Juni 1913



Der Wagner-Brief


Der wehmütigen Deutung des Zitats, das die ›Neue Freie Presse‹ gebracht hatte:

»Als ich am letzten Abend«, schrieb Wagner an Jauner, »nach Ihrem üppigen Souper von Ihnen schied, wußte ich, daß ich nie wieder Wien betreten würde.« Und Richard Wagner ist nach dem Januar 1876 auch nicht mehr in Wien gewesen.

ist im letzten Heft durch den Abdruck des »ganzen Briefes« aus dem Glasenapp'schen Werk lebhaft widersprochen worden. Nun stellt sich heraus, daß auch der dort veröffentlichte Text noch nicht der ganze war, und da fast keine Weglassung bezeichnet ist, so liegt die Vermutung nahe, daß der Biograph den Wortlaut nicht selbst verstümmelt, sondern von einer Wiener Seite in verstümmelter Form empfangen hat. Der übernommene Text ist nur unwesentlich verändert; aber es fehlen ganze Sätze, die Wagners Sehnsucht nach Wien, wenn dies nach den bereits bekannten Stellen noch möglich ist, verdeutlichen. Es liegt zutage, daß die ›Neue Freie Presse‹, die Wagners Verzicht sentimental nimmt, selbst dessen infame Ursache war. Es ist aber auch ersichtlich, daß die Kulturgeschichte um diesen Beweis, um Wagners Aussage, gebracht werden sollte. Indes hätte man, ohne dem Andenken Wagners nahezutreten, höchstens ein Recht gehabt, das Andenken des bedeutenden Schriftstellers, den er nebst Hanslick angreift, durch eine Punktierung des Namens zu schonen. Das geschieht auch hier, wo die Entstellung, die schon vor der Fälschung begangen wurde, nachgewiesen wird. Wagner mußte jenem umsoweniger gerecht werden, als er an ihm nur die Ungerechtigkeit gegen Wagner sah. Dem Milieu der Wiener Presse aber, in das er ihn einbezogen hat, gebührt die ungekürzte Darstellung durch Richard Wagner, also mit den hier in Sperrdruck gesetzten Stellen, die in der Biographie fehlen:

Mein wertester Gönner und Freund!

Sie Unermüdlicher! Muß ich Ihnen immer wieder auf Ihre freundlichen Einladungen ausweichend antworten, da Sie den richtigen Grund meines Davonbleibens wohl verstehen, aber, wie es scheint, nicht zugeben wollen? Sie haben doch selbst Phantasie; können oder wollen Sie sich die Ergebnisse eines neuerlichen Besuches von mir in Wien nicht ausmalen? Ich dächte wir hätten doch genug davon das letzte Mal erfahren! Glauben Sie, daß die 6 Wochen im Winter 1875 als angenehme Erinnerungen in meinem Gedächtnisse leben? Selbst wenn ich mich gar nicht um die Aufführungen bekümmern, keiner Probe beiwohnen und bloß auf gut Glück bei den Vorstellungen Figur machen sollte, würde ich, wenn ich nur über die Straße gehe oder etwa einem Betteljungen ein Wort sage, von Eueren herrlichen Zeitungsschreibern im Koth herumgezogen werden, und — wie die Freunde nun einmal sind — alles von diesen mir wiedererzählen lassen müssen. Nein lieber Freund! Als ich am letzten Abend nach Ihrem üppigen Souper von Ihnen schied, wußte ich, daß ich nie wieder Wien betreten würde. Dort, wo ungestraft jeder Lumpenhund über einen Mann wie mich herfallen und seine Jauche über mich ergießen kann, da habe ich glücklicherweise nicht mehr mich blicken zu lassen. Nie! Nie! Grüßen Sie den Staatsrat Hanslick und .... und wie das Gesindel heißen mag. Ihnen, das heißt diesen Herren zürne ich nicht, denn ihr Metier scheint ihnen dennoch in Wien Geld einzubringen? Somit scheint das Publikum doch sie lieber zu haben als mich. Also meinen Segen!

Besten Glückwunsch und herzliche Grüße von Ihrem

stets ergebenen

Richard Wagner

Bayreuth, 5. September 1879.

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 378/379/380, XV. Jahr

Wien, 16. Juli 1913.


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