Apriorität


Wenn so die Kantsche reine Vernunft der Erfahrung kaum die Rolle eines Torschreibers zuweist, so kann die Erfahrung der Vernunft antworten, dass auch sie nur der Torschreiber der Sinne sei. Nur wenn der Begriff der Ursächlichkeit mehr wäre als eine Überzeugung der menschlichen Denkgewohnheit, wenn die Ursächlichkeit sich als eine Tatsache in der tatsächlichen reinen Vernunft vorfände, könnte das Denken die Erfahrung als seine Magd behandeln. Um Worte soll nicht gestritten werden. Wenn wir in jedem Einzelfalle nach der Ursache einer Erscheinung fragen, wenn dieses Fragen begründet wird durch die Allgemeingültigkeit des Satzes "Alles muß eine Ursache haben", so ist nichts dagegen einzuwenden, dass man diesen Grundsatz der Kausalität apriorisch nenne. Niemals wird menschliches Denken ausmachen können, ob diese zwingende Kausalität ein Vorzug oder ein Fehler des menschlichen Denkens sei. Kant kennt drei solche Anschauungsformen der reinen Vernunft, außer der Kausalität auch noch Zeit und Raum; sie müssen apriorisch sein, sie können nicht aus der Erfahrung geschöpft sein, weil durch sie Erfahrung erst möglich wird. Darauf kommt es aber an, was man unter apriorisch versteht.

Hier jedoch hat Kant irregeführt, weil er den Begriff formal logisch nahm und damit das Gebiet der Psychologie verließ. Er leugnet mit Locke die angeborenen Ideen, nur um sie, freilich in geringerer Zahl, unter dem Namen der apriorischen Begriffe wieder einzuführen. Wir aber werden uns vor Worten nicht fürchten und die Unklarheit der Kantschen Apriorität dadurch beseitigen, überdies die Prioritätsfrage zwischen Denken und Erfahrung ein wenig beleuchten, wenn wir der Bezeichnung "angeborene Ideen" einen neuen Sinn geben.


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Seite zuletzt aktualisiert: 09.09.2006 
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