Natürliche Metaphern des Raums


Wer im fremden Lande, dessen Sprache er nicht kennt, groß" sagen will, wird die Arme weit öffnen; das ist eine ganz natürliche Geste. (Es ist natürlich, dass das Tier sie nicht hat.) Wer dort "klein" sagen will, wird die Handflächen nahe zusammenlegen. Wie nun, wenn auch der ganze Stimmapparat sich gern an der Gestikulation beteiligte? Wie, wenn Stimmritze und Mund sich eng zusammenschlösse, also "i" sagte, um einen kleinen Raum nachzuahmen, Stimmritze und Mund sich öffnete "o" machte, um großen Raum nachzuahmen? Wie, wenn das bereits eine Metapher wäre? Wenn dann der Laut vom Raum auf die Zeit, auf Farben usw. übertragen würde?

Ich gestehe, dass mir mit dieser Hypothese doch etwas für die Frage nach dem Sprachursprung gewonnen scheint.

Und wenn Platon auch natürlich nicht im Traume an eine solche Auffassung seiner Onomatopöie (Wortbildung) gedacht hat, so könnte man eine Urmetapher auch recht gut Onomatopöie nennen. Denn — wie ich sonst zeige — unsere angeblichen Klangnachahmungen, soweit sie der wirklichen Sprache angehören und nicht Scherze sind, sind nicht papageienhafte Nachahmungen artikulierter, in Mit-und Selbstlauter geschiedener Naturlaute, sondern metaphorische Nachahmungen (z. B. von Melodien durch Silben), welche uns so geläufig geworden sind, dass wir unsere metaphorische Onomatopöie in den Naturlaut hineinhören. Der Kuckuck singt nicht "k" oder etwas k-ähnliches, nicht "u" oder etwas u-ähnliches. Und doch hören wir ihn "Kuckuck' singen und glauben ihm durch seinen Namen seinen Ruf nachzuahmen.

Nun muß ich mich aber davor hüten, selbst ein Wortdiener zu werden und zu glauben, ich hätte mit der Metapher von der Metapher etwas Wirkliches erklärt. Es ist ein Wort, das ich durch meine hypothetische Beobachtung habe wachsen lassen. Das ist alles. Und doch wieder nicht alles.

Es muß doch hinter dem Raum unserer Sprache etwas Raumverwandtes in der Wirklichkeitswelt stecken, wenn der Sprachapparat, da er Raumvorstellungen bildlich machen will, selbst zum Raumbilde wird. Und so mag auch hinter dem Drang zu so kühnen Metaphern (wie Übertragung des Raumes auf die Zeit, von der Farbe auf den Schall) ein Zwang stecken, der in den unentschleierten Verhältnissen der Wirklichkeitswelt liegt. Sprache ist Metapher; aber die Metapher deckt irgendwie die Welt.

An dieser Vorstellung vom Ursprung der Sprache wird nichts geändert durch die Überzeugung, dass ein einzelner Mensch die Sprache nie in sich entwickelt hätte, dass die Sprache wesentlich etwas zwischen Menschen, dass sie Gesellschaftsprodukt ist, dass der Monolog etwas Krankes ist. Im Gegenteil: So wie die Umschreibung (in einer mangelhaft gesprochenen Sprache) erst durch die Berührung des Menschen mit einer fremden Nation nötig wird, so mag die Metapher der Ursprache, die Uronomatopöie, die metaphorische Nachahmung durch den Schall, eben auch durch den Drang entstanden sein, sich einander mitzuteilen, in einer Zeit, wo jeder fremd unter Fremden war. — —


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