November 1913



Unbefugte Psychologie


Die Psychoanalytiker, der Auswurf selbst dieser Menschheit, ein Beruf, in dessen Namen schon die Psyche mit dem Anus verbündet erscheint, sind in Gruppen geteilt, die jede zur Vertretung ihrer Sonderart, Gott zu lästern, die Natur zu schänden und die Kunst zu erklären, ihre eigene Zeitschrift unterhält. Das ›Zentralblatt für Psychoanalyse‹ und sonstigen Unfug brachte nun im 12. Heft des in. Jahrgangs auf anderthalb Seiten einen unbefugten Nachdruck von Aphorismen aus der Fackel, »die wir« — schrieb es — »hier ohne jede Polemik wiedergeben wollen«. Schade. Unter den Aphorismen, die so in die Umgebung der besten Scherze aus der psychoanalytischen Ordination kamen, befanden sich auch Sätze, denen füglich selbst der psychoanalytische Wahnwitz keine Beziehung zu seinem Problem imputieren könnte. Worte wie: »Man kann eine Frau nicht hoch genug überschätzen« waren unter dem Titel »Aphorismen über die Psychoanalyse« wiedergegeben. Aber warum soll man, wenn schon einmal die Libido zum Nachdrucken erwacht ist, sie verdrängen und nicht den ganzen Komplex von Aphorismen glatt herübernehmen? Einen autorrechtlichen Schutz gegen eine Verstümmelung des Gedankens, die den Text schont, gibt es nicht und so blieb nichts übrig, als das Eigentumsrecht an dem Text zu reklamieren und den Seelenforscher auf das Titelblatt der Fackel zu verweisen. Er berief sich mit scherzhafter Entschuldigung darauf, daß er »immer auf das Innere losgehe und die äußere Hülle vernachlässige«. Aber diese psychoanalytische Gründlichkeit, die an und für sich ein Fehler ist und nur gegen wehrlose Patienten angewendet wird, macht hier umso weniger straffrei, als der Vermerk »Nachdruck verboten« auch wiederholt im »Innern« zitiert und besprochen war, und es bedürfte weder der Beachtung des Umschlags noch des Vermerks selbst, um von Anstands und Gesetzes wegen einen Nachdruck, um dessen Erlaubnis nicht angesucht wurde, zu einem unerlaubten zu machen. Dies hat der Herausgeber des »Zentralblatts«, der immerhin einsah, daß man nicht zu stürmisch auf das Innere losgehen dürfe, zumal wenn es nicht einem zahlenden Neurotiker zugehört, auch verstanden; er bat scherzhaft um eine »angemessene Strafe« und erklärte sich bereit, den für den unbefugten Nachdruck verlangten Betrag einem »philanthropischen Zwecke« zuzuführen. Die angemessene Strafe hätte sich am besten in der Wahl des Zwecks ausgedrückt: wenn ich mich etwa für einen Kinderschutz-Verein oder auch für einen zu errichtenden Fonds zur Unterstützung verarmter Opfer der Psychoanalyse entschieden hätte. Von solcher Härte wurde indes Abstand genommen und nicht so sehr auf Strafe als auf ein Nachdruckshonorar erkannt, welches mit 50 Kronen — schon mit Rücksicht auf die odiose Umgebung der nachgedruckten Aphorismen — gewiß nicht zu hoch bemessen erschien. Der Herausgeber des Zentralblatts wurde hierauf vom Rechtsanwalt aufgefordert, diesen Betrag abzureagieren, der, wie ihm mitgeteilt wurde, für Frau Else Lasker-Schüler bestimmt war, für jene Dichterin, die, wiewohl sie weit mehr für die Menschheit leistet, mit ihren eigenen Träumen auch nicht annähernd so viel verdient als ein Psychoanalytiker mit fremden.

Soweit wäre die Sache in Ordnung. Unerledigt bleibt eine Angelegenheit, die der Herausgeber des Zentralblattes für Psychoanalyse am Schlüsse seines Briefes ohne mein Hinzutun berührt:

.... Zugleich erlaube ich mir Ihnen eine Arbeit einzusenden. Eine flüchtige Einsicht wird Sie überzeugen, daß ich mich gegen die großen Gefahren und Fehler der Psychoanalyse nicht verschließe. Ich habe mich auch bemüht, die lächerlichen Übertreibungen zu mildern und schließlich von der Analyse nur den Weg zu behalten und nicht die Methode.

