Mai 1910



Philosophen


Ich preise mich im Besitz der Midasgabe, daß jede Stelle eines Journals, einer Zeitschrift, eines Verlegerprospekts, die nur mein Finger berührt, vorher Blech geworden ist. Ich könnte ein Literaturblatt mit geschlossenen Augen lesen. Ich revidiere diese ganze Schmach seit elf Jahren mit unausgeruhtem Hirn, das glücklich wäre, wenn keine neuen Mißeindrücke es zur Reaktion zwängen. Ich tippe nur so durch die Kolumnen, und ein ganzer Schwärm von Dummheit erfüllt mir das Zimmer, ein ganzer Schwaden von jener hundsgemeinen Intelligenz, die verderblicher ist als ein Kometenschweif, verpestet mir die Luft. Und aus dem letzten Eckchen eines Zeitungsblattes, das noch unter meiner Lektüre liegt, lugt mir, da ich sie durchfliege, schon die Judasfratze des Jahrhunderts hervor, immer dieselbe, ob es sich um den Journalisten oder den Mediziner, den Hausierer oder den Sozialpolitiker, den Spezereikommis oder den Ästheten handelt. Immer derselbe Stupor, vom Geschmack gekräuselt und mit Bildung gefettet. Im Frisiermantel der Zeit sind alle Dummköpfe gleich, aber wenn sie sich dann erheben und von ihrem Fach zu reden beginnen, ist der eine ein Philosoph und der andere ein Börsenagent. Ich habe diese unselige Fähigkeit, sie nicht unterscheiden zu können, und ich agnosziere das Urgesicht, ohne mich um die Entlarvung bemühen zu müssen. So wie ich auf der Straße einen Redner von hinten nach der Stimme feststelle, die ich einmal vor fünfundzwanzig Jahren gehört habe, oder beim Durchsuchen jahrzehntealter Korrespondenzen aus Format oder Falte, Farbe oder Stempel eines umgelegten Briefkuverts den Absender errate. Das klingt wie Kammerjägerlatein. Aber wenn es nicht wahr wäre, so wäre auch die Aufnahme, Fixierung und Typisierung aller Eindrücke des öffentlichen Lebens, deren ich schuldig bin, eine unmögliche Leistung. Eigentlich ist sie es und was ihr not täte, wäre, daß einmal acht Tage lang die Gemeinheit der Welt, Fortschritt und Geselligkeit, ausspanne, damit wenigstens nichts Neues dazu komme, denn an dem Alten ist immer noch genug zu tun. Und da die Erfindung der Buchdruckerkunst und nicht der Komet den Weltuntergang herbeiführt, so müßte wenigstens ein Setzerstreik die ersehnte Pause bringen. Die Gesichter und Stimmen der Leute, die dann nach den Zeitungen riefen, gäben noch immer so viel fürchterliche Anregung, daß ich nicht müßig wäre, aber mir's wenigstens einteilen könnte. Jedes Ereignis, über das ich nichts lese, ist Ruhe, jedes Gebiet, das ich nicht betrete, Erholung. Je weniger ich weiß, desto besser errate ich. Ich habe nicht Soziologie studiert und weiß nicht, daß der Kapitalismus an allem schuld ist. Ich habe die christliche Entwicklung der jüdischen Dinge nicht studiert und weiß nicht, was gewesen ist. Aber ich lese in der Kleinen Chronik und weiß, was sein wird. Ich ergänze mir ein Zähnefletschen, eine Geste, einen Gesprächsfetzen, eine Notiz zu dem unvermeidlichen Pogrom der Juden auf die Ideale. Daß unsere Kultur den Einbruch des Platzagenten in das Geistesleben bedeutet, spüre ich an den kleinsten ihrer Äußerungen; und mir genügt die Ahnung, daß es Gebiete geben muß, in denen sich der Einbruch als Festzug abspielt.

Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen und ihr Ruf als Kommiswissenschaft steht heute unbedingt fest. Die Juristerei erscheint mir als die Entschädigung von Gaunern, die nicht den Mut haben, es zu sein. Die Philosophie halte ich mir vom Leib, weil ich das Gefühl habe, daß sich hier tagaus tagein das Schlimmste begibt, und weil ich zu gut informiert werden könnte. Denn hier scheint ein Rotwelsch eigens erfunden, um den Unwert jener, die sich dem Gewerbe ergeben, als Schleichgut in die Kultur zu schmuggeln. Man muß nur den Mut haben, dem Jargon zu mißtrauen und durch Zeit und Raum, durch das intelligible Ich und die immanente Gottheit, durch die religiöse Substanz und die Monadologie hindurchzulesen, so wird man auf einen betulichen Reporter stoßen, der, wenn er Zeit und Raum zur Verfügung hat, Feuilletons im Dutzend liefert. Er heißt Oskar Ewald und kassiert derzeit den Nachruhm Otto Weiningers ein. Er hat ein Werk von über 880 Seiten geschrieben. Der Himmel, der Kometen sendet, bewahre mich davor, daß ich sagen könnte, ich hätte dieses Werk gelesen. Ich kann sogar sagen, daß ich dieses Werk nicht gelesen habe. Aber ich kenne die Aufsätze, die derselbe Ewald in deutschen und österreichischen Revuen veröffentlicht hat. Und ich habe immer die kleinen Schriften eines Autors als Warnung empfunden, die großen zu lesen, woraus es sich erklären mag, daß ich über die Autoren so gut Bescheid weiß, ohne daß ich gezwungen war, meine Bildung über Gebühr zu vermehren. Wenn einer auf neun Seiten ein Schwätzer ist, so ist es gewiß keine Frivolität, zu zweifeln, ob er auf neunhundert ein Philosoph sein werde. Dagegen ist es sicher, daß in solchen Dimensionen auch die geringste Fähigkeit einen Schein erwirbt, dessen sie in engem Spielraum sofort verlustig geht. Herr Ewald wird jetzt in den Literaturblättern als Gigant beschrieben, aber ich habe noch keinen Leser seiner Aufsätze getroffen, der Appetit auf seine grundlegenden Werke gehabt hätte, und die Unmäßigen, die diese zuerst gelesen haben, sagen, es könne nicht derselbe Ewald sein. Und doch ist es derselbe, nur daß die Philosophie ein Kostüm ist, das man nicht alle Tage anzieht, und daß nur der auch anders kann, der gar nichts kann. Ewalds großes Werk »Gründe und Abgründe«, dessen Untertitel »Präludien zu einer Philosophie des Lebens« lautet — die eigentliche Philosophie des Lebens steht noch aus und das Leben selbst nimmt sich Ewald von jenem Leben, das sich Weininger genommen hat —, sein großes Werk also wird jetzt von den Berufsflachköpfen im In- und Ausland in einer Tonart gepriesen, nicht als ob Weininger nie gelebt hätte, nein, als ob er an Ewald gestorben wäre. »Unsere Zeit täuscht uns auf allen Gebieten durch Überwuchern von Surrogaten«, beginnt einer in einem Berliner Blatt, und schon erwartet man, jetzt werde die Enthüllung kommen, daß die Gründe des Herrn Ewald seicht und seine Abgründe ungefährlich seien. Im Gegenteil, der Mann empfindet »das Dasein dieses Buches als eine Lebenssteigerung«. Ewald biete »aus dem Reichtum einer großangelegten, profunden Natur Bausteine zu einer Philosophie des Lebens«. Das ist wahr, aber es hätte der Vollständigkeit halber auch gesagt sein müssen, aus wessen Natur. Der Selbstmord Weiningers, den Herr Ewald überlebte, hat nicht nur »Geschlecht und Charakter« berühmt gemacht. Aber Herr Ewald hat, wie wir hören, nebst Nietzsche auch Weininger »innerlich verworfen«, und wie wir schon aus der Inhaltsangabe dieser Überwindung ersehen, Weininger mit Erkenntnissen, die von Nietzsche, und Nietzsche mit Erkenntnissen, die von Weininger stammen. Ewald »rührt an die tiefsten Mysterien«; aber da sie ihm nicht gehören, so hätte er sie nur besichtigen sollen, denn es wird ersucht, die ausgestellten Mysterien nicht zu berühren. Der Berliner Kritiker freilich ist anderer Ansicht. »Ich schließe mit der Konstatierung«, schreibt er, »hier endlich einmal sagen zu können, auf einen großen und erhabenen Geist gestoßen zu sein, der sicher dazu berufen ist, die Epoche Nietzsches zu überwinden usw.