Erfahrung und Denken


Da tritt uns aber sofort für die Geschichte der Vernunftentwicklung eine weitere, eine noch schwierigere Frage entgegen. Es ist klar, dass dem menschlichen Denken Erfahrung vorausgehen mußte; und wenn wir auch den allerersten wirren Begriff, wie sich ihn gewiß schon das Tier aus der ererbten oder erworbenen Erinnerung an eine bekömmliche Speise gebildet hat, Denken nennen wollen, so mußte diesem ersten Begriffe schon eine minimale Erfahrung vorausgehen. Ebenso klar ist es aber seit Kant, dass zu jeder noch so kleinen Erfahrung schon Denktätigkeit gehört, dass wir erst durch Denktätigkeit unsere subjektiven Empfindungen in objektive Vorstellungen verwandeln. Da es nun eigentliche Wechselwirkung nicht geben kann, da die Wirkung nicht zugleich Ursache ihrer Ursache sein kann, so stellt sich uns hier plötzlich die Frage entgegen: wie ist Erfahrung überhaupt möglich?

Wir könnten diese Frage sehr bequem beantworten, wenn wir uns wortabergläubisch an unsere eigenen Begriffe hielten. Wir setzen Gedächtnis à peu près dem Denken gleich und ebenso à peu près der Erfahrung. Dann sind wir aus dem Dilemma heraus und brauchen scheinbar nicht weiter zu untersuchen, ob Gedächtnis als Erfahrung oder Gedächtnis als Vernunft früher gewesen sei. Wir haben da nur das neue Rätsel zu lösen, wie Gedächtnis entstehen konnte; und diese Rätselfrage ist ja mit den klingenden Worten beantwortet, das Gedächtnis sei eine Funktion der organisierten Materie.

Der mathematische Ausdruck erinnert daran, dass bei der notwendigen Annahme infinitesimalen Fortschreitens die Schwierigkeit fortfalle, weil die namenlos kleine Größe eben namenlos, also noch nicht Denken und auch noch nicht Erfahrung ist; aber solche Anwendungen der Mathematik sind gefährlich.

Sofort aber erkennen wir auch, dass wir den Sprachgebrauch nicht ungestraft verletzen dürfen, dass die Doppelgleichung: Gedächtnis — Erfahrung und Gedächtnis — Denken den heimlichen Zweifel nicht verscheucht, es seien Erfahrung und Denken verschiedene Formen der Gedächtnistätigkeit. Als die Menschen die Erfahrung machten, Schnee sei weiß, lag darin die Erinnerung an frühere Schneefälle; die Vergleichung war aber ohne einen Denkakt nicht möglich, denn ein Denkakt bleibt es, die jetzt gefallene weiße Masse Schnee zu nennen. Und weil wir über die ersten Anfänge des Gedächtnisses nichts ausmachen können, weil an jeder Begriffsbildung ununterscheidbar Erinnerungstätigkeit und Denktätigkeit beteiligt sind, darum mußte seit tausend Jahren, seitdem nämlich Begriffe als solche in unsere Erkenntnistheorie eingezogen sind, der Streit darüber fortdauern, ob Begriffe aus der Erfahrung oder aus dem Denken stammen. Der Streit konnte sich verbittern, weil man in Erfahrung und Denken entgegengesetzte Kräfte sah, feindliche Gottheiten, deren Gläubige zu gegenseitiger Feindschaft verpflichtet schienen. Die Anknüpfung beider Begriffe an das Gedächtnis erklärt leider nicht viel, hebt aber doch wohl eine gewisse Bösartigkeit in diesem Gegensatze auf. Wir unterschreiben gern den materialistischen Satz, dass alles Wissen ohne Ausnahme aus der Erfahrung stamme, wie auch der einzelne Mensch nur durch Erfahrung klug wird, dass alle unsere Begriffe ohne Ausnahme auf induktivem Wege gewonnen seien; aber wir vergessen dabei nicht, dass zur Bildung auch der einfachsten Erfahrung, auch des konkretesten Begriffs ein Denkakt gehöre.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 09.09.2006 
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