März 1913



Eine schöne Erinnerung ist mir verdorben


Der rührige Hugo Heller (der denkbar größte Kontrast zu Otto dem Faulen, den die Preußen haben), dessen Name sich seit Jahren als die nächste Assoziation zwingend einstellt, wenn von Kultur die Rede ist (wie Bartsch, wenn von Erdgeruch, Birinski, wenn von Kainz, und Saiten, wenn von der Pragmatischen Sanktion gesprochen wird) und der sich wirklich zum Kulturproblem so verhält wie ein Seehund zur Entdeckung des Nordpols (man findet ihn vor, er ist schon dort, wenn man hinkommt), der Kulturheller (eine viel sympathischere Formel als etwa der Fackelkraus, weil sie nicht Händler und Ware, sondern ausnahmsweise Persönlichkeit und Werk verbindet) hat also beschlossen, Frank Wedekinds »Büchse der Pandora« seinen Kundschaften und solchen, die es werden sollen, vorzuführen. Zu diesem Zwecke wurde ein Komitee von Intellektuellen einberufen, das ist von jenen immer an der Ecke der Freiheitsgasse stehenden Dienstmännern, die bereit sind, für die Nennung ihres Namens Großes zu wollen und bei der Kultur etwas auszurichten, was ihr der Buchhändler Heller sagen läßt. Daß zu solcher Gemeinschaft sich die bekanntesten Namen zusammenfinden, denen man rings im Lande ausweicht, und daß dieses traurige Alphabet immer von einem mißbrauchten Altenberg bis zu einer angewandten Zuckerkandl reicht, weiß man. Daß einen bei solchem Rütlischwur die Lust zum Meineid anwandelt, begreift man. Und der Drang, die Zensur gegen unbefugte Zensurkämpfer zu schützen, die froh sein sollten, daß ihnen der Vollbart nicht gekürzt und der Atem nicht verboten wird, wächst zur Leidenschaft. Ich bezähmte sie und ließ das Unternehmen ausreifen. Ich hatte nichts dagegen, daß an die Zeitungen Notizen verschickt wurden, in denen von zensurfeindlicher Seite »eine frühere Inszenierung der ›Büchse der Pandora‹« ohne Veranstalter in graue Zeiten zurückversetzt und auf einen »kleinen Kreis« Geladener beschränkt, und daß dann doch wieder — in einem der Presse entzogenen Prospekt — mein Name als Empfehlung des Unternehmens benützt wurde. Die Verschiedenheit der Absichten schien ja einen Vergleich der Taten von vornherein ebenso auszuschließen wie die Verschiedenheit der Mittel. Ich, einst im Mai 1905, hatte weder einen Dichter vor der Zensur retten noch auch durch eine Kulturtat meinen Kundenkreis vergrößern wollen. Ich hatte kein intellektuelles Komitee zur Hand und nicht einmal eine Presse, der ich Notizen zur Ladung meiner Gäste übermitteln konnte, wie etwa diese:

11. Feber 1913.

Verehrliche Redaktion!

Dem Ansturme, um Einladungen zu den beiden Pandora-Aufführungen, bin ich kaum gewachsen. Es ist eine entsetzliche Arbeit, bei welcher es so viel Arger und Verdruß gibt, daß es mir fast leid tun würde, mich in die Sache eingelassen zu haben, wenn ich nicht das Gefühl hätte, daß diese beiden Aufführungen einen Markstein im Kampfe um eine Reform der Zensur bedeuten werden.

Ich bitte nicht ungehalten zu sein, wenn ich nochmals um Aufnahme einer Notiz in dieser Angelegenheit ersuche und verbleibe in aller Hochachtung ganz ergeben —

Ich bin schließlich auch nicht faul; aber rührig bin ich nicht. Ich hatte nie einen Markstein etablieren wollen. Und dennoch gelang mir so etwas. Denn die Zensurverhältnisse blieben zwar nach meinen zwei Aufführungen der »Büchse der Pandora« dieselben, aber ein Dichter war aus dem Dasein eines in Kabarettkreisen geschätzten Gitarrenspielers in das sichtbare Hiersein des bedeutendsten deutschen Dramatikers eingetreten. Kein journalistischer Ton wurde vernehmbar, aber der lauteste deutsche Theaterdirektor gewann den Autor und Schauspieler Wedekind, und alles um diesen wurde anders. Was unverändert blieb, war die Polizei, und wenn etwas an diesem Problem auch unverständlich blieb, so ist es die Erscheinung, daß ein schrankenloser Kopf es nicht für wichtiger hält, die Gesellschaft zu vernichten als ihr das Recht auf Selbstschutz zu bestreiten. Die beiden Aufführungen hatten zugunsten des Dichters stattgefunden und zu seinem dauernden Vorteil, ohne den ihm die Borniertheit eines deutschen Zensors heute noch nicht einmal fühlbar wäre. Im Schatten dieser Erkenntnis, die Wedekind im Vorwort seiner Buchausgabe durch Danksagung und Reproduktion des Programms jener ersten Vorstellung bekundet hat, dürften sich spätere Gschaftlhuber erkälten. Hinter der Tatsache der am 29. Mai und am 15. Juni 1905 veranstalteten Vorstellungen dürften spätere Marksteine unbeachtet bleiben und der Vergleich den Dichter selbst zu dem Wunsch verfuhren, das kulturelle Moment solcher Veranstaltungen aus dem Polizeirayon in eine höhere Instanz des Geistes zu verlegen.

