Dezember 1908



Der Patriot *)


Dies ist ein Bursch,

Der, einst gelobt um Gradheit, sich befleißt

Jetzt plumper Unverschämtheit und sein Wesen

Zu fremdem Schein zwängt: der kann nicht schmeicheln, der! —

Ein ehrlich, grad Gemüt — spricht nur die Wahrheit! —

Will man es sich gefallen lassen, gut; —

Wo nicht, so ist er grade. — Diese Art

Von Schelmen kenn' ich, die in solcher Gradheit

Mehr Arglist hüllen und verschmitzte Zwecke,

Als zwanzig fügsam untertän'ge Schranzen,

Die schmeichelnd ihre Pflicht noch überbieten.

Shakespeare.


In den bangen Tagen, die jüngst das deutsche Vaterland durchlebt hat, weil die Lust zum Fabulieren die Fähigkeit zum Regieren ernstlich in Frage zu stellen schien, ist es doch einer Beruhigung froh geworden: Fest steht und treu Herr Maximilian Harden. Denn wenn auch Deutschlands Gewissen nicht mehr zwischen den Wipfeln des Sachsenwaldes webt, so macht es dafür den Grunewald zur Sehenswürdigkeit, und wenn Deutschlands politische Weisheit nicht mehr einer Schöpferkraft entstammt, so ist sie doch eine jener Anlagen, die dem Schutze des Publikums empfohlen sind. Uns lebt ein eiserner Journalist. Das ist einer, der wie Lassalle ausspricht, was ist, und wie Bismarck, was sein soll. Der Einfachheit halber aber läßt er gleich Bismarck selbst sprechen, und weil es keine Möglichkeit einer politischen Situation gibt, über welche sich dieser mit ihm nicht beraten hätte, so gewöhnen sich die Deutschen an einen Zustand, wo sie den Hingang des eisernen Kanzlers überhaupt nicht mehr spüren. Ob freilich Bismarck, als er die Flasche Steinberger Kabinet mit Herrn Harden teilte, mehr den Gast ehren oder den Spender kränken wollte, ist bis heute nicht festgestellt, und es ist nur sicher, daß er mit der Verabreichung der Tasse »Vanilleneis« eine demonstrative Auszeichnung der publizistischen Eigenart des Herrn Harden im Sinne hatte. Diese Gelegenheiten böten aber für die Fülle politischer Vertraulichkeit, die der Hausherr dem schüchternen Gast aufgenötigt hat, keinen Raum, und so bleibt nichts übrig als die Vermutung, daß Fürst Bismarck nach dem Hausverbot, welches aus dem Sachsenwald an Herrn Harden ergangen war, ihn im Grunewald aufgesucht und ihm jene Bismarck-Worte zugetragen hat, deren Echtheit uns im Zeitalter der Surrogate immer von neuem frappiert. Da aber Bismarck viel mehr gesprochen haben muß, als Herr Harden verrät, und die letzten Lebensjahre des Fürsten kaum ausgereicht hätten, auch nur so viel zu sagen, als Herr Harden gehört haben will, so muß man zu der Erklärung greifen, daß selbst der Tod den Kanzler nicht davon abgehalten hat, mit dem Altreichsjournalisten jene trauliche Zwiesprach zu pflegen, die ihm nun einmal zur Gepflogenheit geworden war. Und so erleben wir Deutschen, die Gott, aber sonst nichts in der Welt fürchten, das grausige Schauspiel, wie ein Toter die Ruhe eines Lebendigen stört, glauben zuweilen, daß der Tote im Grunewald sitzt und der Lebende im Sachsenwald liegt, und aus der Verwirrung der Sinne hilft uns nur die Anwendung eines weisen Spruches: Wenn ein Sarg und ein Zettelkasten zusammenstoßen, und es klingt hohl, so muß nicht immer der Sarg daran schuld sein.

