Shakespeare


Mir aber liegt daran, durch Beispiele zu belegen, dass diese gegenseitige Ansteckung zweier Sprachbilder viel häufiger auffällt, wenn wir nur beim Hören aufmerksamer versuchen, anschaulich zu denken, die durch die Worte hervorgerufenen Bilder festzuhalten und so zu vereinigen, wie sie von den Worten des Satzes verbunden werden. Ich gebe dabei ausdrücklich die Versicherung ab, dass ich nicht etwa nach solchen Beispielen gesucht habe, sondern sie, sobald meine Aufmerksamkeit sich darauf lenkt, überall finde, in jedem Satze des Alltagsgesprächs, noch deutlicher natürlich in der Sprache der Dichter. Denn die Bildlichkeit der Sprache kommt bei den Dichtern absichtlicher und deutlicher heraus, also auch die gegenseitige Ansteckung der Bilder. So wähle ich aufs Geratewohl einige Zeilen von Shakespeare, dem bilderreichen, weil ich diese Zeilen zufällig vor wenigen Stunden gehört habe. Es ist das Dutzend Anfangsverse aus Richard III. Schlegel übersetzt folgendermaßen, was im Original ungefähr die gleichen tief verborgenen Wippchen ergäbe:

 

"Nun ward der Winter unsers Mißvergnügens

Glorreicher Sommer durch die Sonne Yorks;

Die Wolken all, die unser Haus bedräut,

Sind in des Weltmeers tiefem Schoß begraben.

Nun zieren unsre Brauen Siegeskränze,

Die schart'gen Waffen hängen als Trophän;

Aus rauhem Feldlärm wurden muntre Feste,

Aus furchtbarn Märschen holde Tanzmusiken.

Der grimm'ge Krieg hat seine Stirn entrunzelt,

Und statt zu reiten das geharnschte Roß,

Um drohnder Gegner Seelen zu erschrecken,

Hüpft er behend in einer Dame Zimmer

Nach üppigem Gefallen einer Laute."

 

Das unerfreuliche und pedantische Geschäft, die Bildermischungen in diesen Versen zu finden, mag der Leser selbst übernehmen. Wer die sprachkritische Arbeit nicht selbst vollzogen hat, glaubt es nicht gleich, dass in den ersten Versen die astronomischen Bilder der aufgehenden und der sommerlichen Sonne vermischt sind. Zur Probe will ich nur auf einige Metaphermischungen in den letzten Zeilen hinweisen.

Shakespeare will erzählen, dass auf den Krieg der Friede gefolgt sei. Für den Krieg (war) setzt er, als ob er seine Sprache von den Römern gelernt hätte, den Gott des Krieges, wenn er auch zufällig diesmal Mars nicht bei seinem Eigennamen nennt. Dadurch wird die Bildervermischung aber um so krasser. Stellen wir uns das Abstraktum Krieg vor, so ist es albern, ihn seine Stirn entrunzeln, sein Roß reiten und in einer Dame Zimmer hüpfen zu sehen. Stellen wir uns aber — was uns nur durch Schulerinnerungen möglich ist — den Gott des Krieges dabei vor, so möchte ich gern wissen, wie man sich ihn anders als kriegerisch vorstellen soll, mag auch die bildende Kunst diese Aufgabe scheinbar hundertmal gelöst haben. Der Mars in friedlicher Tätigkeit ist und bleibt ein Wippchen, auch wenn es aus Stein gehauen ist. Es mag Leser geben, welche es nicht als eine Störung empfinden würden, wäre von drohenden Wolken die Rede, die jetzt blau vom Himmel herunterlachen. Und doch ist der in einem Damenzimmer tanzende Krieg ein ähnliches unvorstellbares Doppelbild. Es wäre denn, Shakespeare hätte mit dem ganzen Aufwand seiner Bildersprache nur den Offizier in Friedenszeit darstellen wollen: dann aber sind eben auch die großen Worte eine Geschmacklosigkeit. Die Bilder wollen nicht zusammenpassen.

