Sprache zwischen Tieren und Menschen


Die Unmöglichkeit, zwischen der angeblich unartikulierten Tiersprache und unserer Sprache scharf zu unterscheiden, scheint mir durch eine Tatsache bewiesen zu werden, die jedes Kind auf dem Lande kennt und die trotzdem oder darum noch von keinem Forscher meines Wissens beachtet worden ist. Ich meine diejenige Sprache, welche in ganz banalen Fällen zwischen Menschen und Tieren gesprochen und verstanden wird. Ich will nur zwei Beispiele geben; das eine ist die sprachliche Mitteilung von Hunden zu Menschen, das zweite die Mitteilung von Menschen zu Pferden.

Jeder Besitzer eines guten Hundes versteht dessen Äußerungen über verschiedene Tatsachen. Das Bellen ist unartikuliert, wenn wir unser Alphabet zugrunde legen. Es muß aber doch wohl vom Standpunkt der Hundekehle artikuliert sein und wäre es auch vom Standpunkt der Idealphonetik des Phonographen; denn sonst könnte der Hund seine verschiedenen Hundegedanken nicht verschieden ausbellen, wie er es doch tut. Es ist gar nicht anders möglich, als dass auch der Hund mit jedem Lautzeichen in seinem Gehirn eine andere BewegungsVorstellung verbindet. Sein Herr, wenn er sein Freund ist, versteht genau so deutlich, wie er seine Mitmenschen versteht, was der Hund jedesmal bellt: "Es nähert sich ein Fremder deinem Hause" oder "Jetzt mußt du mich hinauslassen, weil ich sonst die Wohnung beschmutze und Prügel bekomme" oder "Jetzt mußt du mich hereinlassen, weil es draußen zu schlechtes Wetter ist" oder "Bitte, nimm mich mit". Das "nimm mich mit" wird gebellt; das "bitte" wird durch die Gebärdensprache des Schweifs dazu gewedelt, wie denn auch das "bitte" in der Kindersprache sehr häufig nicht gesprochen, sondern durch die gefalteten Hände ersetzt wird. Hier versteht also der Mensch eine "unartikulierte" Tiersprache.

Wenn aber der Fuhrmann mit oder ohne Peitsche seinen Pferden zuruft "Hü" oder "Hott" oder "Prr", so versteht das Pferd ganz klar: du sollst rechts oder links traben, du sollst stehen bleiben. Wenn es nun bis heute nicht gelungen ist, dem Pferde das Verständnis für die Worte rechts, links, halt beizubringen (während Hunde und Elefanten wohl manche Worte der menschlichen Sprache verstehen gelernt haben), wenn die Menschen im Umgang mit ihren Pferden zu so mangelhaft artikulierten Zurufen gekommen sind und diese Zurufe, die allerdings in der Schriftsprache mit den Buchstaben unseres Alphabets geschrieben werden, im praktischen Gebrauch gewissermaßen "unartikuliert" aussprechen, so kann das nur daran liegen, dass die Sprachwerkzeuge der Pferde und dementsprechend ihre Bewegungsgefühle, wenn auch nicht zum Aussprechen, so doch zum Wahrnehmen dieser mangelhaft artikulierten Hü, Hott und Prr besser geeignet sind, als zum Wahrnehmen von rechts, links und halt.

Ich lasse dabei ganz beiseite, wieviel der Zweck der Abrichtung bei der Verwischung strenger Artikulation mitgesprochen hat. Ich müßte sonst an die wirkliche, nicht im Reglement stehende Kommandosprache des Militärs erinnern. Die Ordonnanz, die deutlich artikulieren würde "zu Befehl, Herr Oberst" würde Verwunderung erregen. Im wirklichen Dienst heißt es: "fä...r...st" und wird verstanden. Mit unserem Alphabet geschrieben, wäre also "zu Befehl, Herr Oberst" identisch mit "fährst". Für die Schreibung der undeutlichen Zwischengeräusche reicht unser Alphabet nicht hin. So wissen wir auch nicht buchstabenmäßig, wie der Fuhrmann sein "Hü" eigentlich ausspricht, wir wissen noch weniger, wie das Pferd den Zuruf hört, das heißt welche Sprach-Bewegungsgefühle in der Pferdekehle dabei ausgelöst werden. Wir wissen aber, dass das Pferd den Fuhrmann versteht.

Alle diese Bemerkungen hatten die gemeinsame Absicht, auf den Fehler hinzuweisen, den die Spekulationen über die Entstehung der Sprache immer wieder machen. Die alte Vorstellung von einer Schöpfung der fertigen Sprache, welche der Schöpfung eines fertigen Adam parallel geht, wirkt unbewußt immer noch nach, solange zwischen unseren Kultursprachen und den noch unartikulierten Mitteilungszeichen einer Urzeit ein begrifflicher Unterschied gemacht, solange eine schöne Definition der Sprache aufgestellt wird. Immer steht bei solchen Untersuchungen am Anfang irgend ein uralter Adam, der plötzlich zu reden anfängt. Und wenn die Forscher sich gegen diesen Vorwurf noch so heftig wehren wollten, er kann ihnen nicht erspart bleiben, solange sie sich ein Merkmal ausdenken, mit welchem das beginnen soll, was sie erst Sprache zu nennen so gütig sind. Es steht damit wie mit den alten Streitigkeiten der kanonischen Juristen über die Persönlichkeit eines Kindes. Würde das Kind erst durch die Geburt zu einer Person, so wäre die Tötung eines Keims nur von ganz anderen Gesichtspunkten aus strafbar, als von denen des Mordes. An diese juristische Spitzfindigkeit knüpfte einst die Physiologie an mit ihrer Frage: Wann entsteht der neue Organismus? Und wenn sie bei dem "Wunder" der Zeugung stehen bleibt und nicht weiter zurückgeht zum Organismus des Vaters und weiter zurück zu dem des Großvaters, so treibt sie die gleiche Willkür wie die Sprachwissenschaft, wenn diese irgendwo einmal das Datum der Entstehung der Sprache festsetzen will.

 

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 © textlog.de 2004 • 17.12.2017 05:29:37 •
Seite zuletzt aktualisiert: 06.09.2006 
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