Trotz alledem wird es dem Andenken Bismarcks, der bloß ein Mißvergnügter war, nicht gelingen, die Taten des Herrn Harden, der ein Patriot ist, zu kompromittieren. Denn es gibt gottseidank noch einen Fürsten, der der Lebensanschauung des Herausgebers der ›Zukunft‹ näher steht als Bismarck, und das ist der Fürst Eulenburg. Man kann es ja heute sagen, daß die Kränklichkeit dieses Staatsmannes der Individualität des Herrn Maximilian Harden einen weit größeren Dienst erwiesen hat als der Tod Bismarcks. Nur ein Jahr lang stand Herr Harden im Banne der Normwidrigkeit jenes Mannes, dem er bis dahin nichts weiter vorzuwerfen hatte, als daß er in den Zeiten politischer Not beinahe so schlechte Gedichte gemacht hat wie die lyrischen Mitarbeiter der ›Zukunft‹. Aber wir wissen, was dann weiter geschah, wie die Wahrheit nach fünfundzwanzig Jahren an den Tag kam, und wie die deutsche Nation sich freute, weil sie zwei solche Kerle wie den Riedel und den Fischerjackl hatte. Durch alle diese Aktionen, zu deren geistiger Deckung die Inspiration eines Bismarck nicht ausgereicht hätte und darum ein Detektivbureau herangezogen werden mußte, zieht sich wie ein schwarz-weiß-roter Faden der Patriotismus des Herrn Maximilian Harden. Nicht um ein erotisches Privatvergnügen oder gar die Sensationslust unbeteiligter Abonnenten zu befriedigen, nein, für das Vaterland hat er sich unter den Betten der Adlervillen und der Starnberger Hotels gewälzt. Ein Commis Voyeur ist durch Deutschland gezogen, aber er hat das Erlebte, Erlauschte, Erlogene mit staatsretterischer Gebärde offeriert. Wer sollte glauben, daß es ihm darauf ankam, dem Skandal zu opfern, ihm, der den Skandal nicht scheute, um dem Vaterland zu opfern, und der um der Ehre willen sogar einen Mehrgewinn seines Blattes nicht gescheut hat? Daß ihm der Skandal nicht Selbstzweck war, sondern bloß die Mittel zum Zweck hereinbrachte, beweist er gerade jetzt, da er der Politik der offenen Hosentür endlich entsagt hat und den Fürsten Eulenburg einen lahmen Mann sein läßt. Und in der Tat, seit dem Augenblick, da dieser den Diener Dandl — Herr Harden verzichtet heute auf solche Alliterationen — ans Bein faßte, hat kein politisches Ereignis so sehr die Wachsamkeit des Vaterlandsfreundes herausgefordert und so dringend an die Pflicht, auszusprechen, was ist, gemahnt als das kaiserliche Interview. Wenn man den Opfermut, mit dem er sich auf ein steuerloses Schiff stellt, unbefangen betrachtet, muß man sogar zu der Meinung neigen, daß für Herrn Harden heute die Frage, ob der Wille eines Monarchen auf die bekannten ministeriellen Bekleidungsstücke verzichten darf, eine wichtigere Sorge bedeutet als selbst die Frage, ob Graf Moltke mit Unterhosen sich ins Ehebett gelegt hat. Ja, hol mich der Teufel, Herr Harden scheint überzeugt zu sein, daß ein Eigenwille dem Reiche größeren Schaden zufügt als eine Willfährigkeit, die den Einfluß einer normwidrigen Hofgesellschaft duldet. Das ist nur konsequent. Herr Harden hat den Kaiser von seinem Umgang befreit, jetzt ist es an ihm, den Kaiser vor den Gefahren des Alleinseins zu warnen. Was immer er aber für das Wohl des Landes unternehmen mag, er ist mit der gleichen Ehrlichkeit eines Kent bei der Sache. Der kann nicht schmeicheln, der! Ob er nach Schranzen sticht oder königlichem Zorn die Brust darbietet, ob er Männerstolz vor Königsthronen offeriert oder Königsstolz vor Männerliebe behütet, er handelt stets in Wahrnehmung berechtigter Interessen. Und nicht etwa solcher, wie sie das Reichsgericht in wiederholten Entscheidungen anerkannt hat, indem es sagte, die einzig berechtigten Interessen eines Publizisten seien die seines geschäftlichen Vorteils.

