Vergleichung


Der Gedanke des Aristoteles, die Metapher aus einer mathematischen Proportion zu erklären, hat nichts mit dem psychologischen Vorgang oder Zustand zu tun, als welchen sich uns die Metapher noch enthüllen wird; aber scharfsinnig ist der Einfall dennoch. Er kann uns helfen, den scheinbar so wohlbekannten Begriff der Metapher von sehr zahlreichen und nahen Begriffen zu unterscheiden. Es gibt nämlich — ich bleibe damit vorläufig auf dem Gebiete der Poetik — Vergleichungen, bei denen es auf mehr und auf weniger ankommt als auf die vier Glieder einer Proportion. Ist die Vergleichung komplizierter, so kann sie zu jener Art von Gleichnissen aus-wachsen, die besonders als die Homerischen Gleichnisse bekannt sind, bei denen aber freilich die Phantasie des Dichters die vergleichende Tätigkeit zu vergessen pflegt und auf dem neu bestiegenen Pferde eine Strecke weiter reitet; enthält die Vergleichung dagegen nicht einmal indirekt jene vier Glieder, liegt anstatt einer Proportion gewissermaßen ein Regeldetri vor (Haar schwarz wie Kohle), so nennt man das im engeren Sinne eine Vergleichung. Ich muß etwas pedantisch werden, ehe ich weiter gehe; das bringt die Beschäftigung mit alten Definitionen so mit sich. Ich möchte nämlich bemerken, dass das berühmte Tertium comparationis weder in der Regel-detri noch in der Proportion eines der drei oder vier Glieder ist; es ist immer ein höherer Begriff (die Farbe, wenn Haare und Kohle, das Attribut, wenn die Trinkschale des Dionysos mit dem Schilde des Ares verglichen wird). An dem Erratenlassen des Vergleichungszeichens liegt es, dass die Metapher (wie Vischer III, S. 1221 ausführt) poetischer ist als die Vergleichung. "Das Wie oder Gleichsam ist eine Verwahrung vor der vorausgesetzten Prosa, dass man Bild und Inhalt nicht verwechsle; und stürzt ebendaher in diese."

Bei der Vergleichung (im engeren Sinn) ist es sehr leicht nachzuweisen, dass der psychologische Vorgang zur Sprachentwicklung führt. Selbst von den ältesten und uns vergleichlos erscheinenden Farbenbezeichnungen ist es wahrscheinlich, dass sie früher Vergleichungen waren; bei Worten wie lila (französisch Flieder, während unser violett das französische Veilchen) ist die Vergleichung offenbar; und die Bezeichnung von Modefarben (rostrot, resedagrün, "Eiffelturm" u. dgl.) läßt nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob noch eine bewußte Vergleichung oder schon ein neuer Farbenbegriff vorliege.

Die Metapher ist also, im Gegensatze zu der dreigliedrigen Vergleichung im engeren Sinne und zu dem ausgeführten Gleichnis, die typische Vergleichung von zwei Verhältnissen, wobei es gewöhnlich ist, den geläufigsten Begriff unausgesprochen zu lassen. In dem Satze "Vorsicht ist die Mutter der Weisheit" versteht jeder: es verhalte sich die Weisheit zur Vorsicht, wie die Tochter zur Mutter. Das Tertium comparationis dabei — um die Pedanterie nicht aufzugeben — ist, dass die Mutter die Tochter erzeugt habe. Man könnte ja auch daran denken, die Tochter sei der Mutter ähnlich, die Tochter sei der Mutter gehorsam; die Wirklichkeitswelt in unserer Seele läßt uns aber solchen Unsinn gar nicht vorstellen. Hören wir die drei Begriffe "Vorsicht, Mutter und Weisheit", so schlägt die Gedankenassoziation eine Brücke zwischen ihnen nur über den Begriff des Erzeugens, nicht über den Begriff des Gehorsams. Wir werden bald erfahren, wie wichtig diese Notwendigkeit, dieser Zwang der Bilderverbindung auch für die Metapher ist.


 © textlog.de 2004 • 19.04.2014 21:46:27 •
Seite zuletzt aktualisiert: 07.09.2006 
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