April 1912



Grosser Sieg der Technik: Silbernes Besteck für
zehntausend Menschen
oder
Furchtbare Versäumnisse: Gott hat nicht Schiffbau studiert


Das Schiff »Titanic« wäre beinahe durch einen Eisberg vernichtet worden ...

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Würde man die »Titanic« senkrecht auf den Kopf stellen, so würde sie den Stephansturm noch um 114 Meter überragen, sie wäre fast doppelt so hoch als der Stephansturm.

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Die Vorstellung kann kaum heftiger angeregt werden als durch das Bild eines jener Rauchfänge, in welchen bequem und ohne Mühe eine Lokomotive mit ihren Waggons Platz fände ... Es ist, als würde durch menschliche Begabung die Urweltgröße wieder aufstehen ... Silbernes Besteck für zehntausend Menschen, Fassungsraum für mehr als zwanzigtausend ... Tennisplätze, Schwimmbäder, ein türkisches Bad und, als Kuriosität, ein Café Parisien, das mit Epheu geschmückt ist, der am Gitterwerk sich emporrankt ... Und was ist zurückgeblieben? Der arme, schwache, von einer starken Faust niedergeschmetterte Mensch!.. Und dennoch sagen wir in dieser Zeit, wo alle Kräfte zu so ungeheurer Leistung angespornt sind, wo selbst ein so großes Unglück zwar das Schiffzerstören, aber die Rettung der Menschen nicht verhindern konnte: Es ist eine Freude zu leben!

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Schon hatte aber der Kapitän den funkentelegraphischen Apparat in Tätigkeit gesetzt und sandte nach allen Richtungen Bitten um Hilfe aus, die auch bald ... in normale Bahnen gelenkt ... leicht in Sicherheit gebracht werden konnte ... Alles gerettet!

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... bietet Raum für 2500 Passagiere ... es ist keine Kleinigkeit, 1750 Passagiere auf andere Dampfer zu bringen ...

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Dampft langsam nach Halifax ... Wieder einmal hat sich die Funkentelegraphie ... Kein Österreicher vermißt ... Die Kolbenmaschinen treiben die Seitenpropeller und geben den Dampf in die Turbine ab, welche den zentralen Propeller treibt.

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Nebbich die Natur.

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Die »Titanic« ist so gut wie unsinkbar.

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Mit zischenden Schrauben schossen denn auch von allen Seiten die Dampfer heran, flogen über die Wogen und vollbrachten das frohe Werk ... Die Teilnahme an der schönen Kunde zieht uns mit ihrer stärksten Regung zu den Männern der Wissenschaft hin, zu Glückwunsch und Händedruck, daß ihr Geist diesen herrlichen Sieg über die Schrecken der Natur errungen hat ... Das Wetter ist jedenfalls anhaltend günstig.

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All right ... 75.000 Pfund Fleisch, 84.000 Stück Geschirre und Bestecke ...

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Wieder einmal steht das alte Problem zur Diskussion, wie weit der Mensch die Naturgewalt zu meistern vermag.

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Über die Wirkung der Funkentelegraphie wird auch noch ein Wort zu reden sein.

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Alle Passagiere erster Klasse gerettet!.. Die Unglücklichen sind jedoch keine Wiener oder Österreicher ...

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Die Höhe der auf der »Titanic« vertretenen Vermögen beträgt:

                

 Astor 

                  

 600 Millionen

               

 Isidore Bruce

 

 200 Millionen

             

 Georg Widener

 

 200 Millionen

   

 Benjamin Guggenheim  

 

 380 Millionen

   

 Washington Roebling   

 

 100 Millionen

               

 Thayer  

 

  40 Millionen  

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Selten noch mögen die Menschen einer Zeit so imprägniert gewesen sein von dem geistigen Gehalt ihres Jahrhunderts. Das ist es, was uns von vielen Epochen scheidet: wir wissen um die Bedeutung unseres Zeitalters und haben es nicht mehr nötig, uns von einer historisch prüfenden Nachwelt entdecken zu lassen.

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Leute, die nur ein paar Millionen haben, sind nicht aufgezählt.

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Nun aber ereignet sich das Wunderbare, Neue dieser starken Zeit. Noch im Verderben ist sie Siegerin geblieben ...