Was aber ist ein Patriot? Wir wollen eine Entscheidung der allerhöchsten Instanz provozieren: des kulturellen Schamgefühls. Diese Instanz hatte mit Herrn Harden noch nichts zu schaffen, sie ist unbefangen. Sie sagt: So wie das religiöse Gefühl der meisten Frommen sich erst bekundet, wenn es verletzt wird, so liegt auch der Patriotismus der meisten Patrioten auf der Lauer der Gelegenheit, gekränkt zu sein. Der Sprachgebrauch, der davon spricht, daß einer, der leicht zu beleidigen ist, »gern« beleidigt ist, hat Recht. Das religiöse und das patriotische Gefühl lieben nichts so sehr wie ihre Kränkung. Will nun Herr Maximilian Harden als ein echter Patriot dastehen, von dem die schwarz-weiß-rote Farbe auch dann nicht heruntergeht, wenn man ihn in seine eigene schmutzige Wäsche nimmt, so muß er vor allem die Gelegenheit suchen, die Verletzung seines patriotischen Gefühls durch andere zu beklagen. Der wahre Patriot liebt zwar das Vaterland, aber er würde selbst das Vaterland opfern, um jene hassen zu dürfen, die das Vaterland nicht lieben oder nicht auf dieselbe Art lieben wie er. Der wahre Patriot ist immer ein Denunziant der Vaterlandslosen, wie der wahre Christ ein Denunziant der Gottlosen ist. Den Hut vor der Monstranz zu ziehen, ist bei weitem kein so schönes Verdienst wie ihn jenen vom Kopfe zu schlagen, die kurzsichtig oder andersgläubig sind. Zwischen Monstranz und Monstration liegt ein Spielraum für populäre Möglichkeiten, den kein Demagoge des Glaubens und kein Pfaffe der Politik je ungenützt ließ. Herr Harden hat das wirksamste Mittel gefunden, um seinen Patriotismus vor allen gläubigen Gemütern zu legitimieren. Denn es waren Zweifel aufgetaucht. Die Normwidrigkeit deutscher Höflinge in Ehren, aber man hatte sich öfter gefragt, ob ein Patriotismus sich in der Wahl seiner Mittel nicht doch vergriffen habe, der dem Blick der schadenfrohen Nachbarn eine so abscheuliche Perspektive durch das Loch der Vogesen eröffnet hat. Da besteigt Herr Harden mit einem unwiderleglichen Argument zum Beweise seiner vaterlandsfreundlichen Gesinnung die Tribüne: Der ›Simplicissimus‹, ruft er, hat eine französische Ausgabe! Und durch sie könnte der Erbfeind ein ungünstiges Bild von dem Geistesleben deutscher Offiziere bekommen. Das sei der bare Landesverrat. Denn so notwendig es war, Europa über die Geschlechtssitten der deutschen Armee reinen Wein einzuschenken, so indiskret ist es, über das Bildungsniveau des Reserveleutnants Mitteilungen ins Ausland gelangen zu lassen.

