"sein" - "werden"


Eine Hauptschwierigkeit bei dieser Betrachtung liegt darin, dass der Weg der Worte nicht immer von Gehenna zu gene, von der Übertreibung zur Verblassung führt, sondern dass die Worte sehr häufig, vielleicht gewöhnlich, auf kleinen Umwegen neue Eroberungen suchen, neue Erweiterungen, dass sie dabei durch neue Hyperbeln neue Leuchtkraft gewinnen und so das Verblassen aufgehalten wird, ja neues Leben an unerwarteten Stellen als Schößling hervorbricht. Alle diese Dinge sind so verwickelt, dass kein einzelnes Beispiel belehrend genug ist. Wenn unser deutsches Verbum "sein" in seiner Perfektform (war, gewesen) wirklich mit dem Sanskritstamme vas zusammenhängt, welcher "bleiben", "verweilen", konkreter "übernachten" bedeutet, so liegt die Verblassung klar vor uns, durch welche metaphorisch, hyperbolisch unser Hilfszeitwort geworden ist. Durch Poesie kann der Zusammenhang noch begriffen werden. "Goethe war ein freier Geist." Er "war" es, er war es bleibend, er "übernachtete" in diesem Charakter, er wurde nicht über Nacht ein andrer. Und aus diesem so kräftigen, so farbensatten Begriff ist nun die Kopula geworden, ein leerer, totenblasser Begriff, der kaum noch etwas andres spüren läßt als Zeit- und Zahlkategorien. Es steckt aber hinter dem "Sein" immer noch der alte Reichtum. Eines Tages sucht ein Deutscher ein verständliches Wort für essentia und essentialis. In dem lateinischen Worte esse steckt wohl auch so etwas wie "Übernachten", Dauern; einerlei ob Etymologen es darin nachzuweisen suchen oder nicht. Es findet sich also für essentia das Wort Wesen, als das Dauernde, das in den Dingen "Übernachtende", das "Wesentliche". Man denke an das eindringliche "Istigkeit" des Meisters Eckhart, das Arndt wiederzubeleben versuchte. So hat das Wort durch eine neue Hyperbel neue Farbe, neues Leben erhalten. Und wieder hat man das Wort "verwesen" daraus gebildet: das Aufhören, das Ende des Seins; strengere Naturbeobachtung wiederum hat dieses Aufhören besser und genauer beschrieben, die Chemie hat die Auflösung in die Elemente gelehrt, und so ist dem Worte nur ein um so reicherer neuer Inhalt erwachsen. Nicht weniger kühn ist der Weg, den unser "werden" machen mußte, um zu etwas Ähnlichem zu verblassen wie zu einer Kopula: zu einem sogenannten Hilfszeitworte. Wieder lasse ich es dahingestellt — eine köstlich naive Metapher der Sprache, dieses "dahingestellt" —, ob die Sprachforscher recht haben, wenn sie "werden" mit dem lateinischen vertere und dem fast gleichen Sanskritworte in Verbindung bringen. Ob es nun ursprünglich "sich drehen", sich wenden, sich bewegen geheißen hat oder nicht, irgend etwas Anschauliches wird es schon bedeutet haben; dessen sind wir gewiß. Als ein Beispiel können wir ja wohl "sich bewegen" gelten lassen. Und nun, wie verblaßt das von Leben strotzende "sich bewegen" schließlich in dem unsichtbaren "entstehen" und in dem "werden", das uns zu einem leeren Hilfsverbum der grammatischen Zukunft geworden ist.

Wenn wir heute, an einem warmen Frühlingstage, da sich Bäume und Sträucher mit einem grünen Schimmer zu bedecken anfangen, sagen: "es wird Frühling", so hat "werden" noch ein klein wenig von der Bedeutung des "sich Bewegens", "des Entstehens". Zwar sieht man die Veränderung nicht mit leiblichen Augen, man sieht die Pflanzen sich nicht bewegen; aber von Tag zu Tag nimmt man Veränderungen wahr, die sich gar wohl übertreibend so ausdrücken lassen, dass die Natur sich bewegt, dass es Frühling "wird". Wenn nun das "werden" in seiner Bedeutung bis zum lautlosen und unsichtbaren Entstehen herabgeschwächt ist, so ist der Übergang zum Hilfszeitwort nicht mehr schwer zu finden. Das Kind im Mutterleibe heißt "werdend", weil es sich bewegt; der Frühling heißt "werdend", weil von Tag zu Tag Veränderungen wahrgenommen werden, welche nicht möglich wären, wenn die Natur sich nicht unscheinbar dennoch bewegte. Anstatt "der Frühling wird" könnte man auch sagen: "Der Frühling ist noch nicht da; aber morgen oder übermorgen muß er da sein." Die unsichtbare Bewegung, welche eine bestimmte Folge haben wird, kann durch das gleiche "werden" ausgedrückt werden. Der Frühling "wird" kommen; ich nehme in der Natur ein Bewegen wahr, dessen Folge, dessen zukünftige Gestalt ich voraussehe.

Ich bin bei diesen Beispielen so ausführlich geworden, weil ich darauf ausging, eine sehr merkwürdige Beobachtung mitzuteilen.


 © textlog.de 2004 • 31.07.2014 23:37:32 •
Seite zuletzt aktualisiert: 07.09.2006 
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