Metaphorische Schallnachahmung


Dass der Hörer der metaphorischen Schallnachahmung (das heißt der räumlichen Sprachapparatsnachahmung) den Sprecher verstand, ist nicht so merkwürdig, wie man glauben sollte. Die Sprache mag eben mit den deutlichsten Onomatopöien begonnen haben, den damals deutlichsten. Denn es können hunderttausend Jahre verflossen sein, bevor man "Kuckuck" als Onomatopöie empfand. Und wir gehen gewiß nicht fehl, wenn wir uns die furchtbarsten Leidenschaften und Aufregungen als die Hebammen der ersten Schallnachahmungen denken. Blitz, Donner, Tod, Mord, Hunger, Frost, Liebe, Kind: in dieser Gegend muß sich die werdende Sprache bewegt haben, nicht in den legendaren Sprachwurzeln.

Dass die Sprache gewiß als ein Gesellschaftsprodukt, also als ein Mitteilungsmittel entstanden ist, das kennzeichnet eben, was den Kern dieser Gedanken ausmacht: Dass sie nie und nimmer sich über ihren Ursprung erheben kann, dass sie in ewig fortschreitenden Bildern bis zur Höhe eines künstlerischen Mittels wachsen, als Erkenntnismittel aber stets unfruchtbar bleiben muß, immer nur bereit, das Wirkliche gesellig zu beschwatzen.

Eine der drolligsten Metaphern ist die deutsche Übersetzung von Onomatopöie: "Lautmalerei".

Dass der Schall zum Sprachmittel gewählt wurde, möchte man gern damit erklären, dass das Gehör derjenige Sinn sei, der das Gefühl am meisten errege, wie wir denn auch durch Töne stärkere Annehmlichkeiten und Unannehmlichkeiten erfahren (Harmonien und Dissonanzen) als durch Farben usw. Es ist aber viel einfacher zu erklären, wenn wir dabei bleiben, dass Sprache von Anfang an metaphorische Onomatopöie war. Unsere Stimmwerkzeuge können aber unzählige Töne, so wie wir sie brauchen, viel schneller, bequemer und selbständiger (ohne fremde Werkzeuge) hergeben, als wenn wir z. B. Lichteindrücke, also eine Augensprache, schaffen wollten, wobei freilich noch dahinter steckt, dass sich unsere Sprachwerkzeuge nicht so gebildet hätten, wenn eben nicht eine Ding-Verwandtschaft zwischen Wirklichkeitsverhältnissen und dem Schall bestände.

"Die Musik ist die Welt noch einmal." —

Von der Uronomatopöie ist ganz gewiß keine einzige mehr auf historische Zeit gekommen. Es ist Selbsttäuschung, wenn wir Worte wie z. B. Donner, Blitz, sanft, hart usw. für Onomatopöien halten. Das ist aber ganz gleichgültig, wenn wir uns ganz klar gemacht haben, dass auch die ersten Onomatopöien nur metaphorisch waren.

Die metaphorische Schallnachahmung ist als sprachbildend fast nicht mehr lebendig; nur hin und wieder wie in cri-cri, frou-frou, wo wir genau feststellen können, dass diese scheinbar so deutliche Schallnachahmung doch nur bildlich, metaphorisch, fast konventionell ist, weil doch die Feder nicht cri, die Seide nicht frou macht.

Die Metapher ohne Nachahmung ist der Sprache als einzige Möglichkeit des Wachstums geblieben.

 

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