Als ich dieses Argument für die Echtheit eines Patriotismus, dem auch ich bis dahin mißtraut hatte, vernahm, war meine Freude groß. Schon deshalb, weil Herr Maximilian Harden, der der Rede mächtiger ist als der Schrift, es vorgezogen hatte, den Beweis seiner patriotischen Leistungsfähigkeit einem Auditorium statt einer Leserschar zuzumuten. Denn wäre dieser Beweis in der ›Zukunft‹ geführt worden, so hätte ich die Mühe der Übersetzung in eine Herrn Harden fremde Sprache gehabt, und von dieser Aufgabe könnte ich nur sagen, daß ich es mir immerhin leichter und dankbarer vorstelle, den Text des ›Simplicissimus‹ ins Französische zu übersetzen. Geschähe es doch! Ich bin ein schlechter Verteidiger gegen den Vorwurf, daß einer Landesverrat begehe, wenn er Humor verbreitet oder wenn er eine künstlerische Sprachleistung Lesern zugänglich macht, deren Sprache für künstlerische Leistungen eigens erschaffen ist. Ich kann das Pathos nicht aufbringen, Herrn Harden einer Verleumdung zu beschuldigen, wenn er fälschlich behauptet hat, der ›Simplicissimus‹ veranstalte eine französische Ausgabe. Ich habe weder für die Ausfuhrverbote des Geistes noch für die Zollschranken der Kultur jenes Verständnis, das notwendig wäre, um die Behauptungen des Herrn Harden als ehrverletzend zu empfinden. Ich müßte seine Entrüstung teilen, um ihre Ursache mit Vehemenz zu bestreiten, und ich müßte einen vaterländischen Stolz begreifen, der seinen Manschettenknöpfen einen Siegeslauf um die Welt ersehnt, aber seinen Satiren das »made in Germany« verübelt. Sie sollen im Lande bleiben, wenn sie sich redlich von den Übelständen der Heimat nähren. Aber das ist schließlich der Mahnruf aller kritischen Nachtwächter, die es noch nie verstanden haben, daß man von der Kunst auch etwas anderes beziehen könne als Tendenzen und stoffliche Reize. Und ich sehe nicht ein, warum ich einem eine Unwahrheit nachweisen soll, wenn ich ihn einer Unwahrhaftigkeit beschuldigen kann. Ich würde Herrn Maximilian Harden die kitschige Gemeinheit seines Arguments mit demselben Hochmut vor die Füße werfen, wenn die französische Ausgabe des ›Simplicissimus‹ bestünde, wenn sie sich nicht auf die Übersetzung der paar Illustrationswitze reduzierte, mit der deutsche Satiriker ihren französischen Kunstgenossen gefällig sein wollten und die auf 650 Exemplaren einer angeklebten Schleife das deutsche Ansehen im Ausland gefährdet. Gäb's eine richtige französische Ausgabe, ich würde trotzdem die äußerste Geringschätzung für einen Agitator übrig haben, der den Blick der Weinreisenden von seiner eigenen politischen Schande abzulenken sucht, indem er vor ihnen die künstlerische Ehre des Andern in eine politische Schande verwandelt. In den Kehricht des deutschen Geistes mit ihm! Und daß er nie wieder mit vorgeschützten Kulturinteressen uns belästige, uns, denen vor Europa eine Produzierung zeichnerischer Kunstwerke wahrlich besser anstünde als die literarischen Offenbarungen sexueller Spionage. Hätten wir die Wahl, einer kultivierten Welt die Satiren der Heine und Gulbransson oder den speckigen Ernst eines Leitartikels zu unterbreiten, die Lumpenhülle der Kunst eines Rudolf Wilke oder den stilistischen Prunk, in dem die schäbigsten Wahrheiten einer deutschen Publizistik einherstolzieren, einen Thönyschen Leutnant oder einen Harden'schen Flügeladjutanten —: ich wüßte bei solcher Wahl, welches Erzeugnis deutschen Geistes ich getrost ins Ausland schicken wollte, um dessen Achtung zu gewinnen, und ich wüßte, in welchem Falle ich ein Patriot wäre!

