisanstalten sich die Befreiung vom Zeitungsstempel noch nicht zunutze gemacht haben. Aber Blumen wollen wir auch dort nicht, wo's sechs kostet. Hört diese Wirtschaft nicht auf, dann werden alle Strafrechtslehrer der Welt nicht verhindern können, daß immer wieder bübische Versuche unternommen werden, den Schönheitssinn der Abortfrauen ad absurdum zu führen und sie auf den Ordnungssinn zu verweisen.

Wenn sie davor bewahrt bleiben, werden sie es meiner Intervention, nicht der polizeilichen zu danken haben. Denn nachdrücklich erkläre ich hiermit, daß ich für keinen wie immer gearteten Versuch in dieser Richtung die geistige Haftung übernehme und daß jede plumpe Nachahmung die Verkehrung der Idee in ihr Gegenteil und des Nutzens in heillosen Schaden bedeutet. Es ist bei der durch die andauernde Lektüre der Zeitungen reduzierten Geistigkeit keine Garantie gegeben, daß die Ersinner des vor Gott und den Gerichten guten und gerechten Planes, die Zeitung zu blamieren, nicht viel mehr dem Einfluß der Zeitung als dem meinem erliegen: daß sie durch die Anwendung schäbiger, nur im journalistischen Hausbrauch üblicher Mittel mit dem Strafgesetz oder mit dem Anstand in Konflikt geraten und mindestens die ideale Absicht durch eine unzulängliche Technik kompromittieren. Es ist unsittlich, es ist eine logische Untat, solch sinnreiche Erfindungen, die nur auf dem Kanevas eines bereits vollzogenen Ereignisses ausgeführt werden dürfen, mit Hilfe einer Lüge an den Mann zu bringen. Denn ein solcher Betrug ermöglicht es dem betrogenen Schwindler, sich bei aller urteilslosen Welt für sein ganzes Vorleben Amnestie zu erwirken. Wer einmal angelogen wurde, dem glaubt man immer und wenn er auch nie die Wahrheit spricht. Ja, es ist eine verbrecherische Irreführung, und nicht bloß der Neuen Freien Presse, ihr Dinge einzureden, die sie berichtigen kann. Es ist das Verbrechen an der Idee, welche ihr die Konterbande der Satire in der Hülle der Kulturgüter zuführt, auf die ihre unsaubere Hand einen Anspruch zu haben vermeint. Ja, es ist eine Störung ernster Männer in der Erfüllung schwerer Berufspflicht. Und wenn es glückt, hundert Zeitungen zu betrügen, reicht der Nachteil, den sie erleiden, noch immer nicht an den Schaden heran, welchen ein heilsamer Gedanke durch das Mißverständnis erfährt, das ihm ein einziger Fall auf den Hals hetzt. Besser werden diese gekränkten Stützen der journalistischen Weltordnung den Unterschied verstehen, wenn man ihnen an dem handlichsten Beispiel zeigt, was hier geschehen ist. Sie halten ja von den Huren so wenig, wie ich von den Zeitungen. Es geht jeden an: Einer wollte beweisen, daß eine Solche auch umsonst zu haben sei. Da kam ein anderer und kriegte sie für falsches Geld dran. Da sagten die Leute, jener habe diesen auf die Idee gebracht, der Moralist den Betrüger! Und dabei habe ich die Neue Freie Presse zu nichts überredet, was sie nicht selbst wollte, habe ihr sogar ausdrücklich und wiederholt angekündigt, was ihr bevorstehe, habe sie flehentlich gebeten, ihre Familiennachrichten über ein Erdbeben zu stoppen, weil zumal die aus der Leopoldstadt von mir sein könnten. Als ich mein Versprechen hielt, als sie »brachte«, brachte sie doch nichts anderes, als was sie schon vorher gebracht hatte. Volenti non fit injuria, besonders wenn er es selbst getan hat. Kein Leser hätte den Unterschied gemerkt, nur mein Geständnis stellte ihn her. Aber zu überbieten ist das, was sie von alleine tut, durch keine satirische Erfindung. Von dieser Einsicht sollten wir zu dem Entschluß kommen, uns zu beherrschen und so lange