« Dieselben Töne hört man jetzt überall. Wo der Sitz der Korrespondenz ist, die diese falschen Nachrichten verbreitet, weiß ich noch nicht; aber irgend ein Bureau ist in voller Tätigkeit, welches der Überzeugung zu sein scheint, daß sich der Ruhm eines Um- und Umwerters durch Reklamenotizen halten lasse. Überall dieselben Versicherungen: »Gedankengebäude ... hinausragt ... Tiefe des Weltgefühls ...« Ewald »überragt Weininger an Reife und innerer Festigung«, meint die ›Österreichische Rundschau‹, die allerdings nur von den Seekranken der Lloydschiffe gelesen wird, aber die Neue Freie Presse meint, Ewald habe »den Drang in sich gefühlt, dem einsamen Meister von Sils-Maria nach-, ja über ihn hinwegzufliegen«. Dieser Drang ist Herrn Ewald schon zuzutrauen. Sein Buch habe ich, wie gesagt, nicht gelesen, aber in den Aphorismen, die sein Buch enthält, habe ich gern geblättert und da gewahre ich leider den Drang, anstatt auch über meine Aphorismen hinwegzufliegen, an sie zu rühren und sie abzuplatten. Er gibt freilich jeder Sentenz einen Titel und schmückt auch jede Seite mit netten Zusammenfassungen wie: »Distanzen«, »Mysterien«, »Hölle und Himmel«, »Höhen und Tiefen«. Aber was nützt das? Es ergibt noch immer keine Höhen, keine Tiefen, nicht Himmel und Hölle und keine Mysterien. Höchstens Distanzen. Herr Ewald ist so sprachfern, daß er sich von der Leichtigkeit, ein tausendseitiges Buch zu schreiben, verführen ließ und vor der Schwierigkeit nicht zurückschrak, Aphorismen draufzugeben. Aber er wirds gewiß nicht wieder tun. Wer wird denn umständlich in einer Zeile ausdrücken, was man bequem in hundert Seiten sagen kann? »Der Stil ist nicht das Kleid, sondern die Seele des Künstlers«, schreibt Herr Ewald. Ich will nicht sagen, daß der Gedanke von mir ist, wie mancher andere, er ist von jedem Künstler, nur nicht von Herrn Ewald; denn der Satz, in dem er ihn sagt, ist schlecht wie alle andern Sätze. Aber wenn der Stil die Seele des Künstlers ist, so habe ich die Seele des Herrn Ewald in jenen populären Artikeln gefunden, mit denen er die deutschen Zeitschriften versorgt. Und wenn die Wissenschaft nach einem andern Wahrwort heute nur aus Werken besteht, die ein Jud vom andern abschreibt, so besorgt Herr Ewald diese Aufgabe in eigener Regie, indem er seine Dünnsauce immer von neuem verdünnt. Solche Schreiberei, die noch bedenklicher ist als der landläufige Feuilletonismus (weil dieser doch an allen Fächern schmarotzt und darum auch vom Laien bequem zu entlarven ist, während jene sich das Air spezieller Wissenschaftlichkeit gibt), ist hinlänglich charakterisiert durch einen Satz, mit dem Herr Ewald in dem Artikel »Das Weib in Kunst und Weltanschauung« sichtlich zum Schlüsse eilt. Nachdem er die ganze Seichtheit eines tiefen Problems ausgeschöpft hat, schreibt er wörtlich: »Wir können zum Abschluß dies Verhältnis von einer noch tieferen Seite her beleuchten.« Nu, ist der Stil nicht die Seele des Künstlers? Natürlich hat Herr Ewald mit sämtlichen Meinungen, die er jetzt in den alten, neuen und noch nicht gegründeten deutschen Revuen vertritt, vollständig recht. Er vertritt die Meinungen so sehr, daß man sie wirklich nicht mehr über die eigenen Füße bringt. Er ist ein gutes Exempel für die Wertlosigkeit der richtigen Meinung. Er läßt es sich etwa nicht nehmen, das Genie gegen die Psychiatrie zu schützen. Wo er recht hat, hat er recht. Aber als ichs gelesen hatte, schwor ich mir zu, von jetzt an die Psychiatrie gegen das Genie zu schützen. So ganz und gar vertreten schien mir die richtige Meinung zu sein. Man wird bald wirklich nichts mehr erleben können, ohne daß einem dabei geholfen wird. Wenn nur diese Echos sich einmal verfrühen, einmal nur sich zuerst bemühen möchten, man könnte wieder Freude an seinem Ruf bekommen. Aber so laufe ich nächstens aus der Gegend! »Zu einem solchen Phänomen muß man Stellung nehmen«, schreibt Herr Ewald über die Pathologisierung des Genies, »und zwar in möglichst unparteiischer Art, alle Argumente sorgsam abwägend.