Beklagen wir es, daß solche Entscheidung nie ermöglicht wurde. Der ›Simplicissimus‹ hat, wie wir durch die Aufklärung Ludwig Thomas gehört haben, die geschäftlich verlockendsten Anerbietungen abgelehnt, und so erfahren die Franzosen, die uns ihre Witzblätter in hunderttausenden Exemplaren herüberschicken, aus unserem Geistesleben leider nur dann etwas, wenn Herr Harden in einem seiner Sexualprozesse beweisen will, was er nicht behauptet hat, oder behauptet, was er nicht beweisen kann. So bleibt es ausschließlich Herrn Harden vergönnt, zu tun, was er dem ›Simplicissimus‹ nachsagt: die Scham seines Volkes zu entblößen, um seine Einnahmsmöglichkeit zu vergrößern. So bleibt es Herrn Harden vorbehalten, seine Angriffe auf die hintere Linie der deutschen Schlachtordnung im Angesicht des Auslandes zu verüben und den Interviewern des ›Matin‹ in spaltenlanger Rede zu versichern, daß er Material gehabt habe, Material habe und Material noch haben werde, bis der Termin des jüngsten Gerichtes anbricht. Er mag sich für einen deutschen Patrioten halten, weil die Franzosen bloß seine Reden und nicht auch seine Schriften zu übersetzen vermocht haben, und wir wiederum wüßten nichts von der unpatriotischen Gesinnung des ›Simplicissimus‹, wenn Herr Harden es vorgezogen hätte, darüber zu schreiben, statt darüber zu sprechen. Aber er wollte verstanden werden, er wollte jene Instinkte gewinnen, zu denen man auf stilistischen Stelzen nicht gelangen kann. Unpopulär zu sein, dieses Schicksal teilt der Umworter aller Worte mit jenen, die die Menge mit Gedanken in Versuchung führen. Will Herr Harden lügen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, dann steigt er auf das Podium und heimst für den Verzicht auf die höhere Bildung und auf das Recht, den November Nebelmond und den König von England King zu nennen, jene Lorbeern ein, die er seit den Tagen von Moabit so schwer entbehrt hat. Hätte er in seiner ›Zukunft‹ etwa beteuert, daß der ›Simplicissimus‹ Mariannens lüsternem Blick die Scham germanischen Wesens, des vom Dünkel der Gewaffneten mählich nur in die Zucht des Fritzenstaates gekirrten, mit flinkem Finger entblößt habe ... ach, ich hätte mich erbarmen und wieder einmal aussprechen müssen, was ist. Ich freue mich also, daß Herr Harden es uns diesmal so leicht gemacht hat, die Schwäche seiner moralischen Hemmungen zu empfinden. Wenn er erweislich Wahres sagt, kommen wir ihm nur schwer darauf; wenn er lügt, verstehen wir ihn sofort. Aber wer einmal lügt, glaubt einem andern nicht, und wenn der auch die Wahrheit spricht. Was Herr Harden vorgebracht hatte, wurde von Thoma glatt in Abrede gestellt, er hätte also etwa zugeben müssen, daß »der Stank schnell verflog«. Aber man müßte »seines Wesens Ruch« nicht kennen, wenn man es verwunderlich fände, daß er nun erst mit der Festigkeit eines Galilei an seiner Entdeckung festzuhalten begann. Und es gibt doch eine französische Ausgabe! Er hat eine gesehen! Waren nicht hundert Lügen gegen eine Wahrheit zu wetten, daß Herr Harden sich auf die Friedensnummer, die unter dem Titel »Paix à la France« im Jahre 1905 erschien, berufen würde? Thoma war abgeführt; denn: »die Behauptung, es habe nie eine französische Ausgabe des ›Simplicissimus‹ gegeben, ist also unrichtig«. Ist sie's?, muß man sofort im feinpolemischen Fragestil des Herrn Harden hinzusetzen. Die Entblößung der deutschen Armee vor dem Ausland beweist er folgerichtig durch jene Publikation des ›Simplicissimus‹, die eine Propaganda der Abrüstung bezweckt hat. Einer behauptet, daß ich meine Hausfrau verraten habe, weil ich meiner Nachbarin erzählte, daß sie Wanzen beherberge, und meint, es gehe nicht an, die eigene Hausfrau in den Augen der Nachbarin herabzusetzen. Ich antworte, daß ich dergleichen nie getan habe. So?, sagt er, zufällig kann ich beweisen, daß du einmal bei der Nachbarin warst und mit ihr über deine Teppiche gesprochen hast. Und das stimmt wirklich, denn das war damals, als ich sie für eine gemeinsame Aktion zur Teppichreinigung gewinnen wollte ... Herr Harden ist ein Ehrenmann mit logischen Unterbrechungen. Und er wird so lange bei seinem Argument bleiben, als dessen Billigkeit ihn mit dessen Nichtigkeit versöhnt und in den Augen deutscher Spießer zum ehrlichen Manne macht. Denn es muß ein verflucht angenehmes Gefühl sein, das Odium eines Polizeihundes, der auf homosexuelle Tiergartenabenteuer geht, mit dem Ruf eines Wächters am Rhein vertauschen zu dürfen, der anschlägt, wenn ein Satiriker vorbei will.