Die Parteiungen innerhalb jener Menschenklasse, die der Psychoanalyse aktiv oder passiv — was zumeist auf dasselbe hinausläuft — zugänglich ist, interessieren mich wenig. Es ist klar, daß bei den intellektuellen Bestrebungen alles so ausgehen muß, daß immer einer noch gescheiter ist als der andere. Die Psychoanalyse — dieses neueste Judenleid, denn die älteren Patienten haben noch Zucker — kann von mir nur als ganze betrachtet werden, jedoch, trotz aller Terminologie, nicht als die Wissenschaft, sondern als die Leidenschaft der zu keiner andern mehr fähigen Generation. (Diese Wendung ist mit Recht doppelsinnig: die Generation ist weder zu einer andern Leidenschaft noch zu einer andern Generation fähig.) Die ganze Richtung paßt mir sehr, weil sie dorthin führt, wohin der Mist gehört. Psychoanalytiker sind immer zugleich Ärzte und Patienten, und sie können als Ärzte geheilt werden. Auch das gelingt nicht immer. Wenn aber solche Bekenner vor mir mit der Versicherung brav tun, daß sie »nur den Weg« beibehalten haben, so zeigt das, wie schlechte Psychologen die Psychoanalytiker in Wahrheit sind. Nicht nur weil sie glauben, daß ich für Nuancen innerhalb der unbefugten Seelenforschung Verständnis habe, sondern auch weil sie mich überhaupt Kaptivierungsversuchen zugänglich wähnen. Aber weder, daß einer dem Professor Freud abtrünnig wird, noch daß er mirs mitteilt, kann ihn mir sympathischer machen, und die Versicherung, daß er »ein eifriger Leser der Fackel« sei und als Hörer — er ist auch Hörer, ich höre — eine meiner Ausführungen »treffend« gefunden habe, könnte bei mir viel eher schaden als nützen, wenn nicht auch ich immer auf das Innere losginge und dieses schon wertlos genug fände. Wiewohl ich nun viel zu tun habe und eigentlich einer eingesandten Arbeit prinzipiell mißmutig gegenüberstehe, muß ich doch zugeben, daß das Anstreichen von Stellen eine gewisse Erleichterung bietet, für die ich dankbar bin, ohne jedoch selbst durch solche Gefühle mein Urteil beeinflussen zu lassen. Eine flüchtige Einsicht überzeugt mich zunächst und hauptsächlich davon, daß das Deutsch, in welchem diese Leute ihre Ordinationswitze vorbringen, eines ist, das von schlecht verdrängten Jugendeindrücken wimmelt. Wie aber die Psychoanalyse aussieht, wenn man ihre lächerlichen Übertreibungen mildert und — im Januar — von ihr nur den Weg behält und nicht die Methode, zeigen jene »Beobachtungen«, die im Septemberheft des Zentralblattes meine Aphorismen umgeben. Ein Herr berichtet dort mit vollem Namen — Psychoanalytiker bleiben nie anonym — »zur Psychologie der Kinderstube«. Der Mann heißt — und das gehört in meinen Traum von der Psychoanalyse — Niedermann:

Nachdem an einem Morgen meine Frau umsonst nach dem Nachttopf meines 5½jährigen Töchterchens gesucht hatte, wurde es selbst nach dessen Verbleib gefragt. Es holte den Topf hinter dem Ofen hervor und erklärte: »Ich habe ihn versteckt, damit ihr ihn nicht ausleert. Dann mache ich immer mehr hinein, und dann wird er immer voller. Er soll einmal so voll werden wie der eurige

Soviel aus Kindermund. Soviel zu der Anschauung, die die Not der Seele aus Drang und Sehnsucht des Kindheitslebens erklärt. Aber diese Wissenschaft, die sich nicht geniert, die Geheimnisse der eigenen Kinderstube zu lüften und in diesem besondern Fall sogar umsonst nach dem Nachttopf sucht, während sie gemeiniglich viel Geld dafür verlangt, sie umfaßt mit empirischem und ökonomischem Elan das ganze Menschenleben von der Wiege bis zum Grabe. Über einen interessanten Fall von Nekrophilie aus seiner Praxis — interessant durch ein »determiniertes Versprechen« — weiß der Herausgeber des Zentralblattes persönlich auszusagen:

Ein Kranker, der an nekrophilen Instinkten leidet, sagt: Ich werde heute beim Friedhof speisen. Das Restaurant heißt aber Riedhof. Damit erscheint das Versprechen nur oberflächlich motiviert.