Für meinen guten Leser brauche ich nicht hinzuzufügen, welch ein Abstand sei zwischen Shakespeares Kontaminationen aus Überfrdle und den gemeinen, lächerlichen Wippchen neuester Dichter. Selbst zwischen Shakespeare und Schiller kann der Abstand einmal noch groß werden. Ein Beispiel, wie es kaum belehrender erfunden werden könnte: Shakespeare gebraucht eine Hyperbel, die wieder gegen unsern Geschmack sündigt; Schiller möchte ihn verbessern und verhaut sich bis zur Komik. Die Stelle steht im Macbeth (IV, 3; bei Schiller IV, 7). Macduff, dem Weib und Kinder gemordet worden sind, ruft (nach Schlegel-Tieck, in deren Übersetzung der "Macbeth" schlecht genug wegkommt): "All meine hübschen Kleinen. Sagtest du Alle? O Höllengeier! Alle? Was, all die hübschen Küchlein samt der Henne auf einen wilden Stoß?" (Im Englischen steht dam, was Weibchen, hier etwa "die Alte" heißt und an seine Herkunft, dame, noch erinnert.) Wie aber idealisiert Schiller die Verse? "Meine zarten kleinen Engel alle! O höllischer Geier! Mutter, Kinder mit einem einzigen Tigersgriff." Er übersetzt also dam mit Mutter, macht aus den Küchlein Engel; läßt aber den Geier stehen und stattet den Geier mit einem Tigersgriff aus.

Man konnte mir einwenden, solche krittliche Bemerkungen — die sich übrigens von Vers zu Vers über den ganzen Shakespeare erstrecken können — seien wertlos für meinen Gedankengang, weil sie, falls mein Tadel eine Berechtigung habe, eben keine gute poetische Sprache betreffen und weil der Bilderreichtum, in der poetischen Sprache herkömmlich, für den gewöhnlichen Gebrauch nichts beweise. Aber der Bilderreichtum Shakespeares ist von dem neuerer Poeten nur dem Grade nach verschieden, nicht der Art nach. Und was den zweiten Punkt anbelangt, so habe ich ja eben behauptet und es wohl genug nachgewiesen, dass die Worte unserer Sprache alle miteinander erst durch kühne Metaphern zu ihren gegenwärtigen Formen und Bedeutungen gekommen sind, dass also immer Dichterphantasie neue Bilder erzeugt hat und sie notwendig mit den unzugehörigen Bildern anderer Worte mischen mußte. Was diese Kunststücke bei Shakespeare von unserer Alltagsrede unterscheidet, ist nur sein und unser Bewußtsein davon, dass in Bildern gesprochen werde. Solange dieses Bewußtsein im Vordergrunde steht, ist die Phantasie des Dichters sowohl als die des Lesers stark dabei tätig; ist nebst der Phantasie ein lebhafter und gesunder Sinn für die Wirklichkeit vorhanden, so wird auf Schritt und Tritt die Unzusammengehörigkeit der einzelnen Bilder empfunden. Und wenn Shakespeare selbst, wo er seine Vorgänger parodieren will, seine gewohnte Bilderpracht nur ganz wenig übertreiben muß (Pyramus und Thisbe sprechen mitunter in Metaphern, die Shakespeare sonst ernsthaft gebraucht), so wird wohl bald eine Zeit kommen, wo die unbefangenere Nachwelt die unfreiwillige Komik in Shakespeares Sprache unverschult empfindet. Dann wird es an der Zeit sein, den Lachern zu sagen: Shakespeare war dennoch ein unvergleichbares Genie; das alte Gebrechen der Sprache, ungehörige Bilder zu vermischen, war nur zu seiner Zeit besonders üppig in Mode. Fast wie bei den stärksten Autoren der römischen Spätzeit. Nur dass die antiken Metaphern bei Shakespeare uns aus zweiter Hand kommen. Und dass bei diesem Wundermann stört, was wir von Lateinern ertragen. Auch auf den Stil kommt es an. Im brünstigen Kreaturstil (Gott gegenüber) des faustischen Augustinus stört ein ungeheuerliches Wippchen nicht. "Numquid manus mea valet hoc, aut manus oris mei per loquelas agit tarn grandem rem?" (Conf. XI, 11) "Die Hand meines Mundes'"', es klingt wie ausgestreckte Sehnsucht. Und auch bei Shakespeare gibt es Stellen, wo die Metaphermischung nicht stört, weil die Personifikation einer Tugend, einer Eigenschaft (wie in den zugrunde liegenden "Moralitäten") unsrem eigenen Empfinden von dieser Tugend, dieser Eigenschaft noch entspricht.


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