Zum heuchlerischen Alarm ist da und dort Gelegenheit; aber so sehr es der Bürger liebt, wenn ihm die Moral gerettet wird, noch mehr staunt er die Bravour des Tapferen an, der ihm das Vaterland rettet. Und das zweite Problem ist umso interessanter, als es neben der politischen Spannung auch wieder Gelegenheit für eine moralische Kunstfertigkeit bietet. Die ahnungslosen Deutschen sitzen in einem Biergarten, da steigt Herr Harden auf einen Sessel und wird seine Leistungsfähigkeit zeigen; vorerst aber bittet er die Herrschaften »um ein kleines Trinkgeld oder Douceur«; — die französische Übersetzung ist bei der Ansprache der Trapezkünstler üblich und wird ihnen nicht als unpatriotisch ausgelegt. Und Herr Harden versichert den angenehm überraschten Biertrinkern, daß ihn die »Tat« des ›Simplicissimus‹, der den 650 Exemplaren eine Schleife mit fünf französischen Zeilen beigeheftet hat, »unverzeihlich dünkt, so unverzeihlich wie das Handeln eines, der eine schmähliche oder lächerliche Familiengeschichte in die Zeitung bringt ... Süd oder Nord: die Deutschen sollen sich als einer Familie angehörig fühlen und die Darstellung der traurigen oder lächerlichen Mißstände, die im Familienhaus leider noch fühlbar sind, nicht selbst den Fremden zum Kauf anbieten«. Die Besucher sind entzückt, geben ein Trinkgeld und kein Douceur, und alle stehen im Bann einer erstklassigen akrobatischen Leistung, die den patriotischen Bauchaufschwung mit dem großen salto morale vereinigt. Nur einer im Hintergrund ruft: Eulenburg!.. Er will damit sagen, daß er den Artisten schon von früher her kennt und daß ihm die Methode, mit der Moral Politik zu machen, schon damals Übelkeit erregt hat, als die Moral noch kein Gleichnis, sondern die Sphäre selbst bedeutet hat. Herr Harden, der sonst Familiengeschichten um ihrer selbst willen preisgibt, macht diesmal mit der Politik Moral. Der Besucher mit Gedächtnis will sein Mißbehagen ausdrücken, daß Herr Harden die Erinnerung an eine Produktion heraufbeschwöre, die ihm beinahe den Hals gekostet hätte. Denn daß einer ein Jahr lang nichts anderes tat, als die Geheimnisse fremder Betten zu lüften und den Familienfrieden derer von Sokrates bis Lynar zu zerstören, war eine stärkere Gesinnungsprobe, als ein durchschnittlicher Moralheuchler eigentlich nötig hat. Aber daß er es dann als eine unverzeihliche Handlung brandmarkt, schmähliche oder lächerliche Familiengeschichten in die Zeitung zu bringen, ist bereits eine Fleißaufgabe der Scheinheiligkeit. Freilich verwahrt er sich dagegen, daß man die sittlichen Wirkungen seiner Aktion mit der Erschütterung des deutschen Ansehens durch die Übersetzung der Simplicissimus-Witze vergleiche. Hat denn Herr Harden »sein Beweismaterial in einer Weltverkehrssprache veröffentlicht«? Das hat er, wenn man von den Interviews in der französischen Presse absieht, weiß Gott nicht getan, er hat es nur auf Desperanto getan, und trotzdem ist »durch sein Reinigungswerk das deutsche Ansehen wesentlich gebessert« worden. Die Welt hat also davon erfahren, es hat ihr imponiert, und es kommt offenbar auf den Kredit dessen an, der ein Reinigungswerk vornimmt. Der ›Simplicissimus‹ kann sich gewiß nicht auf die Anerkennung des deutschen Botschafters in den Vereinigten Staaten, des Barons Speck v. Sternburg berufen, gleich Herrn Harden, dem dieser bestätigt hat, daß alle führenden Männer in Amerika des Lobes voll waren. Er ist tot, er starb, nachdem er Herrn Harden seine Anerkennung ausgesprochen hatte. Er teilte das Schicksal aller bedeutenden Männer, die sich auf ihre Vertraulichkeit mit Herrn Harden etwas zugute taten. Qui mange du pape, en meurt. Aber essen die Leser von diesem Speck? Möglich, daß der tote Botschafter Herrn Harden anerkannt hat, aber es fehlt uns eben der Glaube. Denn es kommt auch beim Ansehen des Herrn Harden im Ausland, wie in allen Lebensproblemen, weniger auf das erweislich Wahre, als auf die innere Wahrscheinlichkeit an.