es geht, uns völlig passiv zu verhalten. Man lasse die Neue Freie Presse sich ausleben, hindere sie nicht, helfe ihr nicht. Sie ist nicht auf uns angewiesen. Ihre internen Mitarbeiter, ihre Korrespondenten werden den Ausfall reichlich wettmachen. Was sie pflichtgemäß liefern, wird mindestens so gut sein, wie das was ich schenken könnte, die Berdach und Winkler, die freisinnigen Weiber sind ja längst fix engagiert, und wenn einer unter euch wirklich auch ein Bedürfnis nach falschen Nachrichten hat, so braucht er doch nur die Neue Freie Presse zu lesen und ihr nicht zu telephonieren! Wir Müßiggänger, die wir schon eine hohe Kulturaufgabe verrichten, wenn wir den Ekel vor diesem Aussatz des Geistes nur ehrlich empfinden, können uns die Arbeit noch leichter machen als bisher, indem wir uns damit begnügen, die Neue Freie Presse zu halten, statt sie zu betrügen. Lassen wir die ernsten Männer unter sich und stören wir sie nicht durch Anregungen. Auch ist es wirklich nicht schön, eine Wachsamkeit zu täuschen, die durch ein ganzes Leben einerjournalistischen Generation bei Nacht und bei Tag hauptsächlich damit beschäftigt ist, zu verhindern, daß ein einziger Name von neun Buchstaben in das Blatt komme, eine Wachsamkeit, die freiwillig entschlossen ist, auf eine einzige Büberei noch hereinzufallen: auf die Zusendung meiner Todesanzeige, die sie als Verbreitung beruhigender Nachrichten keinem Müßiggänger übelnehmen wird. Bis dahin aber könnte man ihr noch einige Ungelegenheit bereiten. Nicht durch Irreführung. Sondern durch Verachtung. Und auch ein wenig durch Neugierde. Denn sie sollte mich nie meinen, wenn sie es nicht über sich bringen kann, zu sagen, wen sie gemeint habe. Sie hat von einer »früheren Veranstaltung der ›Büchse der Pandora‹« gesprochen. Wenn man sie fragte, wer der Veranstalter gewesen sei, würde sie Lulu-ähnlich sagen: Ich weiß es nicht. Jetzt geht sie einen Schritt weiter und gestikuliert bereits. Wir verständigen uns schon pantomimisch. Sie gebraucht Schimpfwörter und macht dazu offenbar die Geste, die Taubstumme für »Fackelkraus« gebrauchen. Nein, sie spricht ja. Sie ruft: Der da hats getan!, und zeigt in eine Richtung. Sie gibt der Polizei einen Fingerzeig. Aber wenn man sie fragte: Wohin deutest du, Liebling?, sie würde sagen: Ich sag es nicht. Und dennoch verstehe ich sie besser als sie mich. Ich bin im Grunde einer Ansicht mit ihr. Wenn man sie nämlich für eine nützliche Sache hält, für ein Wesen, dem man die Daseinsbedingungen erleichtern muß, dann, bei Gott, wurde ihr nicht nur eine Ungehörigkeit, sondern meinetwegen ein Verbrechen angetan. Wenn man aber ihr Dasein für verbrecherisch hält, dann soll man ihr keine Erleichterung verschaffen, sondern im Gegenteil jede nur denkbare Erschwerung, und dann soll man auch das offenbare Unrecht, das ihr widerfahren ist, nicht beachten und nicht überschätzen, und wenn man schon das Pech hat, ein Professor des Strafrechts zu sein, seine Strenge nicht in den Dienst eines Delinquenten stellen, der durch eine geringe Klage von einer größeren Schuld abzulenken sucht, sondern im Gegenteil sich für das Vorleben des Klägers interessieren. Und ferner — das rate ich ihm — eine Tonart wählen, die den Verdacht ausschließt, als ob man auch auf Kulturtaten den § 197 anwenden wollte und als ob man es für kein Verdienst hielte, den »Irrtum oder die Unwissenheit« der Neuen Freien Presse »zu benützen«. Und vor allem — das rate ich allen, die sich darüber entrüstet haben — kein Dummkopf, und wenn dies schon unvermeidlich wäre, so zum mindesten kein Heuchler sein.