Sehr wohl. Denn so witzig das Unbewußte eines Nekrophilen schon sein mag, ausgerechnet den Scherz dürfte eher das Bewußte des Arztes gemacht haben.

Aus dem weiteren Materiale ergibt sich folgender Zusammenhang: Er interessiert sich für eine Dame, von der er weiß, daß sie von Dr. Samenhof, dem Erfinder des Esperanto, der Augenarzt ist, behandelt wird. Er hatte plötzlich den Gedanken, daß Dr. Samenhof der Dame den Hofmachen würde. Ein ganz unmotivierter Gedanke, der nur sein latentes Mißtrauen und seine Eifersucht verrät. Wenn er sie bei einer Untreue ertappen würde, so wäre das ihr Tod. Sicher der Tod seiner Liebe. (Friedhof!) Der Name Samenhof ergibt weitere Assoziationen. Er leidet unter der Angst steril zu sein. Er untersuchte seinen Samen und fand lebende Spermatozoen. Aber er ist ein Zweifler. Er kann sich ja geirrt haben und sein Samenhof ist nur ein Friedhof. Er dachte an die Möglichkeit der Gravidität dieser Dame, die ihm aus ökonomischen Gründen unangenehm wäre.

Nun möchte man Atem holen und meinen, der Weichselzopf sei zu Ende geflochten. Nun juckt uns schon allen, die wir suggestibel sind, die Kopfhaut. Nun möchte man glauben, der liebe Gott sei schon müde, eine Welt erschaffen zu haben, deren Bewegung ein Dreh ist. Aber es ist wohl nur mein Widerstreben gegen eine gesunde Psychologie, und dieses Widerstreben ist verdächtig. Die Analytiker rufen hinter jedem, dem es vor ihnen graust: »Aha, der bekannte Widerstand!« Denn Harmonie hat vor dem Mißklang etwas zu verbergen. Haß macht sich verdächtig, wenn er sagt, daß Liebe nicht von den Filzläusen komme. Ich bin ein Neurotiker, der den Arzt fürchtet: das bekannte Symptom! Vor der Psychoanalyse gibt es kein Entrinnen; ich gebe es zu. Der Zweifler schützt sich vor dem Glauben. Wer aber rettet sich vor dem allumfassenden Zweifel? Das einzige, was ich bewußtermaßen von der Psychoanalyse zu fürchten habe, ist unbefugter Nachdruck. Gewiß, aber wer garantiert für mein Unbewußtes? Davon weiß ich ja nichts, davon wissen nur die Psychoanalytiker. Die wissen, wo das Trauma begraben liegt, und hören das Gras über einem Komplex wachsen. Diese Zwangshandlungsgehilfen sind überall zur Stelle; sie haben sich die Fälle Grillparzer, Lenau und Kleist nicht entgehen lassen, und vor Goethes Zauberlehrling waren sie nur uneinig, ob hier Masturbation oder Bettnässe »sublimiert« sei. Sage ich ihnen, daß sie mich gern haben können, so habe ich eine anale Zone. Kein Zweifel, sagen die Zweifler, mein Kampf ist die Auflehnung gegen den Vater, und das Inzestmotiv lauert hinter jeder meiner Zeilen. Der Schein spricht gegen mich. Vergebene Mühe, meine Alibido nachzuweisen — sie haben mich erwischt! Grüßt einer — ich bitt Sie heutzutag — einen Leichenzug, so ist er nicht religiös oder taktvoll veranlagt, sondern nekrophil. Ist einer aber nekrophil veranlagt, so höre man, was sein Unterbewußtsein für Stückeln spielt:

Doch das Versprechen hat auch Beziehungen zu mir. Er fragte mich, was das zu bedeuten habe, er leide unter der Zwangsvorstellung, sogar einem Zwangsimpuls, mir und anderen Männern die Hand zu küssen. Das Restaurant Riedhof läßt auf Beziehungen zur Mundzone schließen. Vor einigen Tagen hatte er die Phantasie, er mache einem Manne eine Fellatio! Gestern bestellte er im Restaurant unvermutet Kaviar! (Samen der Fische!) Dann einen Hering! Absonderliche Gelüste, die er sich nicht erklären konnte. Sein Mund soll ein Friedhof sein, er will die Spermatozoen vernichten. (Fellatio!)

