Mein Gutachten


Ein Gedicht ist aufgefunden worden, man schreibt darüber, man glaubt, es sei von Heine, aber man traut sich nicht recht, es könnte auch von einem Nachahmer sein, man zweifelt, und so. Es enthält die folgenden Strophen:

 

Eine Jungfrau war einst die Erde,

Eine holde, brünette Maid;

Der hatte ein blonder Jüngling,

Der Mond, seine Liebe geweiht.

 

Sie liebten sich beide herzinnig

Und hätten so gern sich vereint;

Der Vater aber, der strenge,

War ihrer Liebe gar feind,

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Drum drehet sich um die Erde

Der Mond als ihr treuer Trabant;

In stiller Trauer die Blicke

Zur fernen Geliebten gewandt.

 

Er umschwebt sie auf all' ihren Pfaden,

Wohin sie auch wandeln mag,

Und schaut in schmerzlicher Sehnsucht

Mit bleichem Antlitz ihr nach.

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Er sendet Liebesboten

Allnächtlich zu ihr hin;

Das sind die Strahlen, die heimlich

Durchs Dunkel der Bäume ziehn.

 

Die nächtlich duftenden Blumen

Betrauern der Herrin Geschick,

Und senden dem Freund ihre Antwort

In süßen Düften zurück.

 

Auf ihrem Wellenbusen,

Zum Zeichen ihrer Treu,

An einer Sternenkette,

Trägt sie sein Konterfey.

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Ich als Sachverständiger erkläre mit aller Bestimmtheit, daß gar kein Zweifel bestehen kann, sondern daß dieses Gedicht entweder von Heine oder von einem Nachahmer ist. Also jedenfalls von Heine, indem es wahrscheinlich von diesem und sicher von einem Nachahmer ist. Auf unklare Annahmen wie: Dieses Gedicht ist von Heine, oder: Dieses Gedicht kann nur von einem Nachahmer sein, lasse ich mich nicht ein. Es ist von Heine.

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 339/340, XIII. Jahr

Wien, 30. Dezember 1911.


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