Gedächtnis und Trägheit


Damit wollen wir die Untersuchung über die Vernunftentwicklung abbrechen und an dieser Stelle des Weges wieder umkehren. Denn wir werden nicht ergründen wollen, wie Gedächtnis in der organisierten Materie entstanden sein könne. Selbstverständlich ist die Bedeutung des Gedächtnisses auf anderen Wegen schon längst entdeckt worden. Sogar Aristoteles bemerkt einmal, dass die stärkere Erfahrungsmöglichkeit des Menschen dem Tiere gegenüber auf einem stärkeren Gedächtnisse beruhe. Kant hat uns dann dazu verholfen, diese banale Beobachtung zu vertiefen durch die Einsicht, dass die Kategorien der Zeit und der Kausalität zu jeder Erfahrung gehören. Der Entwicklungsgedanke endlich lehrt uns, dass diese scheinbar apriorischen Kategorien als ererbte, instinktive Tätigkeiten des Gedächtnisses aufzufassen seien. Was aber Gedächtnis zuletzt ist, das wissen weder Aristoteles noch Kant noch Darwin. Und wir werden es so lange nicht wissen, als bis jemand die Frage nach dem Gedächtnis besser gestellt haben wird. Wir können höchstens mit einer vielleicht unfruchtbaren Wortverbindung die große Unbekannte der Psychologie, eben unsere Gedächtnisarbeit, unter das Gesetz von der Erhaltung der Energie stellen und uns die Sache schlecht und recht so vorstellen, dass im geistigen Leben keine Empfindung ganz verloren gehen kann, wie im animalischen Leben kein Reiz und in der physischen Wirklichkeit keine Kraft. Diese einfache Anwendung des Gesetzes der Trägheit hätte dann eine künftige Physiologie und eine noch künftigere Psychologie zu machen. Nur dass wir das "Gesetz" von der Erhaltung der Energie einzig und allein als physisches Gesetz kennen und gar nicht ahnen können, in welcher Form es etwa einmal ein Ausdruck für geistiges Leben werden möchte.

 

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Seite zuletzt aktualisiert: 09.09.2006 
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