"blau"


Alle diese etymologischen Versuche betreffen die Geschichte der Vernunft insofern, als immerhin komplizierte Vorstellungen von Werkzeugen und Tätigkeiten bis auf Begriffe zurückgeführt werden, die noch nichts besonders Menschliches an sich hatten. Viel weiter kämen wir natürlich, wenn es uns gelänge, an der Sprache nachzuweisen, dass auch die Elemente des menschlichen Denkens, dass auch die einfachsten Empfindungen im Menschengehirn nicht immer die gleichen waren wie heute. Geiger gibt "sich (hier und anderswo) unendliche Mühe, einen solchen Fall genau nachzuweisen: dass nämlich der Sprache und der Vorstellung der älteren Völker das Wort und die Empfindung "blau" gefehlt habe.

Mit großer Gelehrsamkeit weist er nach, "dass die vedischen Lieder und nicht minder der Avesta, dass die Bibel, dass der Koran und selbst die homerischen Gedichte der Bläue des Himmels, welche doch in den Heimatländern fast aller dieser Bücher mit ganz besonderem Reize wirkt, trotz überall naheliegender und oft dringend gebietender Gelegenheit niemals die entfernteste Erwähnung tun". Uns ist die Gedankenassoziation von Himmel und blau so geläufig, dass in einem Schüleraufsatze selten das Wort Himmel ohne das Beiwort blau vorkommen dürfte. Jene berühmten alten Schriften jedoch, zu denen sich der weit jüngere Koran aus besonderen Gründen gesellt, nennen nicht nur den Himmel nicht blau, sondern sie haben die Farbenbezeichnung blau auch für irdische Gegenstände nicht. Ich will nun einige Beispiele herausheben. Ähnlich wie im Sanskrit bedeutet das homerische Wort (kyaneos) weniger blau als schwarz; man muß an Goethes Farbenlehre denken, wenn man sieht, wie diese Bezeichnungen (auch das lateinische caeruleus und das deutsche blau) mit der Dunkelheit des Eindrucks zusammenhängen. Die Übereinstimmung geht so weit, dass auch in ostasiatischen Sprachen und in dem europäischen Findling, dem Baskischen, das entsprechende Wort zugleich blau und auch schwärzlich bedeutet. Wir müssen glauben, die ganze alte Menschheit. sei farbenblind gewesen, wenn wir lesen, dass in der Odyssee schwarze Haare mit der Hyazinthe verglichen werden und noch Jahrhunderte später die Poeten ein sonnengebräuntes Antlitz mit der Hyazinthe und dem Veilchen vergleichen. Ja selbst noch bei einem Schriftsteller des sechsten Jahrhunderts nach Christi Geburt wird die blaue Farbe als symbolisch für den dunkelwolkigen Winter dem grünen Frühling, dem roten Sommer und dem weißen Herbste gegenübergestellt. Alle diese Tatsachen müssen uns davon überzeugen, dass die Menschen der älteren Zeit zum mindesten die Bläue des Himmels und die blaue Farbe überhaupt nicht auffallend genug fanden, um für sie eine deutlich unterschiedene Bezeichnung zu finden. Dagegen ist nun beachtenswert, dass die schwer kontrollierbaren Ägyptologen behaupten, auch in der ägyptischen Sprache (wie im Chinesischen) zerfließe blau in andere Farbenbegriffe, dass aber in den Malereien ägyptischer Tempel der Nachthimmel mit einem deutlichen und sehr gut erhaltenen Dunkelblau dargestellt sei.


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