« Tue er. Aber wenn er Stellung nimmt, lege ich mich nieder. »Von diesem höheren Gesichtspunkte ist es mithin begreiflich, daß wir heute, auch in unserm Verhältnis großen Geistern gegenüber, die subjektive Seite stärker hervortreten lassen, dem Persönlichen, dem Menschlichen, Allzumenschlichen, unsre Aufmerksamkeit schenken«, schreibt Herr Ewald. Er ist, wie man sieht, ein Eigener. Er fühlt den Drang in sich, über Nietzsche hinweg-, und es ist ihm sogar gelungen, dem Marco Brociner nachzufliegen. Herr Ewald hat die Psychiater aufs Korn genommen, er ist wahrscheinlich ein Satiriker. Mit bitterer Ironie bemerkt er: »Wie schade, daß sie (die Genies) nicht gesund und normal waren! Sie würden wahrscheinlich geheiratet haben und wären gute Familienväter und brauchbare Mitglieder der menschlichen Gesellschaft geworden. Aber ich will der Verlockung nicht nachgehen und an Stelle des verdienten Spottes, zu dem eine solche Betrachtungsart herausfordert, objektive Kritik treten lassen«. Wie schade, daß er der Verlockung nicht nachgegangen ist! Es hätte sich gezeigt, was schwerer ist, nachzugehen oder Stellung zu nehmen. Aber so schreibt Ewald, wenn man ihn der Verpflichtung enthebt, zu Zeit und Raum Stellung zu nehmen. Schreiben die andern anders? Und muß ich ihre philosophischen Werke lesen, um zu wissen, wie sie schreiben? Muß ich ihre Bandwürmer untersuchen, um zu wissen, was in ihnen steckt? Der Privatdozent Ewald sagt, der Stil sei die Seele des Künstlers, und erspart mir wirklich durch ein paar Zeilen die Beachtung seiner grundlegenden Werke. So praktisch sind die Philosophen, so kürzen sie das Leben ab. Der Professor Vaihinger zum Beispiel, der Kant-Gelehrte, kommt mir mit einem Waschzettel unter die Augen, den er über Nietzsche geschrieben hat. Mir genügt es: »Nietzsche ist heute ein literarischer Machthaber ersten Ranges ... Nietzsches Schlagwörter tönen überall wieder, wie ›Jenseits von Gut und Böse‹, ›der Wille zur Macht‹, ›die Vielzuvielen‹, die ›Umwertung aller Werte‹, ›der Übermensch‹ und manche andere ähnliche, schon geläufig gewordene Wendungen ... Der Gründe, welche den Erfolg Nietzsches erklären, gibt es verschiedene; der eine Grund wirkt mehr auf diesen, der andere mehr auf andere.« Und über Nietzsche als Stilkünstler: »Er handhabt die Sprache mit seltener Virtuosität ...«

Es ist praktisch. Es ist unpraktisch. Der Journalismus ist ein Übel, aber wir können ihm schließlich nicht wehren, weil wir nicht wüßten, was wir mit den Journalisten anfangen sollten, wenn es keine Zeitungen gäbe. Sie könnten höchstens, wenn sie ihr Sitzfleisch pflegen wollten, Philosophen werden. Aber die Philosophen, die den Ehrgeiz haben, auch mit der Hand zu arbeiten, sind eine überflüssige Plage. Alle Achtung vor ihrem Wissen, ihrem Fleiß und ihren sonstigen sozialen Tugenden, und mögen sie in Gottes Namen in den Hörsälen den zahlenden jungen Leuten erzählen, was sie wollen. Aber diese Gier nach Druckerschwärze ist des Teufels. Sie führt zu Verwechslungen. Man will einen Journalisten packen, und er sagt, er mache sich nichts draus, er sei ein Philosoph.

 

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 303/304, XII. Jahr

Wien, 31. Mai 1910.


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