Lernen der Tiere


Um über die Entstehung der Sprache mit sauber polierten Worten schwatzen zu können, trennen die Sprachforscher die Entstehungszeit, etwa die Zeit der Sanskritwurzeln, von der früheren und der späteren Zeit; daneben scheiden sie außerdem die Menschensprache gewissermaßen räumlich von den Mitteilungsformen anderer Tiere ab. In dieser Absicht werden die verwegensten Unwahrheiten vorgebracht. So z. B., dass das Tier keinen gelernten Ausdruck besitze. "Kein Tier, soweit wir die Tiere kennen (Whitney, Leben und Wachstum der Sprache, S. 302), besitzt gelernten Ausdruck, solchen, der nicht das unmittelbare Geschenk der Natur ist." Wer mein Buch mit Zustimmung lesen gelernt hat, wird sofort den Predigerton heraushören, der aus den Worten "das unmittelbare Geschenk der Natur" herausklingt. Sprache ist ja nach solchem Wortaberglauben eine "Gabe", ein "Vermögen"; die Tiere besitzen sie also als ein unmittelbares Geschenk, weil sie rascher bellen, krähen, piepsen usw. lernen, als die Menschen sprechen. Die Menschen besitzen an ihr wohl ein mittelbares Geschenk, weil sie ihren Vorrat langsamer erlernen. Das Lernen der Tiere ist übrigens ganz auffällig. Jeder Hundefreund kann beobachten, wie ein junger Hund bellen lernt. Und das Krähen eines jungen Hahns ist um nichts weniger piepsig als das Lallen eines Kindes. Der Unterschied wird also darauf hinauslaufen, dass der Mensch sein Sprechen, Gehen usw. langsamer erlernt als ein Hühnchen, dass er es aber nachher in diesen Künsten weiter bringt. Wenn man aber nun behaupten wollte, dass die Entstehung der Menschensprache nicht identisch ist mit dem Entstehen der Hühnersprache, so bin ich ja einverstanden.

Die Sprachwissenschaft macht es sich leicht, wenn sie an die Frage des Ursprungs herangeht. Wie ein vergnügtes Kind spielt sie mit sich selbst Versteck. Sie hält sich die Hände vor die Augen und fragt dann laut: Wo bin ich? Insonderheit nimmt sie — auch die besonnenste Wissenschaft — eine wurzelhafte Ursprache an und fragt dann dummschlau, ob nicht dieselben "Kräfte", welche heute noch Laut- und Bedeutungswandel veranlassen, "damals" — das heißt in einer unbekannten aber bestimmten Zeit — auch die Urschöpfung der Wurzeln veranlaßt haben können. Natürlich konnten sie das. Nur dass diese sogenannten Wurzeln doch nicht wie Pilze über Nacht aufgeschossen sind, sondern nur willkürlich angenommene Stationen auf dem stetigen Wege der Entwicklung sind. Auch ich werde mitunter von unartikulierten Anfängen, von Keimen späterer Worte sprechen müssen; aber ich meine damit niemals "Wurzeln", Lautgruppen aus irgend einer historischen Zeit irgend einer heute noch lebenden oder noch überlieferten Sprache; und ich habe gar nichts dagegen, dass man mir — und wenn ich den Keim, den unartikulierten Schrei um eine Million Jahre zurückverlege — darauf antwortet : was weißt du davon, wie dieser Schrei, "etymologisch" zurückverfolgt, vor zwei Millionen Jahren gelautet haben mag? Es ist seit gestern, seit kaum tausend Jahren, dass das griechische Wort Episkopos sich da in "Bischof", dort in "évêque" verwandelt hat, das lateinische Wort episcopatus da in "Bistum", dort in "évêché"; die französischen und deutschen Worte sind etymologisch identisch, trotzdem auch nicht ein einziger Laut in beiden entsprechenden Worten gleich geblieben ist. Und das war in der jüngsten Sprachzeit noch möglich. Man kann wohl sagen, dass im Laufe der Zeit jeder Laut in jeden anderen Laut übergehen kann. Nimmt man nun zwischen den von Panini gelehrten Wurzeln des Sanskrit und irgend einer älteren Sprachstufe nur ein paar armselige Jahrtausende an, so ist der Versuch bis zur Sinnlosigkeit fruchtlos, diese Wurzeln aus "natürlichen" Tönen, Interjektionen u. dgl. herleiten zu wollen. Die Untersuchungen über den Ursprung der Sprache in dem Sinne, als wollte man immer noch die Ursprache der Menschheit oder auch nur die Ursprache eines Sprachstammes entdecken, sollten endlich für immer aufgegeben werden.


 © textlog.de 2004 • 20.10.2017 05:36:31 •
Seite zuletzt aktualisiert: 06.09.2006 
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