Geschichte des Gedächtnisses


Sehen wir auch von diesen Grenzschwierigkeiten ab, so bleibt die Aufgabe nicht gerade leicht, an Stelle einer Geschichte der Vernunft oder einer Geschichte der Sprache als einzig mögliche Annäherung eine Geschichte des Gedächtnisses zu setzen. Wir sind und bleiben trotz aller Freiheit Sklaven der Sprache, und diese wird uns verführen, unter Gedächtnis ungleiche Begriffe zu verstehen. Wir können uns stark machen, bei der Geschichte des Gedächtnisses niemals wortabergläubisch an eine personifizierte Gottheit oder ein Gedächtnisvermögen zu denken, aber nichts kann uns verhindern, während wir eine Geschichte des Gedächtnisses beginnen, uns unter Gedächtnis bald die Sammlung unserer ererbten und erworbenen Erfahrungen als eine Disposition zur Erinnerung (was doch noch nicht ganz ein personifiziertes Gedächtnisvermögen ist) vorzustellen, bald die Tätigkeit dieser Erinnerungen selbst. Es ist als ob ich die Geschichte eines Flusses schreiben wollte und dabei unbewußt schwankte, ob die Geschichte des Flußbettes oder die des niemals wiederkehrenden fließenden Wassers. Natürlich hinkt auch dieses Bild. Oder ich könnte denken an die Geschichte einer Sammlung von Gemälden, welche jedoch nicht Gemälde, sondern lebende Bilder wären. Oder ich könnte auch die Geschichte des Gedächtnisses vergleichen mit einer politischen Geschientes welche erzählte, wie durch Vererbung und Erwerbung um Kristallisationspunkte wie Rom oder Brandenburg ungeheure Monarchien anwuchsen, wie sie einander in der wirklichen oder scheinbaren Weltbeherrschung ablösten, wie dabei für die Zentralstelle einst z. B. die Nordseeküste Deutschlands, dann die Küsten Afrikas oder Ostasiens über die Schwelle des Bewußtseins traten, und wie diese ganze politische Geschichte doch nur eine begriffliche Zusammenfassung der Tätigkeiten von unzählbaren nebeneinander und nacheinander stehenden Individuen wäre. Und käme mir dann jemand mit dem Einwurfe, dass eine solche vorstellbare, allwissende politische Geschichte der Erde nicht ein Bild wäre von der Geschichte des Gedächtnisses oder der Sprache oder der Vernunft, sondern nur ein Teil dieser Geschichte, dass die politische oder Kulturgeschichte nur ein Teil wäre von der Geschichte der geistigen Tätigkeit der Menschheit, so hätte ich diesem Einwurfe nichts entgegenzusetzen. Geschichte der Vernunft oder der Sprache oder des Gedächtnisses ist in Wirklichkeit nur wieder ein neuer Gesichtspunkt, unser ganzes Bißchen unendlich zerstreuter Welterkenntnis zu ordnen.

 

* * *


 © textlog.de 2004 • 16.12.2017 14:04:20 •
Seite zuletzt aktualisiert: 09.09.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright