Verbum oder Nomen


Da Geiger sich durch die Worte täuschen ließ und Sprache und Vernunft für verschiedene Begriffe hielt, da er ferner deutlich erkannte, wie die Sprache ohne Vernunfttätigkeit, ganz unbewußt und aus tierähnlichen Anfängen ihren Ursprung nahm, so mußte er geneigt sein, die Sprache der Vernunft zeitlich voraus zu stellen. Mit Bildern ist freilich nicht viel bewiesen, ich möchte aber sagen, dass Geiger eigentlich das Verbum mit dem Nomen in Gegensatz brachte. Er ahnte schon, dass die Sprache eine Abstraktion ist, dass es in der Wirklichkeitswelt nur ein Sprechen gibt, die nach Zeit und Ort wirkliche Betätigung der Individualsprache eines menschlichen Individuums. Diese Sprachtätigkeit setzte er zeitlich vor die Vernunft, weil er die Vernunft weniger deutlich als eine Abstraktion erkannte, weil er nicht deutlich sah, dass es auch da nur eine nach Zeit und Ort wirkliche Vernunfttätigkeit gibt, ein individuelles momentanes Denken. Es ist beinahe so, als wenn jemand der Tätigkeit einer Spinnmaschine zuschauen und nun zwischen ihrem Gespinst als Verbum und ihrem Gespinst als Produkt des Spinnens unterscheiden wollte. Gewiß kann man das mit Worten, in der Sprache, in der Vorstellung, so gewiß wie wir in unserem Wortschatze die beiden Begriffe Sprache und Vernunft getrennt haben. Aber in der Wirklichkeitswelt gibt es nur ein Gespinst, welches wir willkürlich entweder als etwas Werdendes, das heißt als Verbum, oder als Gewordenes, das heißt als Nomen auffassen. Nur freilich, dass die Spinnmaschine ein totes Werkzeug, das Gehirn jedoch ein organisches Werkzeug ist, dass wir darum also — wohlgemerkt — beim Denken oder Sprechen das organische Werkzeug an Kraft oder Übung oder Gewohnheit gewinnen sehen und dass wir diese Kraft oder Übung oder Gewohnheit, das heißt eben das Unbegreifliche am Organismus, bei dem Worte Vernunft, also bei dem Nomen, welches eigentlich nur das Produkt ausdrückt, mit verstehen. Bei der Spinnmaschine verlegen wir diese geistige Kraft mit Recht in den Erfinder zurück. Bei der organischen Maschine trennen wir in unserer Abstraktion die Tätigkeit in zwei Begriffe, gewissermaßen in das wirkliche Tun und in die uns unbekannte Ursache des Tuns. Die alte Sprachsünde, die Personifikation, mischt sich ein, und wir suchen hinter dem Tun den Täter.


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