Jetzt gesteht er, er wollte mir gestern ein Geschenk kaufen. Eine Ausgabe von Eugen Dühring in Esperanto. Er verspricht sich wieder, denn er meint Albrecht Dürer. Dühring ist ihm aus einem Werke bekannt: Der Ursprung der Syphilis. Die Syphilis ist ihm aber ein Symbol des Verbotenen, Schmutzigen, also auch der Homosexualität. Er will mir seine Liebe erklären und zwar in der mir unbekannten Sprache des Dr. Samenhof. Weitere Determinationen müssen hier entfallen.

Schade. Es ist eben schon die gemilderte Psychoanalyse. Man hätte sonst mehr über diese Wissenschaft erfahren, und welche Kalauer das Unbewußte der Patienten noch machen kann, wenn der Arzt in seinen freien Stunden Feuilletons und Ischler Plaudereien schreibt. Man hätte, um eine seiner Wendungen zu gebrauchen, erfahren, was »am Grund der Seele wohnt«. Denn es ist identisch mit allem, was am Alsergrund wohnt.

Ich kann mich mit dieser Gegend nicht verständigen. Die Sprache des Dr. Samenhof ist auch mir unbekannt, aber wenn man es mir auf psychoanalytisch sagt, so bekomme ich eine Neurose. Ich leide unter dem Zwangsimpuls, manchen Menschen nicht die Hand zu küssen, sondern einen Fußtritt zu geben. Denn die Iphigenie ins Esperanto zu übersetzen, ist bloß der Versuch von Kaufleuten, die wissen, daß es in dieser Welt auf schnelle Verständigung zwischen Angebot und Nachfrage ankomme,. Aber die Iphigenie ins Psychoanalytische zu übersetzen, ist der Versuch der Reblaus, neben der Sonne in Ehren zu bestehen, wenns einen guten Wein gilt. Ausgerechnet den siebenten Tag, an dem Gott der Ruhe pflegt, benützt der Analytiker, um zu zeigen, daß die Welt nicht von jenem sei. Er kann nicht anders. Er unterscheidet sich vom Teufel dadurch, daß er von Gott nicht abfallen kann, ohne ihn zu leugnen. Nur so kann er, was nicht vorhanden ist, behaupten: sein Ich. Helden und Heilige darfs nicht geben, weil sonst am Ende der Schleim lebensüberdrüssig würde. Das Weibmaterial, das in einer Zerfallszeit nicht mehr imstande ist, Anmut zu bilden, fliegt in der Welt herum und taugt eben noch, sich am Manne zu rächen. Das Weib analysiert den Mann, die Intelligenz den Geist, immer sie, weil sie nicht ist wie er. Und ihre Rache heißt: er sei wie sie. Dies ist die wahre und einzige Psychoanalyse, die ich bekenne: Das verschmähte Femininum, nicht mehr tauglich, den Mann anzuregen, überträgt den tiefgefühlten Mangel auf ihn und ruft ihn beim eigenen Namen. Ein Echo, das nicht mehr antwortet und darum glaubt, die Stimme sei sein Echo. In der dem Schöpferwillen zuwiderlebenden Entwicklung, im jüdischen Lauf der Weltdinge, dringt die Schwäche immer sieghafter ins Gebiet der Kraft vor. Sie weiß mit Intelligenz Bescheid, wie man ans Ende aller Tage kommt. Wenns der Journalismus nicht erreicht hat: ihr letzter, bis zur Verzweiflung hoffnungsvoller Aufstand heißt Psychoanalyse. Den unbewußt erliegenden Scheinmächten Staat und Kirche geschieht kein Unrecht.

 

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 387/88, XV. Jahr

Wien, 17. November 1913.


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