Bruchmann


Ohne die uns bis jetzt mögliche letzte Analyse des Denkens vorzunehmen, hat der von Biese angeführte Kurt Bruchmann doch das Metaphorische in der Sprache besser begriffen. Allerdings geht er in seinen "psychologischen Studien zur Sprachgeschichte" (S. 177 usw.) auf eine zu mathematische Konstruktion von Avenarius zurück, auf ein angebliches Prinzip des kleinsten Kraftmaßes. Solche Hilfskonstruktionen sind immer gefährlich und erinnern an die für uns unerträgliche Naturphilosophie der Griechen, welche Erscheinungen der Mechanik aus der metaphysischen Vollkommenheit der Kreislinie ableiten wollten. Man muß selbst da zwischen Ursachen und Zweckursachen unterscheiden. Wenn die Planeten auch mathematisch vollkommene Kugelgestalt besäßen, so würde doch kein denkender Kopf mehr die Kugelgestalt als das vorausgegangene Ideal, als die Zweckursache der Planetenbildung betrachten; der wirkliche Vorgang kann doch für unser modernes Vorstellen kein anderer sein, als dass die Planeten aus irgend natürlichen Ursachen diese Form angenommen haben, dass ähnliche Ursachen (gleiche Entfernung von einem Mittelpunkte) die gleichen abstrakten Kugel- und Kreisformen entstehen lassen und dass der Mensch aus der Beobachtung dieser Formen nachträglich zu dem Begriff der Kugel kam. Hinter der Bewunderung der Kugelform verbirgt sich die alte Teleologie. Sie verbirgt sich aber auch hinter der Annahme eines Prinzips vom kleinsten Kraftmaß, welches tätig sein soll, wenn die Seele eine angebotene fremde Vorstellung in ihrem bereits vorhandenen Besitz unterbringen soll. Bruchmann sagt: "Sie möchte vielleicht am liebsten diese Vorstellung als Störenfried hinauswerfen, wenn sie nur könnte. Sie hat außer dem Vergessen jedoch noch ein Mittel, die geforderte Mehrleistung mit einiger Kraftersparnis zu vollziehen; sie nimmt die gebotene Vorstellung auf, verwandelt aber das, was an ihr ungewohnt ist, in Gewohntes. Sie führt also das Neue auf Altes, das Fremde auf Geläufiges, das Unbekannte auf Bekanntes, das Unbegriffene auf solches zurück, was bereits als Begriffenes oder vermeintlich Begriffenes geistiger Besitz ist."

Im einzelnen sind diese Sätze ganz richtig und führen Bruchmann, der dabei den Spuren von Steinthal und Misteli nachgeht, ziemlich nahe an die richtige Erkenntnis heran. "Dann wäre also fast die ganze Sprache Analogie oder Metapher." Fast! Er vermag nicht recht über die noch bewußten oder noch historisch nachweisbaren Metaphern der Sprache hinaus zu kommen, er vermag das Wichtigste nicht einzusehen, dass auch der älteste geistige Besitz der Seele bereits metaphorisch, vergleichsweise erworben sein muß, dass sogar die minimale vorsprachliche Welterkenntnis bereits auf metaphorischer Grundlage beruhen mußte. Und ich glaube, dass dieses Unvermögen gerade von seinem Ausgangspunkte herrührt, von der Annahme eines Prinzips des kleinsten Kraftmaßes. Womit will er denn die Kraft vergleichen? Was weiß denn er und Avenarius davon, was die Seele möchte und was sie nicht möchte? Was wissen die Herren denn davon, warum der Keim in einer Eichel immer eine Eiche hervorbringt und niemals einen Birnbaum? Man könnte das ja auch auf ein Prinzip des kleinsten Kraftmaßes zurückführen, denn es wäre offenbar Kraftverschwendung, wenn der Keim der Eichel zuerst ein Birnbaum oder eine Rose werden wollte und nachher erst die Versuche aufgäbe. Oder man könnte es auf ein Prinzip des kleinsten Kraftmaßes zurückführen, dass der menschliche Magensaft nicht erst zu denken versucht, sondern gleich verdaut. Ich möchte richtig verstanden werden. Sicherlich macht es sich das Gehirn so bequem wie möglich; auch der Magensaft macht es sich so bequem wie möglich. Aber diesen Begriff der Bequemlichkeit, des kleinsten Kraftmaßes legen wir doch in den Vorgang erst hinein. Er ist so wenig eine Zweckursache, wie die vollkommene Kugelgestalt das vorausgegangene Idealbild bei der Planetenbildung war.

Vollends aber die Vergleichung vom Denkgeschäft zu trennen und sie eine Kraftersparnis beim Denken zu nennen, ist für uns ganz sinnlos, weil doch auch das, was uns als Denken oder als Sprache so bekannt scheint, eben nichts anderes ist als Apperzipieren oder Vergleichen. Nicht eine Erleichterung der Denkarbeit ist dieses Vergleichen, sondern die ganze Arbeit. Das Gehirn tut gar nichts anderes, als diese einzige und ungeheure Arbeit verrichten, die uns schließlich als eine Erleichterung des Denkgeschäftes erscheint, weil uns das Denken durch Gewohnheit leicht geworden ist und wir ein Gespenst des Denkens von der Gewohnheit des Denkens künstlich ablösen.


 © textlog.de 2004 • 30.08.2014 08:11:18 •
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