Ein Vergleich im Detail könnte nicht aufkommen. Ich war dem Ansturm um Einladungen, der zwar heftig genug war, sehr wohl gewachsen, weil damals gottseidank das Volkstheaterpremierenpublikum die Hoffnung auf einen Genuß weit hinter die Furcht stellte, mit dem Veranstalter in Berührung zu kommen, und weil ich im ungünstigsten Fall mir mit nassen Fetzen Ruhe verschafft hätte. Keinen Augenblick dachte ich daran, jenen Auswurf der Menschheit zu Gaste zu laden, vor dem ein Kunstwerk zu schützen ich stets für den tiefen und ihr unbewußten Sinn der Polizeizensur gehalten habe. Ich wußte schon damals, daß ein dauerndes Verbot der »Büchse der Pandora« der Sache Wedekinds bei weitem nicht so sehr schaden konnte, wie deren Eröffnung vor einem Pöbel, der in der Kunst nur die Anlässe finden will, um die eigene Schmutzgier satt zu weiden. Und wenn ich verurteilt gewesen wäre, in der Internationale des ausgefressenen Kunsthasses mir irgendwo ein Parkett von Bürgern zu wählen, so hätte ich mir ganz gewiß nicht jenes ausgesucht, dem die Unterscheidung zwischen Goya und den Pschütt-Karikaturen zwar nicht leicht fällt, das sich aber instinktiv für die Pschütt-Karikaturen entscheidet. Man kann wohl bis zu einem gewissen Grad seiner eigenen schauspielerischen Suggestion vertrauen und sicher sein, daß auch eine Herde von Schweinen nicht zu grunzen wagt, wenn man ihr etwas Nacktes zeigt. Ich könnte mir zu meinen Leseabenden die schlechtesten Leute zusammenklauben, deren man am Samstag im Volkstheater habhaft werden kann: ich bin absolut davon überzeugt, daß sie mir im Zuhören parieren würden, der Zerknirschung näher wären als der Frechheit und daß erst in der Garderobe die Gesinnung wieder angetan würde. Bei der »Büchse der Pandora«, in der zwar eine Sandrock die Geschwitz und Wedekind den Jack gab und durch deren Szenen ein geistiger Wille zog, der jede schäbige Bemerkung, jeden Zwischenruf wie: »Schkandalees!« oder »Empeerend!« von vornherein ausschloß, hätte ich doch, aus Respekt vor dem Dichter und Gast, nicht gewagt, die äußersten Vorsichtsmaßregeln zu mißachten und blind die Garantie für ein tadelloses Verhalten des Wiener Publikums zu übernehmen. So gut es ging, wurden damals die Zuschauer noch peinlicher ausgesucht als die Mitwirkenden und im Parkett gab es gewiß nicht viel mehr falsche Besetzungen als auf der Bühne. Daß nicht doch hin und wieder ein schwitzender Hof- und Gerichtsadvokat eine abfällige Bemerkung fallen ließ, dafür konnte ich nicht gutstehen. Geschrieen wurde nicht. Die dazu vielleicht geneigt waren, fühlten nicht nur die Übermacht jener, die gekommen waren, einem Dichter zuzuhören, sondern mochten wohl auch ahnen, daß ich sprungbereit hinter der Kulisse stand, um die Leute, deren Namen zu kennen die Behörde vorschreibt, erforderlichenfalls beim Namen aufzurufen und in die letzte Reihe zu verweisen, wenn nicht gar nachsitzen zu lassen oder wegzuschicken. Ich bin nicht rührig, wenngleich nicht faul. Die Autorität eines Buchhändlers, mit dem man reden kann, wenn man in sein Geschäft eintritt, und das Ansehen eines intellektuellen Komitees, in das man gleichfalls von der Gasse eintreten kann, haben einen Frank Wedekind nicht davor bewahrt, von geladenen Börseanern angespieen zu werden, und der Ruf nach Abschaffung der Zensur fand ein Echo, das wie ein Ruf nach der Zensur klang. Nie noch hat eine Behörde von jenen, die gegen sie demonstrieren sollten, ein besseres Attest empfangen, und ein Markstein wurde zum Rendezvous der Polizeihunde. 1905 wurde kein Dramatiker gegen die Zensur, 1913 die Zensur gegen einen Dramatiker geschützt. 1905 erschienen fast keine Kritiken, 1913 fühlte selbst die Wiener Presse zum Teil die Pflicht, die totgeschwiegene Sache gegen eine totgeborene auszuspielen und jene wichtig tuenden Hebammen zurechtzuweisen, die da glauben, daß um ihretwillen Mütter Schmerzen leiden, und die den ersten Schrei im eigenen Lärm ersticken.