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Wenn man die drahtlosen Berichte vergleicht, kommt man zu dem Schluß, daß überhaupt keine anderen Schiffe die Unglücksstätte erreicht haben ... 1700 Menschen tot ... Und dennoch, wie ein Fanfarenstoß zerreißt das Wehklagen um die Geopferten der Siegesruf einer großen Zeit.

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... Der Rentier, ein älterer Herr, erschien heute im Kajütenbureau der Red Star Line auf dem Kärntnerring, um Nachrichten über das Schicksal des Schiffes, über die Geretteten und Versunkenen einzuholen. Direkte Mitteilungen aus Southampton waren aber bei der Wiener Vertretung auch heute nicht eingelangt. Tiefergriffen, erzählte der Be dauernswerte, er müsse leider fürchten, sein Bruder habe, trotzdem er ihm von der Reise abriet, die Fahrt mit der »Titanic« gemacht. Er selbst hätte früher ein großes Kaufhaus in Paris besessen und 38 Angestellte beschäftigt. Nunmehr lebe er zwar ständig in Wien, habe aber immer große Sehnsucht nach Paris, wo sein Bruder noch etabliert sei. Er fahre alljährlich fünf- oder sechsmal nach Paris und habe diese Reise zuletzt mit seinem Bruder gemeinsam gemacht. Der Herr schloß seine Erzählung damit, daß er weinend sagte, er sei ein vermögender Mann und habe — —

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Dieses zwanzigste Jahrhundert mit seiner unermeßlichen Beute an freigelegten Erkenntnissen wird in der Geschichte als ein äquivalentes neben den größten Zeiten stehen, gleichwertig den Tagen der Renaissance, größer vielleicht noch als diese.

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Mr. Thomas Pears ist der Direktor der weltberühmten Fabrik von »Pears-Seife«, die mit ihren Reklamen bis auf die höchsten Schweizer Bergesgipfel gedrungen ist.

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... das übermütige Siegesbewußtsein des Menschen, der die Naturgewalt gebändigt zu haben glaubt ...

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Die Mannschaft mußte von den Revolvern Gebrauch machen, um die Männer zu verhindern, die Rettungsboote mit Gewalt zu nehmen und vor Frauen und Kindern Rettung zu suchen.

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Das Schicksal der Millionäre ist noch ungewiß ... besaßen zusammen ein Vermögen von 21/4 Milliarden Francs.

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An Bord der »Titanic« befanden sich fünfundzwanzig Millionäre, die zusammen mehr als 100 Millionen Pfund repräsentieren.

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Es steht leider so gut wie fest, daß es sich um das größte Unglück handelt, das die Geschichte der Schiffahrt kennt.

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Das Leben geht weiter. Zifferer.

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Freilich ist vorderhand nur die Bilanz der Katastrophe sichergestellt.

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Mr. Robert Daniel aus Philadelphia war eigens nach England gefahren, um einen prachtvollen Hund für 5000 Kronen zu kaufen. Mr. Henry B. Harris ist einer der bekanntesten amerikanischen Theatermanagers und er hat oft in Wien geweilt, um Operetten und Lustspiele zu erwerben.

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Das sind die Lehren und die Aufgaben, die aus der Katastrophe der »Titanic« erwachsen.

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Es wird auch schwer sein, meinte der Generaldirektor, daß die Route geändert wird, denn die Schiffe werden immer die kürzere Route befahren und es wird sich auch die Geschwindigkeit der Dampfer nicht verlangsamen. Denn dieses würde den Forderungen der Jetztzeit widerstreben und stünde den Konkurrenzverhältnissen zwischen den großen Schiffahrtsgesellschaften entgegen. Die Katastrophe der »Titanic«, die größte Katastrophe zur See, war nur eine zufällige.

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... wenn die Errungenschaften der modernen Technik nicht zum waghalsigen Va-banque-Spiel werden sollen.

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Es ist ziemlich waghalsig, sagte der Direktor, die Ursachen der Katastrophe feststellen zu wollen ... Die Eisberge haben selten eine geringere Höhe als 30 Meter.

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Der Kontreadmiral hatte die Liebenswürdigkeit ... Die Eisberge ragen gewöhnlich nur etwa einen Meter über den Meeresspiegel empor, bei einem Tiefgange von 7 bis 10 Meter.

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Ismay's Schuldkonto ...

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... so daß man heute noch nicht beurteilen kann, ob sie jemals wieder werden zurechnungsfähig werden. Sonst aber ist rechnungsmäßig die Katastrophe als abgeschlossen zu betrachten, und es handelt sich nur darum, die Identität der Geretteten und an der Hand derselben die Identität der Ertrunkenen festzustellen.

