Onomatopöie der Etymologie


Ich habe die Erkenntnis, dass die vielgerühmte Klangnachahmung selbst in den wenigen ganz deutlichen Fällen ihrer Existenz (wie bei dem Wauwau oder Muh der Kinder) doch nur eine metaphorische Klangnachahmung sei, weil die Natur und auch die Tiere niemals mit menschlichen Tonwerkzeugen artikulieren, ich habe diese Erkenntnis bei keinem einzigen Schriftsteller gefunden. Trotzdem wird häufig auf etwas hingewiesen, was einen viel komplizierteren Fall der metaphorischen Klangnachahmung darbietet. Wir drücken sehr häufig Gesichtswahrnehmungen durch Laute aus, die in unserem Gehör unwillkürlich wie ihre Nachahmung erscheinen. Dass ein solches Verhältnis zwischen Gesichts- und Gehörwahrnehmungen bestehe und allgemein verständlich sei, das wird durch die Umkehrung bewiesen, wenn wir nämlich Gehörwahrnehmungen durch Handbewegungen und andere sichtbare Zeichen mitteilen. (Vgl. Wundt, Völkerpsychologie I, S. 199 f. Delbrück, Grundfragen, S. 78 u. f.) Und das geschieht sehr häufig, sowohl in alltäglichen Bildern der Sprache, wie wenn wir von sanften, von scharfen, von wiegenden Tönen reden, besonders aber, wenn ein Kapellmeister beim Dirigieren den gewünschten Klang der Instrumente impulsiv und doch wieder konventionell durch die Handbewegungen andeutet.

Unsere Erkenntnis aber, dass es eine echte Klangnachahmung gar nicht geben kann, dass alle Klangnachahmungen genau ebenso wie die Klangnachahmungen von Gesichtseindrücken, nur metaphorisch verstanden werden können, diese Erkenntnis scheint mir von einschneidender Bedeutung für die pensionsberechtigte Frage nach dem Ursprung der Sprache. Schon der Sanskritist Fick (Vergleichendes Wörterbuch der indogermanischen Sprachen, 3. Auflage, S. 7) hat erstaunt darauf hingewiesen, dass die Onomatopöien, auf welche doch so oft der Ursprung der Sprache gegründet worden ist, nur in den lebenden Sprachen so häufig vorkommen, für die älteste Zeit aber gar so selten nachzuweisen sind. Ficks Bemerkung mag allerdings eine Folge seiner und der allgemeinen wissenschaftlichen Methode sein. Erstens finden sich unsere meisten Onomatopöien in volkstümlichen Ausdrücken, wie sie in den klassischen Literaturen der Griechen und Inder nur selten aufbewahrt sind. Zweitens wollte ja gerade die nüchterne Analysierkunst der Sanskritgrammatiker, auf welcher unsere Sprachwissenschaft seit hundert Jahren beruht, jedes Wort auf eine verständliche, begriffliche Wurzel zurückführen. So mußte es kommen, dass sehr zahlreiche Worte, welche unserem Sprachgefühl als Onomatopöien erschienen, etymologisch bis auf eine Stufe zurückverfolgt wurden, auf welcher der Klang diesem Gefühle nicht mehr entsprach. So hören wir bei dem Worte "rollen" eine Klangnachahmung (einerlei ob die eines Schalls oder die einer sichtbaren Bewegung). Aber diese Onomatopöie erweist sich als eine sehr späte Gedankenassoziation, sobald wir erfahren, dass rollen (französisch rôle) ein lateinisches Lehnwort ist, früher rottel hieß, von rotula herkommt, Papierrolle, Liste, Urkunde bedeutet. Dieses rotula kommt von rota, dem deutschen "Rad". Wir haben also anstatt des Klanges "rl" jetzt den Klang "rd". So schiebt alle Etymologie die Klangnachahmung in eine Zeit zurück, von welcher wir nichts wissen. Wir wissen nicht, ob das entsprechende Sanskritwort ratha zur Zeit, als Sanskrit noch eine lebende Sprache war, als Klangnachahmung empfunden wurde. Es ist also historisch, wie wir von der Etymologie überhaupt wissen, mit der Onomatopöie für den Ursprung der Sprache nichts anzufangen.

Gibt es aber überhaupt keine echte, gibt es nur eine metaphorische Onomatopöie, so liegt die Sache noch einfacher. Angenommen, es hätte ein Mensch in irgend einer Urzeit die rollende Bewegung eines runden Kiesels am Meeresstrande wirklich mit einer Klangnachahmung bezeichnet, angenommen, er hätte dabei (was mir sehr zweifelhaft ist) gerade die zitternde Bewegung der Zunge bei der Aussprache des r benutzt. Auch dann wäre doch die Nachahmung des Rollgeräusches durch das r keine wirkliche Schallkopie gewesen, sondern nur ein Bild. Der rollende Kiesel macht in Wirklichkeit weder r noch d noch 1. Jener angenommene Urmensch assoziierte aus irgend einem Grunde, den wir einen zufälligen nennen müssen, den gewählten oder unwillkürlichen Laut mit der rollenden Bewegung. Es würde also selbst dann, wenn wir irgend ein einziges Wort der Welt oder meinetwegen alle Sprache auf solche Klangnachahmungen zurückführen könnten, für den Ursprung der Sprache auch nicht das Geringste erklärt sein. Wieder wird die Frage nur zurückgeschoben. Sie lautet in bezug auf den Ursprung: Wie war es möglich, die Vorstellung oder die Erinnerung von Sinneseindrücken, sichtbaren oder hörbaren, an artikulierte Laute zu knüpfen? Besäßen wir nun eine nachweisbare Onomatopöie oder besäßen wir tausende, so hätten wir dieselbe Frage aufs neue zu stellen: Wie war es möglich, den Schall in der Natur mit diesem oder jenem artikulierten Laute zu assoziieren? Zu diesem Bekenntnis des Nichtwissens müßten wir gelangen, auch wenn wir noch Lautgruppen erhalten hätten aus der Zeit der Sprachentstehung. In Wahrheit aber ist von solchen Lauten doch ganz gewiß heute oder im Sanskrit auch nicht die leiseste Spur mehr vorhanden, nicht mehr als von der Bewegung eines Regentropfens, der vor hunderttausend Jahren einem grasenden Mammut auf den Rücken fiel.


 © textlog.de 2004 • 01.10.2014 10:10:39 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.09.2006 
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