Auch mein Anteil war 1905 ja nicht unerheblich, denn ich bin gewiß nicht faul, obschon man mir nicht nachsagen kann, daß ich rührig bin. Aber wiewohl es eine entsetzliche Arbeit war, hat es mir in keinem Augenblick leid getan, mich in die Sache eingelassen zu haben. Zu diesem angenehmen Gefühl war mir innerhalb eines Monates so wenig Zeit gegönnt wie zum Schlafengehen, denn ich war nicht nur der Sturmbock einer Kassa, sondern auch Direktor, Mitregisseur, Dramaturg, Schauspieler und Conferencier, und als Direktor hatte ich es nicht etwa mit Ensemble und Inventar einer vorhandenen Bühne zu tun, sondern ich mußte erst einen Saal in ein Theater verwandeln, und außer den Schauspielern, die zwanzig verschiedenen Ensembles angehörten und zum Teil im Ausland wirkten, die Kulissen, die Dekorationen, die Kostüme, die Perücken, die Schminktöpfe und den Souffleurkasten zur Stelle schaffen. Ich kann natürlich nicht beurteilen, ob überanstrengte Reformer die Arbeit, hinter der Pudel der Kultur zu stehen, für Gottes Lohn verrichten, ob sie sich in die Sache um der Sache willen einlassen, um die Kunst sich für die Kunst echauffieren und um die Kultur für die Kultur, mit einem Wort ob sie den etwaigen Reingewinn nach Abzug von Miete, Honoraren und Tantieme verschmähen und einem wohltätigen und kulturellen Zweck zuwenden. Nur aus meiner Erinnerung weiß ich — ich hätte es längst vergessen, wenn eine zudringliche Gegenwart nicht an mein Gedächtnis klopfte —, daß der Veranstalter ohne Entschädigung für Zeitverlust, ja für die eigenen materiellen Opfer, den ganzen großen Reingewinn jenem Zweck zuwandte, den er damals für den wohltätigsten, kulturellsten und dringendsten hielt und der es leider noch heute sein dürfte. Denn viel wichtiger als die Aufrichtung von Marksteinen durch Buchhändler sollte die Benützung jeder passenden Gelegenheit sein, gegen das peinigende Mißverhältnis zwischen den Einnahmen des Autors der »Büchse der Pandora« und des Dichters der »Fünf Frankfurter« praktisch zu demonstrieren.

Es wäre die geringste Buße für eine Rührigkeit, die mit Hilfe der Stammkundschaft ungarischer Pornographen die Zensur austreiben wollte und die glücklich bewirkt hat, daß ein dramatisches Abenteuer von unzeitgemäßer Dimension dem intelligenten Kommis zum Ärgernis wurde und daß sich die tüchtigsten Nachtredakteure erlaubten, eine Arbeit Wedekinds »vom künstlerischen Standpunkt als talentlos zu werten«. Denn sie alle hatten sofort erkannt, daß Lulu sich vier Männer von der Straße mitbringe, und erraten, was sie mit ihnen vorhabe. Diese Anlagen des Publikums sind mit Recht dem Schutze der Polizei empfohlen. Die Polizei verhindert mit einer Strenge, die um ihre Milde nicht weiß, die stoffliche Betastung der Kunst und verbietet die Schaustellung von Ansichtskarten nach Tizian. Der Freisinn rebelliert dagegen mit einer Toleranz, die um ihre Grausamkeit nicht weiß. Er läßt die Stoffel wieder auf den Geist los, lädt sie nach § 2 und überträgt ihnen die Entscheidung, ob die Ansichtskarte Kunst sei. Sie antworten: »Schweinerei! Auf Tizian soll ich sagen!« Der Freisinn ist ein Hausierer, der die verbotene Kunst einer konfiszierten Kundschaft unter dem Tisch zeigt. Bei Hosenträgern wären Mißverständnisse ausgeschlossen. Auch der »Professor Bernhardi« dürfte durch die Erlaubnis keinen Schaden nehmen. Hier ist die Aufgabe für ein intellektuelles Komitee. Wenn aber die Kunst die Intelligenz gegen den Staat zu Hilfe ruft, so ist sie ein verblendeter Gutsherr, der die Vermittlung der Diebe erbittet, um seinen Hunden das Bellen abzugewöhnen.

 

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 370/371, XIV. Jahr

Wien, 5. März 1913.


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