Tropen


Noch eins. Wenn ich den Ausdruck Metapher hier in ziemlicher Übereinstimmung mit der Erklärung des Aristoteles (der griechisch sprach, bei dem also das Wort Metapher, Übertragung, noch kein ausländischer technischer Ausdruck war) auf die ganze Gruppe der sogenannten poetischen Bilder oder der Tropen anwende, so bleibe ich in Übereinstimmung mit dem neueren Sprachgebrauch, der mit den Unterscheidungen der alten Rhetorik nicht mehr viel anzufangen weiß. Es scheint mir in die Augen zu springen, dass eine große Zahl der Arten, in welche die Tropen herkömmlich eingeteilt werden, ohnehin unter den alten Begriff der Metapher, das heißt der Vertauschung der Begriffe zweier verglichener Gegenstände, fällt. Es ließe sich darüber eine überflüssige Abhandlung schreiben: dass die alten Lehrer der Rhetorik die unfruchtbaren logischen Kategorien benutzt haben, um solche Unterabteilungen zu erfinden. Noch S. Maimon hat an ein solches Tropensystem gedacht, das dem Systeme der Kategorien ähnlich (oder gleich?) geworden wäre ("Lebensgeschichte" II, 261). Ich will diese Abhandlung gern einem anderen zu schreiben überlassen und nur einige Beispiele geben. Wird Art und Gattung, Teil und Ganzes miteinander vertauscht (sie hatte 15 Lenze gelebt), so nennt man das eine Synekdoche, wird Ursache und Wirkung vertauscht (er ist ein dicker Geldsack), so nennt man das eine Metonymie, wird Lebendes mit Totem verglichen (der Fuß des Berges), so nennt man das eine Personifikation; es entspricht aber gar nicht mehr unserer Denkgewohnheit, solche scholastische Distinktionen zu machen. Wir beruhigen uns dabei, dass allen solchen Redewendungen der psychologische Vorgang der Vergleichung zugrunde liegt; und über das Bedürfnis der Beruhigung hinaus braucht der Mensch nicht zu denken.

Es gibt einige andere Tropen, die auf den ersten Blick nicht unter den Begriff der metaphorischen Vergleichung zu fallen scheinen, z. B. die Hyperbel und die Ironie. Aber es scheint nur so. Solange wir auf dem Gebiete der Poetik stehen bleiben, ist ja die Absicht jedes derartigen bildlichen Ausdrucks eine verstärkte Anschaulichkeit. Sagt jemand Lenz anstatt Jahr, Geldsack anstatt reicher Mann oder Fuß des Berges (was schon Sprache geworden ist, wofür wir also keinen eigentlichen Ausdruck mehr haben), so will er doch die Vorstellungen nur stärker beleuchten, womit immer eine Art von Vergrößerung verbunden ist. Es liegt in jeder Metapher etwas Hyperbolisches. Und die Ironie erreicht dieselbe Absicht auf einem kleinen Umwege, wenn sie z. B. den Chimborasso einen Zwerg nennt, und so die Größe des Berges besonders anschaulich macht, indem sie zum Widerspruche reizt. Mag man mir nun diese Erklärung der Hyperbel zugestehen oder nicht, ich gebrauche dennoch das Wort Metapher im Sinne des Tropus oder der bildlichen Vergleichung überhaupt, was mein gutes Recht ist, wenn ich es nur ausdrücklich gesagt habe.


 © textlog.de 2004 • 22.11.2014 22:06:39 •
Seite zuletzt aktualisiert: 07.09.2006 
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