Übereinstimmungen


Es gibt auch erfreuliche Übereinstimmungen. An dem Tage (17. November), an dem mein Satz im Druck erschien:

.... Nur so kann er, was nicht vorhanden ist, behaupten: sein Ich. Helden und Heilige darfs nicht geben, weil sonst am Ende der Schleim lebensüberdrüssig würde. Das Weibmaterial, das in einer Zerfallszeit nicht mehr imstande ist, Anmut zu bilden, fliegt in der Welt herum und taugt eben noch dazu, sich am Manne zu rächen. Das Weib analysiert den Mann, die Intelligenz den Geist, immer sie, weil sie nicht ist wie er. Und ihre Rache heißt: er sei wie sie.

erschien von Altenberg um 6 Uhr abends der Satz:

Jeder Mensch rächt sich an dem anderen für das, was an ihm unzulänglicher ist! Der Dicke an dem Dünnen, der Rohe an dem Sanften, der Langnasige an dem Stumpfnasigen, der Krummrückige an dem Geradrückigen! Und die Frau?! Die rächt sich überhaupt. An dem Mann, daß sie eine Frau ist!

Und noch erfreulichere Übereinstimmungen. An dem Tage (17. November), an dem ich den schwachen Versuch machte, die Individualität eines Adjektivkünstlers nachzuzeichnen, erschien um 6 Uhr abends ein leidenschaftlicher, taumelnder, lodernder, prasselnder, pittoresker und plastischer Unband von Adjektiven, gegen den meine Persiflage ein Schmarren ist und in dessen lärmendem, leuchtendem, glühendem, flammendem, monumentalem und musivischem Tumult eben noch zu erkennen war, daß vor Richard Dehmel noch nie »Menschliches, Allzumenschliches mit einer so grimmig ehrlichen Gebärde und nackten Offenheit« geschildert worden ist (so unbedingt, so schrankenlos und mit einer solchen Trunkenheit des Bekennens, Enthüllens, Verstehens etc.) und daß bei Dehmel »dieselbe scheue Redlichkeit des Sagens« ist wie bei Hans Sachs (die scheu und sorgsam wache, behütende, ratende, mahnende Männlichkeit, die fast etwas Mütterliches hat und immer etwas Greisenhaftes, einen Zug von klugem und resigniertem Über-den-Dingen-Stehen etc.). Freuen wir uns, daß es solche Übereinstimmungen und überhaupt so bunte Dinge noch gibt. Und täglich um 6 Uhr abends. Und gleich unter den Sätzen eines Altenberg. Und zwischen Berchtold und dem Wolf aus Gersthof. Und überhaupt.

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 389/90, XV. Jahr

Wien, 15. Dezember 1913.


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