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Alle Diamantenhändler, die sich auf der »Titanic« befanden, wurden gerettet.

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... Im Namen einer Anzahl von irischen Zwischendeckpassagieren, die zu den Überlebenden gehören und jetzt in Newyork sind, erklärte er, daß die Zwischendeckpassagiere in geradezu bestialischer Weise behandelt wurden. Die Zwischendeckpassagiere, die sich in Rettungsboote begeben wollten, wurden unbarmherzig zurückgetrieben. Ein Mann sprang ins Wasser, um einem Boot nachzuschwimmen. Als er es erreichte, schlug man ihn mit den Rudern auf den Kopf und warf ihn zurück.

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Auf der »Carpathia« alles wohl ... 250 Särge sind nach dem Hafen von Newyork bestellt ...

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Man beschäftigt sich jetzt besonders mit der Frage, wieso die drahtlose Telegraphie so mangelhaft funktioniert habe.

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... jedenfalls liest man von Leuten, welche die nach dem ersten Schreck unterbrochenen Kartenpartien fortsetzten oder sich gegenseitig mit den aufs Schiff fallenden Eisstücken bewarfen.

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Ich saß gerade mit Max Fröhlicher beim Diner ...

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... Am Deck neben einer Kajüte erster Klasse stand ein bejahrter Ehemann Arm in Arm mit seiner Gattin, der sie in dem Augenblick der Gefahr daran erinnerte, daß sie beide in jahrelanger harter Arbeit ein großes Vermögen gesammelt hätten ... Ein echt biblisches Ehepaar, bemerkte Herr Thomson.

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Der Chefingenieur der Marconigesellschaft gibt zu, an die »Carpathia« die Weisung erteilt zu haben, nichts außer den Namen der Geretteten mitzuteilen, damit bei der Ankunft dem Höchstbietenden die genaue Geschichte der Katastrophe verkauft werden könne. Das Anbot betrug eine vierstellige Zahl Dollar.

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Die Insassen beider Rettungsboote hatten sich geweigert, auch Passagiere des Zwischendecks aufzunehmen, und es war nur der Energie der Mannschaft zu danken, daß überhaupt Frauen der Zwischendeckpassagiere gerettet wurden. Die Mannschaft hatte mit vorgehaltenem Revolver die männlichen Passagiere der ersten und zweiten Klasse davon abhalten müssen, sich vor den Frauen der Boote zu bemächtigen.

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Sechzehn Maschinisten mit dem Obermaschinisten erwarteten auf dem Deck, im Gebet knieend, den Untergang der »Titanic«.

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Noch brennen die Lichter auf dem Schiff, das jetzt, fast ganz auf den Kopf gestellt, mit seiner rückwärtigen Hälfte 150 Meter hoch wie ein Turm aus der nachtschwarzen See zum Himmel emporragt ...

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Die Musik spielte: »Näher, mein Gott, zu dir!«

Er rief: Ein Ozean auf meine Mühle! ... Aber es ist unmenschlich, Gott recht zu geben. Man muß sie bedauern, in ihrer Allerbärmlichkeit, die Menschen, welche sich zwei, die zusammen sterben, als Kompagnons vorstellen müssen, die Bilanz machen vor dem Zusammenbruch. Man muß weinen über eine Welt, deren höchster Aufschwung die Vorstellung ist, daß ein Gespräch der letzten Minuten dem Kommerz geweiht war. Eine Hekatombe Optimisten für einen Maschinisten, der betet! Sie haben sich von dieser Entscheidungsschlacht, die das Schicksal ihrer Fortschrittsflotte geliefert hat, auf das Festland ihrer Lebensfreude zurückgezogen, bis sie auch dort, aus allen Schanzen gejagt, von der Rettung der Passagiere über die Rettung der Telefunken zur Rettung der Phrasen nichts weiter retten konnten, als die nackte Schamlosigkeit. Aller Vorwand, den ihnen eine freche Naturerkenntnis zimmert, ist geborsten. Man wird ihnen ihre Schiffe nicht mehr glauben! Die Vorsehung antwortet drahtlos. Sie haben Gott an die Maschine verraten. Er kam wie der Gott aus der Maschine, um eine glückliche Sache zum verwickelten Ausgang zu fuhren.

 

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 347/348, XIV. Jahr

Wien, 27. April 1912.


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