Tiere


Auf diesem Gebiete ist es noch handgreiflicher als sonst, dass die geltenden Anschauungen an veraltete Begriffe geknüpft sind, dass darum also die geltenden Anschauungen selbst in ihrer Darstellung veraltet sein müssen. Man erinnere sich nur, dass noch Descartes die Tiere im Gegensatz zu den beseelten Menschen für Automaten erklärte, mit der ganzen Ängstlichkeit eines schlechten Gewissens freilich, aber doch so, dass seine Lehre nach heutigem Sprachgebrauch besagen müßte: es seien die Tiere gar keine Organismen, sondern tote Maschinen. Davon ist jetzt nicht mehr die Rede, weil die vergleichende Anatomie und Physiologie zu viel Übereinstimmungen zwischen Mensch und Tier nachgewiesen hat. Der heutige Unterschied des menschlichen Sprachgebrauchs (fressen und essen, verrecken und sterben) ist zu einer bloßen Etikettenfrage geworden, so wie heutzutage die Menschen zwar vor dem Gesetze gleich sind, aber in Anrede und Briefaufschriften nach Rang und Titel unterschieden werden. An Seine Hochwohlgeboren den Herrn von so und so, an den Schriftsetzer so und so. Der Mensch ißt, von einem Koche bedient, der Mensch stirbt, von einem Priester bedient, das Tier frißt und stirbt frei. Wir wissen, dass das nur Etikettenfragen sind, und schieben der Verdauung des Menschen kein höheres Prinzip unter, auch wenn er Trüffelpastete und Champagner verdaut.

Aber wir schieben den menschlichen Leistungen ein höheres Prinzip unter, wo es sich um die sogenannte Seele handelt. Der Priester predigt den Artunterschied, der gebildete Laie staunt über die Intelligenz der Tiere und weiß nicht, wie arrogant sein Staunen ist, und die Wissenschaft läßt uns im Stich. Da ist zunächst der Unterschied zwischen Instinkt und Überlegung. Das Tier frißt und hat Instinkt, der Mensch ißt und überlegt. Ich habe für den menschlichen Gegensatz zum tierischen Instinkt eben das Wort Überlegung gebraucht, weil unsere Zeitungen, wenn sie staunenswerte Tiergeschichten bringen, gewöhnlich die Frage "Instinkt oder Überlegung?" stellen. Sie haben dabei keine böse Absicht; aber es ist beachtenswert, vielleicht ein Instinkt der menschlichen Eitelkeit, dass sie von den menschlichen Geistestätigkeiten gerade die höchste, die bewußte Überlegung, dem angeblichen Instinkte entgegenstellen. Würden sie fragen "Instinkt oder Verstand?", so würde kein Mensch zögern, den Tieren Verstand zuzusprechen.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 09.09.2006 
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