Wie umständlich muß heute ein deutscher Patriot seine Ehrlichkeit beweisen, damit sie die Welt nicht glaubt! Man verdächtigt die Motive des Herrn Harden, die ihre Ursprünglichkeit an der Stirn tragen. Man ist nicht einmal vorweg davon überzeugt, daß er in die Volksversammlung kam, um den künstlerischen Wert des ›Simplicissimus‹ zu loben, und daß ihm »erst während er sprach, einfiel, daß dieses Lob als ein auch der Geschäftspolitik des Blattes geltendes gedeutet werden könnte«. Weil ihm dies erst während er sprach, zufällig einfiel, deshalb, nur deshalb sagte er, »daß er das Blatt nicht mehr ganz so gern wie früher sehe«, und brachte auch die französische Ausgabe zur Sprache. Anstatt daß man nun der spontanen Natur des Herrn Harden, deren Unberechenbarkeit heute nur noch im Wesen einer einzigen Persönlichkeit in Deutschland ihresgleichen hat, Gerechtigkeit widerfahren läßt, anstatt daß man zugleich eine Besonnenheit anerkennt, durch die sich wieder ein Temperament im letzten Augenblick Zügel anzulegen vermag, behaupten die Feinde, der Tadel des ›Simplicissimus‹ sei nicht von der Gerechtigkeit der Liebe, sondern das Lob sei von der Taktik des Hasses diktiert worden, und der Wandel in der Ansicht des Herrn Harden sei nicht dem verletzten patriotischen Gefühl zuzuschreiben, sondern der verletzten Eitelkeit. Daß die Welt das Strahlende zu schwärzen liebt, ist bekannt, aber es ist besonders undankbar von der Welt, wenn sie diese Praxis gegenüber einem Manne betätigt, der sich so gern an die Welt wendet. Müssen solche Erlebnisse nicht schließlich zur Vereinsamung der Demagogen führen? Mit ungerechter Rauheit sehen wir da ein Berliner Blatt in ein naives Seelenleben greifen, wenn es dreist behauptet, der Wandel in der Ansicht des Herrn Harden über den ›Simplicissimus‹ sei auf meine Mitarbeit am ›Simplicissimus‹ zurückzuführen. Wärs möglich? Wäre ich wirklich schuld? Aber da es behauptet wird, so fühlt mein Magen auch noch eine moralische Verpflichtung, sich bei der patriotischen Zubereitung einer aufgewärmten Ranküne mit allen anderen deutschen Magen umzudrehen.

Wenn ich schuld bin, muß ichs auf mich nehmen, und tue es vor der ganzen Öffentlichkeit mit jener freudigen Bereitschaft, die Herr Harden an mir schon gewohnt ist. Daß ich bloß als Mitarbeiter des von ihm beschimpften ›Simplicissimus‹ das Wort führe, mag er behaupten, wenn er sich seinerseits darauf verlegen will, die Motive einer Aussprache zu verdächtigen. Ich würde mich zu meiner Konsequenz so gut bekennen, wie zu jenem Widerspruch, dessen die aufrechten Männer mich damals beschuldigt haben, als ich nach einer Polemik gegen den ›Simplicissimus‹ mich durch Mitarbeit zu ihm bekannte. Was ich einmal — mit höherer Achtung vor dessen künstlerischem Wert als Herr Harden — gegen den ›Simplicissimus‹ einzuwenden hatte, das hat meine Subjektivität eingewendet, die von Zugeständnissen an den Geschmack des Publikums nichts wissen will und deren luxuriöses Recht ich nur mir selbst zugestehen darf. Keinen besseren Beweis seines Verständnisses für solch unerbittliche Kunstauffassung konnte der ›Simplicissimus‹ erbringen, als durch Einladung eines Autors, dessen Beiträge sicherlich kein Zugeständnis an den Geschmack des Publikums bedeuten; und in keinem ehrlicheren Krieg der Meinungen ist je ein ehrlicherer Friede geschlossen worden. Wenn er aber den unehrlichen Krieg des Herrn Maximilian Harden gegen den ›Simplicissimus‹ eröffnet hat, so lasse ich es mir gefallen, daß man meinen Angriff auf den Angreifer als die Erfüllung einer Bündnispflicht deutet. Ich habe oft genug bewiesen, daß ich keines anderen Winks bedarf, um gegen diese publizistische Macht mobil zu sein, als eines Blickes in die ›Zukunft‹, und wer mich kennt, wird mir glauben, daß ein patriotisches Bekenntnis des Herrn Maximilian Harden durchaus genügt hat, um mich in den alten Zustand der Feindseligkeit zu versetzen. Vollends im Angesicht des Versuchs, die Tribüne zu erobern und zum Paradeplatz für eine Gesinnung zu machen, deren populäres Verständnis die Sprache des Literaten so lange gehemmt hat. Daß Herr Harden die Zeit für solche Veränderung seiner Operationsbasis gekommen sieht und daß er so verpönte Hilfsmittel nicht verschmäht, ist ein Beweis, wie hoch er den Verlust an publizistischer Ehre einschätzt, den er erlitten, und wie sehr die Eulenburg-Kampagne sein Ansehen im Inland herabgesetzt hat. Wahrlich, groß ist der Schaden, der sich auf allen Seiten ergibt. Und wenn wir an Frankreich fünf Milliarden Simplicissimus-Witze bezahlten, die Niederlage könnte nicht größer sein. Deutschland steht vor der Welt als ein Staat da, dessen Mannschaft durch Selbstmord dezimiert und infolge gewisser Schwierigkeiten der Fortpflanzung nicht ergänzt wird. Dem Riedel, dem »aufrechten Milchmann«, haben die besseren Leute die Milch abbestellt. Und einem aufrechten Publizisten bleibt nichts übrig, als Patriot zu werden.

 

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*) Herr Maximilian Harden hatte nach der Affäre des englischen Interviews in Berlin einen Vortrag gehalten, in welchem er nebenbei auch gegen den ›Simplicissimus‹ auftrat und die Tendenzlüge von dessen »französischer Ausgabe« weitergab. Ludwig Thoma antwortete im ›Berliner Tageblatt‹ und erbot sich, als Herr Harden dabei blieb, zu einem dokumentarischen Gegenbeweis. Die Berliner ›Zeit am Montag‹ (23. November) schrieb: »In seinem Antwortartikel gegen Ludwig Thoma versichert Harden treuherzig, daß er ›das Blatt nicht mehr ganz so gern wie früher sehe‹. Woran mag das liegen? Man revidiert ein wenig den Zettelkasten des Gedächtnisses und entsinnt sich des Umstandes, daß der ›Simplicissimus‹ seit geraumer Zeit einen Mann zum Mitarbeiter hat, den Max partout nicht leiden mag. Es ist dies der Österreicher Karl Kraus, der in Wien die ›Fackel‹ herausgibt und in diesem Organ sowohl wie in einigen Sonderschriften die publizistische Persönlichkeit Herrn Hardens, den er sehr genau kennt, mit den Röntgenstrahlen eines scharfen Kritikergeistes nach jeder Richtung hin durchleuchtete. So kam es, daß Herr Harden vor weiteren Kreisen in erbarmungswürdiger Blöße erschien. Als nun Karl Kraus diese Kreise noch weiter zu ziehen begann, und Ludwig Thoma ihm den ›Simplicissimus‹ und auch den ›März‹ erschloß, da begann sich in Herrn Harden jener geheimnisvolle Prozeß vorzubereiten, den er in seiner Erwiderung an Thoma mit den treuherzigen Worten kennzeichnet, daß er das Blatt ›nicht mehr ganz so gern sehe, wie früher‹. Man kanns begreifen!« Diese Deutung eines patriotischen Grolls ließ mich das Vergnügen eines Eintretens in die Sache zugleich als Pflicht empfinden.

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 182, VII. Jahr

Wien, 9. Juni 1905.


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