Denn nichts auf Erden, keiner unter allen Aspekten, die ihm die bewohnte Welt bietet, dürfte neben der juristischen Seite des Falles den Schöpfer mehr verdrießen als die Solidarität der anständigen Leute und der gebildeten Gruppen, die sich da, herbeigelockt durch die seltene Gelegenheit, zu einem Haufen zusammengeschlossen haben, der die Wiener Verkehrsverhältnisse vollends unerträglich macht. Es liegt ein klassisches Beispiel für das Bedürfnis der Menge vor, sich, wie es ihr Leibblatt so gern sieht, zu »massieren«; aber sie sollte darum auch, wie es gleichfalls Vorschrift ist, von der Polizei zerstreut werden. Denn es sind nicht nur die dunkelsten Elemente aus den geistigen Vororten herzugeströmt, Gestalten aus den Sammelkanälen der öffentlichen Meinung, wie man sie wirklich nur in der Silvesternacht oder wenn die Neue Freie Presse rehabilitiert werden soll, zu sehen bekommt — man bemerkte auch Verwaltungsräte, die ich lieber nicht bemerken würde. Für die Weltanschauung, die eine Tageszeitung darin bestärkt, »sich immer eher für das Bringen als für das Nichtbringen zu entscheiden«, habe ich ja wenig übrig. Ich beurteile die Welt ja nicht vom Standpunkt des Chefredakteurs, dem man zur Nachsicht mit den geplagten Ressorts zureden müßte und dessen Ansprüche an die Unfehlbarkeit mit der Erkenntnis, daß irren menschlich und die Gage gering ist, abzuweisen wären. Ich prüfe ja nicht die Verantwortlichkeiten und nehme bei meiner Kritik irdischer Verfehlungen die Schuld des Vorgesetzten, ja des Teufels selbst, als vorweg gegeben an. Ich habe ja nicht gerecht zu sein und will, wenn auch nur zehn Herausgeber darin sind, die Stadt um der zehn willen verderben. Man fuchtle mir nicht mit Standesödigkeiten vor der Nase herum. Man dränge einer Kritik, deren Opfer man zu sein hat, nicht Mißverständnisse auf. Man lenke mich nicht durch Langweile von noch schwereren Übeln ab. Man störe mich nicht durch Trottelei in der Erfüllung schwerer Berufspflicht. Ich könnte sonst grob werden. Außer dem Strafrecht auch noch das »Völkerrecht der anständigen Leute« gegen mich anzurufen, ist ein Versuch, der sich an den Anregern bitterer rächen könnte als an mir die Dummheit, die mir eine Verantwortung dafür aufbürdet, daß die Neue Freie Presse einmal mit einer externen Lüge sich die Herzen erobert hat. Ob meine Lebensaufgabe darin besteht, »auf grammatikalisch korrektes Deutsch den höchsten Wert zu legen«, und ob mir gleich dem bedauerlichen Nachtredakteur dennoch »hie und da ein Lapsus unbemerkt aus der Feder rutscht«, über diese Frage werde ich mich mit Finanzleuten nicht auseinandersetzen und nicht einigen. Ich bin nicht angestellt, nur berufen und erfülle meine Pflicht. Lassen wir das. Nur was die »Sympathien« betrifft, die ich »verloren habe« — halt! da wollen wir beim Thema bleiben. Und beim Verlust! Denn wenn es nicht wahr ist, so wollen wir's doch wünschen! So wollen wir sagen: Wäre es doch wahr! Hielte es doch an! Diese Sympathien — o könnte ich ausdrücken, was es mit ihnen für eine Bewandtnis hat, und wie wenig mich ein schleißiges Gewand vor Kälte schützt, und wie ich nicht gewußt habe, daß ich dem Publikum sympathisch war! Sympathisch — das wagt man einem Mann von Ehre ins Gesicht zu sagen? Daß ich's nur gestehe: diese Sympathien habe ich nie verdient! Endlich muß es heraus. Diese Sympathien, sie waren eine böse Absicht oder ein Irrtum. Denn da ich bestimmt weiß, daß ich mich nicht verändert habe, so scheinen die Leute, denen ich bisher sympathisch war, nicht bemerkt zu haben, wie unsympathisch ich bin. Es klärt sich, es stellt sich heraus, daß ich gar nicht der verfluchte Kerl bin, den sie geschätzt haben, als es mir gelang, die Neue Freie Presse zu blamieren. Es stellt sich vielmehr heraus, daß ich der verfluchte Kerl bin, den sie mißachten, weil es einem andern mißlang, die Neue Freie Presse zu blamieren. Ich lasse mich für seine Schuld hängen, wenn die Solidarität der anständigen Leute nicht dieselbe Solidarität ist, die ehedem vor Freude gequietscht hat, als es mein Verdienst war. Ich entkleide mich hiermit dieses Ruhms, dieses Verständnisses, dieser Sympathien. Ich verzichte auf alles, was dem »Fackelkraus« gehört und nicht mir. Ich fliehe die Gelegenheiten, wo das grinsende Bedürfnis dieser Stadt Ideale zu Hundemarken macht und Kaffeehäuser zu Wahrzeichen. Wenn sie künftig noch behaupten können, die anständigen Leute, daß eine Minute der vierzehnjährigen Arbeit eines Tag- und Nachtredakteurs ihnen zugedacht war, so werfe ich das ganze Werk in den Ofen! Als mir ein Pelz gestohlen wurde, nahmen die Wucherer Partei für mich gegen den Dieb. Jetzt verlassen mich gar die anständigen Leute. Vielleicht geht alles noch gut aus. Ich kann euch Wunden zeigen, wenn wir allein sind. Aber dazu müssen wir wirklich allein sein! Ich habe mich zu viel selbst gequält — laßt mich endlich auch den letzten Lohn verdienen: Daß Gott mich durch alle Angstträume vor dem einen bewahre — vor einem Bocksgesicht der Erinnerung: daß ich dem Publikum — schließt die Augen — sie kommen schon, mich zu mahnen — diese Mienen, diese Stimmen — daß ich — zu Hilfe — den anständigen Leuten — sympathisch war!

 

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*) Sein Erfinder ist der Ingenieur Arthur Schütz.

 

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 368/369, XV. Jahr

Wien, 16. Januar 1913.


 © textlog.de 2004 • 18.12.2017 00:41:09 •
Seite zuletzt aktualisiert: 09.09.2007 
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