Willensfreiheit


Die innere optische Täuschung einer Willensfreiheit beruht vielleicht zunächst auf dem Scheine, dass die Reihe der heranschießenden Assoziationen von unserem Entschlüsse abhänge, während sie bis zu einem gewissen Grade höchstens von unserer Aufmerksamkeit abhängt, die nicht von uns bestimmt ist. Wenn ich mich z. B. genau des Tages erinnern will, an welchem ich in Fonterossa ein denkwürdiges Erlebnis hatte, und es fällt mir zunächst nur die Erdbeertorte ein, die ich an jenem Tage zu essen bekam, so kann ich nichts tun als aufpassen. Mein Interesse — ich halte es für meinen Willen — preßt mir den Kopf zusammen und läßt wahrscheinlich reichlich Blut ins Gehirn strömen, so dass die Erinnerungsdispositionen lebhafter geweckt werden. Ich warte und passe auf. Eine unscheinbare Erinnerung nach der anderen steigt über die Schwelle des Bewußtseins, die Zeit ordnet sich in Tage, mir fällt der erste August als der Tag meiner Ankunft ein, und endlich knüpft sich an die Erdbeertorte und was drum und dran hängt das Datum des dritten August. Ganz so mag es zugehen, wenn ich scheinbar meinen Willen auf etwas Zukünftiges richte. Wenn ich z. B. den folgenden Satz bilden will. Die eben gebildeten letzten Worte sind der Ausgangspunkt; ein Gedanke, der aber wieder nur irgendwie aus dem individuellen Gebrauch meines ererbten Sprachschatzes stammt, ist der scheinbar in der Zukunft liegende Endpunkt. Ich habe nur kürzere oder längere Zeit aufzupassen und zu warten, dass der Kristallisationsprozeß der Assoziationen die luftige Wortbrücke schlage vom Ausgangspunkte zum Zielpunkt. Ich "glaube" es nicht, aber ich weiß es: ich habe gesagt, was die Sprache mich sagen ließ, was ich in einem Leben von sechzig Jahren gewollt hatte und was die Geschlechter vor mir "gewollt" haben.

Die luftige Brücke von der Metapher zum Willensproblem schlägt ein schöner Satz des Augustinus: "Pauca sunt enim quae proprie loquimur, plura non proprie; sed agnoscitur, quid velimus." Der heilige Mann hat das "velimus" (Conf. XI, 20) freilich nicht unterstrichen.


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