apriorisch = angeboren


Wir werden in anderem Zusammenhange, in einer psychologischen Kritik der Logik nämlich, sehen, dass "apriorisch" ein relativer Begriff sei und den jeweiligen Bewußtseinsinhalt ausdrücke, zu welchem nachher, a posteriori, eine neue Beobachtung, ein neuer Gedanke hinzutrete. Dieser jeweilig ältere, apriorische Bewußtseinsinhalt umfaßt natürlich die größere Masse der ererbten und erworbenen Erfahrungen. Apriorisch ist in dieser Bedeutung aber auch gewiß die ganze Summe der menschlichen Anlagen, die ererbte Disposition zur Aufnahme eines Bewußtseinsinhalts. Was ererbt ist, ist als Disposition angeboren. In dieser Hinsicht darf man ohne Frage die Disposition zu den Anschauungsformen Raum, Zeit und Kausalität angeboren oder apriorisch nennen. Es ist kein Spiel mit Worten, wenn ich nun sage, dass der auffallende Unterschied zwischen den Menschenrassen, wie er sich in der Entwicklungsfähigkeit ihrer anfangs gleichen Vernunft äußert, auf der verschiedenen Apriorität ihrer ererbten Dispositionen beruht. Sind aber die apriorischen Anschauungsformen bei verschiedenen Individuen der Menschengattung durch Vererbung verschieden, so wird allerdings Kants "transzendentaler" Begriff des Apriori, der wie ein Geschenk des Himmels auf die Erde unserer Erfahrung heruntergefallen ist, hinfällig. Wir können, um das deutlicher zu machen, auch auf die Verschiedenheit hinweisen, die zwischen der Apriori-tät beim Menschen und der Apriorität bei Tieren offenbar besteht. Es scheint höhere Tiere zu geben, die namentlich im Umgang mit Menschen das Kausalitätsverhältnis zwischen den Dingen begriffen haben; die meisten Tiere im Naturzustande dürften aber nur die Kausalität zwischen sich und den Dingen erfaßt haben, ohne sich von einer unpersönlichen Kausalität zwischen den Dingen eine Vorstellung machen zu können. Sie sind darum unfähig, Naturwissenschaften zu studieren. Alle diese Tiere besitzen aber in ausgezeichneter Weise die Anschauungsform des Raums, einigermaßen auch die Anschauungsform der Zeit. So weit wir das mit unseren Menschengedanken ausdrücken können, müssen wir ferner vermuten, dass auch noch die niedersten Tiere, ja vielleicht sogar die Pflanzen, die sich der Sonne zuwenden, die apriorische Anschauungsform des Raums haben.


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